Zukunft der Mobilität - Der Berliner Bergmannkiez probt die Verkehrswende

Verkehrsschilder auf der leeren Bergmannstraße in Berlin Kreuzberg. (Quelle: rbb/N. Haring)
rbb/N. Haring
Video: rbb|24 | 05.06.2021 | Material: Sophia Bernert (Grafiken), Abendschau | Bild: rbb/N. Haring

Der Bergmannkiez in Berlin-Kreuzberg soll weitgehend autofrei werden – die Planungen laufen bereits seit Jahren, jetzt wurden die ersten "Durchfahrt Verboten"-Schilder aufgestellt. Kann das Vorbild für Berlins Mobilität der Zukunft sein? Von Wolf Siebert und Sylvia Tiegs

Kein Autolärm, stattdessen das Lachen von Menschen, die links und rechts der Straße in Cafés oder auf Bänken sitzen, ein breiter Radstreifen und in der Mitte eine Wasserrinne, in der Kinder Papierboote fahren lassen: Bis 2025 soll die Bergmannstraße in Kreuzberg zwischen Nostitzstraße und Schleiermacherstraße neu gestaltet werden: weitgehend autofrei, mehr Grün, ein Ort zum Flanieren und Einkaufen, zum Sitzen und Reden.

Im Mai wurden nun die ersten Verkehrsschilder aufgebaut: "Durchfahrt für Kfz verboten, Anlieger frei - bei Tempo 20". Es ist der erste Schritt zur Verbannung des Durchgangsverkehrs aus dem Viertel, später sollen Fußgängerzonen auf der Bergmannstraße und dem Chamissoplatz folgen. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Bündnis 90/Die Grünen) spricht von einem "Kiez der Zukunft“, in dem Menschen besser miteinander leben werden – und der Vorbild für andere Teile Berlins sein kann. Elf Millionen Euro sind für alle Maßnahmen eingeplant. Bezirk und Land Berlin beteiligen sich, Fördermittel aus Finanztöpfen des Bundes sind eingeplant.

Grafik Bergmannstrasse (Quelle: rbb24)
| Bild: rbb24

Umleitung von bis zu 10.000 Autos täglich

Bis zu 10.000 Autos am Tag fahren über die Zossener Straße, die in die Bergmannstraße mündet, sagt Felix Weisbrich. Er leitet das Straßen- und Grünflächenamt des Bezirks. Stadtplaner Weisbrich ist derjenige, der während der Corona-Pandemie in Berlin die Pop-up-Radwege eingerichtet hat. 10.000 Autos, von denen viele einen Schlenker durch die Bergmannstraße machen, um dann über die Friesenstraße Richtung Tempelhofer Feld zu fahren. "Diese Verbindung nehmen wir aus dem Hauptroutennetz raus", sagt Weisbrich. Soll heißen: kein Autoverkehr mehr.

Weisbrich, 48 Jahre alt, war lange Förster in Mecklenburg-Vorpommern. Seit zweieinhalb Jahren ist er nun im Bezirk und mit dem Projekt Bergmannstraße beschäftigt. Seitdem wurde vieles ausprobiert – und wieder verworfen: zum Beispiel grüne Punkte auf der Fahrbahn zur Verkehrsberuhigung, sogenannte Parklets zum gemütlichen Aufenthalt am Straßenrand. Kosten: mehr als eine Million Euro.

Fußgänger- statt Begegnungszone

Ursprünglich sollte die Straße eine sogenannte Begegnungszone werden: mit mehr Platz für Bürger – ob zu Fuß oder per Rad – aber auch mit Autos, alle mit gleichen Rechten. Aber, sagt Weisbrich, "die Bürger wollten Klarheit und mehr Ruhe". Das habe sich in den vielen zeitaufwändigen Gesprächsrunden mit Anwohnern und Gewerbetreibenden herauskristallisiert. Und deshalb kommen die Autos nun raus aus der Bergmannstraße, nach und nach: Zunächst wird die Bergmannstraße zu einer Einbahnstraße gemacht, anschließend werden Lieferzonen eingerichtet, darauf folgt die Sperrung der Verbindung Zossener-/Friesenstraße, und dann erst wird die Bergmannstraße zur Fußgängerzone. Im Planerdeutsch heißt die neue Vision korrekt: Fußgängerzone mit Trennverkehr.

