Berlins erste Zoodirektorin Katharina Heinroth - "Eine Frau und Zoologie? Was fängt die damit an?"

Katharina Heinroth mit Schweinsaffe 1955 in Zoo Berlin (Quelle: 2016 Zoo Berlin)
Bild: 2016 Zoo Berlin

Sie war die erste und bisher einzige Zoodirektorin Berlins: Katharina Heinroth. Ihr Weg dorthin war beschwerlich, das Ende ihrer Amtszeit alles andere als freiwillig. Dennoch prägte sie den Wiederaufbau des Zoologischen Gartens nach dem zweiten Weltkrieg. Von Sigrid Hoff

 

 

Eine Reihe von Büsten steht gleich hinter dem Zoo-Eingang Elefantentor an der Budapester Straße, im Volksmund "Püppchenallee" genannt. Sie erinnert an die Direktoren, die den 1844 gegründeten Berliner Zoologischen Garten in seiner Geschichte geprägt haben. Die einzige Frau in der Herrenriege: Katharina Heinroth. Elf Jahre, von 1945 bis zu ihrer Zwangspensionierung 1956, lenkte die Zoologin die Geschicke der ältesten Einrichtung für exotische Tiere in Deutschland.

Sie übernahm die Leitung unter schwersten Bedingungen: Am Ende des Zweiten Weltkriegs war fast alles war kaputt, nur 91 Tiere hatten überlebt. "Es war richtig schwierig, aus dem Trümmerfeld etwas zu machen", urteilt der Historiker Manfred Gräfe, Spezialist für die Zoogeschichte in der Stiftung Stadtmuseum Berlin.

Doch am Ende gelang ihr nicht nur der Wiederaufbau der zerstörten Häuser, auch den Tierbestand konnte sie bis auf mehr als 1.500 Tiere vermehren. "Ich finde es sehr bewundernswert, was sie da geschafft hat, im Prinzip fast ohne Unterstützung", sagt der Historiker. Der Berliner Zoo wurde für Katharina Heinroth zum Lebensthema.

"Eine Frau und Zoologie? Das ist ja völliger Blödsinn"

Geboren 1897 in Breslau, beginnt ihr Interesse für Tiere schon in frühester Kindheit. Ihre Haustiere sind ungewöhnlich für ein Kind, noch dazu für ein Mädchen in der damaligen Zeit: Sie hält Frösche und weiße Mäuse in der elterlichen Wohnung. Nach dem Abitur will Katharina Heinroth unbedingt Zoologie studieren. Auf Wunsch des Vaters nimmt sie – mit einem Pädagogik-Studium – zunächst einmal einen Umweg.

Als sie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ihren eigentlichen Berufswunsch verwirklichen will, erntet sie von den Frauen in der Familie abfällige Kommentare: "Na hör mal, eine Frau und Zoologie - was fängt die damit an? Du wirst ja heiraten, das ist ja völliger Blödsinnn", erinnert sich Heinroth später in einem Radiointerview. Doch unbeirrt geht sie ihren Weg und ist 1923 die erste Frau, die ihr Studium an der Universität Breslau mit Promotion beendet.

Ihr weiterer Lebensweg führt sie über München nach Berlin. Inzwischen hat sie geheiratet, lässt sich jedoch nach kurzer Zeit wieder scheiden. Ihre eigentliche Liebe gilt der Forschung. In Berlin lernt sie den Ornithologen und späteren Direktor des Aquariums, Oskar Heinroth, kennen. Beide Wissenschaftler teilen die Leidenschaft für Tiere. 1933 heiraten sie und forschen fortan gemeinsam, unter anderem über das Familienleben von Brieftauben. Gemeinsam mit ihrem Mann widmet sich Katharina Heinroth der Vergleichenden Verhaltensforschung, auch als Tierpsychologie bezeichnet.

Um den Zoo 1945 wiederaufzubauen, nimmt sie alle Tiere, die sie kriegen kann

Mit dem Kriegsende 1945 nimmt das Leben der Zoologin eine dramatische Wende: Ihr Mann stirbt. Noch im selben Jahr wird sie vom Berliner Magistrat zur Zoodirektorin berufen. Für Katharina Heinroth eine durchaus logische Entwicklung. Seit 1933 lebte sie mit ihrem Mann im Zoo, kennt die Wärter und die Tiere.

Ihr Vorgänger im Amt, Lutz Heck, ein überzeugter Nationalsozialist, ist aus Angst vor den Sowjets geflohen, das Personal ist knapp. "Daran lag es, dass sie die Position kriegte - es stand kein Mann zur Verfügung", glaubt Martin Gräfe, Spezialist für Zoogeschichte im Stadtmuseum Berlin.

Unterstützt vom Verwaltungsdirektor Werner Schröder, der später die Leitung des Aquariums übernimmt, packt Katharina Heinroth an. Um den Zoo wiederaufzubauen, muss sie erfinderisch sein, nimmt erstmal alles, was sie kriegen kann - von Haustieren wie einem Papagei bis zu Tieren vom Zirkus Busch, der Schwierigkeiten hatte, Futter zu beschaffen.

