Protokoll einer Patientin - "Die Pflegekräfte versuchen, uns Patienten nichts vom Stress spüren zu lassen"

Dorle Hasterden, Patientin auf der Station 20 im Vivantes-Klinikum Friedrichshain. (Quelle: Privat)
Video: rbb24 | 12.05.2021 | Material: Abendschau | Bild: rbb/Franziska Hoppen

Personalmangel, Corona, fehlende Anerkennung: An vielen Stellen sind die Pflegekräfte am Limit. Das weiß auch Dorle Hasterden. Hier erzählt sie, warum sie davon als langjährige Patientin einer Berliner Krebsstation dennoch wenig mitbekommt.

Dorle Hasterden ist 65 Jahre alt und Patientin auf der Station 20 im Vivantes-Klinikum Friedrichshain.

Vor vier Jahren wurde bei mir Darmkrebs diagnostiziert. Ich kannte einen der behandelnden Ärzte im Vivantes-Klinikum, deshalb kam ich hierher - obwohl ich sechs Autostunden entfernt wohne. Und ich fühle mich seitdem optimal versorgt. Trotz Corona-Pandemie hat sich die Qualität der Pflege in diesen Jahren nicht verändert - und ich bin Kassenpatientin.

Die Ärzte sind für das technische verantwortlich. Klar. Für die guten Gedanken und die positive Energie sorgen aber die Pflegekräfte. Hier sind die Pfleger und Pflegerinnen die Seele der Station. Sie merken sofort, wenn es einem nicht gut geht. Dann versuchen sie, uns aufzubauen. Bei mir hat eine Pflegerin mal dafür gesorgt, dass ich mir ein Wunschessen bestellen durfte. Ich wollte Pudding. Also bekam ich Pudding. Sie hat sich unheimlich gekümmert.

Besonders großartig finde ich es, wenn sich jemand abends ein kleines bisschen Zeit nimmt und auch mal ein paar private Worte mit mir wechselt. Eine Pflegerin hat mir zum Beispiel erzählt, dass sie auch ländlich aufgewachsen ist, so wie ich. So etwas Persönliches - das ist toll. Oder wenn ich nachmittags meine Runde draußen gedreht habe und wieder auf Station komme. Dann heißt es gleich: 'Na, was haben sie erlebt, Frau Hasterden, mit wem haben sie geflirtet.' Dann flaxen wir.

Aus den Nachrichten bekomme ich natürlich mit, dass in den Krankenhäusern in Deutschland gerade sehr viel los ist, Pflegenotstand und überfordertes Personal. Das Klatschen für die Pflegekräfte war zwar als Momentaufnahme schön. Aber das hilft ihnen nicht wirklich. Sie brauchen mehr Geld. Und ich glaube, nach allem was ich hier erlebe, dass die Pflegekräfte stark genug sind, sich mit Gewerkschaften zu formieren und mit dem Berliner Senat zusammenzusetzen. Oder für bundeseinheitliche Gehälter zu kämpfen. Das wäre sinnvoll.

Hier auf Station kommt es mir aber so vor als versuchen sie, die Patienten nichts von eventuellem Stress spüren zu lassen. Keiner hat jemals gejammert. Dabei bemerke ich schon, dass es gerade für die älteren Pflegerinnen und Pfleger anstrengend sein kann, den ganzen Tag mit Maske hin und her zu laufen. Es gibt ja auch wirklich viel zu tun: Blutdruck messen, Sauerstoff-Gehalt messen, uns zu Terminen bringen, Medikamente austeilen… Aber ansonsten kriege ich von möglicherweise schwierigen Arbeitsverhältnissen nichts mit. Wie es auf anderen Stationen aussieht, kann ich natürlich nicht beurteilen, wegen Corona wurden Eingriffe ja auch verschoben, was manche Stationen sogar entlastet hat.

Aber auch wir können die Pflegekräfte entlasten: Manche klingeln hier, weil sie eine Tasse Tee haben wollen – obwohl sie selbst aufstehen können. Auf dem Flur steht immer Tee, den kann man sich selbst holen. Oder: Wenn ich sehe, dass eine Bettnachbarin ihre Mandarine nicht selbst schälen kann, dann biete ich das eben an. Oder erkläre ihr, wie die Fernbedienung funktioniert. Das sind Kleinigkeiten. Die kann man untereinander im Zimmer regeln.

