Interview | Anästhesie-Pflegerin Vivantes - "Uns fehlt immer Personal, um die Patienten gut zu versorgen"

Wiebke Bunzenthal, Gesundheits- und Krankenpflegerin, steht mit einer Infusion auf der Corona-Intensivstation im Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden hinter einer Glastür. (Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Kahnert)
Video: Abendschau | 12.05.2021 | U. Crüwel/L. Thio/W. Siebert | Gespräch mit Christine Vogler | Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Kahnert

Zu Beginn der Pandemie wurden sie beklatscht, geändert hat das jedoch nichts: In den meisten Bereichen schaffen es Pfleger nicht, ihre Patienten so zu versorgen, wie diese es verdienen. Anästhesie-Pflegerin Silvia Habekost kämpft unter anderem für mehr Personal.

 

rbb|24: Frau Habekost, Sie arbeiten als Pflegerin in der Anästhesie. Zuletzt hatten sie eine Nachtschicht. Wie war die?

Silvia Habekost: Die Nachtschicht war dramatisch und anstrengend. Wir versorgen nachts in der Anästhesie meist viele Notfälle.

Können Sie uns schildern, was zur Zeit aus Ihrer Sicht besonders belastend ist?

Eigentlich ist die größte Belastung, dass wir nicht in der Besetzung arbeiten, in der wir unsere Patientinnen und Patienten gut versorgen können. Obendrauf kommt, dass wir gerade in den Covid-Bereichen in voller Schutzmontur arbeiten. Wir tragen alle die FFP2-Maske im Krankenhaus die ganze Schicht. Daran gewöhnt man sich auch, es ist zu unserem und dem Schutz der Patienten. Aber es ist trotzdem anstrengend. Wir können sie nie absetzen und das macht die Arbeit nochmal anstrengender.

Sie engagieren sich bei der Gewerkschaft Verdi und haben zusammen mit Kolleginnen und Kollegen von Vivantes und der Charité die "Berliner Krankenhausbewegung" initiiert. Warum?

Weil ich nicht will, dass es so weitergeht. Wir sind strukturell immer zu wenige Pflegende für zu viele Patienten. Ich kann meinem Anspruch, Patienten gut zu versorgen und auch sicher zu versorgen, zu oft nicht einhalten.

Man sollte meinen, Krankenhäuser dienen dazu, eine gute Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Aber das ganze System ist nicht von der Finanzierung so angelegt. Es wird nicht vom Menschen her gedacht. Es wird nicht geschaut, welche Therapie für den Patienten am besten ist. Sondern es gilt nur die Erlösrelevanz, ein ganz schlimmes Wort. Also es gilt: Wie viele Operationen und schwere Fälle kann ich abrechnen und wie viel Geld bekomme ich als Krankenhaus dafür. Das Personal ist nur ein Kostenfaktor in dieser Abrechnung.

Was fordern Sie?

Wir fordern einen Tarifvertrag, der Personalbemessungen für alle Bereiche festlegt, nicht nur für die Pflege, sondern alle Berufsgruppen. Gleichzeitig wollen wir, dass wir einen Ausgleich bekommen, wenn wir in einer Schicht arbeiten, die unterbesetzt ist. Also zum Beispiel einen freien Tag zusätzlich.

Außerdem wollen wir, dass auch die Angestellten der Tochtergesellschaften von Vivantes und Charité [Anm.d.Red.: z.B. Reinigung, Wäscherei, etc.] nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes bezahlt werden.

Sie fordern verbindliche Vorgaben zur Personalbegrenzung. Aber es gibt doch schon Regelungen zu Pflegepersonaluntergrenzen [aerzteblatt.de]?

Das ist keine wirkliche Personalbemessung. Das sind nur Grenzen, die nicht unterschritten werden sollen, also nur rein ökonomische Grenzzahlen. Das hat nichts damit zu tun, ob die Versorgung der Patienten wirklich gut gewährleistet werden können. Bei diesen Untergrenzen müssen die Krankenhäuser zwar eine Strafe zahlen, wenn sie diese unterschreiten, aber Konsequenzen hat es nicht. Auch nicht für uns, die in den Krankenhäusern arbeiten.

Wir wollen keine Untergrenze, sondern eine Pflegepersonalregelung, die nach Bedarf bemessen wird. Zum Beispiel kann man ja nicht eindeutig sagen, es braucht eine Pflegekraft für zehn Patienten, wenn davon fünf bettlägerig sind. Die Gewerkschaft Verdi hat für diese Regelung auch schon ein Personalbemessungsinstrument geschaffen, dass beim Bundesgesundheitsministerium in der Schublade liegt. Es wird aber nicht angewendet, weil der politische Wille nicht da ist.

Wir haben mit einer Patientin der Station 20 im Vivantes-Klinik Friedrichshain gesprochen. Jener Klinik, in der Sie auch arbeiten. Sie war voll des Lobes für die Pflegekräfte und fühlte sich gut versorgt. Ist das ein Widerspruch zur Debatte um den Pflegenotstand?

Wir geben uns natürlich alle Mühe, dass die Patienten, die wir haben, gut versorgt sind. Das zehrt natürlich an den Kräften. Aber es wäre fatal, wenn die Patienten das mitbekommen. Aber es gibt auch Situationen, wo sie es mitbekommen. Das führt natürlich dann auch zu der Belastung. Wir geben alles, dass die Patienten gut versorgt werden, gehen dann an die Grenzen und über die Grenzen. Das kann man nur machen, wenn man Hundert Prozent fit ist. Bei ersten Krankheitsanzeichen kann man so eine Arbeit nicht machen und wir haben einen hohen Krankenstand.

