Aufhebung der Impfpriorisierung - Betriebsärzte steigen in Impfkampagne ein

Matthias Koch, Betriebsarzt für die Justiz, impft Heidi Govoni in der neu eröffneten Impfstelle im Kriminalgericht Moabit. Die freiwillige Angestellte aus dem Bereich Verwaltung wird mit dem Impfstoff Moderna als Erste in der neuen Imftstelle geimpft. (Quelle: dpa/Annette Riedl)
Audio: Antenne Brandenburg | 07.06.2021 | Bild: dpa/Annette Riedl

Nun gibt es auch einen dritten Impf-Weg: Neben Hausärzten und Impfzentren spritzen ab sofort auch Betriebsärzte in Unternehmen den Wirkstoff von Biontech und Pfizer. Wie auch bei den Impfungen an anderer Stelle gilt: Geduld mitbringen.

Rund fünfeinhalb Monate nach den ersten Schutzimpfungen gegen das Coronavirus können sich Impfwillige in Berlin und Brandenburg nun auch bei ihrem Arbeitgeber pieksen lassen. Durch die bundesweite Aufhebung der Impfpriorisierung ab diesem Montag werden auch Betriebsärzte in die Corona-Impfkampagne eingebunden. Es wird jedoch weiterhin zu Geduld und Rücksicht aufgerufen, da es zu wenige Vakzine gibt.

702.000 Impfdosen für 6.300 Betriebsärzte

Aus Sicht der Betriebsärzte gebe es ein großes Interesse unter Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sich im Unternehmen impfen zu lassen. "Wir sind zunächst mal froh, dass es jetzt endlich losgeht, denn die Nachfrage aus den Betrieben ist groß. Daher freuen wir uns", sagte der Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte, Wolfgang Panter, am Montag im Bayerischen Rundfunk. Betriebsärzte werden zunächst das Präparat von Biontech und Pfizer verabreichen.

Gleichzeitig dämpfte der Präsident des Verbands die Erwartungen: Die Zahl der zur Verfügung stehenden Impfdosen sei noch "überschaubar klein". Panter zufolge haben bundesweit rund 6.300 Betriebsärzte Impfstoff angefordert. Erhalten sollen sie in dieser Woche 702.000 Dosen.

Von 800 bestellten Dosen pro Betriebsarzt könnten 102 Dosen geliefert werden, hatte Panter zuvor den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland [rnd.de] gesagt.

Erste Brandenburger Betriebe haben mit Impfungen begonnen

Beim Eberswalder Autozulieferer "Finow Automotive" haben am Montagmorgen um 8:30 Uhr die Impfungen durch die dortige Betriebsärztin begonnen. Unterstützt von Mitarbeitern der Johanniter seien schon am ersten Tag 108 Biontech-Impfungen durchgeführt worden, wie die Geschäftsleitung mitteilte. Man habe mehrfach Impfstoffe nachgebestellt, auch Familienangehörige von Beschäftigten seien mitgeimpft worden.

Beim Stahlunternehmen "Arcelor Mittal" in Eisenhüttenstadt beginnen am Dienstag die Impfungen für zunächst 60 Beschäftigte. Für die erste Woche wurden nach Angaben der dortigen Betriebsärztin 250 Impfstoffdosen geliefert, für kommende Woche 300.

Betriebsimpfungen in Berlin schon seit Mitte Mai

Der Berliner Senat hatte im Mai bereits ein Pilotprojekt zum Impfen in Betrieben gestartet. Insgesamt stellte die Senatsverwaltung für Gesundheit einige Tausend Impfdosen dafür aus dem Landeskontingent zur Verfügung. Unter anderem wurden Mitarbeiter des Medienkonzerns Axel Springer geimpft.

In einem zweiten Schritt wurde das Pilotprojekt auf mittelständische Betriebe Unternehmen ausgeweitet. Bereits seit einer Woche wird deshalb in dem Unternehmensnetzwerk "Motzener Straße" am südlichen Stadtrand Berlins im Bezirk Tempelhof-Schönefeld geimpft. Ärzte vom Roten Kreuz impfen dort jeweils abwechselnd die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter teilnehmender Betriebe des Netzwerks.

