Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg - "Ich weise nur auf den Schmutz hin, der im Nest liegt"

Collage: Matthias Katsch, Sprecher des Betroffenenverband «Eckiger Tisch», spricht während einer Pressekonferenz. Jesuitenpater Klaus Mertes spricht während der Herbstvollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Quelle: dpa/A. Dedert/M. Becker)
Video: Abendschau | 08.04.2021 | Gute/Wassermann/Pfisterer | Gespräch mit Matthias Katsch | Bild: dpa/A. Dedert/M. Becker

Einer ist Überlebender, einer hörte zu. Matthias Katsch und Klaus Mertes haben die Aufarbeitung des Missbrauchs am Berliner Canisius-Kolleg in Gang gebracht. Beide erhalten nun für diese Lebensaufgabe das Bundesverdienstkreuz. Von Margarethe Steinhausen

Spannung liegt in der Luft als sie sich zum ersten Mal im Rektorenzimmer des renommierten Canisius-Kollegs in Berlin-Tiergarten begegnen: Im Januar 2010 will Matthias Katsch endlich sein Schweigen brechen. Vor 40 Jahren hat er am Berliner Elitegymnasium die Schulbank gedrückt. Der Gang in seine alte Schule kostet ihn Überwindung. Doch dann berichtet er dem damaligen Rektor Klaus Mertes vom Missbrauch durch zwei Jesuitenpatres in den 1970er Jahren.

Grund für das jahrzehntelange Schweigen sei Scham gewesen, sagt der Unternehmensberater Matthias Katsch. Scham über das Erlittene, aber auch Scham, sich nicht gewehrt zu haben. In Klaus Mertes findet Matthias Katsch einen Jesuitenpater, der zuhört. Und er trifft auf einen Vertreter der katholischen Kirche, der nicht länger vertuschen will.

Mertes fordert lückenlose Aufklärung

Das war völlig neu. Das Thema Missbrauch war in der Kirche nahezu tabu. Klaus Mertes ist schon nach dieser ersten Begegnung klar, dass es eine große Zahl weiterer Betroffener geben muss. Kurzentschlossen schreibt er einen Brief an 600 ehemalige Schüler des Kollegs. Er signalisiert, auch ihnen zuhören zu wollen. Der Brief wird in der "Berliner Morgenpost" veröffentlicht, und die Medien feiern den Jesuitenpater von nun an als Aufklärer – ein Etikett, das Klaus Mertes zurückweist. Lückenlose Aufklärung könne nur eine unabhängige Kommission leisten. Dieser müsse Einblick in alle kirchlichen Akten gewährt werden, inklusive der Geheimakten der Bischöfe. Innerkirchliche Gutachten reichen dem Pater nicht.

Aktivist für die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs

Wegen dieser Unnachgiebigkeit gilt Mertes gerade in konservativen katholischen Kreisen als Nestbeschmutzer. "Ich weise nur auf den Schmutz hin, der im Nest liegt", wird Klaus Mertes nicht müde zu betonen.

Diesen Schmutz will auch Matthias Katsch ans Tageslicht befördern. Wie Klaus Mertes hält er nicht viel vom Aufklärer-Etikett. Er nennt sich lieber Aktivist für die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs. Mit anderen Betroffenen hat er die Initiative "Eckiger Tisch" gegründet. Eckig, um sich vom Runden Tisch der Bundesregierung abzugrenzen. An dem durften Betroffene anfangs nicht einmal Platz nehmen. Eckig aber auch, um deutlich zu machen, dass man sich nicht mit vagen Versprechungen und Vertröstungen abfinden will. Stattdessen wollen die Betroffenen Licht ins Dunkel der Verbrechen bringen. Sie kämpfen um Unterstützung für Therapien und pochen auf eine angemessene materielle Entschädigung für erlittenes Leid.

Beim Thema Entschädigung gehen die Meinungen auseinander

Beim Thema Entschädigung wird deutlich: Klaus Mertes und Matthias Katsch sitzen auf verschiedenen Seiten des eckigen Tisches. Ein Grund ist die enorme Höhe der Forderung. Zwischen Drei- und Vierhunderttausend Euro soll die Kirche an jeden Betroffenen pauschal zahlen. Das wäre das Ende der pädagogischen Arbeit für den Jesuitenorden, fürchtet Klaus Mertes. Auch wenn die Jesuiten alle Schulen und Hochschulen auflösten, würde das bei weitem nicht ausreichen. "Und warum sollen Schüler und Eltern heute für etwas bezahlen, was vor dreißig und mehr Jahren geschehen ist?" fragt der inzwischen pensionierte Rektor Mertes.

Matthias Katsch hingegen will, dass die Kirche auch materiell spürt, was sie im Leben der Opfer angerichtet hat. Die Kirche hat als Institution versagt, betont der Sprecher des Eckigen Tisches. Sie hat die Täter geschützt und die Verbrechen systematisch vertuscht. Bezeichnenderweise heißt die Geheimakte des früheren Kölner Kardinals Meisner "Brüder im Nebel". Für diese Verbrechen im Nebel könne es keine Wiedergutmachung geben, aber doch einen Ausgleich für erlittenes Leid.