Fahrradfahrer bekommen einen abgetrennten Fahrradstreifen, teilen sich den Straßenraum mit den Fußgängern. Lieferverkehr wird es auch weiterhin geben. Aber der bekommt eigene Lieferzonen, die er nur zu bestimmten Zeiten am Morgen und am Vormittag benutzen darf.

Auch Anwohner dürfen dann hier nicht mehr parken, müssen in die Seitenstraßen ausweichen. Birgt das nicht Konfliktpotential? Nein, meint der Dortmunder Verkehrswissenschaftler Martin Randelhoff im Interview mit rbb|24: "Teilweise entstehen diese Konflikte ja gar nicht, weil man zu unterschiedlichen Tageszeiten unterwegs ist. Anwohner, die den Pkw zum Pendeln nutzen, sind meistens tagsüber gar nicht da. Die parken abends und nachts." Die Kunden von Geschäften dagegen parkten insbesondere tagsüber, während der Geschäftszeiten - sagt der Verkehrsforscher, und schlussfolgert: "Das sollte funktionieren - zumindest in der Theorie."

Eine Grafik der Bezirksverwaltung Friedrichshain-Kreuzberg zeigt ein Modell der autofreien Bergmannstraße. Quelle: Bezirk Friedrichshain-KreuzbergBlick in die Zukunft der Bergmannstraße.

Neue Parkflächen in den Seitenstraßen geplant

Auch der Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes, Felix Weisbrich, reagiert gelassen. So wie alle, die etwas Neues versuchen wollen und Widerstände erwarten: "Das ist alles keine Revolution!" Man habe ja auch schon früher in Berlin Fußgängerzonen eingerichtet.

Außerdem haben sich die Planer in einem wichtigen Punkt flexibel gezeigt: Ein kleiner Teil der Bergmannstraße wird nicht zur Fußgängerzone. Auf den letzten Metern bis zum Mehringdamm liegt nämlich ein Gesundheitszentrum. Zum Gebäudekomplex gehören auch ein Supermarkt und ein Discounter. Diesen Teil der Straße dürfen Lieferanten und motorisierte Kundinnen auch weiterhin nutzen. Und noch ein Versprechen für die Autobesitzenden Anwohner der künftigen Fußgängerzone: In den Seitenstraßen sollen neue Parkflächen geschaffen werden.

Kritik an Zeitzonen für den Lieferverkehr

Michael Becker, Geschäftsführer eines Geschenke-Ladens auf der Bergmannstraße, ist trotzdem skeptisch: "Wenn es für den Lieferverkehr tatsächlich Zeitzonen geben würde, müsste ich mehr Personal beschäftigen, um diese Zeit abzudecken. Ich sehe aber noch gar kein Konzept dafür."

Mit Blick auf seinen Kollegen, der Weinhändler um die Ecke ist, fragt sich Michael Becker, wie dessen Kundschaft künftig ihre Großeinkäufe erledigen will – wenn das Parken vor dem Laden nicht mehr möglich ist. "Früher sind die Autofahrer gekommen und haben kistenweise Wein bei ihm gekauft, um die im Keller einzulagern. Zu Fuß aber nimmt man gerade mal zwei Flaschen mit. Da sind es richtige Umsatzeinbußen!"

Ganze 45 Sekunden braucht man mit dem Fahrrad für die umzugestaltende Strecke auf der Bergmannstraße – wenn man wie vorgeschrieben maximal 20 Stundenkilometer fährt. Die Planungszeit dafür: acht Jahre – und bis zur Fertigstellung dauert es jetzt noch drei bis vier Jahre. Sind Aufwand und Ergebnis noch verhältnismäßig? Bezirksbürgermeisterin Herrmann räumt ein, dass es Fehler gegeben habe. Das Verfahren habe viel zu lange gedauert. "Das können wir uns künftig nicht mehr leisten." Beteiligungs- und Planungsprozesse müssten durchdacht und gestrafft werden.

Verkehrsschilder auf der leeren Bergmannstraße in Berlin Kreuzberg. (Quelle: rbb/N. Haring)Blick in die Bergmannstraße.

