Der Potsdamer Stadtteil Schlaatz (Quelle: rbb/Ivo Ziemann)
Audio: Antenne Brandenburg | 24.03.2021 | Ivo Ziemann | Bild: rbb/Ivo Ziemann

Erster "Kiezkümmerer" in Potsdam - Bei ihm können die Bewohner vom Schlaatz auch mal meckern

Der Potsdamer Stadtteil Schlaatz hat einen schlechten Ruf. Um die Situation zu verbessern, gibt es dort seit einigen Wochen mit Andreas Kulik einen sogenannten Kiezkümmerer. Sein Job: Der Müll an der Ecke - und reden. Von Ivo Ziemann

In seiner orangefarbenen Jacke steht Andreas Kulik auf dem großen Marktplatz in Potsdam-Schlaatz. Im Schatten von zwei großen Hochhäusern gibt es einen Supermarkt, eine Apotheke und die Sparkasse. Hier kommen fast alle Einwohner des Stadtteils zusammen. "Wir haben hier viele verschiedene Kulturen, aber alle verstehen sich miteinander. Ich vermittle zwischen den Leuten, und ich kenne auch einige Leute in den verschiedenen Gruppen", sagt der sogenannte Kiezkümmerer.

Andreas Kulik ist das Bindeglied. Der 35-Jährige ist auf Teilzeitbasis bei der Stadt angestellt. Zuletzt war er in der Selbsthilfewerkstatt im Schlaatz tätig und wurde so auf die Stelle aufmerksam. Er hat ein offenes Ohr für die Anwohner und schaut, wo es Probleme gibt: Hier gibt es eine neue Schmiererei an der Hauswand, dort sind Verkehrsschilder beklebt und an der Nuthe hat mal wieder einer illegal seinen Müll abgeladen. Das ist eines der größten Probleme, denn nicht nur Anwohner, sondern oft auch Leute von außerhalb laden hier gern ihren Müll ab.

Der Schlaatz ein sozialer Brennpunkt?

Der Schlaatz ist ein typisches DDR-Neubaugebiet und entstand im Rahmen des Wohnungsbauprogrammes "Jedem seine Wohnung". Aufgrund des Wohnungsmangels musste auch in der wachsenden Stadt Potsdam in den 1980er Jahren möglichst schnell Wohnraum geschaffen werden. Nach der Trockenlegung des Gebietes an der Nuthe wurden bis 1983 schnell Wohnblöcke, Turnhallen, Schulen und ein soziales Zentrum gebaut.

Bis zum Ende der 1980er Jahre entstand ein Wohngebiet für etwa 15.000 Einwohner. Nach der Wende begann schnell eine Abwanderungswelle und es gab nicht immer positive Schlagzeilen. Das Wohngebiet galt als sogenannter sozialer Brennpunkt oder als Platte, die auf der Kippe steht. Nun scheint sich der Wind zu drehen. Die Einwohnerzahl hat sich mit etwa 9.000 Einwohnern stabilisiert.

Der Stadtteil sei in einer besonderen Situation, sagt Projektkoordinator Dirk Maischack. "Wir haben eine hohe Fluktuation, einen hohen Anteil von Bewohnern mit Migrationshintergrund, viele Neubauten und eine sehr dichte Wohnbesiedlung." Die Idee für den Kiezkümmerer ist schon im Jahr 2017 im Rahmen eines Projektes entstanden, das durch das Bundesinnenministerium und vom Europäischen Sozialfonds unterstützt wurde. Seit dem Jahr 2019 arbeitet der Bereich Arbeit und Beschäftigung der Landeshauptstadt an der Umsetzung, und seit Dezember ist Andreas Kulik nun im Einsatz, erst für die Einarbeitung und seit gut einem Monat in Schlaatz selbst.

Andreas Kulik ist Potsdams erster "Kiezkümmerer" (Quelle: rbb/Ivo Ziemann)Andreas Kulik (links)

Die jungen Bewohner sind zurückhaltend

Andreas Kulik will sich um "das bessere Miteinander" kümmern. Dafür dreht er regelmäßig seine Runden um die Schulen, am Sportplatz vorbei und zum Kiezcafé. Dabei geht es vor allem um das Gespräch mit den Menschen, sagt Projektkoordinator Dirk Maischack: "Er soll auch den Bürgern die Chance geben, mal zu meckern. Er soll natürlich auch mal ein Auge auf Missstände werfen, sie aber gar nicht selbst beheben. Dafür gibt es die Profis. Aber er kann mit initiieren, dass noch mal genauer hingeschaut wird."

Andreas Kulik nimmt die Missstände auf, meldet sie zum Beispiel ans Ordnungsamt und ist inzwischen schon richtig bekannt. Ins Gespräch kommt er aktuell aber vor allem mit älteren Leuten. "Die Jüngeren fremdeln noch ein bisschen", sagte der 35-Jährige. "Wenn ich irgendwo etwas dokumentiere, kommen die Leute und sagen, dass sie das gut finden, was ich da mache. Dass ich mich hier einsetze für den Schlaatz."

Wenn ich irgendwo etwas dokumentiere, kommen die Leute und sagen, dass sie das gut finden, was ich da mache.

"Kiezkümmerer" Andreas Kulik

Er wohnt selbst im Kiez

Der Kiezkümmerer soll ein Bindeglied sein zwischen Menschen, den sozialen Einrichtungen im Schlaatz aber auch zur Stadt. Dafür ist er präsent und ansprechbar und hat ein offenes Ohr für fast alle Probleme der Einwohner. Als vor einigen Wochen ein großer Baum an der Nuthe umzustürzen drohte, weil ein Biber ihn angenagt hatte, sorgte Andreas Kulik auf Bitten der Bürger dafür, dass die Gefahr beseitigt wird. Schnell, unkompliziert und persönlich soll so etwas ablaufen. Daran hat er auch ein persönliches Interesse, denn er wohnt selbst im Schlaatz. "Ziel ist, dass ich erstmal selbst zufrieden bin in dem Stadtteil, in dem ich wohne und dass man raus gehen kann und sagt: 'Ja, es ist schön sauber und alle verstehen sich'", so Andreas Kulik.

Und das läuft so gut, dass die Stadt auch in anderen Potsdamer Stadtteilen "Kiezkümmerer" einsetzen will. Am 1. April nimmt der nächste in Drewitz seine Arbeit auf.

Sendung: Antenne Brandenburg, 23.03.2021, 16:10 Uhr

Beitrag von Ivo Ziemann

1 Kommentar

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 1.

    30 Jahre wurde das Viertel schlecht gemacht. Dass Interesse der Stadt ist sehr verdächtig. Ziel ist das Viertel aufzuwerten und dann Mieten erhöhen, damit die Brockschmarotzer mehr Geld haben für die Bauten welche die Genossenschaften auf Kosten ihrer Mieter zwangweise in der Innenstadt bauen müssen. Nebenbei werden dann Wähler der Linken und AfD aus der Stadt vertrieben, weil diese sich Bonzenhausen nichr mehr leisten können. Hunderte Millionen sind für Rosa Klotz und co aus den ganzen Land verprasst worden. Kein Wunder wenn sich viele Regionen als abgehangen betrachten.

Nächster Artikel