Panter: Arbeiter in Werkshallen vor Homeoffice-Mitarbeitern bevorzugen

Der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte empfiehlt den Betriebsärzten, zuerst Mitarbeiter mit einem höheren Infektionsrisiko zu impfen, wie beispielsweise Angestellte, die in Werkshallen eng zusammenarbeiten oder viel Kundenkontakt haben. Büromitarbeiter oder Beschäftigte im Homeoffice könnten nachrangig geimpft werden.

Präsident Panter riet den Unternehmen zudem, mögliche Nebenwirkungen einzukalkulieren: "Vor allem in Arbeitsbereichen, die Auswirkungen auf das ganze Unternehmen haben, also zum Beispiel der Leitstand in einem Kraftwerk, sollte man besser nicht alle Mitarbeiter gleichzeitig impfen", sagte er dem RND.

Wie es nach der Verimpfung der rund 700.000 Dosen Biontech und Pfizer weiter geht, ist noch unklar. Der Einsatz weiterer Hesteller könne einen rascheren Ablauf sicherstellen, glaubt Panter "Sicherlich würden viele Betriebsärzte den Impfstoff von Johnson & Johnson präferieren, weil er nur einmal injiziert werden muss", sagte Panter. Das bedeute weniger organisatorischen Aufwand.

Stiftung Patientenschutz: Einbindung von Betriebsärzten schürt Impfneid

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, kritisierte in der "Rheinischen Post" das Ende der Priorisierung scharf.

Das Einbinden der Betriebsärzte würde den Konflikt um Impfneid und Streit in der Gesellschaft vergrößern: "Denn mit über 400 Impfzentren und 35.000 Praxen mangelt es nicht an Impfstellen, sondern allein an Impfstoffen. Für die Patienten ist das ein verheerendes Zeichen", sagte Brysch. "Während ihre Hausärzte für sie nur zehn Impfdosen pro Woche vorhalten können, werden im Gewerbegebiet nebenan die Betriebe gleich mit tausenden Ampullen versorgt."

Altmaier geht von monatlich drei Millionen Impfungen durch Betriebsärzte aus

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sah hingegen in der Einbeziehung der Betriebsärzte einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen das Coronavirus. "Das ist ein weiterer großer Fortschritt in der Impfstrategie. Die Betriebsärzte haben auf diesen Tag gewartet und sind bereit, heute loszulegen. Das wird nochmal einen deutlichen Unterschied machen", sagte der Bundesminister am Montag in der RTL-Sendung "Frühstart".

Altmaier hielt die Zahl von rund 700.000 Impfungen in der ersten Woche für beträchtlich. Sie werde wachsen, wenn sich das Impfen einspiele. Der CDU-Politiker geht von rund drei Millionen Impfungen pro Monat durch Betriebsärzte bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sowie Familienangehörigen aus.

Sendung: Inforadio, 07.06.2021, 09:00 Uhr

11 Kommentare

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  1. 11.

    Anreiz schaffen ist aber noch ein Stück weit entfernt von Impfpflicht..

  2. 10.

    Eine spannende Frage:

    Impfungen durch Betriebsärzte: Dürfen Arbeitgeber eine Impfpflicht anordnen?

    "Diskutiert wird auch eine Erhöhung der Impfbereitschaft durch Prämien. Sie dürfe vom Arbeitgeber in Aussicht gestellt werden, wenn Beschäftige „ein von ihm unterbreitetes Impfangebot wahrnehmen und dadurch einen Beitrag zum betrieblichen Gesundheitsschutz leisten“. Gutscheine oder Geldprämien könne eine Möglichkeit sein, darin liege „kein Verstoß gegen das Maßregelungsverbot“ vor, heißt es im BDA-Leitfaden."

    https://www.wiwo.de/politik/deutschland/impfreihenfolge-impfungen-durch-betriebsaerzte-duerfen-arbeitgeber-eine-impfpflicht-anordnen/27259856.html

  3. 8.

    Die Stiftung Patientenschutz hat kein Mandat aus der Selbsthilfe oder aus Patientenorganisationen. Es ist eine Organisation, die versucht politisch Einfluss zu nehmen, Spenden zu sammeln. Sie ist eine Nachfolgeorganiation der Deutschen Hospiz Stiftung. Der RBB hätte sich schon mal die Mühe machen können, zu überprüfen, wer da als Gewährsleut zitiert wird.
    Es ist vielmehr eine Verfehlung der öffentlichen Gesundheitspflege, dass die Betriebsärzte nicht früher tätig werden durften.

