Symbolbild: Upcycling. Vogelfutterhaus aus Plastikflasche. (Quelle: dpa/Gabriela Bertolini)
Audio: Inforadio | 19.04.2021 | Interview mit Melanie Jaeger-Erben | Bild: dpa/Gabriela Bertolini

Interview | Upcycling - "Man setzt sein Können neu in Wert und schafft etwas Schönes"

Reparieren oder Umfunktionieren statt Wegwerfen und Neukaufen - beim Upcycling geht es nicht nur ums Ressourcen schonen. Wer aus Altem Neues schafft, mache auch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, sagt Melanie Jaeger-Erben von der TU Berlin.

rbb: Frau Jaeger-Erben, funktioniert es, aus alten Gegenständen etwas Neues, Hübsches und Brauchbares zu machen?

Melanie Jaeger-Erben: Das funktioniert in vielen Fällen sehr gut. Dabei spielt es meistens eine wichtige Rolle, dass man nicht nur vermieden hat, etwas wegzuwerfen. Man hat vielleicht auch Dingen, die man als wertig empfunden hat, wieder einen neuen Wert gegeben. Und dazu kommt auch immer noch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit: Ich habe etwas geschaffen. Wenn ich diesen Gegenstand sehe, den ich geschaffen habe, kann ich mich an diese Erfahrung von Wirksamkeit und von Wertigkeit erinnern. Das ist eine gegenseitige Inwertsetzung. Man setzt sein eigenes Können und die Dinge neu in Wert und schafft sich etwas Schönes. Manchmal sieht es schön aus, manchmal vielleicht auch nicht.

Aber man muss Hand anlegen und die Zeit haben.

Das stimmt. Wir haben uns in einem Projekt mit Leuten beschäftigt, die das zum Teil machen oder das gerne ausprobieren wollen. Interessanterweise haben wir eine andere Wahrnehmung von Zeit beobachten können. Viele Leute definieren Zeit ein bisschen quantitativ: Ich habe zu wenig Zeit. Es fehlt mir immer an Zeit. Zeit ist Geld. Wenn ich einen Gebrauchsgegenstand upcycle, habe ich eigentlich Geld gespart, weil die Zeit kostet auch Geld. Aber das spielt in dem Moment überhaupt keine Rolle. Wenn man sich intensiv mit etwas beschäftigt und eine gewisse Resonanz spürt, hat man das Gefühlt, dass die Zeit schnell verfliegt. Man hat auch ein gutes Gefühl, weil man die Zeit sinnvoll genutzt hat. Es ist gar nicht so wichtig, ob es acht oder zehn Stunden dauert. Das wird sozusagen als wertvolle Zeit empfunden.

Lernt heute ein Kind mit einem Hammer umzugehen oder ein Fahrrad zu reparieren?

Wenn die Eltern sich darum kümmern, ja. Diese praktischen Skills sind nicht unbedingt Teil der Grundschule oder weiterführenden Schulausbildung. Wir erleben, dass viele ihre Erfahrungen im Elternhaus gemacht haben. Das hat in den letzten Jahrzehnten vielleicht abgenommen. Man geht zusammen shoppen oder macht eine schöne Reise. Und es geht nicht so sehr darum, an etwas gemeinsam zu werkeln. Durch die sogenannten Reparatur-Cafes oder Repair-Initiativen hat das aber wieder zugenommen, weil sich dort Generationen mischen. Das ist aber noch kein Mainstream geworden, aber es werden immer mehr Menschen, die das auch nutzen. Es wird auch mehr daran gearbeitet, diese Repair-Cafes in die Schulen zu bringen. Die Schulen sind meistens auch offen dafür.

Wenn die Schulen offen sind. Auch Repair-Cafes können in Pandemie-Zeiten so nicht funktionieren. Wie machen die Menschen das ganz praktisch?

Ja, es fällt viel aus. Es gibt ein paar Repair-Cafes, die unter Hygienebedingungen geöffnet sind. Aber diese Orte, an denen das Lernen von Nachhaltigkeit stattfindet, leiden gerade sehr unter der Situation. Und ich glaube, das wird sehr vernachlässigt, auch in der öffentlichen Wahrnehmung.

Was ist die ökonomische Sicht auf Upcycling, auf Selbermachen, auf Reparieren?

Individuell ökonomisch kann man vielleicht sagen, dass man eher das Gefühl hat, man hätte was gespart. So genau kann man das gar nicht ausrechnen. Es kommt auf das Gerät an. Aber es gibt auch verschiedene Rechnungen, die besagen, dass sich eine Reparatur fast immer lohnt. Also nicht unbedingt die Selbstreparatur. Aber bei den meisten Gegenständen, vor allem langlebige, wie Kühlschrank oder Waschmaschine, lohnt sich eine Reparatur eigentlich immer.

Ist Upcycling immer sinnvoll oder gibt es auch Materialien, die eigentlich entsorgt oder die man in einen Kreislauf zurückbringen sollte? Was ist mit Plastik?

