Befreiung des KZ Sachsenhausen - Grausame Tortur im Belower Wald

Blumen und Kränze liegen an der Gedenkstätte Belower Wald, die an den Todesmarsch von KZ-Häftlingen im April 1945 erinnert (Bild: rbb/Oliver Soos)
Audio: Inforadio | 21.04.2021 | Oliver Soos | Bild: rbb/Oliver Soos

Die Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald erinnert an die furchtbaren Tage im April 1945, als 16.000 Häftlinge des KZ Sachsenhausen krank und hungernd hier ausharren mussten. Die Erzählungen der Überlebenden beschreiben eine grausame Tortur. Von Oliver Soos

In den frühen Morgenstunden des 21. April 1945, als die Rote Armee nur noch wenige Kilometer entfernt war, räumten die Nazis das KZ Sachsenhausen bei Oranienburg. Sie schickten die noch verbliebenen 33.000 Häftlinge in 500er-Gruppen auf so genannte Todesmärsche, Richtung Nordwesten. Unter den Häftlingen waren auch Frauen und Kinder. Unterwegs töteten die SS-Wachmänner hunderte von ihnen.

Der jüdische Komponist Peter Heilbut, der damals 25 Jahre alt war, beschrieb einen dieser Morde: "Einer, einige Reihen vor uns, bricht zusammen, fällt, liegt da […] Gibt er sich der simplen Hoffnung hin, dass weitermarschiert und er hier liegen- und zurückgelassen werde? […] Auf SS-Befehl wird er beiseite getragen, neben den Weg gelegt. Ein Schuss knallt. Wir haben den ersten Toten." Diese und weitere Erinnerungen von Überlebenden dokumentiert die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten auf ihrer Homepage [www.below-sbg.de].

An einem Baum fehlt ein großes Stück Rinde von dem sich KZ-Häftlinge im April 1945 aus Verzweiflung ernährten (Bild: rbb/Oliver Soos)
Der Baum mit der fehlenden Rinde ist im Belower Wald markiert | Bild: rbb/Oliver Soos

"Ausgemergelte, ungewaschene, zerrissene Gestalten"

Ab dem 23. April zogen die Nazis 16.000 KZ-Häftlinge im Belower Wald (bei Wittstock/Dosse) zusammen. Vor einem Hirtenhaus, in dem sich die SS-Wachmänner ausruhten, mussten die Häftlinge eine knappe Woche lang auf dem blanken Waldboden ausharren.

Fritz Eickemeier, ein damals 37-jähriger Kommunist, kam etwas später hinzu und beschrieb das Lager, das er damals vorfand [www.below-sbg.de]: "Soweit das Auge reicht, Waldhütten, Erdhöhlen und Laubdächer. [...] ausgemergelte, seit Tagen ungewaschene, zerrissene Gestalten hocken um das Feuer. Überall sieht man in Kochgeschirren, Konservenbüchsen, Suppe kochen. Es ist Wasser mit Brennnessel und anderer Gräser, denn Verpflegung hat es bis jetzt auch hier noch nicht gegeben."

Aus Verzweiflung von Baumrinde ernährt

Carmen Lange, die Direktorin der heutigen Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald, deutet auf eine Kiefer, bei der ein etwa 50 Zentimeter langes Stück Rinde fehlt. "Das ist eine sehr eindrucksvolle Spur. Hier sieht man, wie die Menschen in ihrer Verzweiflung versuchten, sich von der Baumrinde zu ernähren." Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten zeigt in ihrer Ausstellung im mittlerweile nachgebauten SS-Hirtenhaus improvisierte Reiben, die auf dem Waldboden gefunden wurden.

"Das sind Blechstücke, in die die Menschen mit ihren Nägeln Löcher reingedrückt haben. An der einen Seite der Löcher entstanden scharfe Kanten und so konnten sie damit Baumrinde zu Spänen zerreiben und mit Pfützen-Wasser zu Brei verarbeiten", erzählt Lange.

