Grundsteinlegung "House of One" - Drei Religionen unter einem Dach

Pfarrer Gregor Hohberg (l-r), Rabbiner Andreas Nachama und Imam Kadir Sanci stehen am 27.05.2021 im Berliner Bezirk Mitte vor den Resten der im Krieg zerstörten Petrikirche und nehmen an der Grundsteinlegung für das Mehrreligionengebäude "House of One" in Berlin teil. (Quelle: dpa/Wolfgang Kumm)
Video: rbb|24 | 27.05.2021 | Material: Abendschau | Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Eine Kirche, eine Synagoge, eine Moschee und in der Mitte ein Raum der Begegnung: In Berlin bauen Christen, Juden und Muslime ein gemeinsames Gotteshaus. Nach zehn Jahren Arbeit feiert die multireligiöse Baugruppe am Donnerstag Grundsteinlegung. Von Anne Winter

Der Nahostkonflikt war Anlass für zahlreiche Demonstrationen in ganz Deutschland, bei denen auch antisemitische Parolen gerufen wurden. In einem Youtube-Video finden sich auch diese Bilder: ein Rabbiner, ein Pfarrer und ein Imam, zusammengeschaltet für ein Friedensgebet.

Für Andreas Nachama sind die aktuellen Ereignisse ein Ansporn, klar und deutlich zu sagen, dass Menschen egal welcher Religion oder Herkunft, friedlich und mit Respekt voreinander leben sollen. Der langjährige Direktor der Stiftung Topographie des Terrors geht mit gutem Beispiel voran: Andreas Nachama ist der Rabbiner des zukünftigen Sakralbaus "House of One", das Gebet hält er zusammen mit Pfarrer Gregor Hohberg und Imam Kadir Sanci.

Seit über zehn Jahren verfolgen die drei einen ehrgeizigen Plan: Ein gemeinsames Gotteshaus zu bauen, wo Juden, Christen und Muslime in getrennten Räumen nach ihrer Tradition beten können und sich in einem zentralen Raum der Begegnung austauschen und voneinander lernen. Mit der Grundsteinlegung am 27. Mai nimmt dieses Projekt langsam Gestalt an.

Geistliche des House of One im Dialog: Rabbiner Andreas Nachama, Imam Kadir Sanci und Pfarrer Gregor Hohberg. (Quelle: © House of One/René Arnold)
Die drei Geistlichen des House of One: Rabbiner Andreas Nachama, Imam Kadir Sanci und Pfarrer Gregor Hohberg. | Bild: © House of One/René Arnold

Ein Gotteshaus der Zukunft auf den Fundamenten der Vergangenheit

Die Idee für das "House of One" entstand 2007, als archäologische Grabungen auf dem Petriplatz stattfanden. Im heutigen Stadtteil Mitte befanden sich früher die beiden Städte Berlin und Cölln. Seit dem Mittelalter standen hier mindestens vier Petri-Kirchen, die letzte wurde 1964 als Kriegsruine abgetragen. Bei den Grabungen kamen ihre Fundamente zum Vorschein und die evangelische Gemeinde St. Petri-St. Marien dachte darüber nach, diesen Ursprungsort Berlins auch selbst wieder zu nutzen. Die Kirche wollten sie nicht wieder aufbauen, vielmehr hätten sie überlegt, was sie als Kirchengemeinde für ein gutes Zusammenleben von Menschen in einer pluralistischen Gesellschaft beitragen könnten, erzählt Pfarrer Gregor Hohberg.

Nach vielen Debatten einigte man sich, auf den Fundamenten der alten Petrikirche einen modernen Sakralbau zu errichten, der Kirche, Synagoge und Moschee unter einem Dach vereint, aber auch allen anderen interessierten Menschen offensteht, die sich hier begegnen, voneinander lernen und ihre Verschiedenheit als Bereicherung erleben sollen.

