60 Jahre Antibabypille in Deutschland - Gleichberechtigung bei der Verhütung nicht in Sicht

ILLUSTRATION - Eine Packung Antibabypillen. (Quelle: dpa/Ralf Hirschberger)
Audio: Inforadio | 01.06.2021 | Sven Dröge | Bild: dpa/Ralf Hirschberger

Erhöhte Thrombosegefahr für die Frau, keine Pille für den Mann: So sieht der Stand nach 60 Jahren Antibabypille in Deutschland aus. Eine Berliner Initiative fordert sichere Verhütung und Gleichberechtigung. Von Sven Dröge

Die Pille für die Frau, für den Mann das Kondom. So einfach, aber auch so ungleich ist Verhütung bisher. Die Deutschen kennen und können es nicht anders, wie die letzte Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2018 zeigt: Außer dem Kondom gibt es kein anderes Verhütungsmittel für den Mann.

Eine Tatsache, die Jana Pfenning und Rita Maglio ändern möchten. Die beiden Berliner Studentinnen haben Anfang dieses Jahrs die Initiative "Better Birth Control" gegründet. Sie wollen auf die Unterschiede bei Verhütung aufmerksam machen. Deshalb fordern sie unter anderem, dass "Geld in die Forschung investiert wird, damit Männer ein breiteres Angebot an Verhütungsmitteln bekommen", sagt Jana Pfenning.

Rita Maglio (li.) und Jana Pfenning (Quelle: Thilo Kunz)
Rita Maglio (li) und Jana Pfenning haben "Better Birth Control" gegründet | Bild: Thilo Kunz

Dass auch Männer zur Pille greifen würden, wurde bereits 2005 durch eine internationale Studie des Berliner Zentrums für Epidemiologie und Gesundheitsforschung (ZEG Berlin) belegt. Damals wurden über 9.000 Männer in sieben Ländern befragt. Das Ergebnis: Allein in Deutschland wären 69 Prozent der Männer bereit, eine Antibabypille zu nehmen. Nur knapp sieben Prozent würden die Pille ablehnen. Wenn Männer also größtenteils dafür sind, wieso gibt es noch keine Pille für den Mann?

Nebenwirkungen sind Frauensache

Die Pille, die für Frauen vor 60 Jahren in Deutschland zugelassen wurde, würde den Arzneimittelanforderungen heute nicht mehr genügen. Und das hat mit den Nebenwirkungen zu tun. 2011 wurde durch eine Studie belegt, dass Stimmungsschwankungen, Libido-Verlust und Depression auch bei der Pille für den Mann auftreten können. Damals wurde ein Hormonpräparat, welches ähnlich wie die Pille funktioniert, an Männern getestet.

Für den Mann zu viel, aber für die Frau ertragbar? Der Berliner Fabian Hennig, der als Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Universitätsmedizin Mainz untersucht, warum die Pille für den Mann bisher noch nicht marktreif ist, erklärt das so: "Es gibt einen doppelten Standard im Hinblick auf die Nebenwirkungen. Es sieht so aus, als ob die Nebenwirkungen für Frauen hingenommen werden, für Männer aber als nicht akzeptabel dargestellt werden." Frauen müssen noch immer aushalten, was Männern bisher erspart bleibt.

Pille erhöht Thromboserisiko

Seit den sechziger Jahren wurde die Antibabypille in mehreren Generationen weiterentwickelt. Heute sind Pillen der dritten und vierten Generation auf dem Markt. Dass diese nicht unbedingt zum Guten weiterentwickelt wurden, hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) 2013 in einer Studie festgestellt. Danach ist das Risiko einer Thrombose und Lungenembolie bei einigen Pillen der neuesten Generationen eineinhalb bis zweimal so groß wie bei Pillen der älteren Generationen. "Das ist skandalös, und darauf muss aufmerksam gemacht werden", fordert Jana Pfenning. Die Pharmaindustrie sei auch dazu verpflichtet, Geld in die Hand zu nehmen, um die Nebenwirkungen zu reduzieren.

