Interview l Ende der Fastenzeit - "Für viele Jüngere ist der Ramadan nur noch eine Diät"

Rakad Ahmed. Quelle: privat
Bild: privat

Für Muslime endet am Donnerstag mit dem Zuckerfest der Fastenmonat Ramadan. Rakad Ahmed erklärt im Interview mit rbb|24, was ihr diese Tradition als moderne Muslima bedeutet, wie die Pandemie das Fasten verändert - und welche Trends sie kritisch sieht.

Rakad Ahmed (25) lebt seit vier Jahren in Berlin und studiert Medizin an der Charité. Im Interview mit rbbl24 erzählt sie, was sie mit dem islamischen Fastenmonat Ramadan verbindet.

rbb|24: Frau Ahmed, am Donnerstag wird der Ramadan traditionell mit dem Zuckerfest beendet. Wie läuft das unter Corona-Bedinungen ab?

Rakad Ahmed: Es ist ja schon das zweite Jahr, in dem man wegen der Pandemie leider nicht alles machen kann wie sonst. Das Zuckerfest feiern wir normalerweise mit vielen Menschen, mein Vater im Irak fängt immer drei Tage vorher an zu backen. In diesem Jahr werde ich zu einer Freundin nach Potsdam fahren, wir haben uns zum Grillen verabredet. Vorher werde ich auf jeden Fall auch mit meiner Familie telefonieren und mit allen meinen Onkeln und Tanten. Man gratuliert sich dann immer zum Ende der Fastenzeit.

Und wie würden Sie den Ramadan normalerweise begehen?

Normalerweise ist der Ramadan eine sehr soziale Zeit, Menschen besuchen sich sehr häufig und bei dem Abendessen gibt es oft sehr aufwendige Gerichte. In Ägypten oder auch im Irak geht das Leben auf der Straße dann oft erst am Abend los. Es gibt viele Geschäfte, die um 20 Uhr öffnen und dann erst um 4 Uhr morgens wieder schließen.

In manchen Teilen der Gesellschaft ist das auch etwas übertrieben, da wird ein Konsumfest draus gemacht. In diesem Jahr habe ich oft mit meinen Eltern im Irak telefoniert und war bei einzelnen Freunden zu Besuch. Im arabischen Fernsehen gibt es zu dieser Zeit auch immer zu Ramadan neue Serien. Da habe ich mir dann abends zum Essen ab und zu eine Folge angeschaut.

Wie haben Sie die Fastenzeit unter Corona-Bedingungen in diesem Jahr persönlich erlebt?

In diesem Jahr habe ich die Zeit als ziemlich stressig empfunden. Durch das Studium im Home Office hatte ich größere Eigenverantwortung im Studium und noch dazu habe ich einen Nebenjob angefangen. Deshalb fand ich es in diesem Jahr teilweise schon sehr anstrengend, dass ich immer nur zu festen Zeiten etwas essen konnte. Andererseits gibt der Ramadan meinem Leben auch immer etwas mehr Struktur. Ich stehe immer zu einer festen Zeit auf, esse zu einer festen Zeit und halte mich mehr an die Gebetszeiten. Diese Dinge werde ich auch vermissen, wenn die Fastenzeit vorbei geht. Ich versuche zwar immer, einige dieser Strukturen noch länger aufrecht zu erhalten, aber meistens schaffe ich das nur eine gewisse Zeit, dann kommt das normale Leben wieder zurück.

Sie leben jetzt seit vier Jahren in Berlin, gibt es Unterschiede in der Art, wie Ihre Generation und die Generation Ihrer Eltern im Irak die Fastenzeit verbringt?

Der größte Unterschied ist, dass die Generation meiner Eltern das Leben noch mehr auf die Fastenzeit umstellt. Meine Eltern nehmen sich frei, um diese Zeit ganz bewusst zu erleben. Sie kochen jeden Abend mehrere Stunden und bereiten sehr viel Essen vor, bevor es am Abend ein gemeinsames Fastenbrechen mit der ganzen Familie gibt. Ihr Alltag ändert sich total. Bei mir und bei vielen anderen in der jüngeren Generation ist das nicht ganz so. In meinem Alter nimmt man zwar auch am Ramadan teil, aber wir integrieren die Fastenzeit eher in unseren bestehenden Alltag. Ich habe in den letzten Wochen zum Beispiel studiert und gearbeitet und auch etwas weniger aufwendig gekocht. Ich wähle mir meistens Gerichte, die ich in einer Stunde zubereiten kann.

In dieser Hinsicht habe ich allerdings auch eine Gewohnheit geändert, denn vor dem Ramadan habe ich sehr viel häufiger Essen bestellt, Schawarma, Hähnchen, alles Mögliche. Das würde jetzt theoretisch auch gehen, weil ich jetzt zum Ende der Fastenzeit immer gegen 21 Uhr gegessen habe, wenn Restaurants noch für die Lieferdienste geöffnet sind. Aber ich versuche jetzt ganz bewusst, auch mal gesünder zu essen, immer eine Suppe und einen Salat zu haben und dann noch ein Gericht, das Eiweiß und Kohlenhydrate enthält. Man sollte auch nicht zu viele Süßigkeiten essen, das macht den nächsten Tag meistens ein bisschen beschwerlicher.