House of One, Schnittperspektive, (Quelle: Kuehn, Malvezzi)
Ein Modell des geplanten "House of One" | Bild: Kuehn, Malvezzi

Die multireligiöse Baugruppe

Für diesen Plan holte sich die Gemeinde St. Petri-St. Marien die Jüdische Gemeinde zu Berlin und das Abraham-Geiger-Kolleg mit ins Boot. Etwas schwieriger war die Suche nach dem muslimischen Partner. Die größeren Moscheeverbände wie die DITIB und die Islamische Föderation ließen sich nicht von der Idee überzeugen, schließlich fand sich mit dem Forum Dialog ein Verein, der zur Hizmet-Bewegung um den türkischen Prediger Fethullah Gülen gehört. Die Zusammenarbeit von Judentum, Christentum und Islam ist durch eine Charta geregelt, die die Unterzeichner nicht nur zu einer Kultur der Gewaltlosigkeit verpflichtet, sondern auch zu gegenseitigem Respekt und dem Verzicht auf missionarisches Handeln.

Dass der muslimische Partner zur Hizmet-Bewegung gehört, war jedoch von Anfang an einer der Hauptkritikpunkte an dem Projekt. Dem Netzwerk des Predigers Fethullah Gülen, das bundesweit vor allem Schulen und Nachhilfeeinrichtungen betreibt, werden sektenartige Strukturen und mangelnde Transparenz vorgeworfen. In der Türkei gelten die Gülen-Anhänger als Drahtzieher des Putschversuches 2016. Daher gab es immer wieder Zweifel, inwieweit das Projekt auch von anderen Muslimen getragen wird oder eher polarisiert.

"Wir bauen nicht nur ein Haus"

Sowohl der christliche als auch der jüdische Projektpartner beteuern, dass sie nie Anlass gehabt hätten, am Forum Dialog zu zweifeln: "Wir im 'House of One' vertrauen einander und das lassen wir uns von außen auch nicht zerstören", sagt die jüdische Kantorin Esther Hirsch. In den zehn Jahren, die sie nun bereits zusammen planen, sich in Arbeitsgruppen mit Antisemitismus und Gewaltprävention, Bildungs- und internationalen Partnerprojekten und ihrem Glauben auseinandersetzen, seien sie Freunde geworden, Glaubensgeschwister im besten Sinne des Wortes, betont Rabbiner Andreas Nachama.

"Wir bauen nicht nur ein Haus", sagt Imam Kadir Sanci, "es entsteht auch ein Herz und eine Seele". Die drei Geistlichen üben den Schulterschluss von Judentum, Christentum und Islam immer wieder bei gemeinsamen Friedensgebeten. Anlässe gibt es genug. Ob Krieg in Nahost, ein rechtsextremes Attentat wie in Hanau, ein islamistischer Terroranschlag wie auf dem Breitscheidplatz und jedes Jahr am 11. September.

Für zehn Euro Steine spenden

Ihr zukünftiges Drei-Religionen-Haus hat das Architektenbüro Kuehn Malvezzi entworfen: Ein heller Ziegelbau mit einem Meter dicken Mauern, der von außen keine religiösen Bezüge erkennen lässt. Mit zehn Euro für einen symbolischen Ziegelstein kann man sich am "House of One" beteiligen – und das haben Menschen aus über 60 Ländern auch bereits getan. Von der Finanzierung nur durch crowdfunding haben sich die Initiatoren allerdings längst verabschiedet, wenngleich auch durch solche Kleinstspenden über Hunderttausend Steine zusammengekommen sind. Insgesamt sind 47 Millionen Euro für den Bau veranschlagt: Der Bund übernimmt 20 Millionen, mit zehn Millionen wird sich das Land Berlin beteiligen, weitere zehn stammen aus Fördermitteln und privaten Spenden.

