Prozessauftakt gegen Mustafa E. (Quelle: rbb/Ulf Morling)
Audio: rbb | 10.03.2021 | Ulf Morling | Bild: rbb/Ulf Morling

Prozess vor Berliner Landgericht - Bordellbetreiber soll jahrelang Minderjährige beschäftigt haben

Zehn Jahre lang soll Mustafa E. in seinen Bordellen auch minderjährige 15- und 17-jährige bei "Flatrate"- und Gangbang-Partys angeboten haben. Die Berliner Justiz verfolgt ihn seit Jahren zögerlich. Am Mittwoch beginnt E.s zweiter Prozess in Moabit. Von Ulf Morling

Vor dem Berliner Landgericht hat am Mittwoch ein Prozess gegen den 55-jährigen Betreiber eines Bordells mit sogenanntem "Flatrate"-Prinzip begonnen. Der gelernte Industriemechaniker soll laut Staatsanwaltschaft von Ende 2016 bis September 2020 eine sogenannte "Erlebniswohnung" in Berlin-Mariendorf betrieben haben. Zuvor hatte er jahrelang in der Neuköllner Karl-Marx-Straße ein Bordell unterhalten, das denselben Namen hatte.

Gruppensex nach dem "Flatrate"-Prinzip, auch mit minderjährigen Mädchen oder jungen Frauen, soll das Modell des Angeklagten gewesen sein. Laut der Staatsanwaltschaft wurden jeweils mindestens fünf Freiern ein halbes Dutzend möglichst junger Frauen für sexuelle Dienstleistungen zur Verfügung gestellt. Einige der Frauen sollen unter 21 Jahre alt gewesen sein. Die Freier hätten so lange bleiben und mit so vielen Frauen verkehren können, wie sie wollten.

Jüngstes Opfer: 16 Jahre alt

Trotz der erschwerenden Umstände ihrer Arbeit mit vielen Männern hätten die Frauen pro Tag 50 bis 100 Euro erhalten. Der Angeklagte hingegen habe den kompletten Eintrittspreis der Freier von jeweils bis zu 110 Euro kassiert - bei bis zu 100 Freiern am Tag. Mustafa E. habe unter anderem die Preise festgelegt und die jungen Frauen laut Staatsanwaltschaft in vielen Fällen selbst durch sexuelle Handlungen "getestet", selbst wenn ein Opfer das kategorisch abgelehnt haben soll. Das räumte E. später selber ein.

E. wird von der Staatsanwaltschaft Zuhälterei, Menschenhandel und sexueller Missbrauch von Jugendlichen vorgeworfen. Sein jüngstes Opfer war 16 Jahre alt. Am ersten Prozesstag lässt E. seine drei Verteidiger erklären, dass er sich aufrichtig entschuldige, falls Vorwürfe der Anklage zutreffen sollten. In einer Woche soll das erste Opfer aussagen, das selbst als Nebenklägerin im Prozess auftritt.

Staatsanwalt bedauert im Nachhinein, nicht härter vorgegangen zu sein

Mustafa E. sitzt erst seit drei Monaten in Untersuchungshaft in Moabit. Dabei liegen die ihm vorgeworfenen Taten teilweise länger als vier Jahre zurück, sein erstes Bordell soll er 2010 gegründet haben. Über Internetforen für käuflichen Sex soll E. junge Frauen angeworben haben, beim Gewerbeamt wurde die "Erlebniswohnung" in der Neuköllner Karl-Marx-Straße bereits im August 2010 angemeldet und beim Handels- und Gewerberegister eingetragen.

In der Fünfzimmerwohnung gab es ein Buffet und vor allem junge Frauen, mit denen manchmal mehrere Freier gleichzeitig Sex hatten. Es wurde teilweise Schlange gestanden. Immer sollen die Opfer freiwillig zu Stundenlöhnen gearbeitet haben, die E. festgelegt hatte. Darunter waren anfangs mindestens eine 17- und eine 15-Jährige, die bei einer der zwei bekannten Razzien des Ordnungsamtes Neukölln/ AG Schwarzarbeit und der Polizei bereits im Jahr 2013 in der Wohnung aufgegriffen wurden.