Fabian Hennig (Quelle: privat)
Fabian Hennig forscht, warum die Pille für den Mann bisher noch nicht marktreif ist | Bild: privat

Die Ursache für das erhöhte Thromboserisiko ist sogar bekannt. Es liegt an einem ganz bestimmten Inhaltsstoff, den künstlich hergestellten Gestagenen. Gestagene sind weibliche Sexualhormone, die eigentlich dazu dienen, eine Schwangerschaft entstehen zu lassen und diese zu erhalten. Im Körper der Frau verursachen künstliche Gestagene auch Akne und Gewichtszunahme.

Erstmal keine Pille für den Mann

Frauen sind heute besser über die Pille und deren Nebenwirkungen informiert. Das ist ein Grund, warum der Absatz der Pille seit Jahren zurück geht. Zwar ist die Pille immer noch das meistgenutzte Verhütungsmittel vor dem Kondom, doch gerade junge Frauen weichen auf andere Verhütungsmittel aus. Im Vergleich zu 2011 verhüten junge Frauen 2018 knapp 16 Prozent weniger mit der Pille.

"Wir wollen die Pille nicht verteufeln", stellt Jana Pfenning klar. Mit ihrer Initiative "Better Birth Control" möchte sie aber erreichen, dass Frauen mehr Optionen gegeben werden. Gleichberechtigung bei Verhütung kann eben nur entstehen, wenn Frauen und Männer die gleichen Möglichkeiten haben.

Doch die Pille für den Mann wird so schnell nicht auf den Markt kommen, meint Fabian Hennig. In den nächsten zehn Jahren sei damit nicht zu rechnen. Das hätte auch mit dem männlichen Selbstverständnis zu tun: "Oftmals erscheint die Pille für den Mann oder ähnliches als eine Gefahr für Männlichkeit und wird mit Potenzverlust oder Identitätsverlust in Verbindung gebracht", konstatiert Hennig.

Sendung: Inforadio, 01.06.2021, 10:25 Uhr

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Beitrag von Sven Dröge

54 Kommentare

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  1. 54.

    Nie wieder Spirale einsetzen lassen ohne Betäubung, das war der Horror. Es ist ein operativer Eingriff, niemand macht das mal kurz in der Mittagspause.

  2. 53.

    Doch. Ich würde niemanden diesen Beruf empfehlen und kenne genug, die aufgehört haben oder nach Corona aufhören wollen.
    Der Mangel an Fachkräften kommt ja nicht von ungefähr.
    Wenn mir meine Gesundheit, meine Familie und meine Freizeit lieb ist, gehe ich nicht in die Pflege. Oder beschwere mich nicht. Sondern ändere was.

  3. 52.

    .... zumal die Spermien persistieren und die Imprägnation noch ein paar Tage später erfolgen kann. Wenn, dann müssten die Spermien durch eine "Pille" tot oder reifungsgestört bleiben. Oder gleich Vasektomie.

  4. 51.

    Sehr aufmerksam von Ihnen, dass Sie sich mal wieder in meine Lage zu versetzen versuchen, aber ich schreibe ab und an auch über Dinge, ohne persönlich betroffen zu sein. Dass auch und gerade in Berlin der Trend zum Alleinwohnen/-leben ungebrochen ist, sollte sich herumgesprochen haben. Deutungen dazu gibt es nicht nur in Incel-Communities, sondern auch schon mal im "Tagesspiegel" aus weiblicher Feder. Gut, in anderen Stadtteilen gibt es noch Großfamilien... dort dürfte allerdings die Frage "wer verhütet?" mehr so als first-world problem wahrgenommen werden.

  5. 50.

    Ja, wenn es sowas gäbe, wär natürlich toll - wenn man sich dann gegenseitig fragt, hast Du die Pille genommen?, aber ich kann mir vorstellen, dass die Vorgänge um Befruchtung und eventuelle Einnistung, also das Heranreifen von Eizelle, Aufbau der Gebärmutterschleimhaut, Heranreifen von Spermien eben nicht in einer halben Stunde passieren und deswegen auch nicht eine halbe Stunde vor dem Sex unterbrochen werden können.

  6. 49.

