Obdachlosencamp am Berliner Landwehrkanal - Ein Leben zwischen Freiheit und Sehnsucht nach dem alten Leben

Am Landwehrkanal sind Habseligkeiten von Obdachlosen Menschen verteilt (Bild: rbb/Marcel Trocoli Castro)
Video: rbb|24 | 21.05.2021 | Material: Abendschau | Bild: rbb/Marcel Trocoli Castro

In den Grünanlagen am Landwehrkanal gibt es immer mehr Zelte und zusammengezimmerte Behausungen. Zwischen Wasser und Uferweg schlafen und essen Menschen unter den Augen von Passanten und Anwohnern. Von Marcel Trocoli Castro

"Manchmal fühle ich mich, als wäre ich ein unsichtbares Gespenst", sagt "Kiku". So nennt sich der obdachlose Italiener, der gerade auf der Hobrechtbrücke am Landwehrkanal die Passanten anbettelt. "Du sagst freundlich 'hallo' zu den Menschen und sie antworten einfach nicht. Sie ignorieren Dich als wärst Du nicht existent", beklagt er sich. Trotzdem hat er schon zwei Euro zusammen bekommen. Doch das reicht nicht.

Seit ein paar Tagen übernachtet er in einem Hostel. 12 Euro die Nacht kostet es. Er hofft, dass er das Geld heute noch zusammen bekommt, denn in sein Zelt kann er nicht mehr zurück. Es steht nicht mehr. "Drei Betrunkene haben mich in der Nacht geweckt, mein Zelt kaputtgeschlagen und alles in den Kanal geworfen. Ich bin einfach nur weggerannt", erzählt er. Sein Zelt stand am Maybachufer, direkt am Wasser. Sieben Monate hat er dort gelebt. Jetzt liegen hier Schuhe und Kleidungsstücke im Dreck. Seine letzten Habseligkeiten.

Ivan aus Bosnien-Herzegowina (Quelle: rbb/Marcel Trocoli Castro)
Ivan aus Bosnien-Herzegowina | Bild: rbb/Marcel Trocoli Castro

"Zuhause" mit Möbeln vom Sperrmüll eingerichtet

Wie "Kiku" sind viele mit der Hoffnung auf einen neuen Job und eine neue Zukunft am Landwehrkanal gestrandet. Rund ums Wasser ist die Obdachlosigkeit zur Normalität geworden. Auf dem Plateau am Maybachufer Ecke Liberdastraße wird das besonders deutlich. Obdachlose haben sich hier mit Möbeln vom Sperrmüll eingerichtet. Es gibt einen Schlaf- und einen Essbereich. Gerade ist niemand "zu Hause". Aber wenn, leben die Menschen hier unter den Augen der Passanten und Anwohner. "Ich sehe das jeden Tag", sagt Yasmin Aslan, die gleich um die Ecke wohnt. "Es ist ein bisschen Verwahrlosung, aber sie organisieren sich. Ist mir immer noch lieber als das versnobte neue Neukölln und deshalb stört mich das nicht", sagt sie und lacht.

Viele Anwohner sehen das hier ähnlich. Ioanna sitz auf einer Mauer am Paul-Linke-Ufer mit Blick auf den Kanal und einem Müllberg aus Sperrmüll, Kleidung und Decken am Ufer. "Man könnte etwas sauber machen. Auch als Obdachloser sollte man sauber machen", sagt sie. Doch sonst hätte sie kein Problem mit den Behausungen: "Das ist halt Berlin. Wem das nicht passt, der kann ja wegziehen", meint sie.

Am Landwehrkanal steht eine provisorisch eingerichtete Behausung einer obdachlosen Person (Bild: rbb/Marcel Trocoli Castro)
Eine Behausung einer obdachlosen Person steht am Landwehrkanal. | Bild: rbb/Marcel Trocoli Castro

"Berlin ist super sozial"

Ein paar hundert Meter weiter hat eine Gruppe von Obdachlosen bisher ungestört zelten können. Versteckter zwischen Büschen und unter einer Trauerweide haben sich einige Bulgaren und Ivan aus Bosnien-Herzegowina niedergelassen. "Das ist ein super Ort", sagt er. "Alles findest Du gleich um die Ecke. Die U-Bahn und die Einrichtungen, wo man essen und duschen kann." Alles was er braucht, bekäme er hier und die Anwohner hätten ihm schon viel geschenkt: "Berlin ist super sozial. Hier kannst du alles finden, was du willst."

