Das Haus der Statistik an der Otto-Braun-Straße Ecke Karl-Marx-Allee am Alexanderplatz mit den Worten "Allesandersplatz" an der Fassade. Hier soll ein Stadtviertel mit Wohnungen, Büros, Künstlerateliers und einem sogenannten "Rathaus der Zukunft" entstehen.
Audio: Inforadio | 06.03.2021 | Anna Corves | Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Kalaene

Neues Quartier am Haus der Statistik - Alles anders am Alex

Berlin, Alexanderplatz. Verkehrsknotenpunkt und 08/15-Shopping, Beton, viel Platz - wohlfühlen geht anders. Ausgereichnet hier soll ein Ort entstehen für Kunst und Kultur, soziale Projekte, günstiges Wohnen und öffentliche Behörden. Von Anna Corves

Das, was Frauke Gerstenberg und ihre Mitstreiter das "Gesicht zur Stadt" nennen, sieht gerade ziemlich abrissreif aus: Das Haus der Statistik – grau, verkehrsumtost, zehn Stockwerke hoch. Scheibenlose Fensterhöhlen blicken auf den Alexanderplatz. "Hier wird ja alles zurückgebaut, am Ende wird nur noch das Betonskelett stehen", sagt Gerstenberg. Sie gehört zum Vorstand der Genossenschaft Zusammenkunft, die hier, zwischen Karl-Marx-Allee, Otto-Braun-Straße, Moll- und Berolinastraße, auf einer Fläche von knapp fünf Fußballfeldern, eine Vision verwirklichen will.

"Allesandersplatz" prangt in weißen Lettern am obersten Stock des Hauses. "Wir wollen, dass hier ein vielfältiges und lebendiges Stück Stadt entsteht", so Gerstenberg. Ein neues Quartier, zu dem das ehemalige Haus der Statistik den Eingang markiert. Ein Quartier, mitten in der Stadt, in absoluter Premiumlage, wie Immobilienmakler sagen würden, das sich aber alle leisten können sollen: Mieter, Kleingewerbe, gemeinwohlorientierte Projekte.

Die Werkstatt am Haus der Statistik
Bild: corves/rbb

"Wir kapern dieses riesige Schiff am Alex"

Diese Vision keimte im Jahr 2015, als Künstler der Allianz bedrohter Atelierhäuser ein großes Plakat am Gebäude hissten. Das Haus der Statistik - in der DDR Sitz der Statistikbehörde, nach der Wende zunächst Sitz der Stasi-Unterlagenbehörde, seit 2008 leerstehend - sollte zu einem Hort für Kunst, Kultur und Soziales werden. Verschiedenste Akteure aus der Zivilgesellschaft, die zum Thema Stadtraum arbeiten, schlossen sich zu einer Initiative zusammen.

Frauke Gerstenberg, selbst Architektin, erinnert sich an das Gründungstreffen: "Was uns so beeindruckt hat, war die Möglichkeit, die plötzlich aufschien: Wir kapern dieses riesige Schiff am Alex." Die Zeit war günstig. 2015 war geprägt durch die Flüchtlingszuwanderung, der Wohnungsmangel in Berlin spitzte sich zu, die Atmosphäre war aufgeheizt - was ein Umdenken und Phantasien freisetzte. "Auf einmal wurde auch dieses Haus hier anders angeschaut: Nicht mehr als Schrottimmobilie, sondern als Ort, an dem man etwas tun kann."

Die Initiative suchte Mitstreiter in der Politik – und fand sie im Vorfeld der Abgeordnetenhauswahl 2016. Es gelang, das Haus der Statistik im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag als Modellprojekt zu verankern. Ein Jahr später kaufte Berlin die Immobilie im Rahmen eines großen Tauschs vom Bund, ihr Wert war auf rund 50 Millionen Euro veranschlagt worden.

Zentral und günstig: Die Räume sind heißbegehrt

Seit 2019 können sich so genannte Pioniernutzer in Haus A - dem Haus der Statistik - und den angrenzenden Gebäuden austoben, für drei Euro Miete pro Quadratmeter: Vom soziokulturellen Kino "Sinema Transtopia", über die Flüchtlingshilfe Syrien, die hier drei Containerladungen Spenden gesammelt hat, bis zu älteren Damen aus der Nachbarschaft, die auf einem Autoscooter im Hinterhof stepptanzen.

Ebenfalls im Inneren des künftigen Quartiersblocks gelegen: zwei graffitibedeckte Flachbauten. Frauke Gerstenberg bleibt vor einem stehen. "Haus der Materialisierung" steht unter der Dachkante. "Als wir anfingen, nach Pioniernutzern zu suchen, dachten wir, dass das hier ein schwieriger Ort ist, der höchstens als Lagerfläche taugt. Hier regnet’s ja sogar rein", erinnert sich Gerstenberg.

Doch Irrtum: Die Räume sind heiß begehrt. Besonders bei Initiativen, die sich mit Materialien wie Holz, Textilien, Metall oder Kunststoff beschäftigen, mit der nachhaltigen Nutzung von Ressourcen. Wie die Gruppe Materialmafia, die Reste von Baustellen oder Messen hier sammelt und günstig abgibt.

