Zwangsprostitution von Vietnamesinnen - Bundespolizei geht mit Razzia in Berlin gegen Menschenhandel vor

Festnahme nach einer Razzia gegen Menschenhandel der Bundespolizei in der Landsberger Allee in Berlin-Lichtenberg. (Quelle: Morris Pudwell)
Video: Abendschau | 17.03.2021 | Bartocha Wiese | Bild: Morris Pudwell

Am Mittwoch hat die Bundespolizei bei einer Razzia mehrere Objekte in Berlin und anderen Bundesländern durchsucht. Es geht um Menschenhandel - genauer gesagt um junge Vietnamesinnen, die zur Prostitution gezwungen werden. Von Adrian Bartocha und Jan Wiese

Gegen mutmaßliche Menschenhändler ist die Bundespolizei am Mittwoch mit einer Razzia in mehreren Bundesländern vorgegangen. Sechs Objekte sind in der Hauptstadt durchsucht worden, darunter ein Wohnungsbordell in einem Hochhaus in der Landsberger Allee und ein Massagesalon in der Möllendorffstrasse - direkt gegenüber vom Rathaus Lichtenberg.

Nach Informationen von rbb24 Recherche sollen dort mindestens zwei sehr junge über Polen eingeschleuste Vietnamesinnen festgehalten und als Prostituierte missbraucht worden sein. Als Lohn sollen sie nur Essen und Trinken bekommen. Die Freier sollen 50 Euro zahlen. Das Geld aber soll die 43-jährige vietnamesische Chefin entgegen nehmen, gegen die nun ein Haftbefehl vollstreckt wurde. Sie selbst wurde bereits vor Jahren in Berlin zu einer hohen Haftstrafe verurteilt - wegen Einschleusung von Vietnamesen. Nun soll sie auch in die Vermittlung von Scheinvaterschaften verwickelt sein. Die Wohnung in der Landsberger Allee soll auch als so genanntes Safehouse dienen, also als "Zwischenlager" für eingeschleuste Menschen aus Vietnam.

Im Fokus standen laut Bundespolizei auch zwei weitere Verdächtige, eine 25-jährige Frau aus Vietnam und ein 64-jähriger Mann aus Deutschland. Ermittelt wird wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Einschleusens von Ausländern sowie der Zwangsprostitution. Federführend bei den seit einem Jahr laufenden Ermittlungen war die Berliner Staatsanwaltschaft.

Deutschlandweiter Trend

Seit Jahren schon schleusen hochprofessionell organisierte vietnamesische Banden ihre Landsleute über Ost- nach Westeuropa und Deutschland ein, um sie dann hier auszubeuten: Als Gärtner in illegalen Cannabisplantagen oder als billige Arbeitskräfte in Restaurants und Nagelstudios.

Dass es sich dabei um ein riesiges Netzwerk handelt und um Menschenhandel, bestätigte das Bundeskriminalamt bereits im Januar in einem Interview mit rbb24 Recherche. Carsten Moritz, Leiter des Referats Menschenhandel beim BKA, beobachtet dabei deutschlandweit einen Anstieg von Geschäftsbetrieben vietnamesischer Geschäftsleute. "Oftmals sind es Massagestudios, sind es Nagelstudios, sind es Restaurants oder ähnliches. Und wir gehen davon aus, dass gerade in diesen Geschäftsbetrieben die Ausbeutung stattfindet", sagt Moritz. "Und insofern kann man da tatsächlich von einem deutschlandweiten Trend sprechen." Dass es dabei eine neue Entwicklung gibt, ergänzt Nicole Baumann vom gleichen Referat beim BKA: "Auf der anderen Seite haben wir ja auch schon die ersten Ansatzpunkte in Richtung Zwangsprostitution in Deutschland. Auch da müssen wir genauer hinschauen."

13- und 14-jährige Mädchen müssen sich prostituieren

Markus Pfau schaut bei den vietnamesischen Netzwerken seit Jahren schon genau hin. Der Leiter der Kriminalitätsbekämpfung der Bundespolizei in Halle gilt als ausgewiesener Experte für Schleusungen.

