Rangerin Janet Huber im Volkspark Friedrichshain
Thomas Rautenberg/rbb
Audio: Inforadio | 07.04.2021 | Thomas Rautenberg | Bild: Thomas Rautenberg/rbb

Reportage | Mit Stadtnatur-Rangern auf Tour - "Wir sehen uns als Vermittler zwischen Mensch und Natur"

Sie sind unterwegs in Parks und Naturschutzgebietenen, auf bewachsenen Brachen und überall dort, wo das Berliner Stadtgrün noch der Bebauung trotzt: die Rangerinnen und Ranger zum Schutz der Stadtnatur. Thomas Rautenberg hat zwei von ihnen begleitet.

Von der einen Seite weht der Verkehrslärm von der Landsberger Allee herüber, von der anderen Seite ist das Geschrei spielender Kinder zu hören. Und mittendrin kommt Janet Huber den Berg vom Krankenhaus Friedrichshain zum kleinen Teich im Volkspark herunter: brauner Parka mit dem Aufdruck "Stadtnatur-Ranger Berlin", ein Fernglas um den Hals und die Sonnenbrille ins braune Haar gesteckt. Der Volkspark Friedrichshain gehört zu ihrem Ranger-Revier. Die 36-Jährige hat unseren Treffpunkt am kleinen Teich selbst vorgeschlagen:

"Ich habe gehofft, dass der Graureiher kommt, deswegen gehen wir hier vorbei. Die haben normalerweise feste Jagdgebiete. Wir haben einen, der sitzt mitten im Volkspark Friedrichshain und jagt hier im kleinen Teich."

Heute hat der Graureiher offenbar Besseres vor. Janet Huber hebt ihr Fernglas und sucht noch einmal die Schilfkante des Teiches ab. Ein paar gold-orangene Enten suchen das Weite. Offenbar sind wir ihnen zu nahe gekommen. Diese Mandarinenten stammten eigentlich aus Ostasien, kämen aber in Berlin sehr häufig vor, erklärt die Rangerin: "Es gibt tatsächlich asiatische Touristen, die hierher kommen, um die Enten zu beobachten, weil die in ihrer Heimat ausgestorben sind."

"Ich sehe jeden Tag viele Dinge, die mir auffallen"

Seit August ist die 26jährige studierte Biologin als eine von zwei Stadtnatur-Rangerinnen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg unterwegs. Die ganz großen Grün- und Waldflächen hat sie natürlich nicht in ihrem Revier. Abgesehen von der "Liebesinsel" und dem "Kratzbruch" in der Rummelsburger Bucht gibt es auch keine Schutzgebiete, die sie überwachen muss. Aber gerade deshalb sei es für sie ein toller Job. Der Begriff 'Stadtnatur' passe doch nirgends besser: "Ich lebe auch in Friedrichshain und sehe jeden Tag viele Dinge, die mir auffallen. Ich fand es schön, mich einbringen zu können und vielleicht etwas zum Besseren zu ändern."

Das Stadtgrün der Hauptstadt erhalten

Das Umweltprojekt Stadtnatur-Ranger hat der rot-rot-grüne Senat im vergangenen Jahr gestartet. Jeweils zwei Rangerinnen und Ranger pro Bezirk sollen das Stadtgrün kontrollieren, besondere Tiere und Pflanzen aufspüren und erfassen, damit sie bei anstehenden Bauarbeiten möglichst nicht unter die Räder kommen.

Sie sollen Vorschläge machen, wie das Stadtgrün der Hauptstadt auch für nächsten Generationen in seiner Vielfalt erhalten werden kann, sagt Huber: "Ich glaube, wir füllen im Moment eine Lücke, die die Ehrenamtlichen, die auch sehr engagiert sind, nicht so ausfüllen können. Für ein Amphibien-Projekt mit Kleingärtnern kartieren wir zum Beispiel die Amphibien im Bezirk. Bis jetzt weiß niemand, wie viele Amphibien es in den Kleingärten gibt. Und es ist einfach eine Tiergruppe, die sehr bedroht ist."