Grafik: Das geplante Haus der Zusammenkunft soll das Haus der Statistik ablösen. (Quelle: hausderstatistik.org/raumlaborberlin)
Bild: hausderstatistik.org/raumlaborberlin

Oder die Mitkunstzentrale, zu der Künstler Erik Göngrich gehört. Er zeigt eines der Objekte der Gruppe: einen Unterschrank, auf dessen Holzfurnier er eine Zebra-Maserung gezeichnet hat. Obendrauf befinden sich eine Spüle und zwei Herdplatten. "Den Unterschrank haben wir aus einer Wohnungsauflösung mitnehmen können und dann hier zu einer Küche verarbeitet." Göngrich öffnet die linke Tür, eine Gasflasche kommt zum Vorschein. Die rechte Tür beherbergt einen Wasserkanister, zum Hochpumpen für die Spüle. "Man kann einfach rausfahren mit dem Ding und kochen. Das ist ein ziemlich gutes Beispiel für unseren Ansatz: Möbel als Skulpturen zu entwickeln, die aber Funktionen haben."

Mit dieser mobilen Küche will die Mitkunstzentrale im Sommer in der Nachbarschaft kochen und mit den Anwohnern ins Gespräch kommen, die zum Beispiel in den Gebäuden der sozialistischen Moderne entlang der Karl-Marx-Allee wohnen.

Ein Glücksfall – mit Befristung

Für Göngrich sind die Experimentierräume am Alex ein Glücksfall, da sich hier zwischen den Initiativen eine wirklich fruchtbare Zusammenarbeit entwickelt habe. Und weil die zentrale Lage die Chance biete, auch gesellschaftliche Veränderungen und Diskussionen in der Stadt anzustoßen oder aufzugreifen. Doch es gibt ein Damoklesschwert für die insgesamt 50 Pioniere: Die Nutzung ist befristet - teils bis Ende Juni, teils bis 2022 - weil im Sommer die Sanierung der Bestandsgebäude losgeht, später der Neubau. Und dann?

Göngrich hebt die Schultern. Da müsse man wohl die Wahlen im September abwarten. Und gucken, was aus den Zusagen vor der Wahl dann hinterher werde: "Wenn ich ehrlich bin, habe ich ziemliche Magenschmerzen – aber das hilft ja nicht weiter."

Pioniere wie Erik Göngrich sollen hier bleiben können, heißt es bislang von denen, die das Areal entwickeln: Genossenschaft, Bezirk Mitte, Land Berlin, die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte und die Berliner Immobilienmanagement GmbH, die bei diesem Projekt auf ungewöhnlich gleichberechtigte Weise kooperieren. Sie haben vereinbart, dass die 46.000 Quadratmeter Bestandsgebäude größtenteils erhalten bleiben und um 66.000 Quadratmeter Neubauflächen ergänzt werden. Wie das in aussehen soll, wurde in einem aufwändigen öffentlichen Werkstattverfahren ausgelotet. Den Siegerentwurf lieferten die beiden Architekturbüros Treibhaus Landschaftsarchitektur Hamburg und Teleinternetcafe aus Berlin.

Das Ziel: Ein buntes Quartier zum Wohlfühlen

Ortsbegehung mit Andreas Krauth von Teleinternetcafe. Er steht vor dem Haus der Materialisierung, das voraussichtlich nächstes Jahr abgerissen wird: "Hier wird in Zukunft tendenziell die Wohnbebauung hinkommen, eher zur ruhigeren Berolinastraße hin gelegen." 300 bezahlbare Wohnungen sollen auf dem Areal entstehen, die Hälfte für 6,50 Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter, die andere Hälfte für im Schnitt 10 Euro.

Krauth dreht sich nach links, deutet auf den anderen Flachbau, der zu DDR-Zeiten als Rechenzentrum diente und jetzt ebenfalls ein Abrisskandidat ist: "Hier wird sehr prominent, mit 90 Metern Höhe, das neue Rathaus Mitte entstehen." Als Nachfolger des Standorts hinter dem Kino International. Ein Rathaus der Zukunft will der Bezirk hier schaffen – als Modellprojekt im Modellprojekt. Wie das Rathaus aussehen soll, sollen die Bürger mitbestimmen können: Auf stimmenaufknopfdruck.de kann jeder per Sprachnachricht seine Meinung abgeben.

Ansonsten soll das Gebäudeensemble am Schluss aus höheren und niedrigeren Bauten bestehen - damit keine dunklen Hinterhöfe entstehen. Stattdessen soll es kleine Gassen geben, ruhige Innenhöfe, Bäume und Stadtzimmer. "Wir denken, es braucht solche kleineren und unterschiedlichen Nischen und Orte, damit man sich hier heimelig fühlen kann", sagt Krauth, "und keine zugigen Gassen entstehen." Schließlich wünschen sich alle Beteiligten ein nachbarschaftliches Miteinander von Bewohnern, Verwaltungsmitarbeitern, Kulturschaffenden und Passanten.

