Drei Motorradfahrer schwer verletzt - Prozess um Anschlag mit Auto auf A100 in Berlin gestartet

Prozessauftakt: Kamikaze-Fahrt auf BAB 100. Foto vom Prozessauftakt gegen den islamistischen Beschuldigten. (Quelle: rbb/Ulf Morling)
Video: Abendschau | 15.04.2021 | Norbert Siegmund | Bild: rbb/Ulf Morling

Aus islamistischen Motiven soll ein Mann im Sommer 2020 versucht haben, auf der Berliner Stadtautobahn wahllos Menschen zu töten. Drei Motorradfahrer verletzte er schwer. Zwei von ihnen kamen am Donnerstag zum Prozessauftakt. Von Ulf Morling

Am 18. August 2020 fuhr Sarmad A. viel zu schnell auf der Berliner Stadtautobahn A100 Richtung Süden. Mit bis zu 150 Stundenkilometern (80 sind erlaubt) provozierte er laut Ermittlern Zusammenstöße mit fünf Autos und machte regelrecht Jagd auf Motorradfahrer, weil sie auf ihren Zweirädern im Straßenverkehr besonders verletzlich sind, so die Staatsanwaltschaft. Nachdem der 30-Jährige zwei Motorrollerfahrer bei Unfällen schwer verletzt hatte, verhakte sich sein Auto beim Zusammenstoß mit dem Motorrad des letzten Opfers; auf Höhe Alboinstraße in Schöneberg war die Fahrt beendet.

A. hob eine Munitionskiste auf das Dach seines Autos und rief unter anderem: "Allahu akbar" ("Gott ist groß"). Die Generalstaatsanwaltschaft geht von "wahnhaft religiösen und islamistisch geprägten Motiven" des Beschuldigten aus. Er soll von einer Psychose beherrscht die Tat mit drei schwerverletzen Zweiradfahrern begangen haben. Er soll schuldunfähig sein. Obwohl Sarmad A. am ersten Prozesstag am Donnerstag schwieg, konnte man viel über ihn erfahren.

Zwei Opfer kommen zum Prozessauftakt

Acht Minuten dauerte die Fahrt des Beschuldigten auf der Stadtautobahn. Nachdem er mit 100 Stundenkilometern und mehr auf vier Autos regelrecht draufgehalten haben soll, soll er vorsätzlich Motorradfahrer als seine "zufällig ausgewählten" Opfer auf der Autobahn ausgesucht haben, sagt die Generalstaatsanwaltschaft. Sie hätten "stellvertretend für sogenannte 'Ungläubige'" sterben sollen. Als Ungläubige habe A. unter anderem Christen, Juden, Homosexuelle und "korrumpierte" Muslime angesehen. Mit seinem schwarzen Opel Astra zielte er danach auf zwei Motorrollerfahrer, die durch den harten Aufprall aus ihrer Sitzbank geschleudert wurden und auf der Autobahn meterweit durch die Luft flogen und schließlich aufkamen.

Obwohl kein Auto die Opfer überrollte, wurden sie schwer verletzt und traumatisiert. Das erste Opfer war Feuerwehrmann René S., der noch auf der Autobahn reanimiert werden musste. Er ist der einzige, der am Prozessauftakt nicht teilnehmen konnte. "Meinen Mandanten geht es nach wie vor leider nicht gut", sagt Nebenklagevertreter Roland Weber. "Er kann hier nicht teilnehmen. Er musste wieder sprechen und laufen lernen nach dem Unfall. Ob er jemals wieder richtig gesund wird, ist höchst fraglich." Über Weber nimmt S. am Prozess teil. Die beiden anderen im August schwer Verletzten sehen zum Prozessauftakt dem Täter erstmals ins Gesicht. Das sei wichtig für die Opfer, um sich mit den Tatfolgen für sie auseinanderzusetzen, meint Rechtsanwalt Stephan Maigné. Beide Opfer schweigen zu ihrem Eindruck.

Kein Terroranschlag - aber versuchter Mord

Die Ermittler hatten nach der Tat Dutzende Zeugen und Bekannte von Sarmad A. befragt und seine sozialen Medien durchforstet, um zu prüfen, ob der Iraker für eine islamistische Terrororganisation die Tat begangen hatte. Zwar habe A. die Tat quasi angekündigt, zum Beispiel mit einem Foto seines Autos, vor dem er stehe und verkünde, dass er gleich eine Fahrt als Soldat Gottes unternehme, so die Staatsanwälte im Prozess. Trotzdem kamen die beteiligten Behörden bereits einen Tag nach seiner Festnahme auf frischer Tat noch auf der Autobahn zu dem Schluss, dass A. psychisch krank sei und wahnhaft als Einzeltäter gehandelt habe.

Dafür spricht unter anderem, dass der Beschuldigte, nachdem sich sein Auto in das Motorrad des letzten Opfers gebohrt hatte und nicht mehr fahrtüchtig war, ausgestiegen und kurz zu dem Opfer gegangen war, eine vermeintliche Munitionskiste auf sein Autodach gestellt hatte, seine Schuhe auszog und einen Gebetsteppich ausrollte. "Ihr werdet alle sterben", soll er gesagt und begonnen haben, zu beten. Einem Polizisten erklärte er laut Protokoll, dass diese Kiste für ihn Krieg bedeuten würde.

Verteidiger entschuldigt sich für den Täter

2015 war der Beschuldigte über die Balkanroute aus dem Irak nach Finnland geflüchtet. Sein Asylantrag wurde, wie auch später in Deutschland, abgelehnt. Weil Papiere für seine Abschiebung fehlten, wird er hier geduldet. In einem Berliner Flüchtlingsheim soll er bereits in früheren Jahren die anderen Bewohner sogar zur Flucht aus den Fenstern gezwungen haben, weil er sie höchst aggressiv zum "Mitbeten" aufgefordert haben soll. Wegen seiner angenommenen psychischen Krankheit wurde A. bereits damals für schuldunfähig erklärt.

Sein Verteidiger Rolf M. Schmidt sagte im Prozess, seinem Mandanten tue das Geschehen auf der Autobahn sehr leid. Er sei froh, dass niemand gestorben sei. Er selbst könne nicht im Prozess sprechen, weil seine Gesundheit noch nicht vollständig wiederhergestellt sei. Die Ursache für seine Taten liege in der Erkrankung und seien keine "Handlungen eines Terroristen, der willentlich die Taten begeht". Nichts sei geplant gewesen, sondern alles spontan geschehen.

Die Generalstaatsanwaltschaft strebt die Unterbringung des als schuldunfähig geltenden Beschuldigten in der Psychiatrie an. 101 Zeugen könnten vor Gericht aussagen, dazu kommen 23 Polizisten und sechs Sachverständige. Derzeit ist der Prozess bis Ende September terminiert.

Sendung: Inforadio, 15.04.2021, 13 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

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