Die Vision vom gebauten Himmel

Seit November 2020 wird das "House of One" von einem Kuratorium beraten. Den Vorsitz hat der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller. Für ihn ist das "House of One" ein Signal für Verständigung, für Kooperationen, für ein voneinander und miteinander lernen. "Unsere Vision vom gebauten Himmel mitten in Berlin" nannte Gregor Hohberg das Projekt bei der ersten öffentlichen Vorstellung 2011. Bei der Grundsteinlegung am 27. Mai soll eine Kapsel mit guten Wünschen und Botschaften aus aller Welt versenkt werden. Auf den eigentlichen Baustart möchte sich Gregor Hohberg noch nicht festlegen – aber er hofft, dass die Arbeiten noch vor Jahresende beginnen und das "House of One" 2024 oder 2025 bezugsfertig ist.

Sendung: Abendschau, 27.05.2021, 19:30 Uhr

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Beitrag von Anne Winter

40 Kommentare

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  1. 40.

    Dieses Land ist von seiner Definition her weder ein spezifisch christlicher Staat noch ein religiöser Staat. Und doch wurzelt die überlieferte Tradition genau in spezifischen Religionen, die nicht einfach auf Knopfdruck abgestellt und von ihrer Wirkung getrennt werden können. Denn das hieße, soziale Verhältnisse technisch machen zu wollen. Somit treffen alle maßgeblichen Traditionen innerhalb von Religionen auch in diesem Land aufeinander, so wie sie auch in religionsfernen Traditionen aufeinander treffen.

    Das kann im Gegeneinander enden oder es kann in Form eines Austausches geschehen. Das House of One empfinde ich in diesem Zusammenhang als einen wachsenden Raum des Austausches - kein Missionsdrang, kein achtloses Aneinander-Vorbeigehen, vielmehr ein Wahrnehmen. Und, das mögen andere anders sehen: Auch Berlin braucht Symbole. Andere als zu vorherigen Zeiten, dessen sollte sich eine Demokratie nicht enthalten.

  2. 39.

    „House of One“ ist m.E. auch architektonisch einzigartig.

    Allgemein gilt wohl: „De gustibus non est disputandum“ = Alles ist eine subjektiv-individuelle Geschmackssache.
    Aus meiner Sicht und Erfahrung: Sehr, sehr gute Architektur. im besten Sinne des Wortes: Herausragend!

  3. 38.

    Am Anfang ist nicht so einfach aber Ich finde es sehr gut für die offenen und
    transparenten Dialog mit den verschiedenen Religionen.

  4. 37.

    Ja, das mit den Grundrechten ist schon so eine Sache, jeder kann glauben was er will, kriegt dafür sogar noch 30 Millionen um quasi seinen Gottesglauben zu materialisieren, mit Geldern derer die nicht Glauben, aber sagen dazu darf man dann nichts.. so kann man das GG auch auslegen

  5. 36.

    Tolle Projekte. Das Symbol des Friedens

  6. 35.

    Ich erinnere mich an die Diskussion zum Bau der Einheitswippe. Sind da die Meinungen der Bürger zu diesem Monstrum und den Kosten beachtet worden ? NEIN!!! Es ist doch immer wieder die Ignoranz unserer Regierenden, die nun wieder alle gewählt werden wollen. Na dann, frohe Zukunft.

  7. 34.

    In Ihrer übersicht fehlen noch die17 Mio und Sie haben leider die Teuerrungsrate vergessen. Bei Fertigstellung werden es mindestens 80 Mio sein und nicht die vorgesehenen 47 Mio !

  8. 33.

    Weil es egal ist, ob SIE an einem Gott glauben oder nicht. Millionen Menschen haben einen Glauben an und es steht und nicht zu, darüber zu urteilen. Fakt ist, genügend dieser Menschen sind bereit, sich für ihren Glauben gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.
    Nachdem ich eine grundsätzliche Abneigung gegen Köpfe einschlagen habe und im speziellen nicht zwischen die Fronten geraten mag, finde ich meine Steuergelder für Toleranzbemühungen jedweder Art gut angelegt.

