Drogen, Raub und Totschlag - Berliner Polizei zählt 388 Clankriminelle

Ein Polizist bei einem Einsatz in Berlin (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Video: rbb24 | 15.03.2021 | Nachrichten | Bild: dpa-Symbolbild/Christoph Soeder

Erstmals veröffentlicht das Berliner Landekriminalamt Zahlen zur Clankriminalität in der Hauptstadt. In einem aktuellen Lagebild geht es ausschließlich um Clankriminelle aus "ethnisch abgeschotteten arabischstämmigen Strukturen". Von Olaf Sundermeyer

Nasser R. ist für die Berliner Polizei ein Beispiel für die Skrupellosigkeit einer Gruppe von Berliner Kriminellen: Auch die Beschlagnahmung seiner Wohnung im fünften Stockwerk eines Hauses in Neukölln im Zuge eines umfangreichen Geldwäscheverfahrens gegen seine Familie soll ihn nicht davon abgehalten haben, von hier aus einen schwunghaften Drogenhandel über Koks-Taxis zu organisieren. Das zumindest wirft ihm die Berliner Staatsanwaltschaft in einem aktuellen Verfahren vor.

Er soll kiloweise Kokain für den Lieferservice in der Hauptstadt besorgt haben. Deshalb und wegen einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit tschetschenischen Bandenmitgliedern vor seiner Haustür in der Wildenbruchstraße hatte ihn das Berliner Landeskriminalamt (LKA) im Februar verhaftet.

LKA: 1.013 Straftaten im Jahr 2020

Nasser R. gehört ebenso wie zahlreiche seiner Verwandten zu den 388 Clankriminellen, mit denen sich das Berliner Landeskriminalamt (LKA) intensiv befasst. In einem "Lagebericht Clankriminalität 2020", der rbb24 Recherche vorliegt, rechnet sie diesen zumeist männlichen Personen (95 Prozent) insgesamt 1.013 Straftaten zu. Darunter sind auch Drogendelikte wie der Verkauf via Koks-Taxis, in den auch einige Mitglieder des Remmo-Clans verwickelt sein sollen.

Wissam R. wird ebenfalls als "Clankrimineller" geführt. Verurteilt wurde er unter anderem wegen gemeinschaftlichen Diebstahls im besonders schweren Fall der 100-Kilo-Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum. Und noch während der Prozess am Berliner Kriminalgericht lief, soll er im November 2018 an dem Einbruch und dem Juwelendiebstahl im "Grünen Gewölbe" in Dresden beteiligt gewesen sein - gemeinsam mit mindestens sechs weiteren Männern aus seinem Clan.

Um Kriminelle wie diese geht es in dem aktuellen "Lagebericht Clankriminalität 2020": Täter aus "ethnisch abgeschlossenen arabischstämmigen Strukturen", die auf Grund von Straftaten, oder auch einer Häufung bestimmter Ordnungswidrigkeiten, der Clankriminalität zugeordnet werden.

Berlin verzichtet auf Zuordnung zu Familiennamen

Anders als in dem zuletzt veröffentlichten Lagebericht des LKA Nordrhein-Westfalen (2019: 3.800 Tatverdächtige aus 111 "aktiven Clans", 6.100 Straftaten), in dem Straftaten auch einzelnen Familiennamen zugeordnet werden, verzichtet Berlin auf diese Zuordnung. Zwar gibt es eine starke Familienbande von dort mit Berlin - die Clans sind oftmals dieselben - aber die Praxis dieser Kategorisierung gilt als politisch umstritten: Im rot-rot-grün regierten Berlin hat sie sich nicht durchgesetzt. Auch konzentriert sich das Berliner LKA bislang ausschließlich auf arabischstämmige Clans, "deren Wurzeln insbesondere auf sogenannte Mhallami-Kurden, Libanesen und staatenlose Palästinenser zurückgeführt werden können, und die seinerzeit als Kriegsflüchtlinge aus dem Libanon zugewandert sind", wie es zur "Begriffsbestimmung" heißt.

