Interview | Biesenhorster Sand - "Der Bedarf an großen Freiflächen für die Berliner ist da"

So 21.03.21 | 08:20 Uhr
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Der Biesenhorster Sand ist am 18. März 2021 zum Naturschutzgebiet erklärt worden. (Quelle: rbb|24/Winkler)
Audio: Antenne Brandenburg | 19.03.2021 | Amelie Ernst | Bild: rbb|24/Winkler

Seit dieser Woche ist Berlin um ein Naturschutzgebiet reicher: den Biesenhorster Sand zwischen Karlshorst und Biesdorf. Jens Scharon (Nabu) berichtet im rbb|24-Interview über die Besonderheiten, die das von Trockenrasen geprägte Areal mit sich bringt.

rbb|24: Herr Scharon, insgesamt 16 Jahre hat es gedauert, bis der Biesenhorster Sand Naturschutzgebiet geworden ist – warum so lange?

Jens Scharon: Als die Sowjetarmee abgezogen ist, ist Naturinteressierten aufgefallen, was für ein tolles Gebiet das ist. Im Jahr 2000 hat die Senatsverwaltung umfangreiche Gutachten in Auftrag gegeben, in denen die Vegetation und verschiedene Artengruppen der Tierwelt untersucht wurden. Die Untersuchungsergebnisse haben belegt, dass es gerechtfertigt ist, dieses Gebiet unter Naturschutz zu stellen. Aber dann musste man in Berlin erstmal alle Gebiete, die europarechtlich geschützt sind, unter Schutz stellen. Wir hatten mal mit drei, vier Jahren gerechnet, jetzt sind 16 Jahre daraus geworden. Aber gut, jetzt ist das Ziel erreicht.

Was ist eigentlich das Besondere am Biesenhorster Sand?

Die Größe des ganzen Areals, das sich vom Biesdorfer Kreuz bis zur Wuhlheide erstreckt, insbesondere die Tier- und Pflanzenwelt. Wegen der militärischen Nutzung durch Wehrmacht und russische Armee waren im Karlshorster Bereich sehr große, damals fast noch goldgelbe, vegetationslose Sandflächen vorhanden mit Tieren und Pflanzen, die sich an diese speziellen Lebensräume angepasst hatten. Entomologen haben im Jahr 2000 sehr bemerkenswerte Arten festgestellt: wie Rüsselkäfer oder Hautflügler, also Bienen, die schon sehr lange in Berlin und in Brandenburg nicht mehr nachgewiesen wurden, teilweise über 100 Jahre nicht.

Der Biesenhorster Sand hat eine bewegte Geschichte, dort finden sich etwa Reste des ehemaligen DDR-Rangierbahnhofs Wuhlheide. Ist die Nutzung durch das Militär heute auch noch erkennbar?

Das erkennen Sie vielleicht noch, wenn sie von der Viechtacher Straße ins Gebiet an den Weidekoppeln laufen. Da geht der Weg durch einen Wall. Da war eine Kleinkaliber-Schießbahn der Sowjetarmee. Wenn sie dann weitergehen, über das nächste, inzwischen zurückgebaute Gleis, sieht man noch sehr schön das Schotterbett. Das war mal das Umfahrungsgleis für den Güterbahnhof.

Schotterbett im Biesenhorster Sand am 18. März 2021. (Quelle: rbb|24/Winkler)Relikte der ehemaligen Bahnanlage

Neben den Relikten liegt zum Teil auch Müll. Was muss weggeräumt werden – und was können Flora und Fauna als Lebensraum nutzen?

Was liegen bleiben kann, sind die größeren Betonplatten oder einige Strukturen, die Arten Unterschlupf bieten als Versteck, als Sonnenplätze – zum Beispiel für die Zauneidechse, die einen sehr großen Bestand auf dem Biesenhorster Sand hat. Was raus soll, sind militärische Hinterlassenschaften wie Dosen, jede Menge Gummistiefel, Schutzanzüge von der Sowjetarmee. Und alte Farbtöpfe, Hausmüll. Wie das überall in den 70er-Jahren üblich war, wurde Hausmüll irgendwo verklappt, wo er erstmal keinen gestört hat. Davon gehen möglicherweise auch leichte Umweltgefahren aus. Aber wir haben jetzt in den 16 Jahren, in denen wir uns engagieren, jedes Mal größere Container voll abgesammelt, so dass dort schon eine Menge entsorgt wurde.

Arbeitseinsatz der NABU-Bezirksgruppe im Biesenhorster Sand im März 2021. (Quelle: rbb24/Winkler)Müllbeseitigung: Arbeitseinsatz der NABU-Mitarbeiter im März 2021

Der Nabu hat 778 Käferarten festgestellt. Was gefällt den Käfern im Biesenhorster Sand?