Als "grünes Ordnungsamt" sehen sie sich nicht

Bedroht sind auch die Grünanlagen und Parks in der City. Weil sie im Moment nicht Reisen können, verbringen viele Innenstadtbewohner ihre freie Zeit gleich um die Ecke im Grünen. Die große Rasenfläche neben dem Teich im Volkspark Friedrichshain hat sichtbar gelitten. Hunde aller Größen und Rassen tollen miteinander - nicht angeleint. Die Rangerin siehts gelassen: "Es entstehen Nutzungskonflikte, aber ich würde niemand ansprechen, der seinen Hund nicht an der Leine hat im Park. Aber wenn ich sehe, dass der Hund jagt, würde ich schon was sagen. Und einfach ein bisschen aufklären."

Als "grünes Ordnungsamt" sieht sie sich nicht: "Wir haben keine Hoheitsrechte, und wir möchten auch keine Hoheitsrechte haben. Wir sehen uns als Vermittler zwischen Mensch und Natur. Wir sprechen manchmal Menschen auf ihr Fehlverhalten an. Aber ganz oft werden auch wir angesprochen, weil jemand eine Frage hat. Wir haben eine Uniform an und sind leicht zu erkennen. Das ist eher unsere Aufgabe."

Über 600 Bewerbungen flatterten auf den Tisch

Die Stiftung Naturschutz Berlin koordiniert die Arbeit der Stadtnatur-Rangerinnen und -Ranger für elf Berliner Bezirke. Nur Pankow geht seinen eigenen Weg. Bis zum Jahresende stehen berlinweit zwei Millionen Euro für das Naturschutz-Projekt zur Verfügung - ein guter Anfang, meint Projektleiter Lars Büttner von der Stiftung Naturschutz. Mit der Charta für das Stadtgrün bis 2030 oder der Berliner Strategie für biologische Vielfalt habe der Senat politisch seine Hausaufgaben gemacht. Nun brauche es gut ausgebildete Leute, Anspruch und Wirklichkeit beim städtischen Naturschutz abzugleichen. Es brauche die Rangerinnen und Ranger, sagt der 45-jährige Naturschützer: "Die könne in die Fläche gehen, Daten aufnehmen und sie umarbeiten in kleinere Pläne, Vorschläge naturschutzfachlicher Art machen. Sie können praktisch tätig werden, also Hand anlegen, aber können auch mit Bürgerinnen und Bürgern kommunizieren. Das ist ein wichtiger Aspekt bei diesem Projekt."

Über 600 Bewerbungen flatterten im vergangenen Jahr bei Büttner auf den Tisch, als die Berliner Ranger-Stellen ausgeschrieben wurden. Der Job ist offenbar begehrt. Biologen, Umweltpädagogen, Naturwissenschaftler mit unterschiedlichster Fachausrichtung hatten sich beworben. Der Reiz für viele: Die Ranger-Arbeit in einer europäischen Metropole ist kein Job von der Stange. "Wir sind in Schutzgebieten unterwegs, aber auch in scheinbar untypischen Flächen: Friedhofsbereichen, Brachflächen, Uferstreifen, Grünanlagen, Kleingärtenanlagen – da gibt es in Berlin viele Ansatzmöglichkeiten, um mit den Leuten über Naturschutz ins Gespräch zu kommen", sagt Büttner.

Moritz Swars, Stadtranger in Treptow-KöpenickMoritz Swars, Stadtranger in Treptow-Köpenick

Das Pilot-Projekt ist nur bis Ende des Jahres gesichert

Nach Corona gehören dann auch geführte Ranger-Touren dazu. Moritz Swars kann es kaum erwarten. Der schlacksige Dreißigjährige mit dem rot-braunen Bart und den wilden Locken unter seiner grauen Mütze ist Stadtnatur-Ranger in Berlins grünstem Bezirk Treptow-Köpenick. Swars ist erst seit ein paar Wochen dabei. Als Newcomer fühlt er sich aber nicht. Schließlich hat er Naturwissenschaften studiert und eine zusätzliche Ausbildung in der Natur- und Landschaftspflege abgeschlossen.