Demnach "begründet die Zugehörigkeit von Einzelpersonen oder Familien zu einer der genannten Ethnien für sich allein ausdrücklich keine Zuordnung unter dem Begriff 'Clankriminalität'". Einige Fachleute aus verschiedenen Landeskriminalämtern sagen, diese Praxis greife zu kurz: So seien noch weitere Gruppen aus "abgeschotteten ethnischen Strukturen" der Clankriminalität zuzuordnen, etwa aus Roma-Clans, aus Tschetschenien oder aus jesidischen Großfamilien, wie sie etwa in Niedersachsen in der Statistik geführt werden.

Fast die Hälfte der Clankriminellen deutsche Staatsbürger

Die meisten Clankriminellen in Berlin sind junge Männer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren: 75 Prozent (291) dieser Personen fallen als Mehrfach- oder Intensivtäter auf, wie viele der polizei- und justizbekannten Männer aus dem Remmo-Clan, von denen viele deutsche Staatsbürger sind.

Für die wiederkehrende öffentliche Forderung nach einer "konsequenten Abschiebung" aller Clankriminellen hat man im Berliner LKA auch deshalb kein Verständnis, denn "dafür ist es schon lange zu spät", sagt ein erfahrener Ermittler der "Organisierten Kriminalität". Im "Lagebild Clankriminalität" werden 45,4 Prozent der Täter mit "deutscher Staatsbürgerschaft" geführt, sie stellen den größten Anteil, gefolgt von libanesischen Staatsbürgern (17,5 Prozent) und Personen mit ungeklärter Staatsbürgerschaft (15,7 Prozent).

Drogen-, Rohheits- und Gewaltdelikte

Besonders häufig wurden Verkehrsstraftaten, Drogendelikte und Rohheitsdelikte wie Gewalttaten gezählt. Auch Ordnungswidrigkeiten fließen beim "Lagebild Clankriminalität" in die Gesamtbewertung ein. Besonders auffällig ist die hohe Zahl (128) der Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz bei den 388 registrierten Personen. Die meisten Straftaten wurden von der Polizei in der Berliner City sowie den westlichen Bezirken erfasst.

Von den 56 großen Ermittlungsverfahren aus der Organsierten Kriminalität, die deutliche Schnittmengen zur Clankriminalität aufweisen, rechnet das LKA elf Verfahren (17,9 Prozent) den Clans zu.

Im vergangenen Jahr wurden zudem fünf Tötungsdelikte der "Clankriminalität" zugeordnet. Dazu heißt es im Berliner LKA, dass in der Corona-Krise auch der Markt der "kriminellen Geschäfte härter geworden" sei, und "die Luft bleihaltiger". Für das laufende Jahr erwarten Ermittler darum eine Zunahme von Straftaten und Gewalt aus dem Kreis der Clankriminellen.

Sendung: Inforadio, 15.03.2021, 8 Uhr

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Beitrag von Olaf Sundermeyer

22 Kommentare

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  1. 22.

    "Kommt da außer dem "Merkel muß weg!" Geblöke auch noch was anderes? " Wird hat viel "geblökt", wie Sie mangels argumentativem Sprachgebrauch formulieren, in diesen Tagen. Bei der WELT schreibt der dortige Chefkommentator Ulf Poschard. dass Laschet jetzt dafür sorgen muss, dass Merkel gehen solle, und zwar vorzeitig, "sofort" im Tenor, wie Schabowski. Ehe sie noch die CDU mit in den Abgrund reißt. Ähnlich hatte sich auch der BILD Chefredakteur Reichelt in so schärfsten Tönen geäußert, dass ich meinen Ohren kaum trauen wollte:

    https://www.bild.de/video/clip/politik-inland/bild-chef-julian-reichelt-verwirr-regeln-die-kein-normaler-mensch-mehr-begreift-75600718-75613696.bild.html

    Kurz danach gabs dann die Meldung beim SPIEGEL, Reichelt sieht sich mit einer Compliance-Untersuchung im eigenen Haus konfrontiert. Die Vorwürfe sollen wiederholtes Fehlverhalten gegenüber Frauen betreffen.