Für ihn dient diese straff organsierte Schleusung von Vietnamesen dazu, "ein Stück Humanressourcen, so hart wie das klingt, in die Handlungsfelder der organisierten Kriminalität hier reinzubringen". Eines dieser "Handlungsfelder" sei neben Arbeitsausbeutung und Drogenhandel eben auch Prostitution, so Pfau. "Wir hatten Sachverhalte bei eingeschleusten Fällen, wo wir dann eine 13-, eine 14-Jährige hatten, die dann beispielsweise in der Prostitution, im Rotlicht beschäftigt worden ist und dafür eingeschleust wurde."

Berlin als Drehscheibe

Berlin gilt als Dreh- und Angelpunkt dieses menschenverachtenden Geschäftsmodells. Die monatelange, beschwerliche Reise der Vietnamesinnen führt meistens über Russland, dann über das Baltikum und Polen zuerst in die deutsche Hauptstadt. Angelockt von den Menschenhändlern mit falschen Versprechen auf gute Arbeit und besseres Leben.

Die Reise kostet sie bis zu 20.000 Dollar, die hier abgearbeitet werden müssen. Was jungen Frauen bereits auf dem Weg hierher passiert, berichtet Dong*, ein junger Vietnamese, der nicht erkannt werden will. Er hat diesen Weg zum großen Teil bereits hinter sich gebracht. Wir treffen ihn in Warschau. "Das war in Russland, da musste diese eine Frau, die bei uns dabei war, mit den Männern immer mitgehen. Und als sie dann zurückkam, da hat sie geblutet zwischen den Beinen. Das war ganz schrecklich anzusehen."

Einschlägige Kommentare im Internet

Nicht viel anders ergeht es offenbar den jungen Vietnamesinnen im Massagesalon in der Möllendorffstrasse in Berlin-Lichtenberg. Das entnimmt man den einschlägigen Kommentarblogs im Internet, auf denen sich Männer, Kunden über die "Qualität der Ware" in eben diesem Massagesalon hemmungslos austauschen. Die Informationen über Narben, Vorzüge und angebliche Geschlechtskrankheiten sind dabei noch die harmlosesten.

Aber die Auswahl sei ja groß, "es gibt so viele Vietnam-Frauen hier in Berlin, die Familie und Kinder in Vietnam haben, da ist jeder Kunde wichtig, um Geld zu verdienen." So heißt es wörtlich in einem dieser Kommentare. Bei einer anderen Razzia im November vergangenen Jahres in einem als Hostel getarnten Bordell in Berlin-Friedrichsfelde war eine der dort angetroffenen Vietnamesinnen gerade mal 16 Jahre alt.

Mit der Razzia am Mittwoch setzt die Bundespolizei ihren Kampf gegen den organisierten Menschenhandel und die damit verbundene Ausbeutung in Berlin fort.

Sendung: Abendschau, 17.03.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Adrian Bartocha und Jan Wiese

14 Kommentare

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  1. 14.

    Es hat etwas gedauert, aber die sind sie wieder, die Relativierer, nach dem Motto, alles halb so schlimm, wenn „freiwillig“ und das eine hat ja nix mit den anderen zutun.
    Da kann ich Sie gerne mal zu einem Ausflug in die Kurfürstenstrasse einladen.
    Da können sie mal schön sehen, wie dies alles miteinander zusammenhängt.

  2. 13.

    Isi, Sie irren sich. Prostitution, auch die sogenannte legale, ist ein kriminelles und menschenverachtendes Geschäft. Es kann nicht klar zwischen Legal und illegal unterschiedlichen werden, zumal sich solche Strukturen wie hier beschrieben hinter der noch erlaubten Fassade verstecken. Das sogenannte Dunkelfeld, dass immer befürchtet wird, wenn Gesetzesänderungen diskutiert werden, gibt es jetzt bereits, sobald die Tür sich schließt, ist die Frau dem Freier ausgeliefert.Aber auch Deutsche, die diese Tätigkeit angeblich,freiwillig’ ausführen, unterliegen Zwängen und haben überwiegend schon vorher Gewalt und /oder sexuellen Missbrauch erlitten. Sehen Sie, wie kann es sein, dass kein Freier angezeigt hat, dass dort Minderjährige missbraucht wurden ? Weil denen das egal ist, Freier missbrauchen und benutzen den Körper eines anderen Menschen gegen Geld, das hat mit prüder Moral etc. nichts zu tun. Schauen Sie mal die Zitate auf der Seite ,Die unsichtbaren Männer’ !

