Archiv: Eine Hebamme untersucht am 11.03.2014 in einer Praxis eine schwangere Frau. (Quelle: dpa/Fredrik von Erichsen)
Audio: Inforadio | 22.04.2021 | Amelie Ernst | Bild: dpa/Fredrik von Erichsen

Brandenburg - Ein Studium soll die Hebammen-Ausbildung attraktiver machen

Es gibt immer weniger Hebammen, und in Brandenburg wirkt sich der Mangel dramatsich aus. Jetzt soll ein Studium wieder mehr junge Menschen in die Ausbildung locken. Ob damit die Grundprobleme gelöst werden, muss sich noch herausstellen. Von Amelie Ernst

Rathenow macht den Kreißsaal dicht: Seit Januar sind in der Havelland-Klinik nur noch Voruntersuchungen und notfalls Kaiserschnitte möglich, aber keine klassischen Geburten mehr. Der Grund ist Hebammenmangel. Immerhin hat der Kreißsaal im 50 Kilometer entfernten Nauen nach längerer Schließung wieder geöffnet. Doch von flächendeckender Versorgung könne nicht mehr die Rede sein, beklagt Beatrice Manke vom Brandenburger Hebammenverband.

Ein Fünftel der Hebammen-Stellen in den Kliniken sei derzeit nicht besetzt, und jede dritte Geburtshelferin gehe in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand. "Aktuell sind Schwedt und Eisenhüttenstadt so unter Druck geraten, dass wir Sorge haben, dass dort die Geburtshilfe nicht mehr aufrechterhalten werden kann."

Viel Stress, wenig Geld

Ungefähr 50 neue Hebammen bilden die Fachschulen in Eberswalde und Cottbus jedes Jahr aus. Doch längst nicht alle sind anschließend auch als Freiberuflerin oder Klinikhebamme im Einsatz. Einige brechen ihre Ausbildung schon ab, sobald sie die ersten, stressigen Erfahrungen im Klinikalltag gesammelt haben.

Melita Grieshop ist derzeit eine der wenigen Professorinnen für Hebammenwissenschaften und leitet den dualen Bachelor-Studiengang Hebammenkunde an der Evangelischen Hochschule in Berlin. Für sie hängt die Frage, wo die Studierenden oder Auszubildenden bleiben‚ entscheidend davon ab, wie attraktiv die Arbeitsplätze sind. Und das sind sie nicht überall: "Da gibt es noch Nachsteuerungsbedarf."

Stressige Schichten in der Klinik, weite Wege zu den Schwangeren auf dem Land und viel Dokumentationsarbeit – es sei kein Wunder, dass der Hebammennachwuchs da rar sei, meint auch Verbandsvorsitzende Beatrice Manke. Man müsste die Kolleginnen von allen artfremden Tätigkeiten entlasten, meint sie: "Es ist unglaublich, wieviel Zeit Hebammen damit verbringen, den Kreißsaal zu putzen. Dazu ist ihre Zeit eigentlich viel zu schade." Dazu kommt die Bezahlung: Etwa 2.800 Euro brutto verdient eine Berufsanfängerin in einer Klinik laut Tarif.

Personal für Ausbildung fehlt

Ein weiteres Problem ist die mangelnde praktische Begleitung. Denn in den Kliniken finden sich nicht genügend Hebammen, die gelernt haben, wie man die Hebammenschülerinnen richtig anleitet.

Und selbst wenn sie das könnten, könnten sie es oftmals nicht leisten. Denn wer als Hebamme arbeitet, wird händeringend für die Geburtshilfe gebraucht – für Extra-Qualifikationen und die jungen Kolleginnen fehlt oft die Zeit.

Aber die Erfahrungen in den Praxisphasen sind für die Hebammenschülerinnen oft entscheidend. Brandenburgs grüne Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher sieht angesichts dieser Schieflage vor allem die Arbeitgeber in der Pflicht: "Die Klinikträger müssten eigentlich von sich aus schon alles tun und die Arbeitsbedingungen so attraktiv wie möglich machen, um ihre Stellen überhaupt noch besetzen zu können."

