Die Berliner Drag Queen Gloria Viagra im Interview. (Bild: rbb)
Video: rbb|24 | 11.04.2021 | Material: Abendschau | Bild: rbb

Attacke gegen Dragqueen - "Mit Hass und Beleidigungen ist es massiv schlimmer geworden"

Als Berlins wohl politischste Dragqueen Gloria Viagra kürzlich angegriffen wird, sehen viele andere im Livestream zu. Dieser Fall ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs: Seit Jahren steigt die Zahl von Angriffen auf LGBTIQ in Berlin. Von Marc Feuser

"Was willst du?!" fragt Dragqueen Gloria Viagra noch. Und dann: ein Tritt. Gepöbel - nur, weil Gloria Viagras "Fummel" mit Schminke, orangener Perücke und viel Glitzer nicht den Geschmack eines anderen Besuchers im Treptower Park trifft.

Eine Situation, die vielen queere Menschen bekannt vorkommt. Doch diesmal trifft es nicht irgendwen: Gloria Viagra ist eine "Tunte", eine Diva der alten Berliner Schule - politisch, kämpferisch, meinungsstark. Sie kann sich wehren mit ihren knapp über zwei Metern Größe (in Heels) - auch körperlich.

Der Angriff sorgt sie für Aufmerksamkeit: Gloria Viagra hat auf Instagram und Facebook Tausende Follower*innen. Bei dem Angriff im Treptower Park ist sie eher zufällig live, um Berlins schönen Sonnenuntergang zu streamen, als die Beleidigungen beginnen. Zahlreiche Menschen verfolgen den Angriff live mit.

"Haben Deine Eltern Dir keinen Respekt beigebracht?"

"Ich hab einfach gedacht: Fucking toxische Männlichkeit! Diese Jungs kriegen's nicht gebacken. Haben Deine Eltern Dir keinen Respekt vor anderen Menschen beigebracht?", sagt Gloria Viagra über den Übergriff.

Die Attacke auf sie vom 29. März ist bei weitem kein Einzelfall und doch erschrecken solche Aufnahmen immer wieder, gilt Berlin doch als vermeintlich offene und tolerante Stadt.

Das Erscheinungsbild, eine Dragqueen in voller Montur, ist selten geworden auf den Straßen von Berlin. Motzstraßenfest, CSD und andere stadtbildprägende Events sind pandemiebedingt abgesagt. Es fehlt an queerer Sichtbarkeit.

Zahl der bei Polizei und Landeskriminalamt gemeldeten Anzeigen von Übergriffen auf queere Personen in Berlin von 2018 bis 2020 (Quelle: Abendschau)
Anzeigen wegen anti-queerer Gewalt laut LKA | Bild: Abendschau

Mehr Anzeigen wegen Hasskriminalität gegen LGBTIQ

Nasser El-Ahmad, Aktivist beim Berliner CSD e.V., beobachtet diese Entwicklung mit großer Sorge. "Unsere Bars, unsere Clubs, unsere Infrastruktur ist gar nicht mehr präsent", sagte er am Sonntag in der Abendschau im rbb. Die LGBTIQ-Community müsse weiter sichtbar bleiben, um für Toleranz und Akzeptanz zu kämpfen - insbesondere in einer Stadt wie Berlin, die immer wieder auch Menschen anlocke, die in der Hauptstadt persönliche Befreiung suchen.

"Mit Hass, Konfrontation und Beleidigungen ist es massiv schlimmer geworden", bestätigt auch Dragqueen Gloria Viagra. Die Zahl der bei Polizei und Landeskriminalamt gemeldeten Übergriffe gegen queere Personen gibt ihr Recht: Von Jahr zu Jahr steigen die Anzeigen wegen anti-queerer Gewalt, auf zuletzt 430 Fälle im vergangenen Corona-Jahr. Hasskriminalität gegen queere Menschen ist Alltag in Berlin.