  3. 12.

    Sie haben vollkommen recht! Es ist eine Schande, dass Deutschland zum Bordell Europas geworden ist durch zu lasche Gesetze.
    Auch die anderen Formen von Menschenhandel verstecken sich leicht hinter der,legalen’ Situation, de wir jetzt haben. Es ist gut, dass es jetzt diesen Erfolg gegeben hat. Dennoch muss hier weiter gekämpft werden !
    Es gibt bereits einige Mitstreiter, die der Meinung sind, dass diese Zustände unhaltbar sind und die Politik handeln muss.
    Wir brauchen das Nordische Modell der Freierbestrafung in Deutschland. Es besteht aus 4 Säulen, die Prostituierten werden entkriminalisiert, Freier bestraft und Beratung sowie Hilfsangebote gemacht. Es ist der einzig richtige Weg.
    Es gibt dazu eine online Petition von Open Petition, vielleicht möchten Sie sich diese einmal anschauen und uns unterstützen ?

  4. 11.

    Darf man denn "Sexarbeit" als ganz normale Tätigkeit bezeichnen, wenn man solche Auswüchse ablehnt?

  5. 10.

    Die Ausbeutung und Handel mit Menschen, gar Slavenhaltung ist verdammenswert und wird zurecht verfolgt! Mit Prostitution an sich hat das genau so wenig zu tun wie mit Gärtnern, Restaurantarbeit und der Arbeit in Nagelstudios.
    Ich frage mich, ob einige der Kommentatoren hier tatsächlich den Menschenhandel an sich verdammen oder nur ihrer Abscheu gegen Prostitution zum Ausdruck bringen wollen.
    Prostitution, sofern auf freiwilliger Basis, ist nichts verdammenswertes- und auf gar keinen Fall etwas, was auf einer Ebene steht mit Menschenhandel. Lasst uns bitte letzteres Konsequent bekämpfen- und zwar egal, zu was diese armen Seelen gezwungen werden.

  6. 9.

    D-Land ist das Puff Europas. Diesem Zustand wird nur zögerlich begegnet. Rechte von Prostituierten zu stärken genügt nicht. Es ist wie beim Waffengeschäft – sehr viel Geld im Spiel und Machtpositionen, die etwas ändern könnten, sind unterwandert bzw. verwickelt. Anders ist die Duldung nicht zu erklären. Zumal wird alles bleiben wie es ist solange unsere Zivilisation am Egoismus scheitert. Triebhaftigkeit und Machtbedürfnisse stehen über der Würde des Menschen und das wissen sich Anbieter und Kunden zu Nutze zu machen. Es soll Menschen geben, die nicht müssen und trotzdem lieber einen gefährlichen Handel eingehen als nach Alternativen Ausschau zu halten. So verwundern die zunehmenden Pornoangebote im Internet. Ist das wirklich alles erzwungen oder oft auch nur die Lust am einfachen und schnellen Geld?

  7. 8.

    Exakt. Danke für ihren Kommentar. Das Prinzip Angebot und Nachfrage entspricht ähnlich dem der Medizin Ursprung und Auswirkung einer Krankheit. Beides muss behandelt werden. Wo kein Wirt da keinen Übertragung. Wo kein Virus, da keine Ansteckung. Im Verhältnis zum Menschenhandel harmloserem Milieu des Drogenhandels gilt das genau so. Würde niemand in den Görli gehen um Drogen zu kaufen, gäbe es dort keine Dealer. Der Konsument ist mindestens genau so verantwortlich wie Erzeuger und Lieferant. Mir ist rätselhaft was in den Köpfen von Freiern und Koksern vorgeht. Wahrscheinlich nichts außer primitives Triebverhalten und sicher spielt auch der Thrill etwas Verbotenes zu tun eine Rolle.

  8. 7.

