Diskriminierung bei der Wohnungssuche - "Warum soll ich mich für meinen Namen schämen?"

Interessenten besichtigen Berlin-Mitte eine Wohnung. (Quelle: dpa/Lukas Schulze)
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Video: rbb|24 | 12.03.2021 | Efthymis Angeloudis, Vanessa Klüber | Bild: dpa/Lukas Schulze

Wenn Betroffene von Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt berichten, lautet die Antwort oft: Der Markt ist für alle angespannt. Eine Bewerberin mit türkischem Namen wird jedoch nicht zu einer Besichtigung eingeladen, ihr deutscher Alias schon. Von Efthymis Angeloudis

Seit einem Jahr sucht Gülsah C. eine Wohnung in Berlin mit ihrem Verlobten. Sie bewirbt sich regelmäßig und oft, mehr als 150 Bewerbungen gehen an Makler und Anbieter – doch sie bleibt ohne Erfolg. Dabei verdienen die beiden sehr gut, Gülsah ist als Lehrerin sogar verbeamtet. Liegt es vielleicht an ihr? Kommt Sie nicht sympathisch genug rüber? Irgendwann beschleicht sie das Gefühl, dass die Absagen mit ihrem Namen zusammenhängen. Sie macht einen Test.

Über "Immobilienscout24" findet Sie ein Wohnungsangebot, ruft bei dem Privatanbieter an und stellt sich vor: "Guten Tag, ich heiße Gülsah C. und interessiere mich für die Wohnung, die Sie anbieten." Die knappe Antwort der Maklerin: Die Wohnung sei leider bereits vergeben. Nach zehn Minuten ruft sie denselben Vermieter noch einmal an. "Hallo, hier ist Sabine Müller. Ich interessiere mich für die Wohnung, die Sie anbieten." Die Antwort: "Kommen Sie doch gerne zum Besichtigungstermin vorbei."

Testing-Verfahren, um Diskriminierung zu erkennen

Was Gülsah zu dem Zeitpunkt nicht weiß, ist, dass dieses "Testing" auch unter Experten als gute Möglichkeit gilt, Diskriminierung im Sinne des allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) nachzuweisen.

Bei solch einem Testing bewerben sich zwei vergleichbare Personen zum Beispiel um eine Mietwohnung. Diese Personen ähneln sich weitestgehend in ihrem Profil. Sie haben gleiche Einkommens- und Familienverhältnisse, leben in ähnlichen Wohnlagen, verfügen über vergleichbare Sprachkenntnisse, den gleichen Aufenthaltsstatus und ein ähnliches Bildungsniveau. Unterscheiden lassen sie sich im Idealfall nur durch das zu untersuchende Kriterium – wie hier ihren Migrationshintergrund. Wichtig ist dabei aber auch die Reihenfolge der Bewerbungen – so muss sich erst der Bewerber mit Migrationshintergrund melden.

Ungleichbehandlung bei privaten und landeseigenen Wohnungsbauunternehmen

Remzi Uyguner von der Fachstelle gegen Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt kennt solche Fälle nur all zu gut. "Wir haben konkret elf Fälle im Laufe unserer Beratungstätigkeit, die ziemlich eindeutig durch das Testing eine Diskriminierung nahe legen", sagt er rbb|24. Die Fachstelle unterstützt Betroffene und begleitet sie bei gemeinsamen Anwaltsgespräche und bietet Beistand vor Gericht.

Die Ungleichbehandlung bei den elf Fällen sei durch Tests bei privaten Vermietern, aber auch bei landeseigenen Wohnungsbauunternehmen in Berlin nachgewiesen worden. In vier Fällen wurden die Unternehmen entweder rechtskräftig zur Zahlung einer Entschädigung verurteilt, haben sich bereit erklärt Schadenersatz zu zahlen oder den Betroffenen eine gleichwertige Wohnung angeboten.

Das sei aber auch eins der wichtigsten Probleme bei Klagen laut AGG, sagt Uyguner. Kläger haben keinen Anspruch darauf, die Wohnung zu erhalten. "Diesen Menschen helfen 2.000 oder 3.000 Euro nicht wirklich, wenn sie von Wohnungs- und Obdachlosigkeit bedroht sind", sagt er rbb|24. "Was sie in dem Moment brauchen, ist eine Wohnung."

Nur die Spitze des Eisbergs

Christiane Droste koordiniert die Fachstelle gegen Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt "Fair mieten - fair wohnen". Sie glaubt, dass die bekannten Fällen nur die Spitze des Eisbergs sind. Wenn man sich die Vermietungszahlen an einem Tag ansieht, ist die Zahl der gemeldeten Diskriminierungen tatsächlich klein. "Diejenigen, die von Diskriminierung berichten, sind nur sehr wenige von denen, die von Diskriminierung betroffen sind."

Dabei gebe es einen gesetzlichen Rahmen, der Menschen vor Diskriminierung schützt. "Wir sehen, dass ein paar landeseigene Wohnungsunternehmen darauf reagieren, dass Diskriminierung zum Thema wird", sagt Droste rbb|24. "Wir können aber überhaupt nicht nachvollziehen, wie sich große und kleine Privatvermieter dazu psoitionieren."