Viele Betroffene scheuen eine Anzeige

Die Dunkelziffer bei Hasskriminalität sei recht hoch, sagt Anne von Knoblauch vom Landeskriminalamt Berlin. Sie und ihr Kollege sind Ansprechpersonen beim LKA für queere Personen. Vor allem ältere schwule Männer erinnern sich noch gut an den Paragrafen 175 im Strafgesetzbuch, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte und mit dem die Polizei jahrzehntelang Schwule verfolgte. Der sogenannte 175er wurde 1994 abgeschafft. Aber: "Wir wissen, dass da zum Teil große Vorbehalte herrschen und damals auch wirklich schlimme Dinge passiert sind. Wir versuchen aber täglich durch Gespräche, durch Kiez-Runden – die leider jetzt in Corona-Zeiten nur eingeschränkt möglich sind - Vertrauen in der Community zu erlangen", erklärt von Knoblauch. Das Ziel sei immer eine Anzeige, damit Ermittlungen eingeleitet werden können.

Betroffene hätten jederzeit die Möglichkeit, von der Internet-Wache Gebrauch zu machen und die Straftaten online anzuzeigen, betont von Knoblauch. Wichtig sei dabei, das Stichwort "Homo- oder Transphobe Gewalt" zu verwenden, damit die Anzeige gleich beim für Hasskriminalität zuständigen Landeskriminalamt lande.

Jeder Übergriff ist einer zu viel"

Auch die Politik nimmt die gestiegenen Zahlen sehr ernst. Dirk Behrendt (Grüne), Senator für Antidiskriminierung, sagte dem rbb, dass zwar nicht klar sei, ob die gestiegenen Zahlen auf "eine gestiegene Anzeigebereitschaft und die Erhellung des Dunkelfeldes oder auf die Pandemie zurückzuführen ist". Für Behrendt ist aber klar: "Jeder Übergriff ist einer zu viel. Wir werden nicht nachlassen, das Empowerment und auch die Strafverfolgung zu intensivieren."

Auch Aktivist Nasser El-Ahmad fordert von der Politik, Konzepte zuzulassen, "damit auch in der Corona-Pandemie Räume für LGBTIQ-Personen sichtbar sind." Alle zukünftigen CSD-Aktionen, die die so wichtige Sichtbarkeit bringen, sollen nicht mehr "nur" online stattfinden - sondern auf der Straße. "Nur weil wir eine Pause machen müssen, heißt das nicht, dass Homo- oder Transphobe Gewalt eine Pause macht."

Sendung: Abendschau, 11.04.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Marc Feuser

22 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 22.

    Diesen "A" interessiert das Thema Diskriminierung doch offenbar gar nicht, Frank. Er meint halt nur, dass ihn das Video nicht so recht "überzeugt" hat . . . und das war's auch schon.

  2. 21.

    Was wollen Sie eigentlich? Was ist IHR Problem? (Ernst gemeinte Frage, ich verstehe echt nicht, welche Sorge Sie mit Ihren Andeutungen aeussern wollen.)

  3. 20.

    Ich glaube nicht das ich irgendeine Äußerung zu dieser sogenannten Minderheit gemacht habe. In keiner Weise.

  4. 19.

    Ach so, finden sie es nicht armselig wenn man mit solchen Mitteln auf ein bestehendes Problem hinweisen will. Das ist ein sogenanntes Eigentor.

  5. 18.

    Was sieht man denn nicht. Den Angreifer, in keinen Bild und in keiner Situation. Und bei heutigen Zeiten wo jeder ein Handy hat und jeden Müll aufnimmt und dieser Livestream sogar noch angekündigt war, würde es mindestens ein Video geben, was den Angreifer zeigt. Und das ist nun mal nicht der Fall.

    Und hier noch mal ein Satz aus meinen ersten Beitrag. Also, wenn man mit so einen Video auf ein bestehendes Problem aufmerksam machen will, erreicht man auf diese Weise wohl eher das Gegenteil.

  6. 17.