Plastik ist eigentlich ein Stoff, den man unendlich nutzen kann und den man so lange wie möglich bei sich behalten sollte. Die Konsum-Pyramide von Smarticular besagt zum Beispiel, nutze, was du hast, so lange wie möglich. Das ist die beste Option. Wenn man eine gute Verwendung für etwas hat, ist es besser, das bei sich zu lassen, als die Recyclingprozesse anzustoßen.

Dadurch das aber sehr viel einfach so unendlich billig ist, ist es für alle, die upcyceln und reparieren total frustrierend zu sehen, dass die Strukturen mir eigentlich immer sagen, das was du machst, ist nicht wertvoll, weil es gibt ja so viel billigere Sachen überall. Und da investierst du viel zu viel Zeit. Gegen diese ökonomischen oder monetären Bewertungen muss man auch ankämpfen und sagen, ich sehe das als wertvoll an. Ich lasse mir nichts vorrechnen, weil meine Rechnung ganz anders geht. Und da werden Werte einkalkuliert, die eigentlich gar nicht in Euro bezifferbar sind.

Der Mensch ist ja Mensch inzwischen, weil er konsumiert. Unsere Welt besteht aus Dingen. Ist das aus Ihrer Sicht eine falsche Auffassung oder steckt uns das womöglich in den Genen, dass wir sagen, wir mögen Dinge, die wir haben, die hübsch sind, die wir nicht nur einmal, sondern mehrmals haben zum Beispiel?

Der Soziologe Zygmunt Bauman hat unsere Gesellschaft als Konsumgesellschaft bezeichnet. Er hat beobachtet, dass der Konsum einen wichtigen gesellschaftlichen Stellenwert bekommen hat und man sich über Konsum quasi eine Eintrittskarte in die Gesellschaft verschafft. Das ist natürlich die Sichtweise auf bestimmte dominante Strukturen. Aber es gibt in diesen dominanten Strukturen kleine Nischen, die zeigen, dass es eigentlich gar nicht der natürliche Status ist, dass wir eine Konsumgesellschaft haben und wo alle dem Konsumismus frönen.

Eigentlich zeigen diese Nischen der Konsumgesellschaft, dass es ganz andere Arten und Weisen gibt, wie man sich Dinge aneignen kann, wie man auch eine Mensch-Objekt-Beziehung gestalten kann. Und das zeigt sich eben, wie gesagt, in diesen Repair-Cafes oder in offenen Werkstätten, wo eine ganz andere Beziehung zu dem Gegenstand aufgebaut wird. Es findet eine Art Dialog statt: Ich beschäftige mich mit dir als Gegenstand, du bist kaputt, und ich gucke mir das genau an, und du gibst mir sozusagen dadurch, dass du wieder funktioniert am Ende ein gutes Feedback. Wenn diese Risse größer werden, kann auch diese dominante kulturelle Form des Konsumismus aufgebrochen werden. Es geht darum, diese Risse zu fördern und dafür zu sorgen, dass die weiter werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Melanie Jaeger-Erben führte Christian Wild, Inforadio.

Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: Inforadio, 19.04.2021, 18:45 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    Man kann fast alles reparieren , nur leider muss mandie Sachen zuvor auch irgendwie, irgendwo lagern. Reparieren auf dem Wohnzimmertisch au h nicht
    ratsam, Wohnraum heute aber knapp, trockne Bastel
    Keller, Garagen unbezahlbar. Ich bin der Meinung nicht nur upcyling, sonder auch Reperatur vom Hetsteller muß Moeglich sein, aber nicht bei einem kleinen Plastikteil
    dann zu Utopiapreisen.
    Das ist wirklich Umweltschonend.

  2. 2.

    Mein Sohn (6. Klasse) hatte auch upcycling im LER Unterricht. Wir haben dann was halbwegs sinnvolles gebastelt. Alles gut und schön, ABER: was ich in dem Lehrmaterial und dem Unterricht komplett vermisst habe war einige wichtige und wahre Informationen:
    die echte Recycling Quote in Deutschland ist unter 20%
    die Statistik ist gefälscht (alles was im Recycling Hof eingeliefert wird zählt als "recycelt" auch wenn das meiste davon verbrannt wird)
    das meiste wird verbrannt
    Plasik und Elektronikschrott Exporte nach Asien und Afrika mit extrem negativen Umweltauswirkungen!
    NEIN die Wahrheit ist: Ohrringständer aus alten CD-Spindeln werden die Umwelt nicht retten. Ein Großteil der Upcycling Ideen sind Unfug und lenken von den wirklich wichtigen Themen ab: (Müllvermeidung, Sortentrennung, besser Recyclingfähigkeit schon bei der Entwicklung und Herstellung beachten ... ...)

  3. 1.

    ich finde es schön mit anderen menschen zusammen kreativ zu sein. nur bitte hört auf mit dem upcyclingwahn plastik in die natur einzuarbeiten. das titelbild zeigt es deitlich. eine mehrweg kuststoffflasche, wird aus ihrem kreislauf genommen, mit körnern gefüllt und in den park als vogelfutterbehälter gehängt. wenn diese nach ein paar regenschauern durchbricht landet das ganze ding im müll und wird verbrannt. wär die plasteflasche in ihrem system verblieben, würde daraus eine neue entstehen

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