Kamenzer Damm in Berlin - Seit Jahrzehnten geplanter S-Bahnhof lässt weiter auf sich warten

Archivbilder der S-Bahnhtrasse (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Pläne für den S-Bahnhof Kamenzer Damm gibt es seit Jahrzehnten. Inzwischen leben rund 15.000 Menschen in seinem Einzugsbereich. Die Chance, ihn beim Ausbau der Dresdner Bahn mitzuerrichten, hat Berlins Verwaltung schon vor Jahren vertan. Von Frank Drescher

Immerhin rollen jetzt die Bagger: Zwischen Berlin-Lankwitz und -Mariendorf bekommt die S-Bahn eine neue Trasse, weil künftig auf der Bahnverbindung zwischen Berlin und Dresden ICEs und Regionalbahnen fahren sollen. Seit bald 150 Jahren verkehren Züge auf dieser Strecke, der Dresdner Bahn. Pläne aus den 1990er Jahren sahen vor, dass die Dresdner Bahn ausgebaut werden sollte – und zwar rechtzeitig zur ursprünglich vorgesehenen BER-Eröffnung 2006. Mit dem Ausbau wurde allerdings erst zwölf Jahre später begonnen, im Jahr 2018.

Aber während selbst vom BER inzwischen Flugzeuge abheben, nehmen die Züge nach Dresden immer noch den Umweg über Lichterfelde und Großbeeren, denn der Ausbau der Dresdner Bahn war jahrelang umstritten.

Nur: Warum wird jetzt nicht gleich der S-Bahnhof Kamenzer Damm mitgebaut? Immerhin leben heute 15.000 Menschen im Einzugsbereich allein auf Lankwitzer Seite, hinzu kommen die Beschäftigten der vielen neuen Firmen auf dem Gelände des früheren Mariendorfer Gaswerks.

Pläne sind über 40 Jahre alt

Der Berliner Eisenbahnhistoriker und Buchautor Peter Bley hat in seinem Privatarchiv einen alten Flächennutzungsplan, in dem der S-Bahnhof schon eingezeichnet ist. Der Plan ist von 1973, Herausgeber: "Der Senator für Bau- und Wohnungswesen". Entstehen sollte der S-Bahnhof Kamenzer Damm direkt unter der Lankwitzer Brücke. Während die Brücke 1976 fertig war, blieb der Bahnhofsbau lange Zeit unrealistisch: Im Westteil Berlins gab es seit dem Mauerbau den S-Bahnboykott, weil für S-Bahnbetrieb auch im Westen die DDR-Reichsbahn verantwortlich war. Der Boykott endete zwar 1984 mit der Übernahme der West-Berliner S-Bahn durch die BVG. Der S-Bahnhof kam trotzdem nicht. Dabei waren in der Gegend längst Hochhaussiedlungen entstanden, deren Bewohner heute in knapp 20 Minuten am Potsdamer Platz sein könnten, gäbe es denn den S-Bahnhof.

Für Eisenbahnhistoriker Peter Bley wäre nach der Einheit 1990 der Moment für den Bahnhof gewesen: "Es hätte durchaus planerisch mitberücksichtigt werden können und müssen. Allerdings hätte dann auch von vornherein der Senat diesen Bahnhof bestellen müssen." Das hat er aber nicht.

Streckenkarte der Dresdner Bahn (Quelle: DB Netz AG)

Streckenverlauf der Dresdner Bahn (höhere Auflösung bei bauprojekte.deutschebahn.com)

Eine alte Vereinbarung mit Folgen

Dazu erklärt Berlins Verkehrsverwaltung dem rbb: "Wegen des hohen gesamtstädtischen Interesses an der Realisierung dieses Vorhabens, insbesondere wegen des geplanten Flughafenexpresses zum BER, vereinbarte das Land Berlin bereits frühzeitig mit der DB, während des Planfeststellungsverfahrens für die Dresdener Bahn keine weiteren Planänderungen durch zusätzliche Maßnahmen vorzunehmen, die das Gesamtvorhaben verzögern könnten."

Heißt im Klartext: Frühere Berliner Senate haben es versäumt. Tatsächlich legte die Deutsche Bahn schon 1997 Ausbaupläne vor. Die sorgten für Protest bei den Strecken-Anrainern in Lichtenrade, sie stritten jahrelang für einen Tunnel, in dem die Bahn Lichtenrade unterqueren sollte.

Langer Rechtsstreit zwischen Senat und Bahn

Gehör fanden sie in der Berliner Landespolitik. Der damalige Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) legte das Planfeststellungsverfahren auf Eis, indem er zwei Jahre lang die Auslegung der Pläne unterband. Erst die Drohung der Bahn, auf den Ausbau der Dresdner Bahn ganz zu verzichten, brachte ihn zum Einlenken, wie er im Jahr 2000 erklärte.