    Kürzere Lebenszeit, weil die Männer so hart arbeiten - darf ich mal laut lachen. Frauen haben auch im 21. Jahrhundert immer noch täglich mindestens zwei Jobs mit ordentlich Überstunden: Beruf, Familie, Haushalt, private Krankenschwester der Kinder und des Ehemannes... Allerdings trinken sie nicht so viel Akohol und rauchen (noch) weniger, sind wesentlich sportlicher , beweglicher und ernähren sich gesundheitsbewusster als Männer. Ganz nebenbei überstehen sie dazu durchschnittlich mehrere Schwangerschaften und deren "Folgen".
    Sie gehören wohl auch zu den Männern, die in einer hochinfektiösen Umgebung, in einer Pandemie keine Maske aufsetzen wollen und bei jeder Bitte um Abstand herumzetern müssen ... und sich dann über die Statistik und Todesraten wundern.

  7. 48.

    Finde ich sehr gut von Ihnen. Ich würde mich auch gern sterilisieren lassen. Nach mehreren Fehlgeburten ist für mich die Sache mit dem Kinderkriegen durch :-(
    Doch kein Arzt/Ärztin will den Eingriff durchführen, da ich „erst“ 32 Jahre bin. Es ist zum verzweifeln.

  8. 47.

    Hallo Ulrike!

    Danke, Sie bringen es exakt auf den Punkt. Wenn Frauen sich absolut sicher sein wollen, dass Verhütungsmaßnahmen getroffen werden, müssen sie sich in der Regel selbst darum kümmern.

    Maik

  9. 46.

    Richtig. Es zwingt aber auch niemanden, Krankenschwester, Kindergärtnerin oder Altenpflegerin zu werden.

    Und trotzdem monieren die Betroffenen hier unzureichende Löhne. Nur wette ich, dass Sie hier den Betroffenen nicht die Schuld an der Berufswahl geben, oder?

  10. 45.

    Das sehe ich aber genauso - nur anders herum. Ich frage ich schon seit Jahren, warum so viele Männer so blauäugig Sex mit x-beliebigen Frauen haben ohne selbst dafür zu sorgen, dass die Dame nicht schwanger wird. Im Bekanntenkreis sind mir so einige Paare bekannt, die dann - upps - ungeplant schwanger wurden. Und einige der werdenden Väter waren überhaupt nicht glücklich mit dem Umstand, dass sie jetzt Väter werden und die nächsten 20+ Jahre für dieses Kind finanziell usw. aufkommen müssen. Dem vorangehend war immer nur die lapidare Frage (meistens nach dem Geschlechtsverkehr!), dass doch die Dame "bestimmt" die Pille nehmen würde, ODER?

    Deshalb wäre es doch garnicht so schlecht, wenn es Verhütung für den Mann gäbe (außer Kondomen, die sich ja die meisten Männer nicht gerne "überstreifen".

  11. 44.

    ... wer hat Ihnen denn den Bären aufgebunden, dass eine Spirale per Operation eingesetzt oder ausgetauscht/erneuert wird?

  12. 43.

    Nee, is klar, Spectator, die We*ber wollen einfach nicht mehr so wie früher, wo alles noch so schön einfach war, ne?! Ihre Argumentation rückt nicht wenig in diejenige, welche von diesen merkwürdigen Incel-Jüngern verbreitet wird . . .

  13. 42.

    Ich habe mich mit 43 Jahren sterilisieren lassen. Meine persönliche Kinderplanung ist abgeschlossen, ein 16 jähriger Sohn. Hab auch keine Lust mit mitte vierzig noch mal von vorn anzufangen. Meine Frau ist auch darüber glücklich. Und immer Falle einer neuen Beziehung muss ihr klar sein, das ich nicht der Vater ihrer Kinder sein werde. Schützt eventuell auch gegen zukünftige Unterhaltszahlungen liebe Männer. ;-)

  14. 41.

    aber mal im ernst, warum gibts nichts, was man oder frau ne halbe stunde vorm sex schluckt? wenn ich mal nen monat keinen sex habe, was mit kindern, beruf und stress auch vorkommt und in langzeitpartnerschaften nun nicht ungewöhnlich ist, habe ich dann einen monat ein mediakament umsonst eingenommen. das ist doch doof. kann den vergleich mit dem kopfschmerzmittel verstehen.

