George Floyd Graffiti von Eme Freethinker im Mauerpark (Quelle: imago images/Christian Spicker)
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Interview | Jeff Kwasi Klein zum George Floyd-Mordurteil - "Die afrodeutschen Communities atmen zurückhaltend auf"

Nach dem Urteil gegen den Polizisten, der den Afroamerikaner George Floyd ermordete, sind viele Afrodeutsche erleichtert. Dennoch sei das Urteil kein Grund zur Freude, betont der Berliner Jeff Kwasi Klein vom antirassistischen Verein "Each One Teach One".

Der ehemalige Polizist Derek Chauvin wurde am 20. April in Minneapolis wegen Mordes am Afroamerikaner George Floyd in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen [tagesschau.de]. Wie lange der 45-Jährige hinter Gitter muss, wird erst in ein paar Wochen verkündet. Weil der Ex-Polizeibeamte nicht vorbestraft ist, wird davon ausgegangen, dass er vermutlich nicht die Maximalstrafe von 40 Jahren absitzen muss. Über das Urteil haben wir mit Jeff Kwai Klein gesprochen, Afrodeutscher und Anti-Rassismus-Aktivist aus Berlin.

rbb|24: Herr Klein, haben Sie den Prozess gegen den Mörder von George Floyd verfolgt?

Jeff Kwasi Klein: Nicht intensiv. Ich habe auf das Urteil gewartet. Ganz oft werden die Mörder Schwarzer Menschen freigelassen und das habe ich auch jetzt befürchtet. Darauf habe ich mich vorbereitet und bin erleichtert, dass es in diesem Fall nicht so ist. Das nehme ich als Schritt in die richtige Richtung wahr.

Also ein Grund zur Freude?

Nein. Es geht immer noch darum, dass eine Person verurteilt wurde, die jemanden umgebracht hat. Das sollte ein gängiger Prozess sein. Dass es Freude oder eher Erleichterung darüber gibt, zeigt den Missstand ganz deutlich auf.

Wie reagiert die afrodeutsche Community auf das Urteil?

Ich bin kein Sprecher der afrodeutschen Communities. Aber ich glaube, auf diesen einen Fall bezogen, ist es ein zurückhaltendes Aufatmen, dass es zu einem Urteil gekommen ist. Aber es verstärkt den Blick darauf, dass es so oft eben nicht zu einem Urteil kam. Das macht deutlich, dass es in vielen Fällen – auch in Deutschland – bei denen Schwarze Menschen in Polizeigewahrsam ums Leben gekommen sind, keine Aufklärung gibt.

Der Fall von Oury Jalloh, der 2005 unter bis heute ungeklärten Umständen in einer Polizeizelle verbrannte, ist wohl der bekannteste.

Wir haben in Deutschland viele Fälle von z.B. muslimisch-gelesenen oder Schwarzen Menschen, die unter ungeklärten Umständen in Polizeigewahrsam ums Leben gekommen sind. Die Kampagne Death in Custody zählt in Deutschland 179 Todesfällen von Schwarzen Menschen, People of Color und von Rassismus betroffenen Menschen, die seit 1990 in Gewahrsam gestorben sind. Bei mir ist der Wille jetzt noch einmal stärker, dafür zu kämpfen, dass es da Aufklärung gibt.

Seit dem Mord an George Floyd diskutieren wir auch in Deutschland über Rassismus. Was hat sich seitdem verändert?

Die Debatte an sich ist schon ein großer Fortschritt. Vorher hat sie sich im Kreis gedreht und mit der Frage begonnen: Gibt es überhaupt Rassismus in Deutschland? Heute sprechen wir über strukturellen Rassismus und das Verständnis dafür, dass Rassismus auf allen Ebenen zu finden ist, ist bei vielen Menschen gewachsen. Gleichzeitig ist aber auch ein großer Widerstand erwachsen, sich überhaupt mit dem Thema auseinander zu setzen.

Hat sich auch die Schwarze Community verändert?

Durch das letzte Jahr sind auch sehr viele junge Leute aktiv geworden, haben Gruppen, Projekte und Initiativen gegründet. Da sehe ich eine sehr schöne Dynamik besonders unter jungen Schwarzen Menschen. Da findet eine Bewusstmachung statt, was es überhaupt bedeutet, in Deutschland Schwarz zu sein.

Und was bedeutet es, in Deutschland Schwarz zu sein?

Ich will gar nicht nur auf das Negative eingehen. In Deutschland Schwarz zu sein bedeutet auch, dass wir wachsende, dynamische Communities sind. Es ist schön zu sehen, wie viele Schwarze Menschen aus ganz unterschiedlichen Kontexten zusammenkommen und zusammenrücken. Die Diversität innerhalb der Schwarzen Communities wird sichtbarer.

Aber es bedeutet auch, dass man schon sehr früh mit Rassismus konfrontiert und dazu gezwungen ist, einen Umgang damit zu finden, Resilienz aufzubauen. Man muss sich sein ganzes Leben lang mit strukturellem Rassismus auseinandersetzen, ob mit der Polizei, auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt oder in individuellen Interaktionen.