Trotzdem ging es jahrelang nur zäh weiter. 2008 warf die Bahn dem Senat sogar öffentlich vor, den Ausbau der Strecke zu verschleppen. Der Rechtsstreit um ihren Lichtenrader Abschnitt dauerte bis 2017.

Angesichts dieser Verzögerungen gerieten die Planungen für den S-Bahnhof ins Abseits. Ein bis drei Jahre, so schätzt die derzeitige Verkehrsverwaltung, würde die Änderung der Ausbaupläne dauern, die den S-Bahnhof ermöglichen würde - Zeit, die angesichts der vielen Verzögerungen am Ende ja vorhanden gewesen wäre.

Reicht der Platz für einen S-Bahnhof?

So kommt es, dass erst jetzt die erforderlichen Voruntersuchungen für den S-Bahnhof laufen. Ergebnisse erwartet die Verkehrsverwaltung im Sommer. Dann dürfte sich auch herausstellen, ob dem Straßenverkehr auf der Lankwitzer Brücke jahrelange Straßenbauarbeiten blühen. Denn, so Bahn-Historiker Peter Bley: "Gebaut wurde die Brücke in den 1970er Jahren, als noch andere Abstände galten". Heutige Bauvorschriften sähen aber größere Abstände zwischen Bahngleisen vor als damals, hinzu kommt der Platzbedarf der Lärmschutzwände. Erweist sich der Durchlass unter der Brücke als zu schmal, wäre die Alternative, die Peter Bley zu Abriss und Neubau sieht, für ihn auch nicht überzeugend: "Wenn ich aber den Bahnsteig 100 Meter nach Süden verschiebe, um die Brücke stehen lassen zu können, dann ist das aus heutiger Sicht eine stadtplanerisch untragbare Lösung."

Fest steht nur: Sollte der S-Bahnhof je gebaut werden, sind Teile der jetzt entstehenden neuen S-Bahntrasse schon wieder ein Fall für die Spitzhacke.

Beitrag von Frank Drescher

22 Kommentare

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  1. 22.

    S-Bahn - überall !!
    Die Zukunft gehört dem Gleis!

  2. 21.

    Das ist nicht richtig. Bewohner von Villenvierteln haben sich aufgrund ihres Einfluß schon immer gegen solche Maßnahmen wehren können, während Bewohner an der geplanten Autobahntrasse A100 einfach auf die Straße gesetzt wurden.

    Das war auch schon vor 100 Jahren so.

  3. 20.

    S-Bahnhof Magistratsweg? Ah, Lehrter Bahn! https://www.stadtschnellbahn-berlin.de/geschichte/berlin/fnp1965/fnp1984.php

  4. 19.

    Da allerdings müssen sich die Anwohner selber untereinander einig werden, ob sie mit der häufiger fahrenden, aber eben langsameren S-Bahn fahren wollen oder aber mit der weniger häufig fahrenden, aber dafür schnelleren Regionalbahn.

    Da scheint es ein 50 : 50 Verhältnis zu geben und "der Politik" scheint nichts anderes übrig zu bleiben, als gute Miene zu bösen Spiel zu machen. Bewohner sind ja per se immer aus dem Schneider, weil die sind ja Souverän. Vergeigen tut´s immer nur "die Politik".

  5. 18.

    Das ist kein spezifisches Berliner Problem, auch keines von parteilich Gewirkten.

    Da, wo ein Rechtsanwalt ist, da ist auch potenziell eine Klage. Wer nicht klagt, hat verloren, gilt als Loser (bitte nur mit einem "o", nicht mit zwei) und der öffentlichen Hand bleibt nichts anderes übrig, als mit so bezeichneten "rechtssicheren Bescheiden" die Angelegenheit noch auf die Spitze zu treiben, sodass wiederum ein Rechtsanwalt bemüht werden muss, um das überhaupt noch zu verstehen.

    Ein Kreislauf, aus dem es offenbar kein Entrinnen gibt, wer erst einmal darin eingestiegen ist.



  6. 17.

    Ich habe diese Aussage in diesem Zusammenhang nicht mal ansatzweise verstanden?!?
    Einfach mal in einer ruhigen Minute den Paragraphen 18 des AEG und dann vielleicht noch die HOAI lesen, dann erklärt sich einiges von alleine.

  7. 16.