Erst fünf Jahre später wurde Mustafa E. erstmals zu drei Jahren Gefängnis, unter anderem wegen der Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger und sexuellen Missbrauchs, von einem Schöffengericht des Amtsgerichts Tiergarten verurteilt. Die ausgesprochene Strafe schreckte E. offenbar nicht ab, denn er soll weitergemacht haben. Obendrein saß er noch keinen Tag von seiner Strafe im Gefängnis ab und ging, wie die Staatsanwaltschaft, in Berufung.

Da die Anklagebehörde später ihre Vorbehalte gegen das Urteil zurückzog, hat Mustafa E. dank der Staatsanwaltschaft im Berufungsverfahren höchstens die bereits ausgesprochene Strafe von drei Jahren zu erwarten. Heute bedauert die Anklagebehörde im Gespräch mit rbb|24 ihre Berufungsrücknahme. "Hinterher ist man immer klüger", sagte der Oberstaatsanwalt Bernhard Mix, kommissarischer Leiter der Abteilung für die Verfolgung der Organisierten Kriminalität und des Menschenhandels.

Angebot des Angeklagten: Jeweils 5.000 Euro Schmerzensgeld

"Da waren überall nackte Menschen. Wir haben auch eine 15-Jährige festgestellt", sagt später ein Kriminalbeamter über die erste Razzia in E.s Etablissement, eine Razzia, die ihn bis heute erschüttert. Die Eltern des Mädchens werden noch in der Nacht des Polizeieinsatzes aus Hamburg nach Berlin zitiert und fallen angeblich aus allen Wolken. Sie leben in Trennung, eine der Freundinnen der Tochter habe sie wohl mit in die Hauptstadt genommen, ohne ihr Wissen, sagten die Eltern.

Wegen der mangelnden Ausstattung der Polizei mit Mitarbeitern und Möglichkeiten, aber auch, weil Polizei und Berliner Staatsanwaltschaft nicht erkannten, welche kriminelle Energie E. offenbar hatte, zogen sich die Ermittlungen in die Länge. Das erste Urteil vom 29. Januar 2018 ist bis heute nicht rechtskräftig. Allerdings will E. den beiden zur Tatzeit 15- und 17-jährigen Opfern, die bei ihm als Minderjährige arbeiteten, jeweils 5.000 Euro Schmerzensgeld zahlen. "Ich hätte es nicht zulassen dürfen, dass sie als 15-Jährige in der Wohnung sexuell aktiv war", sagt der Angeklagte im Berufungsprozess, der parallel zum am Mittwoch beginnenden Verfahren vor dem Berliner Landgericht läuft.

Neue Taten, neue Strafe

Im jetzt begonnenen zweiten Prozess gegen E. werden ihm das Betreiben eines Bordells in Mariendorf vorgeworfen, in dem er wie in dem ursprünglich von ihm betriebenen Bordell in Neukölln auch Minderjährige beschäftigte. Jeweils mindestens fünf Männer seien von November 2016 bis September 2020 dort anwesend gewesen bei den sogenannten, verniedlichend ausgedrückten "Flatrate-Partys". Bei acht Frauen sei E. Zuhälter gewesen, fünf Mal habe er selbst den Beischlaf mit minderjährigen Frauen vollzogen, die gerade einmal 17 waren, lautet die Anklage. Eine soll den Sex mit ihm "kategorisch abgelehnt" und von ihm somit missbraucht worden sein.

An Sonntagen soll ein ausgewählter Männerkreis nach den Aussagen von Teilnehmerinnen auf minderjährige Frauen getroffen sein. Diese nahmen zwar laut ihren Aussagen freiwillig teil, anderseits waren sie aber vor den Zuständen des Straßenstrichs, beispielsweise in der Kurfürstenstraße, geflohen, also durchaus in einer Notsituation. E. behauptet am Mittwoch vor Gericht, die Frauen hätten bei ihm stets selbstbestimmt gearbeitet. Seine Verteidiger werden versuchen, nach einem Urteil von drei bis vier Jahren, die der Vorsitzende Richter in den Raum stellte, E.s Entlassung aus der Untersuchungshaft zu erreichen. Das Urteil soll spätestens Ende April fallen.

