30 Jahre Auswilderung aus Berliner Zoos - Vom Zoo ins Gebirge: Wie seltene Bartgeier wieder ausgewildert werden

Bartgeier im Schnweizerischer Nationalpark Engadin am 14.September 2019. (Quelle: Schweizerischer Nationalpark/Hans Lozza)
Schweizerischer Nationalpark/Hans Lozza
Video: rbb|24 | 05.06.2021 | Caroline Winkler | Bild: Schweizerischer Nationalpark/Hans Lozza

Im Juni 1991 wurde der erste junge Bartgeier aus dem Tierpark ausgewildert. Seither lassen die Berliner Zoos fast jedes Jahr einen Jungvogel frei. So auch in diesem Jahr - weit weg von seinem Schlupfort. Von Caroline Winkler

Der 5. Juni 1991 war für den Tierpark und die Schweiz ein besonderer Tag: Mehr als 100 Jahre nach ihrer Ausrottung wurden drei junge Bartgeier im Schweizerischen Nationalpark im Engadin freigelassen, unter ihnen ein Jungvogel aus dem Tierpark. Der erste Vogel, den der Tierpark direkt freiließ, wurde "Margunet" getauft.

30 Jahre später brüten im Februar 2021 in Zoo und Tierpark drei Bartgeier-Paare. Schon das ist ein Erfolg. Die Zucht ist nicht einfach, wie Ragnar Kühne, Zoologischer Leiter des Berliner Zoos, erklärt. "Zusammengestellt wird immer ein Paar, von dem man ausgeht, dass es genetisch harmoniert, die Vögel müssen sich aber auch verstehen" sagt er. "Und Bartgeier brauchen eine lange Zeit, um sich kennenzulernen." Die drei Paare haben fünf Eier gelegt. Jedes einzelne der in Europa noch immer sehr seltenen Bartgeier zählt.

Ausrottung der Bartgeier

Zur Ausrottung der Bartgeier im gesamten Alpenraum bis 1913 kam es aufgrund eines Irrtums: Der mit knapp drei Metern Spannweite sehr imposante und zudem neugierige Vogel, der Knochen aus großer Höhe fallen lässt, damit sie brechen, machte den Alpenbewohnern Angst. Sie interpretierten sein Verhalten falsch - und so kursierten Schauermärchen über den "Knochenbrecher", der bis zum letzten Tier gejagt wurde.

Man wusste damals noch nicht, dass Bartgeier sich - mit Ausnahme von Schildkröten - ausschließlich von toten Tieren und insbesondere von Knochen ernähren. Bartgeier sind daher nicht nur ungefährlich, sondern haben auch eine nützliche Funktion: Sie sorgen, wie andere Geierarten auch, durch den Verzehr von Aas dafür, dass sich keine Krankheiten ausbreiten. Oskar Heinroth, Leiter des Berliner Aquariums und Vogelforscher, war fasziniert: "Die Knochenverdauung dieser Vögel grenzt ans Unglaubliche", schrieb er 1924.

Grenzüberschreitende Kooperation zur Wiederansiedlung

Im Volksmund wurden Bartgeier aufgrund ihres Aussehens früher auch Bartadler genannt, neben Spanien und Korsika überlebten unter anderem in Zoologischen Gärten einzelne Vögel. Bereits 1927 schlug Heinroth eine Wiederansiedlung der Bartgeier vor. Die Zeit dafür war 1978 reif: Ein internationales Projekt startete in Kooperation mit zahlreichen Tiergärten mit gehegegeborenen Bartgeiern den Aufbau einer Zucht. Auch der Tierpark, damals noch in der DDR gelegen, nahm mit seinen Geiern am Zuchtprogramm teil. 1987 gelang es, den ersten Junggeier aufzuziehen, 1988 gab der Tierpark den ersten Jungvogel ab. Der landete übrigens im West-Berliner Zoo, der ebenso züchtete.

Der erste Bartgeier aus dem Tierpark

Am 28. Februar 1991 schlüpfte schließlich das Bartgeier-Küken Margunet im Tierpark. Bartgeier werden in dem kurzen Zeitraum, in dem sie schon selbstständig Nahrung aufnehmen, aber noch nicht fliegen können, im Alter von drei Monaten zu zweit oder dritt in einer Felsnische freigelassen. So wurde Margunet am 5. Juni 1991 mit seinen Artgenossen Settschient und Moische im Ostschweizer Engadin in einen vorbereiteten Horst auf 2.290 Metern Höhe gesetzt.