    Schon wieder ein Artikel ueber "Vietnamesen". Nicht ueber die KollegenInnen, die Nachbarn, die daneben arbeiten, die immer zuvorkommen, sich ruhig verhalten. Nein, genau ueber Menschenhandel und Zwangprostitution aehnlich wie frueher ueber Cigarettenschmugel. Kein Wort darueber woher und wie es entsteht. Ein System wie in Vietnam wo die jungen Leute lieber im Kuehlwagen frieren, lieber zur Prostitution gezwungen werden statt als in der Heimat zu bleiben wird in solchen "Artikeln" nie erwaehnt! Die "Bekaempfung" laeuft in gleicher Scenarie wie beim Cigarettenschwarzhandel: die Freier die Kaeufer bleiben frei verfolgt werden nur die verkaeufer und Prostituerte.

  9. 6.

    Ich empfehle zu dem Thema die Doku „Handelsware Kind“ aus der ARD-Mediathek.

  10. 5.

    Das Problem ist grundsätzlich, dass wir in unserer Gesellschaft eine tief verankerte Mentalität zu Relativierung haben. Damit wird Prostitution in großem Stil schöngeredet.
    Freier ziehen sich immer argumentiv auf das vermeintliche „Angebot“ zurück, das sie dann in „Anspruch“ nehmen.
    Dieser Duktus wird u.a. vom Berliner Senat unterstützt, indem er z.b. den Strassenstrich aktiv unterstützt und befürwortet.
    Frauen kann man nicht kaufen!
    Egal unter welchen Voraussetzungen und einer angeblichen Freiwilligkeit!
    Das sollte mal durch alle politischen Parteien hinweg verstanden werden.
    Ich frage mich wirklich, wie sich hier der Feminismus in den unterschiedlichen Parteien positioniert, oder ob das egal ist, weil die Frauen nicht aus Deutschland stammen?
    Oder mal ne Demo mit feministisch, queren Aktivisten auf dem Strassenstrich in der Kurfürstenstrasse. Das wäre doch mal was.
    Wenn in Kreuzberg ne Kneipe aufgeben muss, ist das ja auch schnell organisiert...

  11. 4.

    @Adrian Bartocha und Jan Wiese: Gut wenn gegen Menschenhandel vorgegangen wird, doch die Bezeichnung "Safehouse" passt da nicht. "Die Menschenhändler verwenden die für alle Entführertypischen Methoden: Sie provozieren Streit und Rivalität unter den Opfern, die an einem Ort zusammenleben, damit wollen sie verhindern, dass sie sich verbünden und gemeinsam aufbegehren. Sie arbeiten mit Belohnungen und Strafen und machen die Mädchen zu ihren Lieblingen, wenn sie sich in dieAusbeutung fügen und hypersexuell, verführerisch und anpassungsfähig werden. Wenn die Mädchen noch sehr jung sind,verinnerlichen sie die emotionale Konditionierung und machen sie zu einem Teil ihrer Persönlichkeit. Sie sind nicht inder Lage, ihre Erfahrungen moralisch zu beurteilen. Sie warenein Leben lang Sklavinnen, und in der Betreuungsstätte erhalten sie die Chance, ein völlig anderes Leben anzufangen und sich neu zu erfinden." Lydia Cacho: Sklaverei: Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel (2011: 91)

  12. 3.

    Es gibt aber auch genug Deutsche, due genau diese Dienste in Anspruch nehmen oder bei den Vietnamesen Drogen oder Zigaretten kaufen usw.

    Diese Kundschaft muss auch ins Visier genommen und bestraft werden. Denn solange es "Kunden" dafür gibt, können die Behörden so viele Razzien durchführen wie sie wollen.

  13. 2.

    Wenn ich sowas lese, dann fehlen mir die Worte! Wie kann man nur so gewissenlos die Not anderer Menschen ausnutzen und sich damit wahrscheinlich auch noch ne goldene Nase verdienen.

  14. 1.

    ...und wieder zeigt sich, wie wichtig eine Gesetzesänderung in Richtung des schwedischen Modells wäre, das Freier und Zuhälter bei Prostitution unter Strafe stellt, nicht aber die Prostituierten. Ich hoffe allerdings, dass in solchen Fällen wie den oben beschriebenen die Männer in den Foren und alle anderen Freier, welche die Zwangslage hätten erkennen müssen, wegen wiederholter Vergewaltigung und Kindesmissbrauch (bei den ja anscheinend nicht selten Minderjährigen) angeklagt werden. Wahrscheinlich leider ein naiver Wunsch...

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