Welche Rolle spielt denn der Diät-Faktor beim Ramadan?

Wenn man den Ramadan normal gestaltet, dann ist es einfach so, dass man ein bisschen abnimmt. Wenn man es richtig macht, vielleicht so zwei bis drei Kilo, aber das nimmt man erfahrungsgemäß schnell wieder zu (lacht). Es gibt auch Leute, bei denen ist es genau anders rum. Die nehmen zu, weil sie nach dem Fastenbrechen sehr viel essen.

Was ich bei vielen jüngeren Menschen beobachte, ist, dass der Ramadan für sie tatsächlich eine Art Diät geworden, in der es vor allem darum geht, abzunehmen. Das ist schwierig, denn das Ganze kann bei jungen Leuten auch eskalieren, wenn sie zum Beispiel vor dem Ramadan schon ein Problem mit ihrer Ernährung und dem Wohlbefinden hatten. Dann kann diese Fastenzeit auch eine Essstörung triggern. Deshalb sollten Eltern von Teenagern auch darauf achten, dass ab dem Abend immer ausreichend gegessen wird. Sinn des Festes ist es auf jeden Fall nicht, sich in irgendeiner Form zu schaden.

Was ist Ihnen in dieser Zeit wichtig?

Im Ramadan habe ich mehr Zeit, um gedanklich bei Gott zu sein. Sonst komme ich weniger dazu. Die Zeit ist für mich sehr wichtig. Normalerweise, wenn das möglich ist, hat das Fest auch eine soziale Komponente. Man trifft sich eigentlich täglich mit Familie oder Freunden, um dann Abends zusammen zu essen. Der eigentliche Sinn des Festes ist, dass man tagsüber nichts isst und trinkt, um sich bewusst zu machen, wie es ärmeren Menschen geht. Viele Muslime spenden in dieser Zeit auch viel Geld für wohltätige Zwecke.

Ich bin ja Studentin und gebe in normalen Zeit nicht besonders viel Geld aus und spende dann während des Ramadan entsprechend einen kleineren Betrag. Aber ich merke, wie ich das Thema Armut deutlicher und auch emotionaler wahrnehme. Zum Beispiel, wenn ich in Berlin unterwegs bin und Obdachlose sehe. Das bewegt mich dann in dieser Zeit noch einmal anders.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Roberto Jurkschat

Die Kommentarfunktion wurde am 13.05.2021 um 17:59 Uhr geschlossen

Die Kommentare dienen zum Austausch der Nutzerinnen und Nutzer und der Redaktion über die berichteten Themen. Wir schließen die Kommentarfunktion unter anderem, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt.

16 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 16.

    "Sie erzählen hier Dinge die man auch belegen muss, bitte eine Quelle dazu."

    Niemand muss hier (tatsächliche oder vorgebliche) persönliche Erfahrungen und Eindrücke belegen. Sie können solche Ausführungen für plausibel halten oder aufgrund Ihrer offenbar islamophilen Haltung bestreiten, das steht Ihnen frei. Und was (nominelle) Christen und die Passionszeit betrifft, möchte ich behaupten, dass abseits weniger dörflicher Gegenden sich an der Lebensführung nichts verändert. So säkularisiert ist der Islam auch in Europa noch nicht, dass man das vergleichen könnte.

  2. 15.

    Darum geht es im Beitrag auch gar nicht, denn der war auch ohne Corona recht gut verständlich und auf Augenhöhe, eine sehr intelligente junge Frau hat allen etwas von ihrem Leben in der Fastenzeit erzählt, was treiben Sie so alles in der Passionszeit?

  3. 14.

    An welcher Schule unterrichten Sie genau, können Sie da nähere Angaben machen? Sie erzählen hier Dinge die man auch belegen muss, bitte eine Quelle dazu. Danke.

  4. 12.

    Nun ja, was dem Christen die Passionszeit, ist eben einem Andersgläubigen der Ramadan und eigentlich haben Sie hier tatsächlich den Beitrag völlig falsch gewertet, denn darin geht es um eine intelligente Frau, die über den Ramadan erzählt und ich fand es recht interessant, denn auch die Jugend verändert sich und lebt nichts mehr so intensiv, wie es die Älteren tun. Sie sind Lehrerin, an welcher Schule genau ?

  5. 11.

    Vor 2 Jahren las ich, daß während des Ramadans die Noten bei den muslimischen Schülern, die fasten, richtig einbrechen. Besonders übel soll es sein, wenn der Ramadan gleichzeitig stattfindet während der Abiturprüfung, denn in diesem Alter fasten schon sehr viele muslimische Schüler.
    Im 21. Jahrhundert noch Vorgaben aus dem 7. Jahrhundert durchzuführen, ist für mich nicht mehr nachvollziehbar.