Beitrag von Ulf Morling

11 Kommentare

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  1. 11.

    Danke für Ihre Berichterstattung. Das hier in Berlin ein Bordellbetreiber juristisch zögerlich verfolgt wird, wundert mich nicht. Denn in einem anderen rbb Bericht:
    "Organisierte Kriminalität: Berlin ist Dreh- u. Angelpunkt für vietnamesische Menschenhändler. Vom 18.01.21. Seit Jahren schleusen kriminelle vietnamesische Organisationen ihre Landsleute nach Europa - u. beuten ihre Opfer hier aus. Darunter sind auch Kinder und Jugendliche. Ihr Weg führt immer wieder über Berlin. V. Adrian Bartocha u. Jan Wiese" (Quelle:rbb24.de/politik/beitrag/2021/01/menschenhandel-vietnam-berlin-kinder-minderjaehrige-ausbeutung.html)verschwanden 13jährige Mädchen in die Prostitution u. da wird nicht nach den Kindern gesucht. Warum so zögerlich? Warum nur 3 Jhr für so schwere Taten? Es ist wichtig die "Freier", besser gesagt Straftäter auch zu ermitteln. Musterfa E. wird bestimmt eine Liste der anfertigen können. Es sind hoffentlich nicht Männer aus höheren Reihen, sonst erklärt es das Zöger.

  2. 9.

    Prostutition jeder Art müsse endlich komplett verboten werden! Im übrigen müsse auch die Polizei auch besser ausgestattet mit Mitarbeitern, Equipment und Möglichkeiten, sowie härtere Gesetze zur Verürteilung der Straftäter.
    4 oder 5 Jahre Haft für so ein Verbrechen ist einfach lächerlich.

  3. 8.

    Danke, dass Sie über dieses wichtige Thema berichten!

    Dass die Legalisierung 2002 nicht den Frauen, sondern vor allem <b>den Menschenhändlern geholfen</b> hat, bestreitet inzwischen kaum jemand mehr.

    Dass von ca. 400.000 nur gut 40.000 angemeldet sind, zeigt, dass trotz aller Bemühungen die allermeisten Prostituierten illegal arbeiten.

    Die Menschenhändler freuen sich über ihre vielen Möglichkeiten im Sextourismus-Land Europas.

    Die Frauen haben oft noch nicht einmal eine Krankenversicherung.

  4. 7.

    Menschenhändler. Zuhälter. Vergewaltiger. Hab ich was vergessen? - Ja: "Die Berliner Justiz verfolgt ihn seit Jahren zögerlich." Ist die Berliner Justiz korrupt oder einfach nur feige?!

  5. 6.

    ....hääää...??? Was wollen Sie uns hiermit mitteilen...????

  6. 5.

    Es ist doch immer wieder sehr merkwürdig, daß z. B. jugendliche Schwarzfahrer ihre Strafe absitzen, während hier die Staatsanwaltschaft leider und auch so und aus versehen...

  7. 4.

    Zitat:"...fünf Mal habe er selbst den Beischlaf mit minderjährigen Frauen vollzogen, die gerade einmal 17 waren, lautet die Anklage. Eine soll den Sex mit ihm "kategorisch abgelehnt" und von ihm somit missbraucht worden sein."

    Nennt es doch bitte beim Namen, das minderjährige Mädchen wurde vergewaltigt.

    Daten werden missbraucht.

  8. 3.

    Ekelhaft! Gilt für die Straftaten genau so, wie für die Freier.
    P. S. : Das angebotene "Schmerzensgeld" ist eine nachträgliche Beleidigung der jungen Frauen und zeigt die ganze Miss- und Verachtung derselben durch den Angeklagten.

  9. 2.

    Man darf nur hoffen, auch wenn das voraussichtlich unmöglich sein wird, den einen oder anderen Freier ebenfalls dingfest zu machen, der damals "Sex" (Vergewaltigung) mit den minderjährigen Mädchen hatte. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.

  10. 1.

    Das Wort "beschäftigt" in der Überschrift irritiert durchaus.

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