Wintereinbruch und Corona-Pandemie - Warum Obdachlose am Wochenende nicht in die Kältehilfe wollen

Eine obdachloser Mann läuft mit einem Einkaufswagen mit Jacken und Decken am Zoologischen Garten über die Straßen. Quelle: Annette Riedl/dpa
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Video: rbb|24 | 05.02.2021 | Stefan Oberwalleney | Bild: Annette Riedl/dpa

Mit dem Wintereinbruch am Wochenende könnten die Temperaturen in Berlin in den zweistelligen Minusbereich sinken. Einige Obdachlose wollen versuchen, die Nächte im Freien zu überstehen – auch aus Angst vor einer Corona-Infektion.

An diesem eisigen Wochenende will Berlin mehr Plätze als sonst im Warmen bereitstellen. In verschiedenen Teilen der Hauptstadt haben Hostels angekündigt, ihre Kapazitäten zur Unterbringung von Obdachlosen aufzustocken.

Doch obwohl mit dem bevorstehenden Wintereinbruch die Temperaturen in den zweistelligen Minusbereich abrutschen könnten, wollen manche Obdachlosen lieber auf der Straße bleiben als in die Kältehilfe zu gehen. Bei manchen Menschen hat die Angst vor einer Corona-Infektion auch eine Skepsis gegenüber Notunterkünften in Berlin erzeugt.

"Ich habe einen warmen Schlafsack"

"So wie ich es gehört habe, haben sich am Güterbahnhof in dem Zelt 50 Leute mit Corona infiziert. Das kann mir hier draußen nicht passieren", sagt Mario. Der Berliner lebt diesen Winter komplett auf der Straße. Auch an diesem Wochenende will er draußen bleiben. "Ich habe warme Decken und einen warmen Schlafsack. In meinem Zelt ist es warm genug", sagt Mario.

Kai-Gerrit Venske von der Wohnungslosenhilfe der Caritas in Berlin kennt die Vorbehalte gegen die Notunterkünfte. "Ja, es gibt Menschen, die sagen, sie gehen lieber nicht in die Kältehilfe und sie möchten auch keine ordnungsrechtliche Unterbringung. Aber wenn ihnen dann draußen zu kalt wird, nehmen sie auch die Angebote in Anspruch."

Grafik: Polarwirbel-Split in Berlin und Brandenburg. (Quelle: rbb24)
Bild: rbb24

In einem Hostel an der Boxhagener Straße in Friedrichshain stehen ab Samstag 18 Uhr 100 Betten Tag und Nacht zur Verfügung, wie die Senatsverwaltung für Gesundheit am Freitagabend mitteilte. Zudem öffnet am Sonntag auf dem Gelände der früheren Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Reinickendorf eine Einrichtung mit 100 Plätzen. Die Anzahl soll ab Dienstag auf 200 erhöht werden.

Ein Hostel an der Köpenicker Straße in Kreuzberg erhöht seine Kapazität von 100 Plätzen um weitere 20, darunter auch für obdachlose Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer. Laut Deutschem Wetterdienst sollen die Temperaturen am Wochenende tagsüber auf bis zu minus acht Grad sinken, die Nächte sollen noch kälter werden.

Lebensgefahr durch Kälte

Laut Mitteilung gibt es in den Einrichtungen der Kältehilfe aktuell 1.090 Notübernachtungsplätze. In der vergangenen Woche seien davon 121 frei geblieben. In der Stadt sind demnach auch fünf Busse mit Sozialarbeitern unterwegs, um obdachlose Menschen zu unterstützen und sie in Einrichtungen zu bringen.

Wer vermutet, dass eine Person unter Kälte leidet, sollte diese höflich ansprechen und fragen, ob sie Hilfe annehmen will, heißt es in der MItteilung. Besonders im Winter könne es lebensgefährlich werden, auf der Straße zu schlafen. "Sehen Sie bitte nicht weg, wenn Sie eine Erfrierungsgefahr vermuten", bat die Senatsverwaltung die Einwohner. Gewählt werden sollten in solchen Fällen die Notnummern 110 (Polizei) oder 112 (Feuerwehr/Rettungsdienst).

Sendung: Inforadio, 05.02.2021, 22 Uhr

8 Kommentare

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  1. 8.

    Lasst sie doch bei dieser Kälte in die U-Bahnhöfe.

  2. 7.

    Man sollte es akzeptieren wenn Obdachlose nicht in Unterkünfte wollen.

  3. 6.

    Obdachlose wollen häufig nicht in Gemeinschaftsunterkünfte, weil sie bsw. beklaut wurden oder mit Hund nicht hinein durften. Die Politik müßte mindestens für jeden Obdachlosen einen eigenen Wohncontainer aufstellen, in dem "die Würde des Menschen" auch gewahrt wäre, weil er (sie) sicher untergebracht wäre und auch ihr Tier mitnehmen könnten. Sie müßten dann auch nicht Angriffe irgendwelcher Idioten fürchten, wie in der Öffentlichkeit bisher. Und es gäbe auch genügend Menschen, die für die Ausstattung (Möbel, Sofa, Fernseher u.a. )spenden würden, damit ein menschenwürdiges Leben überhaupt möglich wäre und diese Menschen durch Sozialarbeiter in ein normales Leben zurückfinden könnten, weil es auch gleichzeitig die Wohnadresse sein könnte.

  4. 5.

    Wie wäre es mit Wohnungen bauen und Sozialarbeiter Fest einstellen ? - Und im Sommer weiterbezahlen, statt jedes Jahr von Neuem rumzujammern ? - Können Wir Uns nicht leisten Urlaubsflüge ins Corona Ausland sind Uns nun mal lieber !

  5. 4.

    Was nützt es denn, wenn es viele gibt, die es nicht wollen, aus welchen Gründen auch immer?
    Verkennen Sie bitte nicht die Realität. Leider gibt es genügend Menschen, die Hilfe nicht annehmen, nicht mehr wollen oder können. Wollen Sie diese Leute zwingen, ihre Grundrechte wahrzunehmen? Es ist so vielfältig und doch so schwer.

  6. 3.

    Wie wäre es, wenn das reiche Deutschland endlich das Menschenrecht auf vernünftiges Wohnen für alle umsetzt. Siehe dazu die vielen internationalen Abkommen im Rahmen der UN und der EU.
    Im Kritisieren anderer Staaten ist unsere BuReg immer an erster Stelle, aber selber diese Menschenrechtsverletzungen in der BRD zu beheben, da passt es mal wieder nicht.

  7. 2.

    Die U-Bahnhöfe werden schon seit 2018 nicht mehr nachts für die Notübernachtung freigegeben. Die BVG äußerte Sicherheitsbedenken, weil der Starkstrom im Gleisbereich eingeschaltet bleibt. Der Senat hat daraufhin mehr Notübernachtungsplätze eingerichtet, was natürlich Menschen nichts bringt, die diese aus verschiedenen Gründen nicht nutzen möchten. Allerdings fahren die U-Bahnen am Wochenende ja 24 Stunden. Da wird doch hoffentlich niemand vom Bahnhof vertrieben.

  8. 1.

    Was ist mit der in anderen Jahren diskutierten Möglichkeit, U-Bahnhöfe für die Eisnächte freizugeben?

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