    Ja nee, is klar, A.: Sie beurteilen in einem Video, das aus Bild & Ton besteht, was Sie NICHT sehen &hören (sic! - Lol!). - Zum Thema: Massive Intoleranz existiert!! Primäre Ursache aber ist immer, dass Menschen glauben beurteilen zu können und zu müssen, wie andere zu sein haben - OBWOHL diese anderen de facto KEINEM schaden. Religion ist dabei eine mögliche sekundäre Ursache, aber nicht die einzige: Vor 4 Jahren (!) erklärte z.B. eine biodeutsche, nicht-religiöse, eigentlich kluge und offene Bekannte von mir ihrem mittzwanziger Sohn, wenn er schwul leben würde, sei er nicht mehr ihr Sohn. - Intolerante geben mal religiöse Rechtfertigungen, mal schein-rationale, oft auch gar keine. Intoleranz ist ein sehr tief verwurzeltes Verhalten, das auch bei in Gruppen lebenden Tieren auftritt. Es widerspricht aber dem weltweiten Anspruch der Menschen, menschlich zu sein. - Also weiter kämpfen und hoffen: We shall overcome. Some day. Maybe.

  7. 16.

    Genau. Auch wenn ich nicht immer mit Ihren Kommentaren überein gehe...meist schon. Hierzu: Franco Basaglia: Die abweichende Mehrheit...ein Soziologieklassiker der 70erJahre. Steht alles drin und immer noch lesenswert. Schließlich waren wir die Minderheit :Frauen..jung...mit Studium...mit roten Henna Haaren....mit Kindern aufm Festival....usw. und irgendwie nun die neue Minderheit. ALTE! ..ausser Henna und die Enkel würden lieber alleine aufs Festival wenn's denn wieder möglich ist.

  8. 15.

    Was ist das denn? Man soll auch beurteilen, was man nicht hört und sieht? Dann machen wir das mal.
    Ihre Vermutung, dass es eine Inszenierung sei, beurteile ich jetzt als Ablenkungsmanöver. Was ich nicht höre und sehe, ist Ihre homophobe abwertende Grundhaltung. Die beurteile ich aber mit und deshalb : pfui.
    Und wenn's eine Inszenierung war, dann ist es trotzdem ein wahrer Inhalt. Das passiert so oft und ist Realität. Dann hat G.V. eben eine Doku gedreht. Ist doch auch in Ordnung.
    Wie Komentar 1 sagt: jede/r hat das Recht....auch mit orangener Perücke. Obwohl: Gloria, warmes rotbraun würde Dir gut stehen!

  9. 14.

    Wieso stehen Leute daneben und schauen nur zu? Wenn ein Mensch, egal welcher Gesinnung/Hautfarbe/Aussehen, von ein paar miesen Typen angegriffen wird, sollte es doch möglich sein, dass an einem Ort wie dem Treptower Park gleich mal eine viel größere Menge Menschen dazu kommt und sich verbal gegen solche Attacken wehrt.
    Leute, wir sind Berlin! Berlin ist bunt und jeder darf hier rumlaufen wie er möchte. Das dürfen wir uns nicht von so ein paar Unbelehrbaren kaputt machen lassen. Die sind in der Minderheit und das müssen sie immer wieder zu spüren bekommen.

  10. 13.

    Antwort: Eindeutig Ja. Und man sollte nicht nur beurteilen was man in den 15 Sekunden sieht, sondern auch das, was man nicht sieht und hört.

  11. 12.

    Ach so, und der Grund für diese Inszenierung wurde in den Bericht gleich noch mitgeliefert, bzw. verdeutlicht.

  12. 11.

    In der Gesellschaft scheint es immer mehr zum Problem zu werden, mit einem Anderen so zu umzugehen, wie man es sich selbst von anderen wünscht. Ich glaube, das nannte man mal respektvoll. Die Leidtragenden sind leider die Minderheiten, wobei sich die Frage stellt, ob die sog. Minderheiten in ihrer Gesamtzahl nicht doch eine nicht wegzuredende Masse darstellt, die sich nicht verstecken, gar schämen braucht. Es gehört, glaube ich, viel Mut dazu "Anders" zu sein und ich ziehe meinen Schlapphut (mein einiziger) vor denen, die das "Anderssein" und die Probleme öffentlich machen.

    @ A. : Der Satz mit "X" ist dir geläufig?

  13. 10.

    Man könnte jetzt dies auch zu jeder einzelnen Szene aus den Video klar machen. Aber gehe nur mal auf eine Szene ein. Wenn man angegriffen wird und das sogar filmt. Filmt man dann sich selber um sich in Szene zu bringen oder den Angreifer?

