Bauarbeiten des neuen Stadtquartiers "Schöneberger Linse" im März 2021. (Quelle: rbb/Matthias Bartsch)
Video: Abendschau | 30.03.2021 | Christian Titze | Bild: rbb/Matthias Bartsch

Stadtquartier "Schöneberger Linse" - Vollgas am Südkreuz

Zwischen Gasometer und Bahnhof Südkreuz entsteht in Berlin-Tempelhof-Schöneberg das Stadtquartier "Schöneberger Linse" - linsenförmig, daher der Name. Trotz der zentralen Lage war die Bebauung lange nur eine Idee. Jetzt geht es rasant voran. Von Matthias Bartsch

"Dit is doch nich normal!" Martin Wolfs Blick gleitet über den Bahnhofsvorplatz. Er muss beruflich nach Tempelhof und wartet auf den M46er -Bus. Der 60-Jährige kann sich noch gut an die Brache nach der Wiedervereinigung erinnern – der Blick reichte bis an den südlichen Stadtrand, wie Wolf erzählt. Jetzt versperren gleich mehrere Rohbauten den Blick. "Wahnsinn, was sich hier in den letzten Jahren getan hat. Schön sieht anders aus", sagt Wolf. "Aber irgendwie is dit ja ooch Berlin."

Nachhaltige Holz-Hybrid-Konstruktion

Ganz anders dagegen blickt Immobilienmanager Martin Rodeck auf das Baufeld. Der gebürtige Tempelhofer plant mit seinem Unternehmen Edge nachhaltige Gebäude. Am Südkreuz ist der Geschäftsführer verantwortlich für die neue Berliner Vattenfall-Zentrale, die keine 200 Meter entfernt vom Bahnhofseingang bereits im Rohbau steht.

Die beiden siebengeschossigen Häuser sehen auf den Konzept-Visualisierungen spektakulär aus. 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen bald im neuen Stadtquartier arbeiten. Geplant ist eine offene Bauweise mit einem Atrium im Gebäude und einer Sky-Lounge in den beiden oberen Etagen eines Gebäudes.

Schon jetzt kann man hier erkennen, was das Haus so besonders macht. Eine mächtige Holzdecke zieht sich in sechs Metern Höhe über die gesamte Länge des Raums. "Stützen, Balken und Fensterrahmen werden innen sichtbar aus Holz bestehen, dazu kommen 120 Wand- und über 1.000 Deckenelemente", sagt Martin Rodeck über die Holz-Hybrid-Konstruktion. "Beton haben wir nur noch für die Fundamente und den Keller gebraucht."

Im Vergleich zur konventionellen Stahlbetonbauweise reduzieren sich für die Herstellung des Rohbaus die anfallenden CO2-Emmissionen um bis zu 80 Prozent. "Eine sehr klimafreundliche Bauweise", so Rodeck. Durch das Holz verbessere sich außerdem das Raumklima. Die Vattenfall-Zentrale wird ohne Frage ein Highlight der "Schöneberger Linse" werden.

Fraglich bleibt, ob auch die anderen geplanten Büroflächen im Quartier wirklich gebraucht werden. Die Corona-Pandemie führt zu Home-Office-Möglichkeiten, auch die zunehmende Digitalisierung eröffnet neue Wege. Rodeck dagegen zeigt sich zuversichtlich, dass auch künftig Menschen zum Arbeiten zusammenkommen. Es sei eine Herausforderung, das zu planen und zu organisieren, aber am Ende würden Begegnungen weiter wichtig bleiben.

Bauarbeiten des neuen Stadtquartiers "Schöneberger Linse" im März 2021. (Quelle: rbb/Matthias Bartsch)Die Innenräume der künftigen Berliner Vattenfallzentrale werden durch sichtbare Holzbalken durchzogen.

Auch günstige Mieten und buntes Leben

Die Gesamtfläche von 22 Hektar rund um den Bahnhof Südkreuz bietet Potential für bis zu 2.000 Wohnungen. Die Gewobag plant bis Ende 2022 eine Immobilie mit 211 Wohnungen, Gewerbeeinheiten und einer Kita. Die Hälfte der Wohnungen soll bei geförderten Mieten 6,50 Euro pro Quadratmeter kosten, die andere Hälfte um die 10 Euro. Den ersten Spatenstich gab es auch schon für ein Wohn- und Beratungshaus der Schwulenberatung Berlin. Am "Lebensort Vielfalt" sind 70 Wohnungen für die LGBTQIA*-Community geplant. Auf der Warteliste sollen bereits mehrere hundert Interessenten stehen. Kaum zu glauben, dass es so viele Jahre gedauert hat, bis am Südkreuz mit dem Bauen begonnen wurde. Denn die Lage ist nicht nur zentral, sondern auch sehr gut erschlossen. Neben der angrenzenden Stadtautobahn fahren hier die S-Bahn-Züge der Ringbahn und der Nord-Süd-Verbindung. Und der angrenzende Nord-Süd-Grünzug sorgt für Freizeitmöglichkeiten. Er ist auch gleichzeitig Teil des Radfernwegs Berlin-Leipzig.