132 Gräber am Belower Wald

In Grabow (Mecklenburg-Vorpommern), dem ersten Dorf hinter dem Belower Wald, gibt es einen Gedenkstein. Hier wurden 132 Menschen beerdigt, die das Lager nicht überlebten. Die meisten Häftlinge wurden von den Truppen der Alliierten befreit, vor allem von der Sowjetarmee.

Im Laufe der Jahrzehnte besuchten viele Überlebende immer wieder die Gedenkstätte im Belower Wald. Carmen Lange erinnert sich an etwa 30 Personen, die in den 2000er Jahren regelmäßig zu den Gedenkfeiern im April kamen. "Für viele war der Todesmarsch nach den Erlebnissen im KZ der Scheitelpunkt. Sie wussten nicht, was sie erwartet, entweder der Tod oder die Freiheit. Das war sehr aufwühlend und ich glaube, deshalb war für viele dieser Marsch sehr wichtig", sagt Lange. In den letzten Jahren kamen noch vier Überlebende zu den Gedenkfeiern in den Belower Wald.

Neonazistischer Brandanschlag 2002

Ein einschneidendes Erlebnis war ein neonazistischer Brandanschlag auf die Gedenkstätte im Jahr 2002. Dabei wurden die Täter nie gefasst. Immerhin gab es danach ein starkes Zeichen, sagt Lange: "Der Brandanschlag hat genau das Gegenteil von dem bewirkt, was die Neonazis wollten. Denn nach dem Anschlag ist die Neugestaltung der Gedenkstätte so richtig in Schwung gekommen."

Sendung: 16.04.2021, Inforadio, 17:30 Uhr

Beitrag von Oliver Soos

6 Kommentare

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  1. 6.

    Das Fatale liegt in dem Schluss, dass derjenige, der zum berechtigten und überfälligen Ende der Nazizeit maßgeblich beigetragen hat, im Umkehrschluss Demokrat gewesen sein muss. Das war die Sowjetunion weder unter Stalin noch danach. Dankbarkeit ist angezeigt und ist doch fatalerweise wegen eines gegensätzlichen Umkehrschlusses im vorherigen Bundesgebiet ausgeblieben, Kritiklosigkeit gegenüber allem Jetzigen aber wäre fatal. Analoges gilt auch für die USA, was deren Interventionen bspw. in den 1950ern im Irak, in Vietnam und 1973 in Chile angeht.

  2. 5.

    Ja, und??? Sind das heute die Selben wie damals?? Haben die damals ihre Leute aus dem Gulag befreit??Nein, ich denke nicht. Man muss ihnen für das geleistete und die Opfer Dankbar sein, ohne jeden Zweifel. Das heißt aber logischerweise nicht, das man sie heute nicht kritisch betrachten darf. Und nein, es ist nicht nur eine Sache der Amis, ihre Konflikte mit Gewallt zu lösen. Da könnten die Nachbarn Russlands wahrscheinlich etwas zu erzählen.

  3. 4.

    auf den Punkt ... , leider begreifen das die Wenigsten . Aber die Hoffnung stirbt zuletzt ...

  4. 3.

    Und die, die die damaligen Häftlinge von den Deutschen befreit haben, werden heute eben von den Nachfahren dieser Verbrecher in aller Öffentlichkeit, als Kriegstreiber betitelt. Da werden Kriegsübungen an der russischen Grenze abgehalten und Sanktionen verhängt und im Bundestag geschimpft, was das Zeug hält!

  5. 2.

    Einfach nur unendlich beschämend, was sich (insbesondere zwischen 1933 und 1945) zugetragen hat und welch entsetzliches Leid Menschen von Menschen angetan wurde. Der Hinweis aufs www. im Text ist sehr hilfreich und sollte nicht nur allen Interessierten und Schülern sondern vor allem ALLEN Leugnern und Faschisten als Pflichtlektüre dienen, denn die Erlebnisberichte sind erschütternd und einzigartig. Nie wieder Unterdrückung, Krieg und Faschismus!

  6. 1.

    Die sogenannten Endphaseverbrechen gehören zu den grausigsten Episoden der NS-Geschichte. Mir tun die Menschen so unendlich leid, die ihre Erlösung schon vor Augen hatten und dann doch noch umgebracht wurden.

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