41 Prozent des Berliner Waldes steht in seinem Revier. Dazu kommen viele geschützte Gebiete, wie beispielsweise die Trockenrasenbiotope in der Wuhlheide oder Berlins letzte Moorflächen am Müggelsee. Als Ranger möchte Moritz Swars künftig überall unterwegs sein – ein aussichtloses Unterfangen in seinem Riesenbezirk. Mit der Naturschutzbehörde wird er sich deshalb über die wichtigsten Projekte verständigen. Und dann gehe es endlich los, freut sich der 30-Jährige: "Berlin hat ein wunderbares Modellprojekt aufgegleist, weil es einfach notwendig ist, die Gebiete zu schützen, zu entwickeln und zu vermitteln zwischen Mensch und Natur."

Doch jede Wiederannäherung, wie Swars sagt, braucht erfahrungsgemäß Zeit. Das Pilot-Projekt der Stadtnatur-Ranger ist derzeit aber nur bis zum Jahresende gesichert. Der neue Senat muss im Herbst entscheiden, ob und wie es weitergehen soll. Die Rangerinnen und Ranger wollen sich darüber noch nicht den Kopf zerbrechen. Sie wollen sich für den Naturschutz in der Metropole unentbehrlich machen. Für sie beginnt jetzt die eigentliche Arbeit im Berliner Stadtgrün.

Sendung: Inforadio, 07.04.2021, 09:25 Uhr

Beitrag von Thomas Rautenberg

11 Kommentare

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  1. 9.

    Nichts zu unangeleinten Hunden im Volkspark Friedrichshain zu sagen zeugt von wenig Ahnung der Biologin. Jetzt beginnen Vögel zu brüten, auch in Gebüschen und werden von Hunden gestört. Im schlimmsten Fall verlassen sie ihre Nester. Es gilt Leinenpflicht im Park, aber das interessiert weder Ordnungsamt noch Polizei, ich habe auf die Ranger gesetzt, vergeblich...

  2. 7.

    Sicher ist es eine tolle Aktion. Leider wird wohl in ein paar Jahren davon nichts übrig bleiben...

  3. 6.

    Sicher liebenswert gemeint. Es gehört in den Schulunterricht; Heimatkunde unmittelbar vor Ort. Kinder lernen ganz schnell und erfassen den Sinn. Wir sehen ja, dass es so wie jetzt nicht weiter geht.

  4. 5.

    Eine lebenswerte Aktion !

  5. 4.

    Tolle Funktion. Ich glaube, wir bräuchten viel mehr Stellen wie diese. Und zwar dauerhaft.
    Auch wenn das dem Selbstverständnis widerspricht: Ich würde mir wünschen, dass eine solche Position in Umwelt- und Tier(schutz)-Angelegenheiten und z.B. in den Forsten Jurisdiktion hätte. Vielleicht ein wenig wie den NPS (National Park Service) in den USA...

  6. 3.

    Toller Job! Und gut dass diese Stellen geschaffen wurden.

  7. 2.

    Schämt man sich der Deutschen Sprache ?
    Immer mehr Anglizismen in den Medien.
    Kein Wunder das Kinder immer mehr Probleme mit der Deutschen Sprache haben.

  8. 1.

    Na klar! Pankow geht einen anderen Weg. Deshalb sehen die vorgeschlagenen Baupläne für Buch auch eine sehr dichte Bebauung an der Moorlinse vor! Allet wird platt gemacht und das was den Bezirk eigentlich ausmacht-das viele Grün- ist dann weg. Icke kann die nicht gutheißen!!

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