Diese Zahlen beziehen sich auf das gesamte, über 100 Hektar große Areal. Ein Großteil des Gebietes gehört der Bahn, der Karlshorster Teil dem Bezirk. Dort sind wir aktiv. Dort wurden die Koppeln für eine Beweidung mit Schafen und Ziegen angelegt. Man findet jetzt nicht in allen Bereichen alles. Dieser große Artenreichtum kommt durch die Strukturvielfalt des Biesenhorster Sandes zustande. Sie haben dort Zitterpappelbestände, Vorwälder, unterschiedlichste Grasfluren, Halbtrockenrasen, Trockenrasen. In den Anfangsjahren, als wir dort vor Ort waren, weiter im Süden auf dem Bahnteil, gab es noch kleinere Feuchtgebiete, wo Amphibien vorkamen, die inzwischen auf Grund der letzten niederschlagsarmen Jahre ausgetrocknet sind. Auch grenzt dort das Einzugsgebiet des Wasserwerks Wuhlheide mit seinem Absenkungstrichter an. Es ist diese Lebensraum- und Strukturvielfalt, die wiederum auch vielen Arten Ansiedlungs- und Fortpflanzungsmöglichkeiten bietet.

Und das betrifft auch die verschiedenen Vogelarten, die sich angesiedelt haben?

Ja. Das hat sich ein bisschen gewandelt, die großen, offenen Flächen wachsen zu. Die ganz seltenen Arten, wie der Brachpieper oder die Haubenlerche, die in Berlin vom Aussterben bedroht sind, finden wir dort nicht mehr. Dafür aber Vogelarten, die an Offenlandschaften gebunden sind, wie die Heidelerche, oder der Steinschmätzer, der auf einer Koppel brütet. Wenn man nicht versuchen würde, diese offenen Grasfluren oder Sandflächen zu erhalten, unter anderem durch die Beweidung mit Schafen und Ziegen, dann hätten wir dort irgendwann flächendeckend eine Waldfläche.

Der Biesenhorster Sand ist Naherholungsgebiet. Was macht das Gelände für den Menschen attraktiv?

Schon die Größe, die Ruhe, die Abgeschiedenheit. Und die Möglichkeit des Naturerlebens. Viele kommen dort mit ihren Kindern hin, um sich an den Schafen zu erfreuen. Man hat einen großen Raum für die Erholung. Man hat gerade in der Corona-Zeit gesehen, wie der Nutzungsdruck auf die Fläche noch einmal zugenommen hat. Der Bedarf an großen Freiflächen für die Berliner ist da.

Silbergras im Biesenhorster Sand im März 2021. (Quelle: rbb24/Winkler)
Silbergras im Biesenhorster SandBild: rbb24/Winkler

Und was ändert sich dadurch, dass es Naturschutzgebiet ist?

Im Praktischen wird sich nichts ändern. Die Flächen, zumindest in Karlshorst, sind ja eingekoppelt. Wir haben Wege dort. Dass viele Berliner ihre Hunde freilaufen lassen, selbst wenn es in einer Grünanlage und erst recht einem Naturschutzgebiet nicht gestattet ist, wird auch weiterhin passieren – auch wenn es nicht schön ist. Mit der Unterschutzstellung ist jetzt die Senatsverwaltung für Umwelt zuständig. Daraus ergeben sich Verpflichtungen wie eine kontinuierliche Fortführung der Schutzbemühungen, der Pflegearbeiten und letztendlich auch der Finanzierung. Die Nutzung und Pflege des Gebietes muss sich ab jetzt an den in der Schutzverordnung beschriebenen Schutzzwecken orientieren.

Der Biesenhorster Sand im Januar 2021. (Quelle: rbb24/Winkler)
Bild: rbb24/Winkler

Sprich, Sie können sich jetzt zurücklehnen.

Das könnten wir sicherlich machen, jetzt da das Ziel erreicht ist (lacht). Aber natürlich wird man auch weiterhin zusammenarbeiten. Eine Verwaltung kann nicht immer vor Ort sein, gerade hier in Berlin. Ich denke, da wird es auch für uns noch das eine oder andere zu tun geben. Und vor allem verfolgen wir, ob durch die Pflegemaßnahmen die Schutzziele langfristig gesichert werden, also: Wie entwickelt sich die Naturausstattung, und bleiben die seltenen Lebensräume und Arten im Gebiet erhalten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Jens Scharon sprach Caroline Winkler, rbb|24.

9 Kommentare

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  1. 9.

    Eigentlich eine gute Sache.
    Leider werden viele Anwohner in Biesdorf-Süd wohl nicht in Jubel ausbrechen, da die TVO nun sicher weiter in die Ferne rückt. Somit wird sich der "Umgehungsverker" in den Siedlungsgebieten wohl noch verstärken und die Schulkinder können weiter zwischen den durchrasenden Autos umherspringen.
    Vielen Dank Frau Günther, ich weiß jetzt, wo ich mein Kreuz in Zukunft nicht machen darf!

