Kranke, vertrocknete Bäume stehen in einem Wald (Quelle: dpa/Julian Stratenschulte)
Audio: rbb 88,8 | 20.04.2021 | Interview mit Gunnar Heyne | Bild: dpa/Julian Stratenschulte

Interview | Leiter der Berliner Forsten - "Was wir als Wald bezeichnen, ist ein künstliches System"

Wenn ein Baum abgestorbene Teile und wenige Blätter hat, denkt man, er ist krank. Dabei ist er schon tot, wie der oberste Berliner Förster Gunnar Heyne sagt. Im Interview spricht er über den Zustand der Berliner Wälder und welche Bäume eigentlich in den Wald gehören.

rbb: Herr Heyne, woran erkennt man geschädigte Bäume, wenn sie abgestorbene Teile und keine Blätter mehr haben?

Gunnar Heyne: So wie Sie es beschreiben, ist er schon tot. Einen kranken Baum erkennt der Laie relativ schwierig, es sei denn, er ist schon sehr krank. Beim Laubbaum fällt es auf, wenn in der Krone kein Feinreisig und wenig Blätter vorhanden sind. Bei der Kiefer zum Beispiel muss man sehr genau hingucken. Da braucht es schon einen Feldstecher.

Was ist Feinreisig?

Das sind die letzten Jahrestriebe. Der Baum hat dicke Äste, und das verzweigt sich immer mehr. Bei den dünnen Ästchen spricht man von Feinreisig. Wenn die weniger werden, ist das immer ein erstes Symptom, dass es dem Baum nicht gut geht.

In den verganenen Monaten hatten wir etwas Schnee und durchaus auch mal ein bisschen Regen. Hat das für etwas Regeneration gereicht oder ist das noch viel zu wenig?

Da muss ich wirklich ganz hart sagen, dass das überhaupt nicht reicht - hinten und vorne nicht. Um diese Wasserspeicher wieder aufzufüllen, müsste es wochenlang leicht regnen. Wir haben, das sage ich immer wieder, nicht die vierte Trockenperiode, sondern wir haben seit vier Jahren eine Trockenheit, denn der Winter ist völlig niederschlagsarm. Wir sind weit unter den Durchschnittswerten insgesamt. Und gerade wenn der Regen fällt, fällt er eben nicht zu den Zeiten, wo er für das Grundwasser günstig wäre. Das wäre in den Wintermonaten oder im Frühjahr. Stattdessen fällt er im Hochsommer, in großen Portionen, und läuft uns einfach so weg.

Wird uns das in den nächsten Jahren noch mal so beschäftigen, dass wir andere Bäume brauchen? Oder was haben Sie für Ideen?

Was heißt andere Bäume? Wir sollten genauer hingucken, was früher bei uns im Wald gewachsen ist. Denn das, was wir jetzt als Wald bezeichnen, ist ein künstliches System. Egal, wie naturnah es sich anfühlt und aussieht. Wir müssen wissen, dass der Wald in Deutschland und in Europa zu 100 Prozent eine Kulturlandschaft ist, die vom Menschen beeinflusst und gemacht ist. Wenn der Mensch den Wald nutzt, nutzt er bestimmte Baumarten. Das führt zur Vereinzelung, so dass bestimmte Baumarten wie zum Beispiel der diesjährige Baum des Jahres, die Stechpalme, einfach nicht mehr vorhanden sind. Es führt auch dazu, dass durch den Menschen oder durch den Forster ganz besonders, Bäume gepflanzt werden, wo er sich schnell Erfolg in Form von Holz zum Beispiel verspricht. Eben die Kiefer. Es ist ja ein Unterschied, ob ich eine Eiche pflanze und 200 Jahre warten muss, um Holz zu haben oder eine Kiefer, die das durchaus mit 80 Jahren schon bringt.

Was sollten wir also tun? Sollten wir wieder in Jahrhunderten denken? Oder was ist Ihr Plan?

Das müssen wir sowieso. Wir werden keine Bäume erfinden, die nur drei Jahre leben. Wenn sich das Wetter ändert, können wir nicht einfach sagen, wir pflanzen halt mal was anderes. Wir sollten genauer hinschauen und die Chancen nutzen, die da sind. Wir haben eine Menge Baumarten, die im Moment im Wald kaum eine Rolle spielen, wie zum Beispiel die Ulme, der Bergahorn oder die Wildobst-Arten. Die sind völlig unterrepräsentiert und gehören in einen natürlichen Wald hinein.

Steckbrief: Berliner Forsten

- Rund ein Fünftel Berlins wird von Schutz- und Erholungswald bedeckt.

- Neben diesen 16.000 Hektar innerstädtischen Waldes befinden sich weitere 12.500 Hektar im Umland.

- Die vier Forstämter Tegel, Grunewald, Köpenick und Pankow mit zusammen 28 Förstereien kümmern sich um die Pflege und Entwicklung dieser Waldgebiete zu naturnahen Dauerwäldern

.- Mit einem Anteil von 65 Prozent dominieren noch immer Kiefernbestände mit spätblühenderTraubenkirsche im Unterstand.

- Unter natürlichen Bedingungen bestehen Mischwälder aus Eichen, Buchen, Kiefern, Hainbuchen, Winterlinden, Ulmen und Birken.

Wollen Ihre Kollegen und Sie den Wald natürlicher gestalten?

