Der Neuköllner Lehrer Robin Grimm. (Bild: Kenneth Regenberg)
Kenneth Regenberg
Video: rbb|24 | 28.03.2021 | Material: rbb|24, zibb, tiktok.com/@herr.grimm | Bild: Kenneth Regenberg

Interview | Neuköllner Lehrer - "Herr Grimm, wir machen Ihnen jetzt einen Tiktok-Kanal"

Der Neuköllner Lehrer Robin Grimm ist mit seinem Tiktok-Kanal "herr.grimm" für den Goldenen Blogger 2021 nominiert. Seit einem Jahr veröffentlicht er satirische Videos zum Thema Schule. Im Interview erzählt Grimm, warum er die Clips mit seinen Schülern dreht.

rbb|24: Herr Grimm, Ihr Tiktok-Kanal hat mittlerweile mehr als eine Million Follower. Wie ist er entstanden?

Robin Grimm: Anfang März 2020 war ich mit meinen Schülern auf Klassenfahrt in Paris. Dort haben ein paar Mädels Tiktok-Tänze gemacht und dazu gesungen. Ich habe erst überhaupt nicht verstanden, was sie da machen. Aber sie haben mir das Ganze erklärt und gesagt: Herr Grimm, wir machen Ihnen jetzt einen TikTok-Kanal, jetzt tanzen Sie mal und wir nehmen das auf. Es war ein relativ alberner Tiktok-Tanz.

Ich bin grundsätzlich für alle Schandtaten zu haben und dachte: Okay, den Spaß machst du jetzt mal mit. Da lachen die Schüler und dann hat es sich auch wieder erledigt. Daraus wurde dann aber nichts: Am ersten Tag hatte mein Kanal schon 25.000 Aufrufe. Meine Schüler haben sehr krass darauf reagiert, dass dieses Video viral ging. Sie meinten: "Oha Herr Grimm, Sie werden jetzt voll fame."

Robin Grimm, Lehrer an der Gemeinschaftsschule Campus Efeuweg in Berlin-Neukölln, produziert mit seinen Schüler*innen ein Tanz-Video. (Bild: rbb)
Robin Grimm produziert mit seinen Schüler*innen ein Tanzvideo. (Bild: rbb) | Bild: rbb

Wie ging es dann weiter?

Nach dem ersten Lockdown habe ich angefangen, mit meinen Schülern Videos zu drehen - natürlich mit dem Einverständnis der Eltern. Wir machen hauptsächlich Comedy- und Tanzvideos. Ich bin früher professioneller Tänzer gewesen und kann diese tänzerische Kultur, die ein großer Teil von Tiktok ist, mit reinbringen. Vor Corona hatte ich eine Tanz-AG an der Schule geleitet.

Es gibt durchaus Parallelen zwischen Herrn Grimm auf Tiktok und Herrn Grimm im Unterricht. Die Parallelen sind wahrscheinlich auch erschreckend groß, aber in der Unterrichtssituation ist es in keiner Weise so, dass der nötige Respekt fehlt. Vielmehr glaube ich, dass Schüler es toll finden, dass Lehrer sich mit ihren Themen auseinandersetzen. Das fördert sogar den Respekt bei den Schülern.

Ein Smartphone mit Ringleuchte filmt einen tanzenden Schüler der TikTok-AG an der Gemeinschaftsschule Campus Efeuweg in Berlin-Neukölln. (Bild: rbb)
Die Schüler*innen filmen mit einem Smartphone mit Ringleuchte. | Bild: rbb

Was ist typisch für Ihren Kanal?

Wir wollen unsere Zuschauer zum Lachen bringen. Wir zeigen Szenen aus dem Schulalltag, komödiantisch und satirisch aufgearbeitet. Es ist immer eine große Portion Selbstironie dabei, weil das eine ganz wichtige Eigenschaft ist. Wir haben alle ein deutlich entspannteres Leben, wenn wir über uns selbst und unsere Schwächen lachen können und uns selbst nicht in jeder Situation ernst nehmen.