Das Problem der fehlenden Ausbilder stellt sich mit Beginn des Wintersemesters und des neuen Studienfachs Hebammenwissenschaften noch einmal neu. Denn nun werden auch Professoren und Professorinnen, Dozenten und Dozentinnen gebraucht, die akademische Erfahrung haben und ihr Wissen vermitteln können - und wollen.

Bisher sei die Hebammenausbildung hierzulande fachschulisch gewesen, meint Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD). So kämen promovierte Bewerber und Bewerberinnen für die Lehre meist nicht direkt aus den Hebammenwissenschaften, sondern aus anderen medizinischen Fachbereichen. Das sei nicht optimal.

30 Studienplätze ab Herbst

Franziska Rosenlöcher bereitet den neuen Studiengang an der BTU Cottbus-Senftenberg vor. Sie ist zuversichtlich, dass sie die zwei Professuren bis zum Semesterbeginn im Herbst besetzen kann – immerhin ein Posten sei bereits vergeben. Geeignete Dozentinnen und Praxisanleiterinnen an den Kliniken zu finden, sei die größere Herausforderung, sagt Rosenlöcher.

30 bis 35 Studierende will die BTU im Fach Hebammenwissenschaften zunächst aufnehmen. Sie sollen am Ende mit dem Bachelor-Abschluss auch mehr Anerkennung erhalten. Und nicht zuletzt auch mehr Zeit und Geld für ihre Arbeit.

Sendung: Inforadio, 22.04.2021, 11:30 Uhr

Beitrag von Amelie Ernst

10 Kommentare

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  1. 10.

    Das sind knapp 3000 brutto, davon ist dann wohl erstmal ein Drittel weg und für Schichtdienst zu jeder Tag und Nachtzeit und die große Verantwortung finde ich das jetzt nicht überragend.

    Ferner ist es ja nun auch noch so, dass freiberufliche Hebammen eine Berufshaftpflichtversicherung von über 8000€ im Jahr zahlen müssen, da braucht es schon mind 50.000.

  2. 9.

    Ich bin im Gegenzug dafür, das sich Menschen, die sich für ein Ministeramt in Land und Bund bewerben zunächst ein Jahr als Hartz4-Niveau bei gesetzlicher Krankenversicherung bewehren müssen.

    Vielleicht kommt dann nicht soviel Blödsinn raus

  3. 8.

    Deutsche Logik.....

    Durch ein Studium solider Beruf attraktiver werden?!

    Das kann nur ein Studierter Politikwissenschaftler sein, der sich so einen realitätsfremden Blödsinn einfallen lässt.

    Haben also die Hebammen bis hier unqualifiziert Körperverletzung betrieben?

    Oder liegt es bei der Attraktivität des Berufes wie immer im Gesundheitswesen vielleicht einfach nur an der unterirdischen Bezahlung? Und vielleicht auch an den übertriebenen Beiträgen zur berufshaftpflicht?

  4. 7.

    Ich gehe mal davon aus, dass mit den Kassen selbstverständlich geklärt ist, dass auch entsprechend mehr Vergütung gezahlt wird und die Versicherungskosten, die soweit ich mich an die Klagen meiner freien Hebamme erinnere, ein riesen Loch fragßen, aufgrund der Besseren Ausbildung, entsprechend MERKLICH zurück gehen?!

    Oder wo ist hier die Problembekämpfung?

    Davon ab, ich Persönlich finde knapp 3000 kein schlechtes Gehalt. Es ist utopisch, dass alle 50.000 im Jahr bekommt. Woher kommen immer diese Ansprüche. Ja, die Hebamme, die Krankenschwester... arbeiten hart. Und auch die Steuerfachangestellte...., die träumt im Übrigen von 2.800 Brutto! Der Busfahrer bekommt auch nicht mehr und trägt Verantwortung.

  5. 6.

    Die Ausbildung ist doch nicht das Problem, es sind die Bedingungen zu denen Hebammen arbeiten. Was soll eine akademische Ausbildung daran ändern? Prof. Dr. Hebamme/ Entbindungspfleger werden die Arbeit nicht besser machen als Menschen, die diesen Beruf mit Können, Wissen und Liebe auf der Basis einer niedrigschwelligeren Ausbildung ausüben. Gleiches gilt ebenso für die Fachkräfte in den Erzieher - und Kinderbetreuungsberufen. Die Studiengänge sind doch, wie in der Krankenpflege, eher etwas für Leute, die Positionen in Leitung oder Lehre anstreben.
    Und ein Blick zurück in ein gewesenes Land: Hebammenausbildung erst nach der Ausbildung zur examinierten, staatlich anerkannten (!) Krankenschwester/-pfleger (Fachschulausbildung auf der Basis der mittleren Reife) und Tätigkeit im Bereich Geburtshilfe/ Gynäkologie.

