Justyna Hybner (Quelle: rbb/Milena Hadatty)
Video: Kowalski & Schmidt | 14.03.2021 | Milena Hadatty | Bild: rbb/Milena Hadatty

Reportage | Truckerin auf Tour - "Sie sind skeptisch, wenn du neu bist und eine Frau"

Vor fünf Jahren sattelte die Polin Justyna Hybner um: von der Kosmetikerin zur Lkw-Fahrerin. Damals war sie die einzige Truckerin zwischen Gubin und Zielona Góra. Seit Juni fährt sie für ein Unternehmen in Beeskow. Milena Hadatty hat sie bei einer Tour begleitet.

5:45 Uhr: Es ist noch dunkel auf dem großen Lkw-Park im brandenburgischen Beeskow. Von weitem sieht man ein einziges Licht im Fenster des Containers, wo die Disponenten sitzen. Justyna Hybner, eine sportlich und selbstbewusst wirkende junge Frau, holt sich hier den Tagesauftrag. Recycelter Beton-Schrott soll von Justyna und ihren Kollegen in einer Kolonne zum Windpark Biegen in mehreren Fuhren transportiert werden.

"Ich sehe täglich, wie diese Baustellen sich verändern. Jeden Tag entsteht was Neues – im Straßenbau, bei der Uferbefestigung. Dafür bin ich gern die zehn bis zwölf Stunden unterwegs. Es kommen schöne Dinge zustande, auch dank meiner Arbeit", sagt die 31-Jährige.

"Hallo Markus, hörst du mich?"

Bevor sie losfährt, kontrolliert Justyna ihr Fahrzeug. Sie findet einige Steine zwischen den Rädern und klopft sie frei. Dann steigt sie ein und schaltet die Funkanlage an. "Hallo Markus, hörst du mich?", fragt sie ihren Kollegen im anderen Truck. "Ja, Justyna. Kannst losfahren."

Die junge Frau ist hier die einzige Polin. Sie wohnt in Pław, etwa 40 Kilometer östlich von der Grenze. Mitten in der Pandemie hat sie sich über Facebook mittels online-Übersetzung beworben. Ein bisschen Schuldeutsch hat ihr bei der Arbeit geholfen, und sie lernt täglich dazu.

Justyna fährt in der Kolonne mit sechs weiteren Kollegen – bis sie an einer Abfahrt stehenbleibt, die von der engen Landstraße abgeht, ein unregelmäßiger Schotterweg. "Warum fährst du nicht weiter", fragt sie ihr Kollege per Funk. "Hallo Markus. Ich komme nicht durch. Ich muss warten, dass sie anderen vorbei sind. Kein Platz", antwortet sie.

LKW von Justyna Hybner (Quelle: rbb/Milena Hadatty)Lkw von Justyna Hybner

Ständiger Kampf um Respekt

Justynas Job gilt in Polen wie in Deutschland als eine "Männerdomäne". Sie kämpft ständig um den Respekt der Kollegen – dort wie hier. "Egal in welcher Firma: Sie sind skeptisch, wenn du neu bist, und eine Frau. Sie warten fast darauf, dass man was Falsches machst. Typisch!"

Justyna fährt endlich weiter in den Schotterweg. Sie lacht, weil ihre Kabine bei der scharfen Wende hin und her schwingt. Seit ihrer Kindheit liebt sie große Fahrzeuge. Wenn sie irgendwo auf einem Bauernhof zu Besuch war, wollte sie immer auf Traktoren steigen, erinnert sie sich. Von Ihrem Traumberuf habe sie aber niemandem zuhause erzählt. "Papa war Soldat, Mama Kellnerin. Technik interessierte sie nicht. Ich wollte mir einfach solche Sprüche, wie 'Du bist doch nur ein Mädchen! Das ist doch nichts für Dich!' ersparen".

"Ich bin nicht mehr Kosmetikerin, ich bin Lkw-Fahrerin"

Mit sechzehn dachte Justyna, aus dem Traumberuf würde nie was werden, denn sie bekam ein uneheliches Kind. Von einem Tag zum anderen wurde sie, noch ein Schulmädchen, in ihrer konservativen Kleinstadt von vielen diskriminiert oder sogar geächtet. Weil sie schnell Geld verdienen musste, machte sie eine Kosmetik-Lehre- "Das war eine sehr harte Zeit, aber sie hat mich für später auch stark gemacht. Ich habe gelernt, weiterzukommen. Ich habe extra Schichten im Kosmetikstudio gemacht, um Geld zu sparen. Als mein Sohn neun wurde, sagte ich mir: Ok, jetzt darf ich mal!"

Sie nahm heimlich Fahrstunden und bestand jede Prüfung, Stufe um Stufe, bis zum Lkw-Schein. Erst mit dem Führerschein und einem ersten Job in der Tasche, traute sie sich, den Eltern ihren Berufswechsel zu beichten. "Ich stellte sie vor vollendete Tatsachen: 'Ich bin nicht mehr Kosmetikerin, ich bin Lkw Fahrerin.' Sie wollten es gar nicht glauben, waren erstaunt."