Welche Erwartungen haben Sie an weiße Menschen?

Ich hoffe, dass sich auch weiße Menschen mit Rassismus auseinandersetzen und nicht so tun, als hätten sie damit nichts zu tun. Denn das stimmt nicht. Weiße Menschen haben sehr wohl mit Rassismus zu tun, entweder als diejenigen, die Rassismus produzieren oder als diejenigen, die davon profitieren. Daher hoffe ich, dass sich weiße Menschen das bewusst machen und beginnen, dagegen etwas zu unternehmen.

Was muss dafür passieren?

Ganz konkret brauchen wir eine Datenlagen, auf deren Grundlage wir Maßnahmen ergreifen können. Es muss unbedingt Studien über institutionellen Rassismus bei der Polizei geben, über rassistische Einstellungen von Polizistinnen und Polizisten. Rassismus-sensible Kompetenzen müssen einen hohen Stellenwert in der Ausbildung von Polizistinnen und Polizisten bekommen. Verdachtsunabhängige Kontrollen, die Racial Profiling begünstigen, müssen abgeschafft werden. Es müssen sich strukturelle Dinge verändern, bei der Polizei und bei der gesamten Gesellschaft auch.

Herr Klein, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Rebecca Barth, rbb|24.

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13 Kommentare

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  1. 13.

    Genau so hat das Gericht bzw. die Jury entschieden, nämlich vorurteilsfrei und aufgrund von vorliegenden Beweisen, die alleine das Tatgeschehen, also die Herrschaft des Täters über den qualvollen langwierigen Tötungsvorgang zum Nachteil von Floyd bewerten. Nach deutscher Rechtsprechung wäre doch auch der Tatbestand erfüllt, die Rechtswidrigkeit gegeben und die Schuld - keine Rechtfertigungs- oder Entschuldigungsgründe im Rechtssinne weit und breit!
    Dass die Strafzumessung nun erst hinterher kommen wird, ist den Eigenarten des U.S.-Strafrechts geschuldet. Was haben Sie denn erwartet? Freibier für alle?

  2. 12.

    Ist es wirklich Rassismus? Gerade in Berlin sind sehr viele Drogendealer Schwarze ebenso versuchen Schwarze illegal in Deutschland einzureisen, also logisch das diese häufiger kontrolliert werden.

    In Berlin hat wohl fast jeder mit begrenztem Einkommen Probleme eine Wohnung zu bekommen. Das da jemand wegen Sprachproblemen schlechtere Chancen hat ist verständlich. Und mit der Benachteiligung beim Job ist Quatsch, ich kenne Arbeitgeber die Schwarzen (Flüchtlinge)einen Job angeboten haben, die aber nicht pünktlich waren, nicht mehr auftauchten oder statt zu Arbeiten lieber Sozialleistungen beziehen wollten. Von denen wurde einer als Azubi eingestellt, der Deutsch in der Abendschule macht und sehr fleißig ist, dessen Job ist gesichert. Bei denen die gut Deutsch oder Englisch können oder Ausgebildet sind, gibt es wenig bis keine Probleme.

  3. 11.

    An manchen Kommentaren läßt sich auch hier ablesen, wie beklagenswert doch die fehlende Empathie und die Ignoranz für Themen außerhald des Randes der eigenen kleinen Untertasse sind.

  4. 10.

    Es wäre schön, wenn Rassismus auch in Berlin stärker bekämpft würde. Dass Schwarze häufiger von der Polizei kontrolliert werden als Weiße und es schwerer haben einen Arzttermin, eine Wohnung oder einen Job zu finden ist skandalös. Ich hoffe mehr und mehr Menschen erkennen das und setzen sich für einen respektvollen und vorurteilsfreien Umgang miteinander ein.

  5. 9.

    " Weiße Menschen haben sehr wohl mit Rassismus zu tun, entweder als diejenigen, die Rassismus produzieren oder als diejenigen, die davon profitieren. "
    Rassismus (das Wort wird ja bereits diskutiert, da es "Rasse" ja gar nicht gibt) ist also eindimensional und auch nur one way?
    Unsere ganze Gesellschaft - und damit meine ich keineswegs nur die in D, sondern global - ist von Vorurteilen, Fremdeln, Bewertungen und Erwartungshaltungen durchsetzt. Aber eben nicht nur in eine Richtung. (Am Rande: auch vermeindlich "positive" Vorurteile oder Erwartungshaltungen sind welche und haben eine Wirkung, pos. wie neg.)
    Was den Rassismus in D angeht, so sollte man sich auch genau anschauen, welcher historisch auch in D sein Fundament hat, wie aber auch, durch welche Zuwanderung und Zuwanderer noch welcher importiert wurde. Man muss also auch mal genau hinschauen, welche Bevölkerungsgruppen wie rassistisch sind. (Dasselbe gilt für den Antisemitismus, z.B.)

  6. 8.