  6. 5.

    Mir ist es ein Rätsel, wie man den Mangel an Hebammen durch eine drastische Erhöhung der Zugangsvoraussetzungen lösen will. Wer Abitur hat, was künftig Voraussetzung ist, hat sicherlich bessere Aussichten und Perspektiven. Das Hauptproblem der Hebammen liegt doch gar nicht in der Entlohnung oder im zu großen Alltagsstress. Es liegt darin, dass durch Änderung der gesetzlichen Grundlage die Kosten, insbesondere durch die Haftpflichtversicherung völlig aus dem Ruder laufen. Dies könnte der Staat relativ leicht durch teilweise oder vollständige Übernahme der Haftung lösen. Bezahlt werden muss es durch die Allgemeinheit sowieso, momentan über Kassenbeiträge. Dann kann man das auch dem Steuerzahler auferlegen. Das wäre sinnvoller. Die Entlohnung von Hebammen wird auch durch das neue Studium nicht wesentlich besser ausfallen, die Kosten bleiben aber unverändert hoch.

  7. 4.

    Ich denke ein Studium oder Ausbildung sind nicht das Problem sondern die Rahmenbedingungen. Krankenhäuser laufen nicht als Einrichtungen, welche die Menschen heilen sollen, sondern als Unternehmen, welche Gewinn machen wollen und die Versicherungen für niedergelassene Hebammen sind auch nicht ohne.

  8. 3.

    Das ist halt einfach kein attraktiver Beruf, muss man nicht drum herum reden...ebensowenig wie Krankenpflegerin auf der Intensivstation oder Klärwerkarbeiter, oder was auch immer, wo die meisten Menschen sagen: nein danke! Natürlich wünscht man sich eine bessere Bezahlung, dei wünscht sich doch fast jeder...

    Zudem: Babys kommen im Krankenhaus auf die Welt (zumindest wenn die Eltern verantwortungsbewusst sind! Wer unbedings auf der heimischen Couch gebieren will - bitte sehr, dann halt alleine!), Beleghebammen sollte es geben, aber ansonsten sehe ich den Bedarf nun auch nicht so recht...die Mütter wollen halt betüdelt werden, aber das Leben ist kein Ponyhof!

  9. 2.

    Der Hebammen Beruf ist nach wie vor attraktiv und beliebt, die Voraussetzungen sind es jedoch nicht. Unsäglich hohe Pflicht Versicherungsprämien, die die meist Frei Angestellten Hebammen zahlen müssen, falls diese das überhaupt können, bedeuten für viele das Aus. Die Arbeitsbelastung durch Kündigungen sind weit über ein erträgliches Maß hinaus angestiegen. Hier braucht es weder sinnlose Ideen irgendwelcher Politiker, es hilft, den Beruf durch Änderung der Rahmenbedingungen, so wie sie früher mal gewesen sind, attraktiv zu machen. Hebamme ist noch immer für viele ein Traumberuf, aber unter aktuellen Bedingungen nicht erstrebenswert.

  10. 1.

    Frau Nonnemacher ist das, was sie bei Problemstellungen immer ist, drollig weltfremd. Warum sollte der, durch die politisch gewollte Privatisierung, zu einer Gelddruckmaschine gekommene Unternehmer, sich für eine Situation einsetzen, die seinen Gewinn schmälert? Denn wie im Bericht angesprochen, wird dann halt ein Kaiserschnitt durchgeführt. Also geht doch, und die Kasse stimmt. Solange nicht rekomunalisiert wird, der Bund oder das Land nicht per Gesetz privaten Kliniken die Eckdaten diktieren, passiert gar nichts. Oder die Hebammen werden vom Land angestellt, und die Kliniken "müssen" Hebammen zu jeder Geburt hinzuziehen, und natürlich auch gemäß BAT den Einsatz bezahlen. Alles andere sind die üblichen politischen Worthülsen.

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