  4. 7.

    Spahn hat doch gesagt es kommen im Juni 50000 Dosen Pfizer. Also, Stoff kommt ;-)))) Oder zweifelt etwa jemand an Minister Spahn? Wer keine Ironie versteht, bitte nicht antworten

  5. 6.

    Die Stiftung Patientenschutz verkennt, dass arbeitende Menschen auch Patienten sind. Und jede Impfung im Betrieb entlastet Hausärzte und Impfzentren. Warum soll ein „Fabrikarbeiter“ nicht während der Arbeitszeug im Betrieb geimpft werden? Soll er sich in die Warteschlange beim Hausarzt reihen?

  6. 5.

    Gerade über die Betriebsärzte erreicht man schnell sehr viele. Hätte von Beginn an stärker genutzt werden sollen, zumal ja immer wieder die Ansteckungsgefahr in Betrieben genannt wurde. Stattdessen dann HomeOffice, Testangebotspflicht und vorallem Kurzarbeit. Mit einer Impfung durch Betriebsärzte bevorzugt man nicht die Arbeitgeber sondern schützt besonders Arbeitnehmer. Und zwar Gruppen, die täglich zusammen arbeiten. Hinzu kommt die Mobilität der Arbeitnehmer. Also, ähnlich wie man in Brennpunkte und Hotspots gehen musste wären Betriebe zu betrachten gewesen.

  7. 4.

    Prima! Wenigstens wird dadurch nicht Hinz & Kunz geimpft sondern die Leistungsträger, die Arbeitende Bevölkerung!

  8. 3.

    Betriebsärzte hätten einen viel wichtigeren Platz in der Impfstrategie einnehmen können. Die jetzige Einbindung macht die Planung für Betriebe und Betriebsärzte nicht einfacher, da ein Teil der Mitarbeiter, die Interesse bekundet haben bereits durch Priorisierung oder andersweitig beim Hausarzt geimpft wurden oder in Kürze einen Termin haben. Das heißt wieder haben wir potentielle Doppelbuchungen, die dafür sorgen, dass der Rest länger warten muss. Je höher die Impfquote, desto weniger lohnt sich der Einsatz eines Impfarztes in kleineren Betrieben. Leider alles eine Folge, der katastrophalen Impfstoffbeschaffung. Theoretisch hätte man einen großen Teil der Arbeitnehmerschaft über Betriebsärzte durchimpfen können.

  9. 2.

    "Während ihre Hausärzte für sie nur zehn Impfdosen pro Woche vorhalten können, werden im Gewerbegebiet nebenan die Betriebe gleich mit tausenden Ampullen versorgt."

    Ist doch gut so! Die arbeitende Bevölkerung sollte dran sein, denn sie reist rum, bringt Kinder in die Kita, trifft unzählige andere Menschen. Endlich kommt es da an. Die meisten, die sich selber kümmern, sind aber in Brandenburg ohnehin fast durch. Auf Seiten wie Impterminradar.de mit Filter Brandenburg gibt es diverse Impfzentren die Platz haben, letzte Woche war das am Ende fast alles durchweg grün. In Angermünder hat die Uckermark ohne Prio letzten Freitag geimpft und sie hatten bis zuletzt freie Termine.

  10. 1.

    Ich verstehe das mit dem Impfneid, aber - wir gehen seit Beginn der Pandemie jeden Tag arbeiten, völlig ungeschützt, in einem systemrelevanten Betrieb, und es ist nicht möglich, die Mitarbeiter anders zu schützen. Einzeln bekommen sie trotz Bescheinigung der Prio keine Termine vor Ende diesen Jahres. Es wäre eine Katastrophe, wenn der Virus hier umginge wie in anderen Lebensmittel-Betrieben... und essen wollen doch weiterhin alle! Leider ist unsere Bundesregierung ja von anderen Einwohnerzahlen (Schweiz? Liechtenstein? San Marino?) ausgegangen, sodass für KEINEN Impfstoff da ist außer für Männer (Astrazeneca). Je nachdem, welche "Sau" gerade durchs Dorf getrieben wird, bekommen die, aber die anderen dann nicht mehr. Am Schluss ist die Decke entweder oben oder unten zu kurz...

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