Deshalb kam er hierher, als er vor zwei Jahren seinen Job als Lkw-Fahrer in der Heimat verlor. Eigentlich wollte er sich um eine neue Anstellung in Deutschland bemühen, doch jetzt lebt er hier schon ein Jahr im Grünen und will bleiben.

Sehnsucht nach dem alten Leben

Der Italiener "Kiku" will hingegen endlich raus aus seiner Situation. Es sei ein Kampf ums Überleben. Früher hat er als Hotelkellner in der Schweiz und in den USA gearbeitet. Vor zwei Jahren verlor er seine letzte Anstellung.

Bevor er in Berlin etwas Neues finden konnte, brach die Pandemie aus. Nie hätte er gedacht, dass er mal auf der Straße leben muss. "Ich vermisse mein altes Leben. Ich will es wieder zurück", sagt er mit leidendem Blick.

Kiku aus Italien (Quelle: rbb/Marcel Trocoli Castro)
"Kiku" aus Italien | Bild: rbb/Marcel Trocoli Castro

"Hier kann ich frei sein"

Die Menschen im Kiez zeigen sich solidarisch mit ihren zeltenden "Nachbarn". Auch Ivan aus Bosnien-Herzegowina erzählt, dass er sehr gut aufgenommen wurde. Er bekomme von den Anwohnern vieles geschenkt. Er hofft, dass er auch über den Sommer bleiben kann. "Hier kann ich frei sein. Absolut frei sein", sagt er.

Auf diese Freiheit kann Italiener "Kiku" gerne verzichten. Immer noch bettelt er die Fußgänger auf der Brücke an. Er will nicht länger auf der Straße übernachten. Noch hat er das Geld für die Nacht im Hostel nicht zusammen. Trotzdem hat er Hoffnung auch auf eine neue Zukunft. Ab Freitag öffnet die Außengastronomie. Dann will er endlich wieder einen Job als Kellner finden.

Sendung: Abendschau, 20.05.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Marcel Trocoli Castro

22 Kommentare

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  1. 22.

    Hallo Antonius,
    totales Missverständnis! Ich meinte mit wütend, die Wut auf die Verhältnisse, gellschaftlich, politisch, ökonomisch! Da waren Teenager der 80er Jahre doch sehr viel kritischer, oder? Übrigens spreche ich mit Obdachlosen und biete auch evtl. mal etwas an. Da muss man aber auch aufpassen, nicht zu gönnerhaft rüberzukommen. Ganz sicher ignoriere ich niemanden, der mich direkt anspricht, wie Kiku das beschreibt. (Plumpe Anbaggerversuche ausgenommen, die kommen aber nie von Obdachlosen ....). Hoffe, das war jetzt verständlicher.

  2. 21.

    Das Supersoziale ist oft Zeug was die Bürger selbst nicht mehr brauchen, aber dem armen Obdachlosen vielleicht auch helfen könnte. So verlagert sich die Entsorgung von offiziellen Stellen (z.B. Kleidertonne) zu den Menschen auf der Straße. In meiner Gegend wohne zeitweilig ein Mensch auf der Straße, der innerhalb recht kurzer Zeit 6 Einkaufswagen (wie man es aus amerikanischen Filmen kennt) voll hatte mit Klamotten/Decken etc. Das haben ihm die Menschen der Umgebung gespendet. Die Einkaufswagen standen dann immer an der gleichen Ecke auch wenn der Obdachlosen gerade nicht in der Gegend war.
    Der Müll wird also eher durch die Bürger erzeugt, die ihre "Spenden" nicht zu richtigen Sammel- und Ausgabestellen bringen die dann eine Verteilung machen und ist auch nicht so sozial wie es vielleicht wirkt.

  3. 20.

    Viele pseudo humanistische Linke in Kreuzkölln tun so als wäre das ok für sie und geben sich hilfsbereit aber eigentlich stört es sie auch

  4. 19.

    Hi?!
    Ja, aber warum nicht auch mal einen Plausch halten.. Mit sogenannten *Obdachlosen*?? So kannst du doch ihre/seine Wünsche, Geschichten, Bedürfnisse erfahren und evtl dirkete Hilfe anbieten bzw was organisieren mit anderen.
    Wutbürgertum hat j a bisher echt viel gebracht.. Siehe Anschläge auf jüdische Einrichtungen, Ausländer*innen, auf Queere und trans* Menschen etc pp.
    Ist das wirklich dein Weg??