"Katharina, die Einzige", nennt der Direktor des Tierparks sie scherzhaft

Mit Kollegen anderer Zoologischer Gärten wie Bernhard Grzimek in Frankfurt am Main steht sie in engem Austausch. Man hilft sich mit Tieren aus, um den Bestand zu mehren. Auch mit Heinrich Dathe, dem langjährigen Direktor des 1955 neugegründeten Tierparks Friedrichsfelde in Ost-Berlin, pflegt sie über die Sektorengrenze hinweg gute Kontakte. "Katharina, die Einzige", nennt der Kollege sie scherzhaft.

Im Verbund mit dem Leipziger Zoo gelingt es der Berliner Zoodirektorin, die Flusspferde durch eigene Aufzucht zu vermehren. Stammvater Knautschke und seine Tochter Bulette gehörten im West-Berlin der Nachkriegszeit zu den Lieblingen der Besucher.

Die besondere Liebe von Katharina Heinroth gilt den Affen; Forschungsreisen führen sie nach Afrika und nach Südostasien, von dort bringt sie Orang-Utans und andere exotische Tiere nach Berlin. Ihr Credo: "Ich möchte, vielleicht liegt es daran, dass ich eine Frau bin, recht glückliche und zufriedene Tiere in meinem Tierpark haben. Da gibt es eine Methode, die Tiere möglichst früh in die Hände zu bekommen. Mit ihrem Gehege vertraut zu machen, sie so aufzuziehen, dass sie sich darin heimisch fühlen. Dass sie sich an den Betrieb eines Zoos gewöhnen."

Abruptes Karriereende - und eine neue Mission

Und sie setzt sich für den Wiederaufbau der zerstörten Tierhäuser ein. Das alte Flusspferdhaus, bei dem Besucher die Tiere aus nächster Nähe erleben konnten, sowie das Elefantenhaus stammen aus ihrer Zeit als Direktorin.

1956 jedoch endet Katharina Heinroths Karriere abrupt. Mit 59 Jahren wird sie in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Die Aktionäre des Berliner Zoos wollen wieder einen Mann an der Spitze haben. Der Historiker Martin Gräfe: "Da gab es regelrechte Schlammschlachten über Leserbriefe in den Tageszeitungen, man hat ihr in den Aktionärsversammlungen Vorwürfe gemacht, insbesondere, dass zu wenig attraktive Tierarten da wären - woher sollte sie sie nehmen? Sie konnte sie nicht kaufen und hatte kaum selber Tauschtiere, gegen die sie etwas hätte eintauschen können."

Katharina Heinroth nimmt die Kränkung hin – und widmet sich neuen Aufgaben. Ihre Mission jetzt: Naturwissenschaft ins Volk zu bringen. Als Mitbegründerin der Urania in West-Berlin hält sie viele Vorträge, auch im Rundfunk engagiert sie sich, und prägt – mit ihrem Nachfolger Heinz Klös – die beliebte Radio-Reihe "Freundschaft mit Tieren". Ihre runden Geburtstage feiert sie im Zoo. Ihr Herzenswunsch: An der Seite ihres Mannes Oskar dort ihre letzte Ruhestätte zu finden.

1989 stirbt Katharina Heinroth im Alter von 92 Jahren. Ihr letzter Wunsch wird der einzigen Direktorin in der Geschichte des Berliner Zoos erfüllt.

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Beitrag von Sigrid Hoff

5 Kommentare

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  1. 5.

    Interessant für mich, dass gerade die Frauen ihr den Berufswunsch ausreden wollten und sie nicht unterstützt haben. Ich sachs ja immer, Frauen sind nicht unbedingt diejenigen, die ihre Geschlechtsgenossinnnen fördern! Das können Männer auch, wenn sie halbwegs vernünftig sind. Ghiscard d'Estaing hat viele rechtliche Neuerungen für Frauen eingeführt, die sehr "frauenfreundlich" sind.

  2. 4.

    "Dieter Kirchhof " steht doch da. Ihr Herzenswunsch, an der Seite Ihres Mannes beerdigt zu werden. Bitte !

  3. 3.

    Sehr interessant, aber was war denn der letzte Wunsch?

  4. 2.

    Vielen Dank für den Beitrag.

    Man sollte es vielleicht noch etwas deutlicher sagen: Ohne Katharina Heinroth gäbe es den Berliner Zoo heute womöglich nicht mehr. So wie es ohne Margarete Kühn das Schloss Charlottenburg vermutlich nicht mehr gäbe.

    Auch ihre herausragende Leistung ist ziemlich in Vergessenheit geraten. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass im Bemühen, möglichst viele Frauen bekannt zu machen, zuweilen die Maßstäbe verlorengehen, zum Nachteil der wirklich Großen.

  5. 1.

    Erst Aktionäre, dann ein (West-Berliner!) Beamter: Berlin hat ein echtes Problem, verdiente ZoodirektorInnen mit Anstand und Würde in den Ruhestand zu versetzen. Was 1990 mit Prof. Dr. Dr. Heinrich Dathe geschah, ist für mich noch heute unerträgliche Beamten-Willkür. Im Gegensatz zu Blaszkiewitz, haben die Vorgenannten besseres Verdient.

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