Interview | Soziologe Jürgen Gerhards - "Der Name eines Kindes ist ein Signal an die Welt"

Mo 22.03.21 | 06:07 Uhr
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Archivbild: In einer Neuköllner Kindertagesstätte stehen Namen an den Kleiderhaken der Kinder (Februar 2015) (Bild: dpa/Volkmar Heinz)
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Video: rbb|24 | 22.03.2021 | Bild: dpa/Volkmar Heinz

Paul, Alice oder Mohammed: Mit welchem Namen ein Baby bedacht wird, ist kein Zufall. Er sagt im Gegenteil viel über die Eltern des Kindes aus. Keine leichte Aufgabe für diese. Es handele sich um einen echten Balanceakt, sagt der Namensforscher Jürgen Gerhards.

rbb|24: Herr Gerhards, Sie heißen mit Vornamen Jürgen. Wie viele Jürgens gab es in Ihrem Studienjahrgang?

Jürgen Gerhards: Es gab einige namens Jürgen, aber es waren nicht allzu viele.

Als Ihre Eltern den Namen Jürgen für Sie auswählten, war er also noch nicht oder nicht mehr so sehr verbreitet?

Doch, das war er schon. Ich bin 1955 geboren. Der Trend geht für Jürgen Ende der Fünfziger erst langsam, dann aber steil nach unten. Aber die Konjunktur des Namens liegt etwas früher als 1955.

Also haben sich Ihre Eltern für einen Namen entschieden, der sozusagen im Mainstream war. Gibt es bekannte Kriterien, nach denen sich Eltern für Namen entscheiden?

Die gibt es und diese haben sich sehr gewandelt. Wenn man auf die Entwicklung in Deutschland schaut, dann sieht man strukturierende Mächte im Hintergrund, die lange die Namenswahl beeinflusst haben.

Das ist einerseits die Religion. Deutschland ist traditionell ein protestantisch-katholisches Land. Die Namensvergabe war sehr lange über das Namens-Ensemble der Heiligen strukturiert. Diese übernahmen in gewisser Weise die Rolle des Schutzpatrons für den Namensempfänger. Früher wurde vielerorts auch der Namenstag und nicht der Geburtstag gefeiert. Prozesse der Säkularisierung haben die Rolle der Religion für die Namensvergabe aber verändert.

Anderseits spielte die Verwandtschaft eine große Rolle. Also die Weitergabe verwandtschaftlicher Namen. Das waren häufig die Namen von Großeltern oder Paten, die als Erst- oder Zweitnamen genutzt wurden. Schließlich spielte von Anfang des 19. Jahrhunderts bis 1945 der Aufstieg des Nationalismus eine Rolle. Es wurden oft typisch deutsche Namen wie Wilhelm, Otto oder Rudolf vergeben.

Heute ist das anders. Die wenigsten orientieren sich bei der Namensvergabe noch an der Religion oder der Verwandtschaft oder bringen mit dem Vornamen den Stolz auf die Nation zum Ausdruck – wobei dies bei Personen mit Migrationshintergrund vor allem im Hinblick auf die Religion manchmal anders ist.

Was sind für heutige Eltern entscheidende Kriterien?

Die Namensvergabe folgt heute eher einem Modezyklus. Da kann man durchaus Parallelen ziehen zu anderen Modeerscheinungen. Wenn man Beispielsweise an die Hosenmode denkt. Hosen gibt es mit Schlag, als Röhre etc. Im Zeitverlauf lassen sich Wellenbewegungen beobachten: erst wenn etwas richtig 'out' ist, kommt es wieder. So ist das mit den Vornamen heute auch.

In Berlin ist zum Beispiel zurzeit bei den Mädchennamen Charlotte sehr beliebt (Datenauswertung der beliebtesten Babynamen in Berlin seit 2012). Dieser Name war von Ende des 19. Jahrhunderts bis etwa 1940 sehr weit verbreitet und verschwand dann in der Versenkung. Nun kommt er wieder. Ähnlich ist das mit Paul oder Adam bei den Jungennamen.

Weiterhin spielen heute ausländische Namen eine bedeutsame Rolle. Also Namen, die im Ausland gebräuchlich sind, jetzt aber auch von deutschen Eltern ohne Migrationshintergrund benutzt werden. Da wäre als Beispiel der Name Noah, der aus dem Hebräischen kommt. Der Name wurde früher nur sehr selten in Deutschland vergeben. Das gilt auch für Kevin, Mike oder Nancy – das sind angloamerikanische Namen. In den siebziger Jahren waren die französischen Namen Marcel und René gebräuchlich.