  15. 40.

    Ich bin kein Arzt und weiß nicht, ob und wenn ja, welche Pille für so junge Mädchen geeignet ist. Vorstellen kann ich mir das nicht, und ich habe auch nicht behauptet, dass es sich bei den hormonellen Verhütungsmitteln um Zuckerglobuli handelt. Ich habe im Alter von 16 mit der Pille angefangen und eben mit Unterbrechungen genommen, bis ich 45 war. Ich würe mich in Sachen Verhütung nie auf die Versicherungen eines Mannes verlassen. Für meinen Körper bin ich verantwortlich, niemand sonst, Gleichbereichtigung hin oder her. @Pillengegnerin, vielleicht nehmen Sie nicht täglich Kopfschmerztabletten, weil Sie nicht täglich Kopfschmerzen haben? Ich kenne sehr viele Menschen, die ständig Schmerzzustände haben und froh sind, dass es Schmerzmittel gibt.

  16. 39.

    Sie können von Glück reden, dass Sie Ihre Wunschkinder bekommen haben. Viele Frauen in meinem Bekanntenkreis, die seit ihrem 12-14ten Lebensjahr die Pille nehmen (mir selbst wurde die Pille wegen der Haust mit 13 gegeben, sie wird immer früher und immer leichtfertiger verschrieben), mussten 2-5 Jahre warten bis ihr Hormonhaushalt wieder in Ordnung war und sie schwanger werden konnten. Oder auch nicht. Gerade ein sehr früher Einsatz der Pille beruhigt zwar die sorgenden Eltern vor einer Teenieschwangerschaft, schädigt aber nachweislich (fragen sie Ihren Arzt oder Apotheker) das natürliche hormonelle Gleichgewicht aufzubauen. So viel gutes die Pille auch bringt (super Haut, weniger Schmerzen, kaum PMS, regelmäßiger Zyklus), so ist sie doch mit Vorsicht zu genießen und immer noch ein Arzneimittel und keine Zuckergloboli.

  17. 38.

    Kopfschmerztabletten haben auch immer eine gute Wirkung und kein Nebenwirkungen aufgezeigt, trotzdem nehme ich sie nicht täglich. Und nicht jahrelang. Warum wohl?

  18. 37.

    Ich selbst habe die Pille mit Unterbrechungen für die Geburt meiner Wunschkinder ca 25 oder mehr JAhre genommen, anschließend noch zwei Jahre Hormonspirale. Ich habe keinerlei negative Auswirkungen gespürt, bis heute nicht, im Gegenteil, die Nebenwirkungen habe ich als äußerst angenehm empfunden, Rückgang von Akne, wesentlich kürzere und fast schmerzfreie Regelblutungen. Hatte und habe allerdings auch immer eine sehr gute Gynäkologin, die mich gut beraten hat. Das bisschen Chemie täglich bewegt sich im Mikrogrammbereich, ich bin überzeugt, dass wir durch künstliche Farb-und Aromastoffe, E-Nummern-Zusätze im Essen, Hormone und Antibiotika im Fleisch täglich ein Vielfaches mehr an Chemie zu uns nehmen. Von Rauchen, Alkohol und anderen Genussgiften gar nicht zu reden. Hören wir deswegen auf, Kaffee zu trinken und Schokolade zu essen?

  19. 36.

    Danke für die Aufklärung. Kann ich ihnen die Rechnung für meinen Schwangerschaftsabbruch 2019 schicken? Plus Ausfallkosten auf der Arbeit und Kosten für therapeutische Hilfe, da Frau sowas nicht einfach mal wegsteckt. Es hat nämlich ganze drei Monate mit dieser Methode funktioniert, dann kam die tolle Nachricht Baby on Board. Und der Partner ist auch fort. OTon: Kondome waren nicht so seins, spürt Mann ja nix und andere Frauen haben sich doch auch nicht so und schlucken.

  20. 35.

    Sie wissen aber schon wie Spiralen funktionieren? Entweder Kupferspirale (verstärkt Regelblutung und Schmerzen) oder HORMONspirale, also das gleiche wie Pille nur statt geschluckt werden gibts ne OP. Und das aller paar Jahre.

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