Gegner der Personalbemessung argumentieren auch immer: Es gibt das Personal gar nicht. Aber der eigentliche Grund ist, dass viel zu viele von uns aus ihrem Beruf gehen, weil die Bedingungen so schlecht und anstrengend sind und sie keine Patientengefährdung riskieren wollen. Wenn man aber die Arbeitsbedingungen verbessern würde, würden viele zurückkommen in ihren Beruf.

Vor einem Jahr haben wir mit dem Personalratschef der Charité über die Bedingungen in der Pflege gesprochen. Er sagte, in einem Jahr wird die Pflege flächendeckend gut bis sehr gut bezahlt, hat einen verbindlichen Dienstplan und ein vernünftiges Verhältnis von Pflegekraft zu betreuenden Patienten. War er mit seiner Prognose über die Entwicklung in der Corona-Pandemie zu optimistisch?

Leider ja. Ich hatte auch mehr Optimismus im Frühjahr vergangenen Jahres, dass sich da was tut. Sie hätten die Fallpauschalen gleich zu Beginn der Pandemie aussetzen müssen, das wäre ein gutes Instrument gewesen, um Veränderungen anzustoßen.

Außerdem haben wir immer wieder die Bezahlung kritisiert. Wir haben zwar Bonuszahlungen bekommen, aber unsere Forderungen nach Tariferhöhungen, also einem monatlichen höheren Lohn, wurde nicht beachtet. Gerade in der Langzeitpflege sind sie nicht mal bereit, dafür zahlen. Da hat sich nichts getan.

Am 12. Mai ist der Tag der Pflegenden. Was wünschen Sie sich?

Dass es besser wird. Dass wir eine gesetzliche Personalbemessung bekommen, die ihren Namen verdient. Dass die Pflege allgemein aufgewertet wird. Und dass wir einen ganz tollen Startschuss für unsere Berliner Krankenhausbewegung vor dem Roten Rathaus hinbekommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jenny Barke, rbb|24.

Sendung: Abendschau, 12.05.2021, 19:30 Uhr

9 Kommentare

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  1. 9.

    Woher wissen Sie, dass der kluge und geradlinige Mann gern in Shows sitzt? Hat er Ihnen das gesagt?

  2. 8.

    Personalmangel gibt es. Das stimmt.
    Aber ich als arbeitslose gelernte Altenpflegehelferin finde keinen Job da mir meist gesagt wird der peesonalschlüssel stimmt. Oder es wird schön aussortiert anhand eines lebenslaufes. Es sind die obersten die darüber entscheiden ob eingestellt wird.
    Seit über 6 Monaten versuche ich hier stationär Arbeit zu bekommen. Nichts.
    Wenn viele der Meinung sind befristete Arbeitsverträge zu machen und weiter aussortieren. Dann kann kein Personalmangel in den Augen der obersten sein.

  3. 7.

    Karl Lauterbach könnte hierzu mit echtem Fachwissen glänzen. Ökonomie hat er studiert und war lange bei den Rhönkliniken. Er müsste wissen, woher die Misere kommt. Er sitzt aber lieber in Talkshows und unkt.

  4. 6.

    Wenn alle nur noch Home Office,bzw. YouTuber werden wollen,wundert mich gar nichts mehr.
    Außerdem haben wir doch jede Menge Bürger geschenkt bekommen.
    Arbeiten gehen muss gelernt werden,das beginnt in der Schule schon...ohne die Ehrenamtlichen sähe es noch schlechter aus.

  5. 5.

    Wenn Konzerne massiv gewinne machen, die Kosten für den Bürger immer weiter steigen und trotzdem nicht genug übrig bleibt für Personalausstattung und angemessenes Gehaltsniveau, dann läuft doch etwas schief. Und dabei setzen doch die Krankenkassen die Anreize und zahlen die Rechnung. Als ob, man da nichts tun könnte. Muss man eben nur mal anfangen.

  6. 4.

    Vielen Dank für das aussagekräftige Interview .. ich denke für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege sollten wir Alle „auf die Straße gehen“ .. ansonsten befürchte ich, dass sich leider nichts ändern wird. Es ist nicht hinnehmbar unter welchem Druck die Pflegekräfte arbeiten müssen und dadurch ihre eigene Gesundheit und die der Patienten gefährden.

  7. 3.

    Das viel zu wenig Personal in Krankenhäusern sind wird ja schon seit Jahren beklagt auch das sie unterbezahlt werden Deutschland und ihre Regierung ist einfach nur noch peinlich! Corona deckt alles auf und das Böse erwachen kommt erst noch!

  8. 2.

    Es betraf nicht das Pflegepersonal, also bitte nicht alles durcheinender bringen.
    Nach wie vor gibt es Pflegepersonalmangel, und deshalb ist Berlin und Brandenburg auf Arbeitskräfte aus Polen etc. angewiesen, obwoht Berlin die höchste Langzeitarbeitslosen-Quote hat. Zu diesen Beruf, da will wohl kaum einer Umschulen, dann lieber gar nicht arbeiten.

  9. 1.

    Helios hat doch gerade erst personal entlassen für mehr Gewinn. Das war doch genau so gewollt mit der privatisierung in den 90ern. Man erntet, was man säht

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