  2. 8.

    Das Gelände war aber anders als viele Flächen, die als Kleingärten in Zwischennutzung sind, nicht für den Wohnungsbau vorgesehen. Leider scheint es aber bereits früher zu wenige Schulen gegeben zu haben, gegen deren Neubau sich die betroffenen Zwischennutzer wehren. Die komplette Verweigerungshaltung, die Sie hier zu Tage legen, ist nicht zielführend.

  3. 7.

    Die Zauneidechse hat einen sehr großen Bestand dort und die gesamte Fläche ist als Naturschutzgebiet geschützt!? Super Sache! Dann kann der ungeschützte Kiefernwald auf dem Teslabaugelände in Gründheide nebst Schutthalde ja endlich entfernt werden, ohne dass (Pseudo-) Naturschützer sich aufregen! :-)

    @Frank Klatt: Dem Planeten braucht niemand zu helfen; den wird es noch lange, lange Zeit geben, nachdem die Menschheit längst verschwunden ist, um der Evolution Gelegenheit zur Entwicklung goffetnlich intelligenteren Lebens zu geben...

  4. 6.

    Herzlichen Glückwunsch, daß es mit der Unterschutzstellung endlich geklappt hat! Die einzig effektive Art, dem Planeten zu helfen, ist, möglichst viel Fläche aus der menschlichen Nutzung herauszunehmen. Da Deutschland sehr dicht besiedelt ist, muß der Naturschutz immer zwischen Sukzessions- (Prozess-)schutz, d.h. die Flächen sich selbst zu überlassen, oder bestimmte Bereiche zu pflegen, abwägen. In Deutschland sind ca.95% der Fläche durch den Menschen entstanden bzw. geformt worden. Es gibt fast nur noch in den (zu wenigen) Nationalparken unberührte Bereiche (die auch vorgeschrieben sind, um überhaupt Nationalpark sein zu können, "Kernzonen").
    Gegen uneinsichtige Hundebesitzer vorzugehen, ist eine Sysiphosaufgabe, die nur entsprechende Ordnungskräfte bewältigen könnten.

  5. 5.

    Ein ehemaliges Militär- und Bahngelände zu einem Naturschutzgebiet zu machen, mag löblich sein, aber wirft doch Fragen auf. Was ist an Trockenrasen so schön? Im Landschaftspark Johannisthal gab es in den letzten Jahren Bemühungen, einige dieser Trockenrasenflächen zu verbessern. Nur ist dort heute nur noch trocken, kaum Vegitation. Und im Biesenhorster Sand würden auf natürliche Weise Bäume wachsen. Sogar einige seltene Tiere sind wieder weg. Bemerkenswerte Aussagen im Text!
    Interessanter finde ich aber die Frage nach Lebensqualität der Bewohner von Karlshorst und Biesdorf. Die TVO, seit vielen Jahrzehnten geplant, ist nun wohl tot? Das Bahngelände hätte den nötigen Platz hergegeben. Nun gehen die Ortsteile weiter am Verkehr zu Grunde. Denn der verschwindet nicht so schnell, wie die Tiere, wenn es zu ungemütlich wird. Der Mensch erst recht nicht. Wohin auch?

  6. 4.

    Das muss leider anscheinend so sein. Kacke bekommt man auf Beton besser weg. Solange die Leute sich nicht an die Regeln mit Leine und Kacke wegräumen halten muss man ihnen das abnehmen. Und da nicht die Hunde abgenommen werden muss das mit der Kacke möglichst effizient werden...

  7. 3.

    Schöner und interessanter Beitrag. Mich stört allerdings die Einstellung zu unangeleinten Hunden in einem Naturschutzgebiet. Aber das ist wieder typisch Berlin.

  8. 2.

    Das wird aber leider so kommen, sieht man doch schon überall. Selbst in Hellersdorf wird jetzt jeder kleine grüne Fleck mit Beton überbaut. Die Hunde kacken hier bald auf den Gehweg weil es nur noch Beton gibt. Wer kann der sollte diese Stadt alsbald verlassen, das wir nicht besser hier solange einige denken mit neuen Wohnungen kann man die Situation entspannen, nein kann man nicht, da muss man an ganz anderen Schrauben drehen.

  9. 1.

    Finde ich eine gute Sache. Aber parallel darf nicht die Diskussion geführt werden Kleingartenanlagen platt zu machen um darauf bauen zu können. Auch in den Kleingartenanlagen gibt es eine große Artenvielfalt an Pflanzen und Tieren und ja viele Anlagen sind für das Gemeinwohl. Unsere Kleingartenanlage ist auch für die Öffentlichkeit geöffnet natürlich nur wenn man sich benimmt .leider wird zur Zeit im großen Stiel die Forderung vertreten alles zuzubauen um angeblich das Wohnungsproblem zu lösen. Das ist aber mehr eine Neid Diskussion gegeben die kleingärteninhaber

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