BBU: "Wir schließen Diskriminierung aus"

David Eberhart vom Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) sieht kein Diskriminierungs-Problem bei den landeseigenen und großen privaten Wohnungsunternehmen. "Für unsere Unternehmen können wir Diskriminierung ausschließen, weil es da Prozesse gibt, die das verhindern. Es gibt beispielsweise Terminvergaben für Besichtigungen nach Eingang der Bewerbungen." Der Name der Bewerber sei dabei "Schall und Rauch".

"Das wesentliche Problem des Berliner Wohnungsmarkts ist die Knappheit von bezahlbaren Wohnraum und da muss man ansetzen", erklärt Eberhart. "Wenn die Wohnraumversorgung für alle sicher gestellt ist, spielt Diskriminierung keine Rolle mehr."

Fachstelle: Mehr Wohnungen verhindern Diskriminierungen nicht

Dem widerspricht Uyguner. Zum einen seien die Verfahren zur Terminvergabe für die Fachstelle überhaupt nicht einsehbar. Auch die These, dass mehr Wohnungen Diskriminierungen verhindern würden, hält der Berater für fragwürdig. "Das Argument ist nicht von der Hand zu weisen, aber ich betrachte die Diskriminierung als Ergebnis einer sehr unterschiedlichen Machtposition."

Eine gesellschaftliche Machtposition, derer sich auch Gülsah bei ihrer Suche bewusst wurde. Dass sie wegen ihres Namens diskriminiert wurde, hat sie mit dem Testing beweisen können. Ändern würde sie diesen, um den Erwartungen von Vermieter zu entsprechen, trotzdem nicht. "Warum soll ich mich für meinen Namen schämen?", fragt Gülsah.

Die Kommentarfunktion wurde am 12.03.2021 um 20:51 Uhr geschlossen

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Beitrag von Efthymis Angeloudis

30 Kommentare

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  1. 30.

    @rbb24

    Hallo Herr Angeloudis,

    ist die Frau aus Ihrem Beitrag nun Erzieherin oder Lehrerin?

    Das ist sowohl von der Ausbildung her sehr unterschiedlich als auch bei der tatsache, dass Erzieher und Erzieherinnen nicht verbeamtet werden. Selbst in der Kita des Bundestages werden die Fachkräfte nach TVöD angestellt. Das Land Berlin unterhält diverse Eigenbetriebe, die auch Angestelltenverhältnisse anbieten.

    Und Lehrkräfte werden in Berlin auch seit 2004 nicht mehr verbeamtet.

    Sie können das doch bestimmt aufklären.

    Und wenn sich bei mit jemand meldet uns sagt, dass er "verbeamteter Erzieher" ist, dann würde ich hellhörig werden und mir überlegen, ob er mein Mieter werden darf.

    Besten Dank.



  2. 29.

    Ja, und genau deshalb ist dieses Denken rassistisch: Sie bewerten jemand einfach nur aufgrund seines Namens, ohne überhaupt mit ihm gesprochen zu haben, weil Ihnen "das in Neukölln nicht gefällt". Ich lebe auch in Neukölln, falle ich dann auch raus? Oder wäre mein so richtig schön deutscher Nachname dann der Joker, der "Neukölln" wieder wettmacht?

    Drehen Sies doch mal um: "Ach, der heißt Ronny. Nee, dann kommt der bestimmt aus Ostdeutschland und ist somit Neonazi, den lade ich lieber gar nicht erst ein." Dieses Vorurteil ist dann auch in Ordnung? Urteilt sich immer leicht, wenn man selbst nie von sowas betroffen war.

  3. 28.

    Wieso kann ein privater Vermieter sich nicht aussuchen an wen er eine Wohnung vermietet?
    Warum ist eine Ablehnung gleich diskriminierend?
    Dann wäre es doch auch anderen gegenüber diskriminierend wenn nur an Frauen vermietet wird.

  4. 27.

    Meine Schwester lebt seit über 40 Jahren in Italien und hat dasselbe Problem. Das ist anscheinend nicht nur in Deutschland ein Problem...

  5. 26.

    Seinerzeit haben wir auch unsere Wohnung vermietet, an eine Mann wollte ich nicht vermieten. Die Wohnung bekam eine junge Frau. Nach dieser Erfahrung ist mir auch da die Lust vergangen. Bei nächsten mal hätten wir es mit etwas reiferen Semester probiert.
    Zum Glück wohnen wir nun sebst in der Wohnung ,und sehen uns nicht gezwungen zu Diskriminieren.

  6. 25.

    Ganz ehrlich - eine tolle Idee. Seidem hier überwiegend nur noch an (junge) Männer vermietet wird hat sich das Klima im Haus völlig verändert. Darf ich mich bei Ihnen bewerben? Meine Wohnung wird trotz Milieuschutz und allerlei offenbar völlig zahnlosen Gesetzen dann doch demnächst als Eigentumswohnung verkauft und das berühmte Damoklesschwert baumelt über mir ... Als gebildete ältere Frau mit Humor und Offenheit sehne ich mich nach Ruhe und Zuverlässigkeit, freundlichen Nachbarinnen, Frieden im Haus, und ein grünes Refugium gleich hinterm Haus wär' der Traum ... seufz ...