Ein kleiner Schandfleck gleich neben den Neubauten blieb lange der BSR-Recyclinghof am ehemaligen Tempelhofer Weg. Mittlerweile ist aber auch er Geschichte. Seit dem 31. März geschlossen, wird er demnächst verschwinden. Der Tempelhofer Weg trägt bereits einen neuen Namen. Die Straßenschilder bleiben noch eine Zeit lang montiert, sind allerdings rot durchgestrichen. Der neue Name darüber: Ella-Barowsky-Straße, benannt nach einer ehemaligen Schöneberger Bürgermeisterin. Es sind Schritte, die verdeutlichen wie konsequent die Entwicklung des neuen Stadtquartiers vorangetrieben wird. Am Ende begeisterte sich auch die BSR für die Lage. Sie will ihre Hauptverwaltung von der nicht weit entfernten Ringbahnstraße zum Südkreuz verlegen. Noch gibt es keine konkreten Entwürfe – eine zum Teil orange-farbige Gebäudefassade sei aber durchaus vorstellbar, heißt es.

Bauarbeiten des neuen Stadtquartiers "Schöneberger Linse" im März 2021. (Quelle: rbb/Matthias Bartsch)

Sendung: Abendschau, 30.03.2021, 19:30 Uhr

11 Kommentare

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  1. 11.

    Nachhaltig ist die Holzbauweise erst wenn das Holz dazu kontinuierlich aus dem 3-D Drucker kommt.
    Ansonsten brauchen wir dafür die eigentlich verpönten Nutzholzplantagen(der Begriff stammt nicht von mir).

  2. 10.

    Es ist nicht nur die Pflege des Holzes, es gibt auch Menschen, die auf Holzgeruch allergisch reagieren könnten.

  3. 9.

    Der im Artikel erwähnte "Schandfleck" war der einzige gut erreichbare und zentrale Recyclinghof für die großräumig umliegenden Bewohner, ohne endlose Staus in Kauf nehmen zu müssen und damit Teil einer bewohnerfreundlichen Infrastruktur. Weshalb werden immer wieder Recyclinghöfe geschlossen, nur um Immobilienspekulanten Gewinne zu bescheren?

  4. 8.

    Ich stimme Ihnen vollkommen zu. In Berlin werden seit Jahren Betonklötze hochgezogen, die sich alle ähneln und damit gleich hässlich sind. Ich denke, in ein paar Jahren kann man uns "Lego-City" nennen.

  5. 7.

    Noch sehen die Holzbauteile schön neu und nachhaltig aus. Aber sie brauchen zukünftig sehr viel Pflege - die wahrscheinlich keiner bezahlen will. Die Holzdecken werden irgendwann knarren und knartschen, so wie man es aus Altbauten kennt. Auch im Brandfall und bei Wasserschäden sind Holzbauteile nicht gerade ideal. Da ist Beton wesentlich solider für die Gebäudesubstanz.

  6. 6.

    Tja - bestehende Infrastruktur ist immer ein Schandfleck im Auge eines zugezogenen Stadt(ver)planers, Architekten oder anderen weltfremden Phantasten, die meinen, eine Stadt MÜSSE sich immer verändern. Ich finde, eine Stadt lebt auch von Bestehendem; aber Berlin muss ja immer neu erfunden werden.

  7. 5.

    Schön, dass hier ein architektonish so anspruchsvolles Quartier entsteht. Ich bin von den bisherigen Bauten richtig begeistert! Toll auch, dass es dringend benötigte günstige Wohnungen gibt, ich hoffe es werden alle 2000 gebaut. Und klimafreundliche Bürogebäude aus Holz - hier entsteht ein Stück Zukunft!

  8. 4.

    Einen BSR-Recyclinghof als Schandfleck zu bezeichnen, ist schon stark. Nun mag dieser nicht der effektivste sein, aber illegale Müllablagerungen sind wesentlich hässlicher und vorallem öffentlich.
    Nun, das Viertel und auch das Umfeld vom Hauptbahnhof, würde ich als vertane Chance bezeichnen. Moderner Städtebau muss anders aussehen, als Betonklötze in einer Höhe (und Aussehen) nebeneinander zu stellen. Wird Architektur mit Blauklötzen gelernt?

  9. 3.

    Habe die letzten 10 Jahre im Cheruskerkiez gelebt, der Wandel vom Werkstatt-Sammelsorium zu sehr viel Büro ging schon rasant. Auf jeden Fall ein tolles Viertel, aber vielleicht hätten es ein, zwei weniger Büroprojekte auch getan. Wozu da jetzt noch den Gasometer für die DB zupflastern? Der Euref-Campus brachte der Nachbarschaft vor allem viel Autoverkehr. Wird spannend sein, wie sich das Thema Infrastruktur am Bhf Südkreuz entwickelt.
    Ich bin auf jeden Fall nicht der Meinung, dass der BSR-Hof ein Schandfleck für die bisher hauptsächlich durch Wohnen geprägte Insel war, immer sehr aufgeräumt. Für die Anwohner war er wichtige Infrastruktur, super praktisch zu erreichen. Was ist denn aus dem einst versprochenen nahegelegen Ersatzstandort geworden?

  10. 2.

    Vor allemauch immer mehr spiegelnde Glasflächen, die zur Erwärmung beitragen und für vielfachen Tod von Vögeln, die dagegenfliegen und keine Chance haben.

  11. 1.

    Da werden Neubauten mit Holzkonstruktionen errichtet die über Jahrzehnte Wetter geschützt erhalten werden müssen. Firmen und Öffentliche Betriebe mit guter Bausubstanz bauen Klimaverträglich neu, weil es auf dem Rechner schick aussieht. Infrastruktur und daseinsvorsorge werden zurückgehalten. Es wird mit einem Minimum an Wohn-, Gewerbe- und Sozialfläche Qerbung geschoben. Und der Ausblick von der Ringbahn zeigt das ganze Elend. " Das Dritte Jahrtausend der Menschheit" Kapitel 2021- Neubauten in Berlin

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