  2. 21.

    Darf man fragen, ob Sie Hellseher sind und was Sie für Typen gewählt haben ?

  3. 20.

    Wenn Diepgen und Co. an der heutigen Situation Schuld sind, dann hätte doch spätestens die nächste Regierung dem Spuk ein Ende bereiten müssen, sei denn die gnaden-und rücksichtslose Kriminalität ist erwünscht.

  4. 19.

    "Otto KrauseBerlinMontag, 15.03.2021 | 11:41 Uhr - Warum hat man denn die Hardliner Diepgen als Regierender, Lummer und Kewenig als Innensenatoren seinerzeit nicht gebremst?" Vermutlich, weil ältere Leute wie Sie damals diese Typen gewählt haben :-) ok, man kann sich ja verwählen, aber die Folgen bleiben bestehen...

  5. 18.

    Kommt da außer dem "Merkel muß weg!" Geblöke auch noch was anderes? "Die waren schon vor Merkel deutsch. Viele hier geboren und aufgewachsen." Arafat Abou-Chaker z.B. wurde bereits 1976 in Berlin geboren.

    Das die deutsche Geschichte nicht das Ding von Rechtsextremen ist, ist bereits bekannt aber Kopfrechnen auch?

  6. 17.

    Können Sie ihre Frage auch so formulieren, dass sie einen Sinn ergibt? Integration war nicht gewollt, also hat man die Clans sich selbst überlassen, die Folgen sehen wir heute.

  7. 16.

    Wieso ist das falsch? Ich habe den Link doch angegeben. Die CDU/CSU Fraktion wollte den automatisierten Doppelpass aufheben. Aber Merkel hat sich dem widersetzt. Und lag, wie die Zustände in diesem Beitrag diskutiert, jetzt ausweisen, damit extrem fallsch.Dass sich die CDU/CSU Fraktion das von Merkel hat bieten lassen, ist eine andere Frage.
    Ob die CDU nach 16 Jahre Merkel wieder auf die Beine kommt, das ist jetzt die akuelle Frage.

  8. 15.

    Warum hat man denn die Hardliner Diepgen als Regierender, Lummer und Kewenig als Innensenatoren seinerzeit nicht gebremst ?

  9. 13.

    "Nein gottgegeben ist das nicht. Es ist gegeben durch Merkel." Das ist erstens falsch und zweitens dumm wenn man die Geschichte der clans betrachtet. Aber Tatsachen haben gewisse Kreise noch nie gestört wenn man "Merkel muß weg!" nur oft genug wiederholen kann.

  10. 12.

    Welchen Senat meinen Sie denn? Arafat Abou-Chaker z.B. wurde bereits 1976 in Berlin geboren. Oder der Remmo-Clan. Während des Libanesischen Bürgerkrieges migrierten Teile der Familie in den 1980er-Jahren nach West-Berlin. Da war Diepgen Regierender und Lummer Innensenator. Ab '86 bis '89 Kewenig, beides Hardliner.

    Aber auch die Nachfolger bis hin zu Henkel haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Man sollte sich schon ein wenig mit der Vorgeschichte auskennen, bevor man hier reflexhaft Behauptungen aufstellt, die einfach nur lächerlich sind, wie auch "Merkel hat halt ihren Kopf durchgesetzt."

  11. 11.

