Macherei, Lampeninstallation (Quelle: S27 – Kunst und Bildung/Eileen Lampert)
S27 – Kunst und Bildung/Eileen Lampert
Audio: Inforadio | 22.04.2021 | Lisa Spöri | Bild: S27 – Kunst und Bildung/Eileen Lampert

Berliner Projekt - Wo Upcycling mit interkultureller Jugendarbeit einhergeht

Designobjekte, vor Jahren einmal viele Menschen fasziniert haben, werden in der Kreuzberger "Bildungsmanniufaktur S27 - Kunst und Bildung" repariert, aufbereitet und zum Kauf angeboten. Aber die Manufaktur ist weit mehr als nur ein Geschäft. Von Lisa Spöri

Im Schaufenster der Schlesischen Straße 10/11 stehen alte Festnetztelefone, Schreibmaschinen und quadratische I-Pods aus den Nuller-Jahren. Manchmal geht die Tür des Ladenlokals in Berlin-Kreuzberg auf und nicht mehr gebrauchte Gegenstände aus privaten Berliner Kellern werden abgegeben. Was damit geschieht?

"Unser Thema sind Gebrauchsgegenstände und Designobjekte, die einfach die Zeit oder die Technik überholt haben", sagt Sophie Goethe. "Je besser sie damals designed wurden, umso wertiger ist meistens die Materialauswahl und desto einfacher kann man Dinge auch auseinandernehmen." Die Architektin ist Werkstattleiterin der "Macherei", wo ausrangierte Alltags-Gegenstände, wie die im Schaufenster, zu Kunstobjekten und Möbeln werden. Aber nicht nur das.

Macherei vor Sommerpause (Quelle: S27 – Kunst und Bildung/Hannah Henrici)
Alte Benzinkanister umfunktioniert zu einem Tisch | Bild: S27 – Kunst und Bildung/Hannah Henrici

Das Gelernte gleich anwenden

Die "Macherei" gehört zur "Bildungsmanufaktur S27", einem Berliner Kunstlabor für junge Menschen aus aller Welt. Der seit den 1980er Jahren bestehende Verein steht zwar grundsätzlich jedem offen, richtet sich aber vor allem an Geflüchtete und junge Erwachsene in schwierigen Lebenslagen. Neben Sprachunterricht und Hilfeangeboten erhalten sie verschiedene praktische Weiterbildungsmöglichkeiten. Und gleichzeitig sind die Werkstätten Orte zum Experimentieren.

"Vielleicht kann man das an dem Beispiel vom Kronleuchter am besten verstehen", sagt Sophie Goethe und zeigt an die Decke. "Da haben wir angefangen Schweißen zu lernen, Dinge zu biegen und […] kleine Lampen selber zu entwickeln", erzählt sie. Dabei sei die Idee entstanden, kleine Glasflaschen, für die es bis dato keine Verwendung gegeben hatte, auf eigens dafür gefertigte Metallbügel zu setzen und so entstand der Kronleuchter. Hier werde gleich angewendet, was in den Workshops vermittelt wird.

Lernen wie im Bauhaus-Vorkurs

Angelehnt an den Bauhaus-Vorkurs, in dem Studierenden zu Beginn der Ausbildung auf experimentelle Weise gestalterische Grundprinzipien beigebracht wurden, lernen die Trainees hier Grundlagen und Material kennen. Das heißt, sie dürfen in verschiedenen Ateliers von und mit Handwerker*innen und Künstler*inne lernen. "Wir bieten keine Berufsorientierung im klassischen Sinne an", sagt Sophie Goethe, "aber trotzdem gibt es hier einen Zugang zu Maschinen. Meistens sind es Frauen, die das noch nie ausprobiert haben, mit einer großen Kappsäge Holz klein zu sägen oder so. Und das ist ein Ort, an dem sie das alles ausprobieren können."

Die Ungewissheit, mit der viele der jungen Erwachsenen leben, verlangt von allen ein hohes Maß an Flexibilität. Viele wissen nicht, wie lange und ob sie in Deutschland bleiben können. Aber auch das coronabedingte Online-Format stellt die Macherinnen und Macher vor besondere Herausforderungen, wie Goethe erzählt.

Was auf ein Kopfkissen passt

"Die Wohnsituationen sind wahnsinnig unterschiedlich. Manche wohnen in Mehrbettzimmern. Da kann man nicht groß eine Werkstatt zuhause aufbauen, sondern es muss auf dem Format eines Kopfkissens machbar sein." Deshalb wurden im jüngsten Projekt alte Smartphones auseinandergenommen, auch weil das - vor allem in der Pandemie - der wichtigste Alltagsgegenstand geworden ist: Nicht nur die Kommunikation läuft darüber, sondern auch Deutschkurse, Beratungen und Workshops.

Während Dinge in ihre Einzelteile zerlegt werden, findet auch eine theoretische Auseinandersetzung mit den Gegenständen statt. Im gemeinsamen Dialog verbessern nicht nur die Trainees ihr Deutsch, sondern alle lernen etwas, wie Sophie Goethe verrät. In diesem Fall, wie unterschiedlich die Entwicklung zum Smartphone in jeder Kultur war. "Das fanden wir total spannend sich darüber auszutauschen, was das Smartphone in der jeweiligen Kultur eigentlich alles ersetzt."

Für die Zukunft nach Corona wünscht sich die "Macherei" vor allem eines: Dass man sich wieder mehr im Laden trifft, denn ohne die Trainees sei es doch sehr still. Außerdem fehle der Austausch mit Nachbarn und Interessierten aus dem Kiez, die normalerweise herzlich willkommen sind.

"Steve Jobs würde staunen" heißt es auf der Website der S27. Davon und von den anderen Projekten kann man sich, so lange die Kontaktbeschränkungen noch bestehen, jedenfalls schon mal online überzeugen. Und wer alte, aber schöne Geräte abgeben will, fragt am besten vorher an oder kommt spontan mit Maske in die "Macherei".

Sendung: Inforadio, 22.04.2021, 07:55 Uhr

Beitrag von Lisa Spöri

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