    Gibt es, halt nur nicht in Deutschland. Das amerikanische System bitte nicht einfach kopieren. Ich habe mehrfach nach wissenschaftlichen Quellen gesucht, die das bestätigen, was sie behaupten. Es gibt sie einfach nicht. Oder bitte kopieren sie eine europäische Studie gerne mit dem DOI Link hier herein. Zeitungsartikel zählen übrigens nicht als wissenschaftliche QUelle

  7. 7.

    Herr Klein hat doch auch die Plünderungen und Gewalt gegen Polizeibeamte in den USA während black lives matter verteidigt. Leider sagt er selbst, was das Problem ist, es gibt keine Daten, deswegen sollte man aufhören die amerikanische kritische Rassentheorie einfach ohne nachzudenken zu übernehmen. Wir haben keinerlei strukturellen Rassismus in Deutschland, jede Studie die das Gegenteil beweisen möchte, verläuft dahingehend im Sande.

    Niemand will jemandem die Rassismuserfahrungen absprechen, die Frage ist nur, ob das Ziel erreicht wird, wenn man mit Gefühlen argumentiert, statt mit Fakten und dabei blind amerikanische Twitterbotschaften in Deutschland übersetzt. Es gibt mit Sicherheit einiges aufzuholen, auch bezüglich rassisitischer Poliezi- und Feuerwehrarbeit. Meiner Meinung nach, kommt man aber mit Fakten deutlich weiter, als wenn man Behauptungen aufstellt. Dass das amerikanische Justizsystem rassisitsch ist, wurde bereits nachgewiesen, darüber dürfen wir gerne diskutieren....

  8. 6.

    "...wo genau sieht er einen großen "Widerstand erwachsen, sich überhaupt mit dem Thema auseinander zu setzen." "
    Naja, zum Beispiel in solchen Kommentaren wie dem von dir, in dem struktureller Rassismus (gibt es) einfach abgestritten wird und "Beweise" verlangt werden (gibt es), die man durch 5 Minuten goggeln einfach selber finden könnte.
    Wenn man denn wil.
    Will man aber offenabr nicht.
    Und darum geht es.

  9. 5.

    Es wird jetzt überall "das richtige Urteil" gefeiert, selbst der US-Präsident findet es toll.

    Seit Monaten wurde massiver Druck für das richtige Urteil durch Demonstrationen und öffentlichen Aussagen Prominenter oder Politiker aufgebaut. Sollten Gerichtsurteile nicht nur nach Beweisen und nicht nach dem Mainstream gefällt werden?



  10. 4.

    Was mich auch wirklich stört, ist die Frage "Welche Erwartungen haben Sie an weiße Menschen?", als wären nur weiße Menschen gegenüber schwarzen Menschen rassistisch.

    Wer mal in China oder im Nahen Osten unterwegs war, weiß sehr genau wie man dort zum Teil über schwarze Menschen denkt und wie (schlecht) man sie behandelt.

    Im Vergleich dazu geht es Herrn Klein in seiner Community im Herzen Berlins dann doch insgesamt ziemlich gut, und auch das gehört zur Wahrheit.

  11. 3.

    2. "Heute sprechen wir über strukturellen Rassismus und das Verständnis dafür, dass Rassismus auf allen Ebenen zu finden ist, ist bei vielen Menschen gewachsen. Gleichzeitig ist aber auch ein großer Widerstand erwachsen, sich überhaupt mit dem Thema auseinander zu setzen."

    Es ist sehr leicht zu behaupten, dass "auf allen Ebenen" Rassismus zu finden ist, ohne das irgendwie zu beweisen oder beweisen zu müssen. Bis dahin bleibt es eine Behauptung. Für jede "Ebene" (Welche Ebenen sind das eigentlich genau, und wieviele gibt es?) bitte mehrere konkrete Beispiele. Warum lässt der rbb das so stehen ohne nachzuhaken?

    Und wo genau sieht er einen großen "Widerstand erwachsen, sich überhaupt mit dem Thema auseinander zu setzen."? Mit keinem Thema wird sich im Moment in der gesamten westlichen Welt mehr auseinandergesetzt. Dass manche Menschen nicht jede Behauptung oder Theorie einfach akzeptieren und abnicken, ist nicht gleichzusetzen mit "Widerstand" gegen die Auseinandersetzung an sich.

  12. 2.

    1.

    "Wir haben in Deutschland viele Fälle von z.B. muslimisch-gelesenen oder Schwarzen Menschen, die unter ungeklärten Umständen in Polizeigewahrsam ums Leben gekommen sind. "

    Bitte ein Beispiel für einen Fall, in dem ein "muslimisch-gelesener" Mensch unter ungeklärten Umständen in Polizeigewahrsam ums Leben gekommen" ist.

    Im Ernst. Bitte ein Beispiel. Ich warte.

  13. 1.

    Ein gerechtes Urteil im Vergleich zu vorherigen.
    Ich gebe zu bedenken, dass Rassismus unabhängig von Hautfarbe, Ethnie, Glauben ist. Solange die Menschheit das nicht begreift, wird es nicht möglich sein, diesen zu besiegen.

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