  6. 10.

    Während Karl Marx noch wusste, dass Religion Opium des Volkes sei (um die Folgen der Ausbeutung während der Industrialisierung zu überleben), wusste Lenin bereits, daß Religion Opium für das Volk ist (von den männlichen Machbesessenen benutzt, um die Mensch klein zu halten - im Denken und Handeln).
    Auch ich erlebe jedes Schuljahr in Neukölln, wie fertig Mädchen und Jungs bereits frühmorgens im Unterricht ankommen und sich über den Tag schleppen. Wie menschenverachtend ist eine Religion, die gegen die Biologie Heranwachsender anstinkt und die körperlichen und kognitiven Beeinträchtigungen ihrer Kinder bewusst in Kauf nimmt?
    Das kann kein Gott wollen.

  7. 9.

    Bundespräsident Steinmeier hat ja extra die Muslime für die Einhaltung der Coronaregeln während des Ramadans gelobt!
    Schien ihm also extra erwähnenswert - der Grund dafür ist aber auch vielfältig interpretierbar.

  8. 8.

    Das Grundgesetz stammt nun mal nachweislich nicht aus dem Mittelalter, oder werden die 1940er Jahre neuerdings so tituliert?

  9. 7.

    Ja und nein. Wer " gedanklich bei Gott" sein will, kann das das ganze Jahr über denken.
    Die Ignoranz der Auswirkungen des sehr langen Fastens in der hellen Jahreszeit bei Kinden und Jugendlichen so des Risikos bei Zusammenkünften in Pandemiezeit finde ich bei einer angehenden Medizinerin sehr schlimm und rückwärtsgewandt unwissenschaftlich. Vielleicht versteht sie mehr, wenn sie in der Notaufnahme die dehydrierten Schwangeren( die nicht fasten müssen) zu versorgen hat oder eine 24 Stundenschicht in der IVS hat ( bei Tageslcht fasten, bei Nacht keine Zeit zum Trinken, weil einzige Ärztin und gefühlte 40 Grad unter der Schutzkleidung). Wieviel Wasser man da verliert und was die Folge ist, lernt man im Medizinstudium.

  10. 6.

    Christliche Feiertage passen nicht mehr ...

  11. 5.

    Berlin war mal eine moderne, weitgehend areligiöse Stadt.
    Jetzt haben wir hier junge Leute (!), die "gedanklich bei Gott" sein wollen.
    Ein Rückschritt ins Mittelalter, vielen Dank.

  12. 4.

    So so, "man trifft sich eigentlich täglich mit Familie oder Freunden, um dann Abends zusammen zu essen" (richtig wäre "abends"). Gilt eigentlich in diesem Umfeld und namentlich im Ramadan auch die eine oder andere Corona-Vorschrift? Darauf zielte doch offenbar auch die Frage nach den Corona-Bedingungen ab, oder? Zu diesem wirklich spannenden Konflikt von Ramadan als "eine sehr soziale Zeit" und den verbindlichen Regeln im Lockdown wie Ausgangs- und Kontaktsperren, Abstandsvorschriften etc. findet sich in dem gesamten Interview keine einzige Bemerkung. Dabei hätte das sicher nicht nur das Personal in Intensivstationen interessiert.

  13. 3.

    Jeder das Recht, privat seine Religion so auszuüben, wie er/sie es für richtig hält.
    In der Schule haben wir in den letzten Jahren- in denen Ramadan in den Hochsommer fiel, gesehen, dass die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen massiv zunahm, völlig übermüdet und nicht in der Lage zu lernen war. Alle paar Tage musste die Feuerwehr Kinder wegen Dehydrierung in die Klinik fahren. Junge Kinder müssen nicht fasten, wollen aber die Anerkennung ihrer Familie oder haben einfach Angst. Das ist ein Verhrechen an den Kindern. Musl. Eltern, die es anders handhaben- selbst fasten, ihre Kinder jedoch mit Imbis und Getränk versorgen- werden von anderen musl. Eltern beleidigt.
    Zum Glück haben hier nach GG Jugendliche ab 14 Religionsselbstbestimmung, was viele nicht wissen. Und dann gibt es die Gruppe der Jugendlichen, die durchaus in der Schule essen und trinken, ihren Eltern vorlügen, dass sie das Fasten einhalten und sich auf das versprochene neue iPhone freuen. Ich kann sie verstehen.

  14. 2.

    Hallo rbb Team
    Ich finde es super Das ihr auch mal über so ein Thema berichtig.

  15. 1.

    Vor einiger Zeit las ich, daß im Ramadan die Muslime im Durchschnitt nicht abnehmen, sondern 3 Kilogramm zunehmen, weil sie den ganzen Tag nichts essen und dann bei Dunkelheit wird groß aufgetischt u. gefeiert und alles was möglich ist reingehauen. Dann wird relativ kurz geschlafen, weil man bevor es hell wird, wieder alles mögliche ißt, damit man den ganzen Tag ohne etwas zu essen und zu trinken durchhält.

Nächster Artikel