Aus Patientensicht muss ich sagen: Uns geht es hier schon sehr gut. Vor meiner Krebserkrankung war ich das letzte Mal in den 80ern im Krankenhaus. Zu den Geburten meiner zwei Kinder. Und damals lagen wir noch zu viert auf dem Zimmer und mussten uns gegenseitig helfen. Morgens um sechs hieß es dann Schlangestehen im Flur, weil es nur eine Dusche für alle gab. Beim Essen gab es keine Auswahl. Die Besuchszeiten waren kurz. Die Räumlichkeiten spartanisch. Da erlebe ich heute regelrecht Luxus.

Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir Patienten unsere Rechte kennen. Wir sind den Ärzten ja nicht ausgeliefert oder Gefangene eines Krankenhauses. Wenn es uns nicht gefällt, dann können wir sagen: Ich gehe jetzt - in ein anderes Krankenhaus oder zu einem anderen Arzt. Da haben wir freie Wahl, und ich glaube, das wissen viele gar nicht. Und wenn es schlechte Zustände gibt, können wir Patienten auch darüber Einfluss ausüben.

Geprächsprotokoll: Franziska Hoppen

4 Kommentare

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  1. 4.

    Ich denke mal, der Begriff des Unternehmens ist schon anstößig - bei mir auch. Nach dem Krieg gab es den Versuch zu einer Gemeinwohlökonomie, die bspw. an Rudolf Hilferding aus den 1920er Jahren anknüpfte. Im vorherigen Bundesgebiet ist das durch den frühen Wahlsieg der CDU/CSU vereitelt worden, in der DDR dadurch, dass alle wichtigen Bereiche durch staatliche Abteilungsleiter geregelt wurden, die nur Planerfüllung im Kopf hatten.

    Es ginge jetzt darum, weitere Wege einer wirklichen Gesundheitsversorgung auszuloten, die Eigeninitiative schätzt, ohne sich zum Sklaven einer Rentabilität zu machen.

  2. 3.

    Krankenhäuser sind Unternehmen im Gesundheitsberech.
    So unterscheiden sich z.B Vivantes und das E v Bergmann in Ihrer Größe und wer die Rendite bekommt.
    Vivantes - Anleger
    E v Bergmann - Stadt Potsdam(Bürgermeister sitzt im Aufsichtsrat).
    Das E v B ist wie die Step , Vip .Wap ein Eigenbetrieb der Stadt.

  3. 2.

    Wo sind denn Linkenö und Grüne,die do gerne nach Enteignungen schreien. Man könnte ja mal mit dem Gesundheitssystem anfangen! Krankenhäuser, die Gewinnorientiert arbeiten sind doch eigentlich mit der Ideologie unseres Gesundheitssystem nicht zu vereinbaren. Wir zahlen hohe Beiträge, diese sollten für die Versorgung der Patienten und Bezahlung des Personals eingesetzt werden und nicht für Rendite. Das Problem ist nicht mein fehlender Respekt und mein nicht ausgeprägter Wille, eine gute Bezahlung herbeizuführen, sondern die Politik hat schädliche Strukturen geschaffen, die das nicht zulassen. Gewinne und Rendite auf 0% und alles in eine bessere Bezahlung/ mehr Personal
    Aber das will unsere Politik ja nicht, vermutlich sind sie selbst beteiligt, sind Berater, sitzen in Organen ...

  4. 1.

    Es ist wahr: Es wird ja ansonsten viel von Eigeninitiative gesprochen und es meint doch nur eine andere Umschreibung für den Rückzug eines Gemeinschaftlichen. Hier aber trifft sie zu, sie entlastet das Pflegepersonal und sie stärkt auch noch das Selbstbewusstsein der Patienten.

    Dagegen steht "nur" das jz. lang eingeübte klassische Arzt-Patient-Verhältnis bzw. das einschlägige Verhältnis zwischen Krankenhaus und Patient.

    Ansonsten ist das Kümmern(-Können!) um die Patienten schon die "halbe Miete", rein menschlich gesehen und auch deshalb, weil Krankheiten zu einem gewissen Teil und in einem Mindestmaß auch psychosomatisch bedingt sind.

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