"Der Freilassungsort wie auch die Ausstattung waren wunderbar", erinnert sich Alex Llopis Dell, Koordinator des europäischen Zuchtprogramms der Vulture Conservation Foundation (VCF). Damals noch Student, betreute er die Nische und brachte den Jungvögeln Futter. "Auch menschlich war es einmalig, das ganze Nationalparkteam hatte sich für das Projekt eingesetzt."

Bereits zehn Tage nach seiner Ankunft im Nationalpark Engadin flog Margunet los. Er verpaarte sich später mit dem Bartgeierweibchen Jo im Nationalpark Stelvio nahe der italienischen Grenze und zog von 1999 bis 2003 mindestens vier Jungvögel in freier Natur groß. Danach fand Jo einen neuen Partner, Margunet wurde nicht mehr gesehen.

Ein neues Leben in Freiheit

Eine Metapopulation, um Inzucht zu vermeiden

Das aufwändige von der VCF koordinierte Projekt zur Wiederansiedlung der Bartgeier trägt Früchte: Rund 190 Brutpaare gibt es wieder in Europa, die Wildpopulation stabilisiert sich. Nun ist es wichtig, durch eine Metapopulation die genetische Vielfalt auszubauen, indem die Brutgebiete in Nordafrika, Andalusien und den Pyrenäen mit denen in den Alpen und auf dem Balkan verbunden werden. Für die Ostalpen soll Bayern, eine weitere Anlaufstelle werden. Daher werden am 10. Juni 2021 erstmalig auch in Deutschland, im bayrischen Berchtesgaden, zwei junge Bartgeier freigelassen – mehr als 100 Jahre nach ihrer Ausrottung in den Alpen.

Zurück im Berliner Zoo: In der Bartgeier-Voliere ist Anfang März ein Altvogel im Nest zu beobachten, wie er sorgfältig einen Fuß hebt, dann den anderen und scheinbar auf Zehenspitzen um etwas herum tanzt: Das erste Küken ist geschlüpft. Ragnar Kühne erzählt, das Bartgeierpaar habe, nachdem es bereits 19 Jahre zusammen war, erst im vorigen Jahr den ersten Jungvogel aufgezogen, "und wie selbstverständlich haben wir in diesem Jahr erneut einen Jungvogel hier im Zoo." Der Tierpark aber hat in diesem Jahr kein Glück: Die vier Eier der beiden Brutpaare blieben unbefruchtet oder sind abgestorben.

Seit 1991 sind aus dem Tierpark 21 Bartgeier freigelassen worden, sowie Anfang Juni der im März geschlüpfte – diesmal aus dem Berliner Zoo. "Der diesjährige Jungvogel passt exakt in die kleine Population in Andalusien. Insofern ist es ein großes Glück, dass er Ende Mai nach Andalusien reisen konnte und dort ausgewildert werden kann", so Ragnar Kühne. Der junge Bartgeier bekam den Namen Quercus und wurde mit einem anderen Jungvogel am 3. Juni 2021 in der Sierra de Cazorla freigelassen, fast auf den Tag genau 30 Jahre nach Margunet.

Beitrag von Caroline Winkler

4 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 4.

    Einerseits werden Tiere aufwendig gezüchtet und ausgewildert, anders aber durch die Gesetzgebung die Nahrungsgrundlage genommen. Das verendete Schaf musste entsorgt werden anstelle es den Geiern zu überlassen. Immerhin hat die EU den Fehler eingesehen.

  2. 3.

    Guter Artikel und schöne Fotos! Mehr davon! Es ist wichtig, Programme zur Auswilderung journalistisch zu begleiten, z.B. um Vorurteilen über die Tiere entgegen zu wirken.

  3. 2.

    Das finde ich sehr schön, dass Tierpark und Zoo etwas für die Wiederansiedlung tun.

  4. 1.

    Ich hoffe sehr, dass die Aufzucht dieser wunderschönen Vögel weiterhin Erfolg hat und man kann froh sein, dass es Menschen gibt, die sich so sehr für diese Tiere so engagieren.

Nächster Artikel