Interessant ist, dass aber nicht alle ausländischen Namen übernommen werden. Gerade in Berlin haben wir ja einen hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. Die größte Population sind türkischstämmige Menschen. Aber deren Namen werden von Menschen ohne Migrationshintergrund nicht übernommen.

Woran liegt das?

Es werden nur bestimmte ausländische Namen – wie angloamerikanische, französische oder hebräische – übernommen. In der Wahrnehmung der Menschen gibt es eher starke und eher schwächere Länder. Zudem gibt es kulturell nahe liegende und fern liegende Länder. Die Türkei und viele andere muslimisch geprägte Länder werden als fern liegend und als ökonomisch geringer entwickelt interpretiert. Diese Merkmale werden auch auf die Namen und Personen übertragen, die aus diesen Ländern kommen. Selbst sehr multikulturell orientierte Eltern ohne Migrationshintergrund nennen ihren Sohn nicht Mohammed oder Ahmed, wohl aber Noah.

Das heißt, Eltern versuchen mit der Namenswahl für ihr Kind dessen soziale Aufstiegsposition zu ebnen?

Der Name eines Kindes ist ja ein Signal an die Welt. Eltern versuchen eine Balance zwischen zwei Prinzipien zu erreichen. Sie vermeiden Namen, die völlig aus dem Rahmen fallen - auch, damit ihre Kinder nicht gehänselt werden - und Namen, die stigmatisiert sind. Andererseits wollen sie mit dem Namen die Einzigartigkeit ihres Kindes demonstrieren. Sie wollen vermeiden, dass im Kindergarten von zehn Jungs fünf Maximilian heißen. Ein Kind Agamemnon zu nennen, wäre dahingehend zwar sehr einzigartig, aber zu auffallend. Die Auswahl eines Vornamens ist ein Balanceakt.

Sie haben den Namen Kevin schon angesprochen. Da wurde in den Medien einmal getitelt, das sei kein Name, sondern eine Diagnose. Denn er soll oft von sozial schwachen Eltern vergeben worden sein, deren Kinder später auffällig wurden. Gibt es bei der Namensvergabe tatsächlich Unterschiede, was die sozialen Milieus betrifft?

Die gibt es. Für den Adel zum Beispiel, auch wenn dies heute quantitativ ein sehr kleines Milieu ist. Der Adel zeichnet sich durch die Vergabe sehr traditioneller und sehr vieler Vornamen aus. Da wird gerne mal die ganze Ahnenreihe wiedergegeben.

Aber auch die verschiedenen Bildungsmilieus unterscheiden sich im Hinblick auf die Namenswahl. Mike, Kevin und Chantalle werden überdurchschnittlich häufig Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten genannt, mit der Folge, dass Kinder mit diesen Namen häufig stigmatisiert werden. Die bildungsbürgerlichen Milieus tendieren hingegen zu ausländischen Namen aus Frankreich oder zu hebräischen Namen.

Stellt sich denn für Eltern mit Migrationshintergrund auch die Frage, ob sie ihrem Kind einen deutschen Namen geben oder einen aus ihrem Herkunftsland?

Ja, und das ist für Migrantinnen und Migranten gar nicht einfach. Denn diese Eltern stehen oft in einem Zielkonflikt. Mit einem Namen aus ihrem Herkunftsland können sie die Verbindung zum Land, zu ihrer Familie und der kulturellen Herkunftsidentität signalisieren. Gleichzeitig wissen sie aber, dass gerade diese Namen häufig in Deutschland stigmatisiert sind und einen diskriminierenden Effekt haben können. Wir wissen aus vielen Studien, dass der Name zum Beispiel einen Einfluss bei der Wohnungs- oder Jobsuche hat. Es gibt aber einen Ausweg aus diesem Dilemma. Denn es gibt manchmal Namen, die man in beiden Kulturen benutzen kann.

Gibt es eigentlich einen Trend zu geschlechtsneutralen Namen?

Wenn, dann ist dieser Trend sehr, sehr schwach ausgeprägt. Bei den meisten in Berlin vergebenen Vornamen kann man sofort das Geschlecht erkennen, das mit dem Namen zum Ausdruck gebracht wird und wohl auch zum Ausdruck gebracht werden soll. Es gibt sehr wenige Namen, die sowohl für Jungen als auch für Mädchen vergeben werden.