"Ich hatte vor dem Lockdown regelmäßig Zumba getanzt!“

7 Uhr: Justyna ist an der Deponiestelle angekommen, wo sie ihre Ladung loswerden muss. Sie steigt aus der Kabine, lockert manuell die Sicherung der Ladefläche, um dann wieder aus der Kabine die rund 20 Tonnen Material per Fernbedienung vorsichtig zu kippen. Danach fährt Justyna wieder los, um die nächste Fuhre abzuholen.

Die zierliche Frau zwischen ihrem großen Fahrzeug und dem riesigen Berg Bauschutt – das ist ein gewaltiger Kontrast. Kein Wunder, dass der Beruf als "hart" gilt. Justyna sieht das allerdings anders: "Es war vor einigen Wochen schwerer, weil im Winter die Ladung oft nass wird und dann einfriert, so dass ich hochsteigen und die letzten zwei Tonnen per Hand rausschaufeln muss. Aber ich bin ja fit, hatte vor dem Lockdown regelmäßig Zumba getanzt!“

"Frauen sind wirklich sehr akkurat"

Die Firma Kurylyszyn Bau beschäftigt insgesamt 260 Mitarbeiter in Tiefbau, Hochbau und Recycling. Von den 63 Lkw-Fahrern sind neben Justyna noch weitere zwei Frauen dabei. Insgesamt beträgt der Frauenanteil hier also etwa vier Prozent. Das klingt wenig, ist aber immerhin doppelt so viel wie der bundesweite Durchschnitt von 1,9 Prozent Frauenanteil bei sozialpflichtig beschäftigten Berufskraftfahrern. Schon in der Ausbildung sind nur wenige Frauen dabei, denn der Beruf gilt als physisch belastend. Justynas Chef Alexander Kurylyszyn würde gerne mehr Frauen einstellen: "Frauen sind wirklich sehr akkurat", sagt er. "Sie zeigen es den Männern ein bisschen, was ich gut finde ..."

Justyna Hybner macht Pause auf einem Feld (Quelle: rbb/Milena Hadatty)Pause auf dem Acker

"Mein Sohn weiß, dass es keine 'Männer-' oder 'Frauenarbeit' gibt"

12 Uhr: Pause in der frischen Luft bei schönem Wetter, Justyna nutzt die Zeit, um mit ihrem Sohn Timoteusz zu telefonieren. Der 15-jährige macht Homeschooling – und muss im Haushalt mithelfen. Für ihn ist es ganz normal, dass seine Mama Lkw-Fahrerin ist. Die Mütter seiner Freunde machen als Köchinnen, Kellnerinnen sogenannte Frauenarbeiten, sagt Justyna. "Aber mein Sohn weiß, dass es keine 'Männer-' oder 'Frauenarbeit' gibt, sondern dass die Leute einfach entscheiden können, was sie machen."

Eine Stunde später fährt Justyna wieder los, noch eine letzte Fuhre kippen – und dann geht es zurück nach Polen.

Sendung: Kowalski & Schmidt, 13.03.2021, 17:25 Uhr

Beitrag von Milena Hadatty

6 Kommentare

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  1. 6.

    Na ja, als bedingungslos zu empfehlenden Beruf für eine Frau würde ich den Job nicht sehen. Es gibt Berufsbilder wo eine Frau konstitutionell nicht gut aufgehoben ist. Wenn Frauen trotzdem einen typischen Männerberuf unbedingt stemmen wollen - ok. Aber davon zu sprechen dass dies die Regel wäre halte ich für nicht zutreffend und an der Realität vorbeigefaselt.

  2. 5.

    Ein schöner Artikel, meine Tochter ist auch Lkw Fahrerin auf dem bau und ich bin mächtig stolz auf sie wie sie sich in der Männerdomäne durchsetzt.

  3. 4.

    Ja - aber NOCH ist LKW-Fahrer ein zu fast 100% „männlicher“ Beruf. Daher wohl auch der Artikel.
    Wie Sie völlig zu Recht feststellen, ist weder der männliche Schneider noch der männliche Koch einen Artikel wert. Wäre beim männlichen Kosmetiker oder Hebamme sicherlich auch anders!

  4. 3.

    Alles Gute der jungen Truckerin :)
    Ein schöner Artikel!

  5. 2.

    „ Die Mütter seiner Freunde machen als Köchinnen, Kellnerinnen sogenannte Frauenarbeiten, sagt Justyna“... Aha, wer hat denn da nun das Rollendenken? Mal abgesehen davon, dass die meisten Berufsköche Männer sind. Erst wenn wir nicht mehr davon sprechen welches Geschlecht derjenigen Mensch hat, sind wir weiter. Ein männlicher Kosmetiker trifft wohl auf dieselben Vorurteile wie eine weibliche Truckerin. Ich kann es nicht mehr hören. zB ist Näher ein typisch türkischer Männerberuf , während es hier Frauensache ist. Bitte bitte, denkt immer alle darüber nach, bevor die Rede von Männer- und Frauenarbeiten ist.

  6. 1.

    Ein schöner Beitrag!

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