Das ist der richtige Weg. Wir wollen hin zur Naturnähe. Das sagt auch unsere Zertifizierung FSC für Naturland, dass wir naturnah wirtschaften wollen. Natürlich wollen wir auch ein bisschen Holz ernten. Das spielt nun hier in Berlin nicht die große Rolle. Das ist nachrangig. Hier ist es eben vor allem der Erholungswald. Um den bunt zu gestalten, gucken wir eben auch nach Baumarten, die nach Meinung unseres Forst-Wissens auch bei trockenen Zeiten ein Fortkommen haben.

Dabei werden auch immer gerne Baumarten aus Nordamerika oder anderen Regionen ins Spiel gebracht, die als große Heilsbringer gesehen werden. Das ist bei uns einerseits durch die Zertifizierung in dem Maße nicht möglich. Und andererseits habe ich persönlich auch als studierter Forstwirt meine Bedenken. Das ist völlig aus dem Auge geraten, wie bunt unser Wald eigentlich sein kann.

Was müssen wir nun sofort tun?

Es gibt kein Ad-hoc-Programm, wo wir jetzt sagen, wir legen einen Schalter um, und dann ist alles besser. Wir sollten kontinuierlich weiter daran arbeiten, wenn ich jetzt von uns als Förster der Berliner Forsten spreche, dass wir den Waldumbau weitertreiben, der schon einige Zeit läuft. Das heißt, die Wälder wieder naturnah gestalteten durch Einbringen weiterer Baumarten in die Monokulturen von Kiefer. Das ist natürlich bezogen auf die Stadtbezirke wieder sehr verschieden. In Grunewald oder Tegel haben wir viel Laubholz. Aber in den östlichen Stadtbezirken überwiegt weitestgehend die Kiefer. Dort müssen wir mehr tun. Und das ist unsere Aufgabe, auf diesen ärmeren Standorten Laubholz einzubringen und damit für eine Stabilität dieser Bestände zu sorgen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ingo Hoppe, rbb 88,8. Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung. Das Gespräch können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: rbb 88,8, 20.04.2021, 18:10 Uhr

9 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 9.

    Wird eh bald alles abgeholzt für Wohnungen damit auch jeder der nach Berlin ziehen will auch Platz hat. RRG macht das schon. Wie oft mussten wir schon lesen.. Bäume platt gemacht, Grünfläche zubetoniert, Kleingärten planiert und das nennt sich Grün und erzählt uns was vom Pferd von Umwelt, Klima und CO2. Nach Berlin ziehen wiegt schwerer als der Klimawandel? Dann soll RRG Farbe bekennen und den Zuzug stoppen. Und Chaoten aus der Rigaer etc "ausweisen" damit Krankenschwestern und Kindergärtner dort eine Wohnung finden. Denn die brauchen wir in der Stadt.

  2. 8.

    Vor allem sind Großstädte, große Industriebetriebe, Autobahnen künstliche Systeme. Was tut man ? Immer mehr nach Berlin. Warum ? Dann zumindest eher aufstocken und altes erhalten statt immer mehr Beton. Ich sehe es ja hier an unserem Kalksteintagebau wohin das führt. Einst große Buchen, Kastanien und Riesenpappeln. Schule, Straßen; heute ein Riesenloch und das Grundwasser fließt über ein Wehr auf die Spreeseite; also Flakensee, Dämmeritzsee. etc. Dennoch; wir brauchen auch Wirtschaftswald. Man konnte ja zusehen wie schnell der "Teslawald" weg war. Der übrige Wald muss Wildwald bleiben.

  3. 7.

    Immer wieder mal für ein paar Tage bedeckter Himmel und nicht so große Hitze wäre schon was. Ich habe unter einem Plastikstuhl im Sommer eine Schüssel hier auf der Dachterrasse gestellt und dort 35 L Regenwasser aufgefangen. Es war heiß aber nicht den ganzen Sommer.

  4. 6.

    Genau! Den letzten Sommer-Starkregen gab es am 29./30.6.2017, da war es dann gleich zuviel des Guten, jedenfalls auf einmal.

  5. 5.

    Bei neuen Wohnungsbauplänen muss man endlich das Grauwasser auffangen. Das sollte dann so aufbereitet werden, dass dieses Wasser wenigstens der Natur zu Gute kommt. Im ländlichen Raum sollte man wieder über Rieselfelder nachdenken. Die Themen sind nicht neu, aber die Politik handelt einfach nicht! Und ich befürchte dieser Sommer wird genauso katastrophal wie die letzten drei Jahre. Aber mit unserer Bevölkerung, nicht nur in Deutschland, wird sich leider nichts ändern.

  6. 4.

    Aus dem See verdunstet es dann (siehe Lausitzer Tagebauseen). Da hat man nichts gekonnt.

  7. 3.

    Welcher Sommerregen? Waren Sie die letzten 3 Jahre anwesend? Hier gibts keinen Sommerregen. Je mehr Wasser sich in Seen befindet, umso schneller verdunstet es im Sommer. Einfache Logik.

  8. 2.

    Könnte man! Aber alles was auf die Strassen etc. prasselt, wird ja der Kanalisation zugeführt. Beim Bau neuer Siedlungen passiert genau das Gleiche! Aber dort könnte man von Anfang an für eine Auffangmöglichkeit sorgen! Von mir aus könnte es auch nen Dorfteich sein! Früher gab es doch auch Strassengräben wo das Wasser versickern konnte.

  9. 1.

    Kann man den Sommerregen nicht irgendwie auffangen und in Seen leiten?

Nächster Artikel