  7. 24.

    Das ist bitter und es ist seit Jahrzehnten so. Die Wohnungen, die wir gemietet hatten, habe immer ich bekommen. Mein Ehemann mit dem ausländischen Namen wurde am Telefon abgehängt. Den erwachsenen Kindern geht es nicht anders, je nachdem welchen Namen sie sagen.
    Bei Ferienwohnungen besonders an der Ostsee ist es nicht anders, da nehme ich den deutschen Namen und bei Schlüsselübergabe schweigt man betreten oder der Vermieter beklagt sich, dass man ihn nicht vorher informiert habe und die Nachbarn gestört seien. Sind die aber nur sehr selten. Die erzählen einem dann gerne, dass sie auch immer beim Inder oder Griechen essen gehen und nichts dagegen haben, ihren Ostsee- Urlaub in deren Nähe zu verbringen.
    Herr Angeloudis, ich hoffe Sie verzeihen mir, dass ich gerade "den Griechen" als Exempel genommen habe.

  8. 19.

    Ich mache hier kein Geheimnis daraus. Meine Wahl würde auch auf Sabine Müller fallen.
    Das sind einfach Erfahrungswerte.....nicht mehr aber auch nicht weniger.

  9. 18.

    Und richtig schreiben kannst du auch nicht. Armer bemitleidenswerter für immer Single bleibender Mann.
    Fragst du dich eigentlich nie, warum das so ist, dass Frauen Angst vor euch Männern haben oder warum ihr Single seid?

  10. 17.

    @ Peter Meier: Ja genau, Kreuzberg, Wedding und Neukölln sind der Alptraum für Vermieter*innen! Wer hat es noch nicht gehört, dass sich dort keine einzige Wohnung mehr gewinnbringend vermieten lässt und deshalb ganze Häuserblocks leerstehen? Merken Sie selbst...

    @ rbb-24-Nutzer: Wo wird denn im Artikel behauptet, Gülsah C. habe keine deutsche Staatsbürgerschaft? Und das AGG gilt nicht nur im Arbeitsrecht. Was glauben Sie denn, warum Vermieter*innen Betroffene von rassistischer Diskriminierung (wenn sich diese zweifelsfrei beweisen lässt) finanziell entschädigen? Aus Spendierlaune oder gar aus Einsicht? Ich denke nicht.

  11. 16.

    Das ulkige an diesem Artikel ist, das er suggeriert, dass die Diskriminierung aufgrund des Einkommens okay ist. Und ja, das ist nicht Bestandteil des AGGs. Also Hartz 4 Empfänger und Armutsrentner etc. dürfen gebasht werden wie gewünscht.
    "Wenn die Wohnraumversorgung für alle sicher gestellt ist, spielt Diskriminierung keine Rolle mehr."
    Dem stimme ich zu, wenn auch nicht zu 100%. Aber Wohlstand und mehr soziale Gerechtigkeit ist das Fundament für Toleranz etc.. Da ein Fisch immer vom Kopf her stinkt, muss man sich nur die Politiker/Unternehmer und deren Politik ansehen und dann sieht man woher dieser Hass, Rassismus, Diskriminierung und die Menschenverachtung kommt.

  12. 15.

    Bei privaten und bei staatlichen Vermieter ist es das gleiche. Immer suchen sie sich das weisse Filet heraus.

  13. 14.

    Leider haben sich Wohnanlagen in Berlin, gerade mit WBS, zum Nachteil aller Mieter verändert. Es geht hier aber nicht nur um Menschen mit Migrationshintergrund, es gibt genügend Mieter ohne Migration. Die Frage, die sich mir ergibt, wie kann man diese Menschen davon überzeugen sich an Regeln zu halten und selbst auf Ordnung zu achten? Was nützt einem Vermieter sich Leute ins Haus zu holen, die Schaden anrichten und andere Mieter die Miete kürzen? Bei mir im Haus wohnen Brasilianer und Griechen, es gibt keine Probleme. Es hat nichts mit der Herkunft zu tun, ob jemand ins Haus passt.

  14. 13.

    Ich hoffe sie hat die Maklerin angezeigt.

  15. 12.

    Ich denke es geht gar nicht um den Namen sondern um das, was mit ihm verbunden wird. Schaue ich nach Neukölln und frage mich als Vermieter, Anwohner, Bewohner oder Nachbar "will ich das" dann komme ich zu dem Ergebnis "nein, das will ich nicht.
    So einfach ist das.

  16. 11.

    Um sich den Vorwurf der Diskriminierung zu ersparen, sollten Vermietende vor der Vermietung nichts von ihren zukünftigen Mietenden wissen dürfen!
    So und NUR so kann zu 100% sichergestellt werden, dass niemand wegen seiner Herkunft, Rasse, Genders, Alter, Religion, sexueller Ausrichtung oder IRGENDETWAS diskriminiert wird!
    Dieses Vorgehen ist zwar realitätsfremd, aber das sind die meisten Verfahren, die von Fanatikern gefordert werden...

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