Das ist besonders wichtig an einer Brennpunktschule, weil hier schnell Situationen entstehen, in denen es unter den Schülern aufkocht und zu Aggressionen kommt - durch eine Beleidigung oder einen falsch formulierten Satz. Deswegen finde ich es wichtig, dass Schüler lernen, Dinge, die gesagt werden oder passieren, nicht immer so ernst zu nehmen.

Wie kommen Sie auf die Ideen?

Die Inspiration für unsere Videos kommt aus realen Vorfällen. Zum Beispiel vor zwei Jahren: Ein Schüler hatte sich nach meinem Sportunterricht im Sekretariat krank melden lassen, um nach Hause zu gehen. Im Sportunterricht war davon noch nichts zu merken. Zehn Minuten später, ich hatte eine Freistunde und war in der Stadt unterwegs, habe ich ihn beim Dönerladen sitzen sehen, wie er mit seinen dollen Bauchschmerzen einen Döner verdrückt hat. Da bin ich ein bisschen böse geworden. Aus dieser absurden Situation haben wir ein Video entwickelt - natürlich alles anonym und in Absprache mit dem Schüler.

Was lernen Ihre Schüler*innen durch den Tiktok-Kanal?

Zum einen handwerkliche Kompetenzen im Bereich Video Creating: Kreativität, Skripte entwickeln, Storytelling. Einen Blick zu entwickeln für Kameraführung, Bildausschnitt, Licht, Ton, Schnitt, Musik. Zum anderen Selbstbewusstsein. Die Schüler produzieren etwas, und dieses Produkt wird veröffentlicht. Und sie sehen, dass das, was sie produzieren, gut ankommt. Sie bekommen tolle Rückmeldungen. Und das macht was mit ihnen, das bringt ganz viel Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Manche meiner Schüler werden mittlerweile sogar auf der Straße erkannt.

Der Neuköllner Lehrer Robin Grimm mit einem seiner Schüler. (Bild: Kenneth Regenberg)
Robin Grimm mit einem seiner Darsteller der TikTok-AG, Damian. | Bild: Kenneth Regenberg

Gibt es Kritik an Ihrem Kanal, etwa wegen Datenschutz?

Kritisiert wird, dass in einigen Videos der Lehrerberuf mit Vorurteilen dargestellt wird. Aber über dem Kanal steht: "Comedy und Satire zu Schule". Da braucht sich keiner in seinem Berufsethos angegriffen zu fühlen, wenn witzige Videos zwischen Schülern und Lehrern entstehen. Bedenken in Richtung Datenschutz sind relevant, aber der Kanal ist nur mit meinen persönlichen Daten gefüttert. Von den Schülern sind da keinerlei Daten veröffentlicht oder in irgendeiner Form abgreifbar. Das einzige, was man sehen kann, ist, dass Schüler XY an der Schule Z zur Schule geht. Das ist nicht gefährlich und nicht relevant und interessiert im Grunde auch niemanden.

Die Eltern aller Darsteller haben schriftlich ihr Einverständnis gegeben, dass ihre Kinder mitmachen dürfen. Es werden keine Videos gedreht oder veröffentlicht, mit denen die Schüler nicht einverstanden sind.

Wie stehen die Schulbehörden Ihrem Kanal gegenüber?

Es gibt viele Lehrer, die auf Tiktok präsent sind und auch eine hohe Reichweite haben. Aber ich bin der einzige Lehrer, der zusammen mit seinen Schülern produzieren darf. Das ist politisch gewollt: Der Senat weiß Bescheid, der Bezirk weiß Bescheid, die Schulaufsichtsbehörde lobt das Projekt. Auch die Schulleitung steht dem Projekt positiv und unterstützend gegenüber. Da habe ich ganz großes Glück, das bedeutet mir sehr viel.

Was bedeutet Ihnen diese Nominierung?