Auch wenn sich beide Seiten in der Entschädigungsfrage verbissen haben: Matthias Katsch und Klaus Mertes schätzen sich gegenseitig, wahren aber Distanz. Für beide ist Missbrauch zum Lebensthema geworden. Und beiden müsste die katholische Kirche im Grunde dankbar sein. Denn auf ihre Weise arbeiten Matthias Katsch und Klaus Mertes daran, dass sexuelle Gewalt und Doppelmoral, Lüge und Vertuschung ans Licht kommen. Beide halten der Institution einen Spiegel vor. Damit sie für die ihr anvertrauten Kinder ein sicherer Ort wird und auch bleibt.

Beitrag von Margarethe Steinhausen

9 Kommentare

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  1. 9.

    Ja, Kinder sollten daheim stark gemacht werden, und es sollte ihnen Gehör geschenkt werden. In einer idealen Welt.

    War bei mir leider nicht so. Daheim nicht und am Canisius Kolleg schon gar nicht. Einer der benannten Patres war mein Religions- und Klassenlehrer. Wir Schüler haben untereinander über die Übergriffe gesprochen, aber da von Eltern und Lehrkörper niemand eingriff, haben wir uns halt in die Realitäten gefügt. Ich bin den Herren Mertes und Katsch daher dankbar für ihren Einsatz.

  2. 8.

    Die Prävention muss im Elternhaus anfangen. Den Kindern muss ohne Wenn und Aber erklärt werden, was passieren kann. Doch wichtig ist dabei, dass sie ohne Scheu ihren Eltern sofort darüber berichten. Die Eltern müssen ihren Kindern glauben, bereit sein sofort zu helfen. Ich weiß wovon ich hier schreibe. Habe selbst das leider erlebt.

  3. 7.

    Ich habe eine Bitte: Es möge damit aufgehört werden, „sexueller Missbrauch“ zu sagen/zu schreiben. Das Wort MISSbrauch impliziert, das es auch einen (legalen?) GEbrauch geben könnte. Herr Mertes und Herr Katsch sagen was es ist: sexuelle bzw. sexualisierte Gewalt.
    Die beiden haben angestoßen, dass endlich öffentlich wird, dass die Kirche sich der weltlichen Gerichtsbarkeit entzieht und dass nicht aufgehört wird darüber zu sprechen. Es ist ja nicht nur die sexualisierte Gewalt, es sind sämtliche Sonderrechte, die den Kirchen noch immer gewährt werden.

  4. 6.

    Bundesverdienstkreuz völlig unangemessen und nur eine politische Nebelkerze. Gerade in der Kinder- und Jugendhilfe gibt es eine Reihe von Bürgern, die seit Jahrzehnten sich dem gesamten Prozess der Heimunterbringung widmen (Haasenburg etc.), nicht aber eine kurze Sequenz - wie diese beiden Protagonisten. Denn es gilt zunächst die wahren Verantwortlichen ausfindig zu machen und zu benennen und Missstände abzustellen. Die angeblichen "Täter" ist dann eine andere Baustelle.

  5. 5.

    Zum Glück ist das ihre Meinung und ich kapiere die nicht so ganz!

    Wenn man Betroffener ist, gehört eine Menge Mut dazu, sich diesem unendlichen Thema Missbrauch anzunehmen. Auch ich wurde durch Matthias Katsch aufgerüttelt.....

    Wie man dieses Thema mit Steuern bezahlen vergleichen kann? Ich kapiere es noch immer nicht. Aber egal. Sie verstehen das mit dem Bundesverdienstkreuz ja auch nicht.

  6. 4.

    Mutige Menschen sind nicht alltäglich, ansonsten wäre jegliches Schweigen und Vertuschen und Relativieren über Jahre nicht möglich. Gut, dass das geehrt und ausgezeichnet wird. Außergewöhnliche Menschen eben, Herz am richtigen Fleck.

  7. 3.

    Nicht zu verstehen ... Bundesverdienstkreuz... dann bitte auch für jeden Bürger eins, der seine Steuern zahlt. Wieso ist Normalität jetzt eine Auszeichnung wert?

  8. 2.

    Respekt vor der Arbeit dieser beiden Männer! Und ja, als Katholikin, die mehr und mehr zweifelt, ob ich da noch richtig bin, fühle ich große Dankbarkeit, dass es auch diese Katholiken gibt.

  9. 1.

    Ja, verdient haben sie es, den Bundesverdienstkreuz. Endlich hat mal jemand den Mut geworden, um damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Leider Jahrzehnte zu spät, aber lieber spät als gar nicht.

    Ich warte noch heute auf den Tag, wo unsere Bundeskanzlerin und unser Bundespräsident, deutliche Worte finden, an die Verantwortlichen der kath. Kirche. Es wird mir noch zu viel geheuchelt, seitens der Politik. Es muss mehr Druck auf die kath. Kirche ausgeübt werden, damit für die Opfer eine befriedigte Lösung gefunden wird. Leider ist schon viel zu viel Zeit vergangen.

    Was ist aus dem Fonds Sexueller Missbrauch geworden ? Sehr viele Opfer warten noch immer auf Hilfe. Es wurde vieles versprochen, doch wenig gehalten.
    Mögen die Medien, dieses Thema " Sexueller Missbrauch " wachhalten, damit vielen Kindern dieses grausame Verbrechen erspart bleibt.

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