Die Genossenschaft Zusammenkunft sorgt sich jedoch, dass die Wahl zum Abgeordnetenhaus im September den Konsens mit der Politik gefährden könnte. Bisher stünden die Pläne nur in einer Kooperationsvereinbarung - und das sei kein Vertrag, sagt Frauke Gerstenberg. Ihr Worst-Case-Szenario: "Dass nach der Wahl dann andere Leute da stehen, die zwar sagen: Ja, wir nutzen das im Sinne von Kunst und Kultur, aber mit völlig anderem Konzept."

Unsicherheitsfaktor Wahl

Wichtige Beschlüsse seien noch nicht in trockenen Tüchern, gibt Gerstenberg zu Bedenken. Zum Beispiel, dass sie ein Fünftel des Areals für kulturelle und soziale Projekte nutzen können. Ephraim Gothe, der Baustadtrat von Mitte (SPD) kennt diese Sorgen. Er klingt aufrichtig begeistert von den Plänen für das Areal. Er kann allerdings nicht ausschließen, dass eine andersfarbige Regierungskoalition mehr Fläche für Verwaltungszwecke reklamieren könnte. "Dann wäre tatsächlich der Punkt erreicht, wo das Projekt kippen würde in seiner Mischung", sagt Gothe. "Dann würde es, glaube ich, sehr schnell sehr langweilig werden und seinen Reiz, seinen Charme verlieren."

Gleichzeitig habe das Projekt inzwischen bundesweit eine solche Aufmerksamkeit erreicht, dass es nicht mehr grundsätzlich zu kippen sei. Zusätzlich würden die Pläne durch den Bebauungsplan für das Areal abgesichert, den das Bezirksamt gerade erarbeite. Der werde zwar voraussichtlich erst in zwei Jahren fertig sein, aber auch ein Bebauungsplan im Werden verfestige das Projekt schon, sagt Gothe. "Wenn ein Bebauungsplan erstmal eine Richtung eingeschlagen hat, kann er auch nicht mehr ohne Weiteres in eine andere Richtung gelenkt werden."

Jetzt beginnt erstmal die Sanierung der Bestandsgebäude. Die Pioniernutzer wie die Mitkunstzentrale sollen die Bauphase etwa in Containern entlang der Karl-Marx-Alle und der Otto-Braun-Straße "überwintern" können. Bezirk und Senat signalisieren dafür grünes Licht. Es sei wichtig, die Pioniere über die jahrelange Bauphase am Standort zu halten, heißt es auf rbb-Anfrage von beiden Seiten.

Das liegt auch der Genossenschaft Zusammenkunft am Herzen. Es sei sogar essenziell für das Projekt, sagt Frauke Gerstenberg. "Wenn die Pioniere woanders hingehen, dann ist die ganze Energie, die sich hier schon aufgebaut hat, weg und wir fangen wieder bei Null an." Das neue Quartier, das hier in den nächsten Jahren entsteht, soll aber von Anfang leben: kreativ, funktional, gemeinwohlorientiert. Als zentraler Allesandersplatz.

Modellfoto: Blick von Süden nach Norden (Im Vordergrund die Karl-Marx-Allee und das Haus A mit der „Stop Wars“ Schrift, im Hintergrund rechts der Mercedes-Turm). (Quelle: ZKB/eG)

Beitrag von Anna Corves

7 Kommentare

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  1. 7.

    ...ja, wird wohl sicher wieder austauschbar aussehen. Aber innovative Architektur kostet Geld. Und dann sind die geplanten Mieten nicht darstellbar oder es müssen massive Zuschüsse fließen. Auch ohne innovative Architektur droht hier doch ein BER in klein. Berlin baut...

  2. 6.

    „Augenschmerz“ ist der Begriff, der mir beim Anblick dieses Teils von Berlin - Mitte einfällt! Ein bedrückender, trostloser Anblick, wie es so viele ( zu viele) in dieser Stadt gibt!
    Mut zu innovativer Architektur wie in anderen europäischen Großstädten existiert in Berlin nicht!
    Berlin wird immer mehr zur ausdruckslosen, „austauschbaren“ Stadt.

  3. 5.

    Ich würde mir wünschen, dass mehr als nur 300 Wohnungen gebaut würden, schließlich ist der Bedarf enorm. Und falls die Verwaltung am Ende tatsächlich mehr Fläche braucht, kann das Rathaus ja höher gebaut werden.

  4. 3.

    Günstiges Wohnen. Für wen? Für die Upperclass?

  5. 2.

    Seit Jahren regelmäßig die gleiche Hype Meldung. Und was ist bis jetzt passiert? Nichts!

  6. 1.

    Ich hoffe sehr, dass der Ort als Kulturstätte erhalten bleibt. Berlin braucht soziale, bunte, vielfältige und subkulturelle Orte !
    Gerade in der schwierigen Corona Zeit muss Kultur mit günstigen und sichtbaren Orten unterstützt werden.
    Wir alle brauchen Kultur und kreative Menschen. Mehr als den ausufernden Konsum und Milliarden für die Industrie.

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