    Es wird oft ein "ursächlicher" Zusammenhang mit den langjährigen Arbeitsverboten (gegen Flüchtlinge) seit den 80er Jahren hergestellt. Diese gibt es abgeändert auch heute noch. Mit ähnlichen Folgeerscheinungen, z.B. Dealer im Görlitzer Park. Kann also "ursächlich" auch anders als nur polizeilich angegangen werden.
    Legalisierung von Drogenhandel/-konsum war in manchen Ländern erfolgreich.
    Doch OK ist sicherlich ein sehr viel komplexeres Feld, mit vielen weiteren konkurrierenden Akteuren im In- und Ausland.
    "Die lukrativsten Deliktsbereiche für OK-Gruppierungen waren die Kriminalität i.Z.m.dem Wirtschaftsleben mit rund 406 Millionen Euro und die Steuer-/Zolldelikte mit rund 106 Millionen Euro an kriminellen Erträgen. Es folgten die Bereiche Rauschgifthandel/-schmuggel, Eigentumskriminalität und Schleusungskriminalität." (Dt. Lagebild 2019)
    www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/OrganisierteKriminalitaet/organisiertekriminalitaet_node.html
    wikipedia.org/wiki/Arbeitsverbot

  12. 10.

    Nein gottgegeben ist das nicht. Es ist gegeben durch Merkel.

    https://www.sueddeutsche.de/politik/einwanderung-merkel-ist-gegen-cdu-beschluss-zur-abschaffung-des-doppel-passes-1.3283792

  13. 9.

    Wenn die Eltern die deutsche Staatsbürgerschafts haben, dann bekommen die Kinder sie doch automatisch.
    2023 können die Menschen aus der Flüchtlingswelle ab 2015 ihre Einbürgerung beantragen, weil dann "8 Jahre gewöhnlicher und rechtmäßiger Aufenthalt in Deutschland" erfüllt ist. Die Zeit kann auf 6 Jahre verkürzt werden; also Einbürgerung der Flüchtlinge bereits ab 2021 rechtlich möglich. Das gilt auch bei Aufenthalts-Duldungen, weil ein Abschiebehindernis besteht. Nur die Verurteilung wegen schwerer Straftat ist ein Einbürgerungshindernis.

  14. 8.

    "Vielleicht schaut ihr das euch mal an"

    Macht man bzw. Innenminister Geisel es doch.

    "leider muss man euch eine Mitschuld geben für jahrelanges wegschauen und wegreden"

    Da der Senat sich mind. alle 5 Jahre ändert, zielt der Vorwurf etwas ins Leere. Unter dem aktuellen RRG-Senat z.B. "schaut man genauer hin" und "redet mehr" - sprich geht stärker dagegen vor - als vor 5 Jahren unter dem GroKo-Senat.

  15. 7.

    Noch ein Nachtrag zur Begriffsdefinition: Als linksgrünversiffter Gutmensch befürworte ich - unabhängig von Nachnamen und Haarfarbe - einen frühzeitigen und langfristigen Führerscheinentzug bei Delikten wie erheblichen Geschwindigkeitsüberschreitungen, wiederholtem Falschparken usw.. Aufgemotzte Protzkarren könnten bei Verstößen gegen die gängigen Vorschriften gerne auch öfter dauerhaft beschlagnahmt werden.

    Jedoch bleibt mir auf den ersten Blick unklar, was Verkehrsdelikte mit Organisierter Kriminalität zu tun haben.

  16. 6.

    "Fast die Hälfte der Clankriminellen deutsche Staatsbürger".Merkel hat halt ihren Kopf durchgesetzt und die Beschlüsse der eigenen CDU/CSU Bundestagsfraktion zur Staatsbürgerschaft ignoriert, die diese Effekte genau zu verhindern suchten.

  17. 5.

    Ist es nicht etwas kurzsichtig, sich da nur auf den nahen Osten auszurichten und die Tschetschenen zu vernachlässigen?

  18. 4.

    Auch wenn es ein frommer Wunsch ist, vielleicht könnte man bei der Einbürgerung von Familienmitgliedern der arab. Großfamilien wieder ein wenig Zurückhaltung üben.

  19. 3.

    Lieber Senat

    Vielleicht schaut ihr das euch mal an...leider muss man euch eine Mitschuld geben für jahrelanges wegschauen und wegreden.... Hauptsache die Polizei entschuldigt sich für ihre Arbeit nur das ist euch wichtig

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