    Und das ganze natürlich rein zufällig im Livestream.

  14. 9.

    Sehr gut gekontert Herr Glaudino.
    Mein Kommentar zum Thema wurde ja gar nicht erst zugelassen. Deshalb belasse ich es auch dabei.

  15. 8.

    "Stattdessen sollte - mit Bildung, aber auch mit Sanktionen - gegen alle Milieus vorgegangen werden, in deren Weltbild Queers keine "richtigen" Männer und Frauen sind."

    Das ist hehrer Idealismus, der nach meiner Erfahrung in der Realität nicht umzusetzen ist. Wer seit dem Kleinkindalter dahingehend indoktriniert wird, die Gebote seiner Religion auf gar keinen Fall in Frage stellen zu dürfen, der wird sich durch "Bildung" nicht davon abbringen lassen, einen queeren Menschen nicht als Menschen anzuerkennen, wenn genau das eben Teil der Religionsauslegung ist. Wie soll denn diese "Bildung" aussehen, und wie will man das vereinbaren und koordinieren mit den reaktionären Verbänden und anderen offziellen Religionsvertretern?

    Und wie genau sollen "Sanktionen" aussehen? Auch hier dasselbe Problem: Sogar die reale Möglichkeit von Sanktionen wird niemanden umstimmen, der die eigene Religion und ihre Werte als absolute und somit unantastbare Größe verinnerlicht hat.

  16. 7.

    Hallo Carla, "strukturelle" Homo- und Transphobie in einzelnen Communities wird nicht gerne thematisiert. Es scheint gegen einen Comment zu verstoßen, in dem Opfer- und Tätergruppen (eigentlich sollte man diese beiden Wörter auch in Anführungszeichen setzen) klar voneinander getrennt werden. Dieses Entweder-Oder verhindert Differenzierungen und bestärkt - leider - jene intoleranten Teile der Gesellschaft, in deren Weltbild ein Feinbild unverzichtbar ist. Es geht m.E. nicht um die Schaffung "geschützer Orte", in denen Queers ohne Ängste leben können - solche geschützten Orte sind leider ein Zeichen dafür, dass Queers eben doch nicht Teil der Gesellschaft sind, sondern bitte ihr Nischendasein fristen sollen. Stattdessen sollte - mit Bildung, aber auch mit Sanktionen - gegen alle Milieus vorgegangen werden, in deren Weltbild Queers keine "richtigen" Männer und Frauen sind.

  17. 6.

    Traurig... Berlin war für mich immer die Vorbildstadt in Deutschland, was Diversität und Toleranz angeht. Einer der größten Gründe, wieso ich hergezogen bin.

  18. 5.

    Ich bin auch queer und wurde angegriffen, angespuckt, angepöbelt. Als ich anfing, über die (religiöse) Motivation der Täter zu sprechen, wurde mir sofort “antimuslimischer Rassismus“ unterstellt. Wie komme ich raus aus diesem Dilemma? Soll ich schweigen?

  19. 4.

    Dieses Video läuft ca. 15 Sekunden und ist aus der "Ich-Perspektive" von Gloria V. aufgenommen. Alles drumherum können Sie gar nicht beurteilen, meinen aber trotzdem ein "Fake" erkannt zu haben mit dem etwas inszeniert werden sollte? Und nur weil G.V. einen etwas herberen Ton anschlägt, der ja wohl bei einem verbalen sowohl auch körperlichen Angriff mehr als verständlich ist, finden Sie, dass ein "Dicker" gemacht wurde, "A."?!

    Dass Sie erstmal davon ausgehen hier wird gelogen und ein "besseres" Video hätte Sie mehr überzeugt, zeigt an, dass Ihnen die Problematik nicht wirklich bewusst ist.

  20. 3.

    Ich habe mir das Video schon gestern mehrmals angeschaut und muss leider sagen, das dies sehr gestellt aussieht.

    Und die einzige Person die einen “Dicken“ in den Video macht, ist die Dragqueen Gloria Viagra selber.

    Also, wenn man mit so einen Video auf ein bestehendes Problem aufmerksam machen will, erreicht man auf diese Weise wohl eher das Gegenteil.

Nächster Artikel