  9. 32.

    Genau aus diesem Grund finde ich es eine große verschenkte Chance der anerkannten muslimischen Glaubensgemeinschaften, bei diesem Projekt nicht mit zu machen.


  10. 31.

    Ich schließe mich Adam Green an: "Gott ist die Mutter aller Verschwörungstheorien."

  11. 29.

    Alle monotheistischen (abrahamitischen) Religionen unterliegen dem selben Aberglauben - nämlich dem, dass ein "höheres Wesen" (ausgestattet mit Unfehlbarkeit) eine Welt voller Gewalt und Hass geschaffen habe. Das ist ein Widerspruch in sich, und beweist lediglich die Borniertheit der jeweilgen Gläubigen.

    Zudem sind die gewaltorgiastischen Teile der "Bücher" absolut inakzeptabel.

  12. 28.

    Habe gehört direkt nebenan soll ein Turm für Atheisten, Agnostiker und Pastafari entstehen, arr.

  13. 27.

    Es gibt genügend Gläubige, die Steuern zahlen. Ich fahre zb kein Fahrrad. Soll ich nun rumlamentieren, warum für meine Steuergelder Radwege gebaut werden, mit als Autofahrer sogar durch weniger Platz ein Nachteil entsteht? Ihr Argument mit den Steuergeldern ist doch einfach nur vorgeschoben.

  14. 26.

    Dem kann ich nur zustimmen. Warum muß ich als atheistischer Steuerzahler den Bau neuer Tempel finanzieren?

  15. 25.

    Damit man sich gegenseitig akzeptiert muss nicht alles unter einem Dach sein. Als Moslem lehne ich dieses Projekt auf Grund der Beteiligung der Gülensekte ab und empfehle Euch die WDR-Doku "Der lange Arm des Imam"
    Zum Beispiel hier: https://youtu.be/zr1LWuxVLYs

    Mit dem Geld hätte man lieber Kinder aus armen Familien ganz gleich welcher Religion und Hautfarbe unterstützen sollen.

  16. 24.

    Ich würde mich eher über die Milliarden von Geldern für Waffen und anderen Gedöns für Kriege in anderen Ländern aufregen als über ein Symbol des Friedens. Du zahlst auch für Waffen die auf Frauen, Kinder und allgemein unschuldige Menschen gerichtet werden, mach dir lieber darüber Gedanken Kollege.

  17. 23.

    Ihr könnt doch auch gerne etwas Bauen, dass für den Frieden beiträgt. Der Staat würde euch auch unterstützen. Es werden Millionen von Euros für viele andere Sachen ausgegeben. Man sollte sich nicht für 20 Millionen Euro beschweren.

    Ich glaube daran, dass es eine Basis für das friedliche Zusammenleben zwischen den Religionen sein wird.

  18. 21.

    Dass gerade das Christentum in der Bundesrepublik Sonderrechte genießt, die verfassungswidrig sind, unterstreicht das Nichtbestehen von Laizismus. Aber es sollte in einem religionsfreien Staat um Letzteres gehen, nicht darum, von Menschen die eigene Haltung einzufordern, auch nicht aus atheistischer Sicht. Das wäre paradoxerweise genauso mittelalterlich missionarisch, wie es z.B. das House of One ablehnt. Auch sind Religionen nie die Ursachen von Konflikten, sie wurden und werden lediglich als Anlass zu weltlichen Interessen herangezogen. Wenn ich auf die NS-Zeit und den Umgang mit christentum blicke, muss ich sagen, dass Weltkrieg und Shoah nie von Religionen ausgingen.

    Die Idee, die abrahamitischen Religionen in ihren liberaleren Prägungen zusammen zum Dialog zu bewegen, halte ich für so naheliegend wie hoffnungsvoll. Aber statt um religionswissenschaftlichen Austausch, systemisch, vergleichend, geht es nur um Institutionalisierung, die Religion per se nicht braucht.

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