  5. 18.

    Naja.. Wie überall klafft die Schere zwischen Arm und Reich.. Auch aufgrund von Lobbyismus und Vetternwirtschaft dh auch Kapitalismus immer weiter außernander.. Reiche Investoren zB Schwaben kaufen auf, Designer Läden etc und da gibt es natürlich auch das Gegenteil.. woanders schlimmer.. Willst du einfach die Oberfläche polieren? Dass es ned so grausig ausschaut? Schönheits-OP? Noch mehr Margialisierung der Armen? Nicht gehört und verstanden: manche genießen auch diese Art v Freiheit. Biete doch an ihren Müll zu entsorgen, wenn es Dich so sehr stört zB anstatt nü r zu meckern und sich als wa s besseres hinzustellen, danke!!

  6. 17.

    "Berlin ist super sozial. Hier kannst du alles finden, was du willst."
    Stimmt. Führt nur leider dazu, dass Berlin immer mehr zum Moloch verkommt.

  7. 16.

    Was hier deutlich wird, ist doch ein hoher Grad an Entmenschlichung, wenn junge Leute die Szenerie der Obdachlosen wie einen Zoobesuch konsumieren. Abstoßend ist hier zuerst diese gräßliche Gewöhnung an Armut und Elend, die eine abgestumpfte Bewohnerschaft hervorbringt. Ich wünsche Kiku einen Job in der Gastro! Und ganz allgemein, eine Problemlösung auf europäischer Ebene oder regional neue Ideen, um obdachlosen Menschen ihre Menschenwürde zurückzugeben. Z Bsp. mit Tiny-Houses-Burgen auf Brachflächen, für die sich sowieso kein Investor findet, der günstigen Wohnraum anbieten kann und will.

  8. 15.

    Traurig wie Berlin runtergewirtschaftet wurde.
    Einige Hippe kriegen auch gar nicht mehr mit, dass Wohnungslosigkeit im Grunde entwürdigend ist.
    Jeder das cool findet, kann ja mal eine Nacht selbst im Müll schlafen.
    Statt immer neue Wolkenschloss-Themen am laufenden Band zu entwickeln, sollte man PrioA erst mal Wohnungen für alle Menschen zur Verfügung stellen.
    Diese ganzen Waschräume und Beratungsstellen bzw. Spritzräume und Bettelwirtschaft sperrt diese Leute doch in diese Kreisläufe nur ein. Besser wäre Wohnung, Pflege, Arbeit, Selbstversorgung.

  9. 14.

    Traurig, dass diese unhaltbaren Zustände mit einer für mich unerträglichen Toleranz und Sozialromantik verklärt werden - im Bericht, aber auch von einigen Kommentatoren. Solche illegalen camps und Siedlungen in Parkanlagen dürfen auf Dauer einfach nicht geduldet werden. Berlin verkommt an vielen Ecken schon seit etlichen Jahren, unter dem rot-rot-grünen Senat hat dieser Verfallsprozess aber noch einmal eine neue Dimension angenommen.

  10. 13.

    Ich teile Ihre Einschätzung. Hinter der Berliner Toleranz steckt aus meiner Sicht sehr oft nichts weiter als eine große Gleichgültigkeit.

  11. 12.

    Lieber Tirolerbauer und co. Dann helft den Obdachlosen doch beim Aufräumen, sprecht mit ihnen u d macht eine Aktion, statt sich über "Sauberkeit" aufzuregen. Fragt doch warum sie nicht aufräumen, weil viele Obdachlose ihr Los nicht ertragen oder physisch krank sind zu viel trinken. Nicht Alle, manche. Wenn man abrutscht dann verwahrlost man schnell. Größe Sprüche helfen nicht, tut was, ihr könnt es ja scheinbar.
    An den RBB, der Bericht ist mir auch zu oberflächlich, ihr solltet schauen das ihr nicht so weiter macht, sonst tendiert ihr zur Billigpresse.

  12. 11.