In Zukunft autofreie Blöcke wie in Barcelona?

Die Umgestaltung betrifft aber nicht nur die Bergmannstraße. Der ganze Bergmannkiez zwischen Mehringdamm, Gneisenaustraße, Südstern und Columbiadamm soll verkehrsberuhigt werden. Vor allem durch ein ausgeklügeltes Netz von Einbahnstraßen, die die Fahrt mit dem Auto unattraktiv machen sollen. Im Wrangel- und im Samariter-Kiez habe das schon funktioniert, sagt Weisbrich. Beide liegen in seinem Bezirk.

Verkehrsforscher Martin Randelhoff betreibt seit mehreren Jahren den Blog "Zukunft Mobilität [zukunft-mobilität.net]. Er kennt in ganz Europa Beispiele für gelungene Verkehrsführung. Etwa in Barcelona, wo mehrere Wohnblöcke in der Innenstadt sogenannte Super-Blöcke bilden, innerhalb derer keine Autos mehr fahren dürfen. Grundsätzlich hält er das auch für Berlin denkbar. "Die Herausforderung ist, dass man einen Ausgleich schaffen muss zwischen den Interessen von Anwohner oder Anwohnerinnen und von Dritten, die durch das Gebiet fahren müssen", so Randelhoff. Der Verkehrsforscher betont: Projekte wie im Bergmannkiez seien insbesondere für die Steigerung der Lebensqualität, der Aufenthaltsqualität und der Verkehrssicherheit geeignet.

Sein Blick auf mögliche Klimaschutzeffekte ist gleichzeitig ernüchternd: Der Wegfall von ein oder zwei Kilometer langen Autofahrten helfe zwar, aber die Menge an Emissionen sei eben nicht so groß wie im täglichen Pendel- oder Flugverkehr. "Wenn man wirklich was für den Klimaschutz reißen will, muss man an die großen Distanzen ran."

Sendung: Inforadio, 04.06.2021, 12:45 Uhr

Beitrag von Wolf Siebert und Sylvia Tiegs mit Material von Holger Trzeczak

66 Kommentare

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  1. 66.

    Wie auf Handwerker wollen sie doch nicht verzichten, die können i anderen Bezirken ungestört parken, arbeiten u geldverdienen.

  2. 65.

    Ach Vera, ich als ein weiterer Ur-Berlin (in Berlin geboren, in Berlin aufgewachsen, in Berlin wohnend und hier auch arbeitend) kann ihnen nur voll zustimmen.

  3. 64.

    Tja, Modelleisenbahnromantik!

  4. 63.

    Das ist das, was sie wollen - Urberliner raus aus Berlin. Ich bin Urberliner und war bisher immer glücklich hier, mit quietschenden Straßenbahnen, Autolärm, - gestank - eben Berliner Luft - Parks und Grünflächen, Hinterhöfe zum Spielen waren auch da. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir auf der Straße gespielt haben,da fahren Autos. Wir leben in einer Großstadt und nicht auf dem Dorf. Übrigens, dort haben wir auch nicht auf der Straße gespielt. Warum ziehen sie nach Berlin - wenn es ihnen hier nicht gefällt.

  5. 60.

    Man kann doch noch Auto fahren, halt nur nicht mehr durch die Nebenstraßen. Wenn es gut funktioniert, kann man es auch wo anders machen, dafür sind ja Pilotprojekte da. Sie als Autofahrer beschweren sich doch immer über Fußgänger und Fahrradfahrer, diese können ja nun problemlos durch die Nebenstraßen fahren und sie auf der Hauptstraße.

  6. 58.

    Man sollte Kreuzberg mitsamt Bürgermeisterin und Baustadtrat einzäunen und sich von diesen Leuten im Rest der Stadt nicht weiter nötigen lassen. Sollen sie zurück zur Zeit der Jahrhundertwende um 1900 zurückkehren aber mit ihren absurden Forderungen nicht immer normale Menschen die im hier und heute leben belästigen und mit diktatorischen Eifer alle anderen Bewohner der Stadt zu den Albernheiten zu zwingen.

  7. 57.

