Sorge um mehr Schulrücksteller - Verbände befürchten Rückstau bei Kita-Plätzen in Berlin

Kita-Betreiber und Eltern-Verbände warnen vor einem neuen Problem, das den Kitaplatz-Mangel in Berlin verschärfen könnte: In diesem Jahr könnten mehr Eltern ihre Kinder von der Einschulung zurückstellen - wegen der unklaren Lage durch Corona.
In diesen Wochen entscheidet sich für viele Berliner Eltern, ob ihr Kind einen Kitaplatz bekommt - normalerweise. Doch in diesem Jahr rechnen Kitabetreiber damit, dass mehr Eltern ihre Kinder 2021 wegen der Corona-Pandemie noch nicht einschulen lassen, sondern lieber noch zurückstellen. Die schon knappen Kitaplätze in Berlin könnten dadurch noch knapper werden.
"Es ist auffallend, dass mehr Eltern ihr Kind nicht in die Schule schicken wollen. Das führt zu einem Rückstau und zu einem handfesten Problem", sagt etwa der Geschäftsführer der BOOT Kitas Berlin, Wolfgang Freier, der Deutschen Presse-Agentur. Noch könne er keine verlässlichen Zahlen nennen, aber: "Normalerweise stellen bei uns ein bis zwei Prozent der Eltern ihre Kinder zurück. In diesem Jahr könnten es etwa bis zu zehn Prozent werden", schätzt er.
Kommt die "Rückwärtslawine"?
Die Kita-Fachreferentin Dorothee Thielen vom Paritätischen Wohlfahrtsverband spricht von einer möglichen "Rückwärtslawine", wenn mehr Kinder in der Kita bleiben und weniger mit der Schule beginnen. Wie groß das Problem 2021 tatsächlich wird, lässt sich laut Thielen jetzt noch nicht abschätzen: "Eltern können in der Regel bis Ende Januar einen Antrag auf Schulrückstellung stellen. Bis Ende März finden dann in der Regel die ärztlichen Untersuchungen bei den Kinder- und Jugendgesundheitsdiensten statt. Und erst danach erfolgt eine Bereinigung der Daten"
Auch der Senatsverwaltung für Bildung ist das Thema bekannt. Verwaltungssprecher Ralph Kotsch hat schon von den Spitzenverbänden der Liga der freien Wohlfahrtspflege
und vom Dachverband der Berliner Kinder- und Schülerläden gehört, dass sich mehr Eltern als sonst um eine Zurückstellung ihres Kindes von der Einschulung bemühten. Doch auch die Senatsverwaltung verweist auf die bislang unklare Datenlage: "Die Entwicklung bis zum Sommer bleibt abzuwarten", sagt Kotsch der dpa.
Senat: 23.000 weitere Plätze bis 2025
Kita-Fachreferentin Dorothee Thielen vom Paritätischen Wohlfahrtsverband findet ein passendes Bild für die angespannte aktuelle Lage: "Wenn man sich das Kitasystem wie ein Gummiband vorstellt, muss man sagen, dass dieses Gummiband im Moment nicht in der Lage ist, auf solche Situationen angemessen zu reagieren. Es ist einfach zu klein und zu eng. Wir brauchen mehr Plätze", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.
Die Senatsverwaltung schätze, dass bis 2025 weitere 23.000 Plätze gebraucht werden. Davon sei aber nur für 15.000 die Finanzierung geklärt. Sie zweifle daran, dass selbst diese Plätz pünktlich geschaffen werden können, so Thielen.
Elf Prozent Rücksteller eingeplant
Wie kritisch die Lage in den Berliner Kitas aufgrund nicht eingeschulter Kinder tatsächlich wird, zeigt sich erst im Sommer. Die Senatsverwaltung beruhigt: Die Planung für die Hauptstadt-Kitas 2020/2021 bis 2025/2026 berücksichtige bereits einen Anteil zurückgestellter Kinder von rund elf Prozent, so Sprecher Kotsch.
Andere Berliner Kita-Träger wie die AWO oder der Eigenbetrieb Kindertagesstätten Südost berichten der dpa, dass sie bislang keinen spürbaren Anstieg der Rückstellungswünsche bei den Eltern verzeichnen. Sorge darum, ob die Kinder Entwicklungsverzögerungen erfahren, weil sie so lange nicht in die Kitas gehen durften, sei bei vielen Eltern spürbar, betont Ole Rasmus, Regionalleiter der Kindertagesstätten Südost.