Maria gehört beispielsweise dazu. Aber das hat weniger mit einer Verwischung der Geschlechter zu tun als mit Einwanderung. Denn in katholischen Ländern wie Spanien zum Beispiel ist Maria ein häufig auch für Jungen gebrauchter Name. Ein anderer Name, der aus dem Ausland kommt und für beide Geschlechter genutzt werden kann, ist der slawische Name Nika. Ein dritter Name, der in der Berliner Statistik auftaucht, ist Lou. Da stecken Louise und Louis drin; das wäre ein Name der ein bisschen hybrid ist. Aber insgesamt folgen die Eltern in der Namensvergabe sehr stark der Logik einer binären Geschlechtscodierung.

Gibt es bei der Namenswahl überhaupt eine wirkliche Vielfalt? Oder heißen schlicht sehr viele Kinder nach Top-Ten-Namen?

Die Namensvielfalt ist insgesamt gestiegen, was man als Anzeichen eines Individualisierungsprozesses interpretieren kann. Wenn beispielsweise bei einer Population von 100 Personen alle einen unterschiedlichen Namen haben, hat man den höchsten Grad von Individualisierung, weil jede Person anders heißt und damit gleichsam einzigartig ist.

Wenn man die Zunahme der Individualisierung der Namen jetzt auf Berlin bezieht und man auf die Top-Ten der Namen schaut, sieht man, dass der Platz-1-Name bei den Mädchen, Charlotte, nur auf 241 Nennungen im Jahr kommt und dies bei circa 40.000 Geburten jährlich (Anmerkung der Redaktion: Jürgen Gerhards bezieht sich dabei auf den 1. Platz bei den Mädchennamen im Jahr 2020). Es bedarf also gar nicht vieler Nennungen, um ganz nach vorne zu kommen. Das war früher anders. Die Top-Ten-Platzierungen täuschen also im Hinblick auf die tatsächliche Zentrierung auf bestimmte Namen. Im Grunde gibt es nämlich gar nicht so viele Mädchen namens Charlotte.

Ein anderes Anzeichen für die Zunahme der Individualisierung ist folgendes Ergebnis. Zwischen 2012 und 2020 wurden in Berlin insgesamt 55.000 verschiedene Namen vergeben. 36.000 dieser Namen sind nur ein einziges Mal vergeben worden.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24

7 Kommentare

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  1. 7.

    Es hat ja auch niemand behauptet, dass Wessis auch zu Hauf Neonazis und Rassisten sind?
    Deine Aussage ist ein Kompliment. Danke! Gilt übrigens auch für Berlin. Zähle ich jetzt mal nicht zu den Ossis.

  2. 6.

    Manchmal ist es für das Kind aber auch gut, wenn man nicht alle Wege ebnet.

  3. 5.

    Botschaft an die Welt? Also das Fragezeichen kann man weglassen. Ein Ausrufezeichen ist besser. Über den Namen und dessen Schreibweise kann man leicht erkennen, wieviel Mühe sich gemacht wurde, um dem Kind einen guten Start zu ermöglichen.

  4. 4.

    Der Name María steht bei Jungen im spanischsprachigen Raum nie allein – es gibt einen José María, einen Ramón María, aber keinen María pur. Und als Mädchenname steht er auch selten allein, sondern wird meist mit einem Attribut der Gottesmutter kombiniert: María del Montserrat (der Heilige Berg der Katalanen mit der Schwarzen Madonna), María de los Dolores (die Schmerzensreiche), María de la Concepción (Unbefleckte Empfängnis) … der Einfachheit halber lässt man "María" im Alltag meist weg, so dass es zu schön klingenden, aber für Nicht-Katholiken oft befremdlichen Namen kommt wie Rosario (Rosenkranz), Soledad (Einsamkeit), Lágrimas (Tränen), Carmen (Lied), Castidad (Keuschheit), Rocío (Tau), Nieves (Schnee) …

  5. 3.

    Und Mohamed, Ali erinnern an Wessis. Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen

  6. 2.

    Mike, Kevin, Chantalle... gibts auch im Westen. Die waren so erste Jahrzehnt unseres Jahrtausends hüben wir drüben in einigen Bevölkerungsshichten top 10.
    Was mich heute so beim täglichen Vorbeigehen an einem großen Spielplatz übereinstimmend mit der Aussage von Jürgen Gerhards "Aber auch die verschiedenen Bildungsmilieus unterscheiden sich im Hinblick auf die Namenswahl. " derzeit beeindruckt ist, dass Eltern mit niedrigem Bildungsniveau ihren Kindern gerne einen aufwertenden Namen verleihen, bevorzugt Doppelnamen. Das mal so als Beobachtung aus dem Alltag ohne negative Wertung der Eltern.

  7. 1.

    Mike, Kevin, Chantalle... dann noch Mandy. Erinnert zudem alles an Ossis. Muss man nicht nachfragen dann, weiß man schon vorher.

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