    Interessantes Foto. Meine Generation hätte solch ein Anblick von Armut deprimiert und/oder wütend gemacht, jedenfalls bestimmt nicht zum entspannten Plausch danebensitzend animiert. Etwas ist aus dem Ruder gelaufen.

  13. 10.

    Wer hier die mangelnde Sauberkeit kritisiert, möchte bitte einmal in der Woche einen Obdachlosen zu sich zum Duschen nach Hause einladen.

  14. 9.

    Die so genannte Freiheit ist nur ein Zeichen sich nicht in die Gesellschaft eingliedern zu wollen (meistens). Kommen sie mal nach Lichtenberg ( Frankfurter Allee Süd). Da kann man wie weit ihre Freiheiten gehen und massiv Müll hinter lassen wird. Weggeräumt wird natürlich auf Steuerkosten.

  15. 8.

    Die so genannte Freiheit ist nur ein Zeichen sich nicht in die Gesellschaft eingliedern zu wollen (meistens). Kommen sie mal nach Lichtenberg ( Frankfurter Allee Süd). Da kann man wie weit ihre Freiheiten gehen und massiv Müll hinter lassen wird. Weggeräumt wird natürlich auf Steuerkosten.

  16. 7.

    In Calcutta ist es auch ganz normal, das Obdachlose auf der Straße leben, essen und sterben, unter den Augen von Passanten. In sehr vieler Hinsicht ist Berlin ohnehin nicht mehr weit von dieser indischen Stadt entfernt. Und es erscheint mir davon abgesehen auch als Mammutaufgabe, jedem Notleidenden aus der ganzen Welt (v.a. aber aus Osteuropa) in Berlin helfen zu wollen.

  17. 6.

    „ "Das ist halt Berlin. Wem das nicht passt, der kann ja wegziehen", meint sie“, die übrigens mit ihrem schwäbischen Dialekt nicht unbedingt zu den waschechten Berlinern zu gehören schien.

    Ja, liebe Ionna, das machen ja auch schon immer mehr Menschen. Was sich daraus dann in 5o Jahren gebildet hat, wird man sehen.

  18. 5.

    Genau ,ich empfinde hier schon seit einiger Zeit,dass Obdachlosigkeit romantisiert wird oder bzw wirkungsvoll in Szene gestellt. Ich finde es unwürdig zwischen Abfall,menschlichen und hundischen Ausscheidungen zu biwakieren. Sorry das ist mir zu viel Vielfalt und Toleranz hin oder her. .. und zwischen versnobt oder am feuchten Uferrand im Müll leben,gibt es doch viele Alternativen . Warum hat der rbb Kiku nicht für seine Darstellung im Fernsehen die Euro fürs Hostel rübergerückt ??? Ach nee dann wäre es ja nicht rührselig genug die Geschichte.

  19. 4.

    Bringt doch einmal einen Beitrag über die vielen Camps von osteuropäischen Wanderarbeitern, die mit Kindern ebenso leben, völlig rechtlos, Sie arbeiten ohne jede soziale Absicherung und ihre Kinder können nicht einmal zur Schule gehen, weil diese keine Schulkosten zahlen können, ohne einen Status in diesem Land sind die Kosten sehr hoch. Manchmal werden die Camps geräumt, aber oft auch geduldet. Diese Camps gibt es in ganz Europa.

  20. 3.

    Der Bericht selbst war nicht so problematisch, aber Frau Lemkes Anmoderation schon. Denn das Narrativ von selbstgewählter Wohnungslosigkeit ist kein 50:50-Phänomen, sondern ein klassistisches Motiv zur Diskriminierung von Wohnungslosen, das sich hartnäckig hält. Wer wohnungslos ist, ist das in aller Regel nicht freiwillig. Der Bericht selbst hat ja nur zwei Fälle herausgegriffen und kann daher gar keinen Allgemeinanspruch verfolgen, eine Einordnung jedoch schon. Ferner unterließen Moderation, der Bericht und dieser schriftliche Artikel den Hiweis auf rechtliche Zuständigkeiten. Im Fall Kikus war es ganz typisch: Die Polizei verdrängt Wohnungslose und genau das ist rechtswidrig. Ihnen müssen fallspezifische Angebote gemacht werden, gemäß dem ASOG: Die Bezirke sind zuständig. Der rbb scheitert an seinem Bildungsauftrag und liefert erneut verklärende Perspektiven, statt auf Expertise zurückzugreifen.

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