Die macht mich sehr glücklich, das ist eine Riesensache. Ich sage meinen Schülern immer wieder: Der Kanal heißt zwar "herr.grimm", aber es ist unser Kanal. Und demnach ist es auch eine Wertschätzung für das unfassbare Engagement meiner Schüler: Für die Zeit, die sie da reinstecken, freiwillig und zusätzlich zum Unterricht. Sie stehen extra früher auf, kommen früher zur Schule, um vorm Unterricht schon mal ein Video zu drehen.

In der Hofpause bleiben sie lieber drin, statt auf dem Schulhof zu chillen. Und am Ende des Schultages bleiben sie länger da. Diese Schulkultur, dass sie Schule nicht nur als Ort des Lernens verstehen, wo sie Stoff eingetrichtert bekommen, sondern als zentralen Ort ihrer Lebensrealität, wo sie Spaß haben und sich weiterentwickeln können, wird durch so eine Nominierung wertgeschätzt. Von daher ist es auch gar nicht so wichtig, ob wir am Ende als Sieger rausgehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Naomi Donath.

Sendung: zibb, 11.03.2021

10 Kommentare

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  1. 10.

    Natürlich können auch Mädchen mitmachen. Dilara ist z.B. eine Darstellerin. Aber ich hab 21 Jungs und 5 Mädchen in der Klasse und die anderen wollen keine Videos drehen :-(

  2. 9.

    Natürlich können auch Mädchen mitmachen. Dilara ist z.B. eine Darstellerin. Aber ich hab 21 Jungs und 5 Mädchen in der Klasse und die anderen wollen keine Videos drehen :-(

  3. 8.

    Eine tolle Sache! Aber schade, dass nur Jungs mitmachen können. Gibt es so ein Projekt auch für Schülerinnen? Meine Töchter wären sicher Feuer und Flamme. Und drehen selbst schon kleinere Sachen mit elterlicher Hilfe. Aber unter professioneller Anleitung wäre natürlich besser.

  4. 7.

    So Herr Grimm, jetzt lernen wir noch etwas Medienkompetenz, indem Sie bitte eine freie Plattform wie Peertube nutzen. Damit lernen Sie und Ihre Schüler, dass es auch noch etwas anderes als die Plattformen großer zentralisierter Konzerne gibt. Wenn Sie sich mit dem Informatiklehrer/ der Infoatiklehrerin zusammentun können Sie eine eigene Instanz aufsetzen. Alt genug sind die Schülerinnen und Schüler ja.

  5. 6.

    "Wir haben alle ein deutlich entspannteres Leben, wenn wir über uns selbst und unsere Schwächen lachen können und uns selbst nicht in jeder Situation ernst nehmen."

    Das unterschreibe ich blind mit verbundenen Ohren. Meinen Glückwunsch ... und die Videos sind echt gut.

  6. 5.

    Richtig toll! Glückwunsch zur Nominierung!!

  7. 4.

    Tolle Sache! Ich hab´s persönlich nicht so mit Social Media, freue mich aber für alle Beteiligten, dass ihr Kanal so gut ankommt und sogar für einen Preis nominiert ist.
    Auch schön, dass die Schule und die Elternschaft sich da nicht in die Inhalte einmischen, so dass die Schüler/innen und Herr Grimm ihr eigenes Ding machen können, wie sie es gemeinsam für richtig halten.
    Und ich stimme mit Herrn Grimm darin überein, dass Selbstironie eine sehr wichtige Sache ist.

  8. 3.

    Herzlichen Glückwunsch zur Nominierung!
    Schön, dass Schule auch so läuft.

  9. 2.

    Toller Beitrag!
    Mal ohne Negativzeilen und Gemecker.

    Weiterhin viel Erfolg und Freude allerseits für
    Sie und Ihr Team, HR. Grimm.

  10. 1.

    Danke Herr Grimm und großen Respekt und Anerkennung für Sie und ihre Schüler und Schülerinnen! Genau so ist es, da wird reale Satire gemacht und alle lernen daraus! Toll! Bitte weiter so!

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