    Linkes Biedermeier. Die Stadt als Dorf. Mit Dorfanger, Einkaufskörben aus Korb, Lastenfahrrädern.
    Einfach traumhaft!

  8. 56.

    Gerade sie als Alteingesessener muessten aber auch unsere Handwerler kennen, was denen unangenehm ist wird abgewimmelt. Gerade in Zeiten wo man sich das Clientel aussuchen kann und der Handwerkermangel wird in den nächsten Jahrzehnten noch schlimmer. Ein roter fliiegender Teppich wurde noch nicht entwickelt, denn laufen oder fahrradfahren is nicht.
    Ansonsten heisst es bei naechsten Havarie, Vetstopfung, kein Strom-Handwerk hat goldenen Boden aber micht ohne Transport. Man kan es auch mit weiterhin mit Ueberheblichkeit versuchen und sagen wir brauchen keine Autos, dann aber bitte auch die Folgen tragen.

  9. 55.

    Das ist die Hochburg der Grünen, sollen sie doch ihren Bezirk Autofrei machen und den Rest von Berlin in Ruhe lassen. Das ist dann das Gallische Dorf von Berlin.....ha,ha,ha

  10. 54.

    Wahlberliner hassen das aber. Wahlberliner*innen mögen ja nich nicht mal die Berliner Schnauze. Deshalb sorgen die durch politisches Engagement und wirtschaftliche Handlungen (gentrifizierung durch Hausg und Wohnungskauf) für die Verdrängung, die die so schön finden um ihre Provinz hierher zu holen.

  11. 53.

    Sehr gute Entwicklung. Ich freue mich.

  12. 52.

    Interessant, was "wir Berliner" so wollen. Ich bin den frühen 70ern hier geboren, habe die Stadt nie verlassen, Kreuzberg, Charlottenburg, Schöneberg, Reinickendorf. Und was ich möchte, scheint mir von Ihrer Position eher entfernt zu sein. Alerta A. bezieht sich ja auf meinen Kommentar, da lesen Sie, dass mir schon klar ist, dass bestimmte Gewerbe auch weiterhin mit Lkw fahren werden müssen, genau wie Lieferdienste.

    Allerdings kann gerade der beschworene Eismann sehr wohl mit einem Lastenrad fahren, wenn er im Kiez Eis verkauft. Er fährt sowieso keine großen Distanzen.

    Der Zimmermann wird sich das Gebälk nicht über der Schulter mitbringen können - das ist schon klar. Aber gerade unter den Gewerbetreibenden, insbesondere den Handwerkern, ist nicht jede Fahrt mit dem - dann gern auch regelwidrig abgestellten - Transporter "alternativlos". Lange nicht.

  13. 51.

    Sie können sich nicht mal im entferntesten vortstellen, wie sehr ich mich darüber freue. Allerdings gehört KLadow tatsächlich auch zu Berlin. Leider. Trotzdem hat Politik nicht nur in der Innenstadt stattzufinden. Meines Wissens gibt es schlappe 3,5 Mio Einwohner in Berlin und nicht nur ca. 1,3 Mio in den Innenstadtbezirken.

  14. 50.

    Was ist denn mit Feuerwehr, Behundertentransporte, Taxi für Senioren ? Die kommen dann im Lastenfahrrad und der Sani trägt Helm mit Rundumleuchte und macht die Sirene selber. Na prima, ein Hoch auf die rechtsbeugende, grüne Diktatur.
    Und nein, ich bin kein Autofahrer, besitze keine Führerschein, ich bin ein Fußgänger.

  15. 48.

    „Im Moment wird ausschließlich eine Verkehrsart gehätschelt, getätschelt und über alle Maßen bevorzugt“
    Schön wärs... dann wäre auch der A100 Bau beendet oder es würden mal Autofahrer kontrolliert werden, die zu tausenden auf den Busfahrstreifen parken

  16. 47.

    Auto, Kreuzberg, autofrei, Kreuzberg, Kreuzberg, Radfahrer, Kreuzberg, Kreuzberg, Radler, Kreuzberg, Kreuzberg, Kreuzberg, Fussgänger, Kreuzberg, Kreuzberg, Kreuzberg .... merkt ihr noch was ?

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