    In Berlin bauen wir am liebsten gar nix, zumindest wenn es sich vor der Haustür von Anwohnern befindet. Da ist es egal ob es um Neubau von Straßen, Straßenbahn, U-Bahn,SBahn / Eisenbahntrassen, Fahrradwegen oder Wohnungen handelt. Irgendwer ist immer betroffen und kann Vorhaben durch jahrelange juristische Mittel verzögern oder gar verhindern. Berlin hat Glück, dass unsere Vorfahren den Ausbau des Nahverkehrs rechtzeitig so weit vorangetrieben haben.

  8. 15.

    Das mag schon sein. Die S-Bahn fährt ja nicht über den Zoo, sondern fährt über die Friedrichstraße, wo in den Köpfen von Vielen immer noch "Osten" ist.

    In Schöneberg mit dem Bahnhof Julius-Leber-Brücke war es etwas anders. Die Umliegenden haben die gewordene Gesamtheit Berlins sehr wohl begriffen.

  9. 14.

    Die bündnisgrüne Klientel wohnt in der Tat eher nicht in Lichtenrade, wohl aber jene Eigenheim-Besitzer, die jahrzehntelang die Einheit Berlins hochhielten, die noch heute "in den Osten fahren", wenn sie das Deutsche Historische Museum Unter den Linden besuchen, aber die Konsequenzen der Einheit Berlins keineswegs mitdenken wollen. Da wurde schon rechtzeitig vorgebaut. Im Garten. Nach hinten hin, wo alle 20 Minuten eine S-Bahn rumpelte und ansonsten das Gras wuchs. Das sollte natürlich auf Immer & Ewig so bleiben, allen eigenen Bekundungen zum Trotz.

  10. 13.

    Was macht eigentlich der regionalbahnhof Köpenick?

  11. 12.

    Das habe ich auch nie verstanden.
    Aber es wundert auch nicht.
    Statt den S-Bahnbau knallhart voranzutreiben, beschäftigt sich die Politik ja lieber mit Ideologie-Themen.
    Nördlich von Falkensee hätten schon Tausende schöner Wohnungen entstehen können mit guter Anbindung in die WestCity bei gleichzeitiger Nähe ins Grüne.

  12. 11.

    In Berlin bauen wir wohl lieber weiter Autobahnen.

  13. 10.

    So eine schlimme Geschichte kann der RBB auch über den S-Bahnhof Magistratsweg in Berlin-Staaken erzählen. Bis 1980 hatte der Stadtrandortsteil S-Bahnanschluss. 1984 versprach der Senat eine Wiederinbetriebnahme mit neuem S-Bahnhof, über den die in den 1960ern gebaute Louise-Schroeder-Siedlung an die Stadtschnellbahn angeschlossen wäre. Heute hat Staaken fast 50.000 Einwohner, aber immer noch keine S-Bahn im 10-Minuten-Takt. Regionalzüge fahren nur stündlich und reichen überhaupt nicht aus. Stattdessen drängeln sich die Staakener immer noch in überfüllten Bussen. Dagegen ist Lichtenrade sogar vergleichsweise luxuriös angeschlossen.

  14. 9.

    Unverständlich, das der Bahnhof Kamenzer Dann jetzt nicht gebaut wird und später mit Verzögerung und dann für viel zusätzlichers Geld kommt. Mitdenken ???

  15. 8.

    Die größten Nörgler und Verhindere sind die sogenannten Grünen Anhänger, die blockieren alle Vorhaben, weil dort angeblich ein Spatz nistet oder eine Eule dort gesehen worden war.

  16. 7.

    Eindeutig ein Versäumnis der Berliner Landespolitiker, denn die S Bahnhöfe Schichauweg (Dresdner Bahn) und Osdorfer Str. (Anhalter Bahn) konnten auch nach der Wende errichtet werden

  17. 6.

    Sorry, aber das sind doch Westberliner Mottenkisten-Themen.
    Wenn man wollte, kann so ein Bahnhof in wenigen Monaten fertig sein. Aber man will ja nicht.

  18. 5.

    Berlin halt... Pures Chaos. Ich muss hier weg ...

  19. 4.

    Ach, kommt mir bekannt vor. Nach 18 Jahren hickhack zwischen Stadt und DB wird jetzt endlich der S- Bahnhof Ottensen an der S1 zwischen den Haltestellen Altona und Bahrenfeld gebaut. Hamburg geht sogar in Vorkasse, um endlich Ruhe im Karton zu bekommen.

  20. 3.

    ÖPNV Ausbau ist und bleibt in Berlin ein Trauerspiel egal ob bei Tram , U Bahn oder S Bahn und leider auch unter dem " Grünen " . Von der sogenannten Verkehrswende sind und bleiben wir leider noch Lichtjahre entfernt !!

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