Hearing "Aufarbeitung Missbrauch" - Erzbistum Berlin kommt im Missbrauchsskandal aus der Deckung

Erzbischof Heiner Koch, Bischof des Erzbistums Berlin (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
Audio: Inforadio | 23.06.2021 | C. Gräf | Bild: dpa/Bernd von Jutrczenka

Lange hatte das Erzbistum Berlin im Missbrauchsskandal sehr verschlossen agiert - nun ein Novum: Die oberste Kirchenleitung stand am Dienstag den Mitarbeitenden Rede und Antwort, vor laufender Kamera. Eine Trendwende? Von Carmen Gräf

Berlins Erzbischof Heiner Koch ringt förmlich um Fassung. "Es nimmt mir den Atem, lässt mich traurig, verzweifelt sein. Und ich frage mich: Wo bin ich schuldig geworden? Wo sind wir als Kirche schuldig?"

Die Stimmung ist angespannt beim Youtube-Hearing am Dienstagabend: Zehn haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende der katholischen Kirche erklären jeweils ihre Sicht der Dinge zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Berlin. Es hagelt Kritik und Unmut - für ein Gespräch darüber bleibt kaum Zeit.

Das Hearing "Aufarbeitung Missbrauch" auf Youtube

Gutachten zeigt Missstände deutlich auf

Ein Gutachten hatte deutlich gezeigt, dass es im Erzbistum Berlin in den vergangenen Jahrzehnten viele Missstände gab. Diese hätten sexuellen Missbrauch erst ermöglicht, beziehungsweise seine Aufklärung verhindert und erschwert. Verantwortliche des Erzbistums hätten weggeschaut, Vorfälle nicht dokumentiert oder Akten vernichtet. Relativierungen waren laut Gutachten an der Tagesordnung. Sexueller Missbrauch von erwachsenen Priestern an 16-, 17-jährigen Jugendlichen wurde zum Beispiel als "Zölibatsverstoß" kleingeredet. Um die Opfer ging es dabei kaum, sondern vor allem um den Ruf der Kirche.

Wahrheit scheibchenweise preisgegeben

Ein kleiner Teil des Gutachtens wurde im Januar 2021 veröffentlicht, ein Großteil aber nicht: nämlich 443 von 669 Seiten. Es sind die Seiten, auf denen Namen und Taten genannt werden. Das stieß auf massive Kritik. Am vergangenen Freitag veröffentlichte das Erzbistum schließlich auch den Rest, auch wenn die Namen der Beschuldigten und weitere Angaben zu ihnen umfassend geschwärzt sind. Das Erzbistum Berlin begründet das damit, dass Persönlichkeitsrechte von Beschuldigten und Betroffenen geschützt werden müssen.

Die Wahrheit nur scheibchenweise und nur auf Druck der Öffentlichkeit preiszugeben - das ist die bewährte Salami-Taktik der katholischen Kirche. Doch die Zeit drängt: Die meisten Taten verjähren nach 10 bis 20 Jahren. Von den 61 beschuldigten Tätern ist zudem schon knapp die Hälfte gestorben. Doch nicht nur den Betroffenen, auch vielen anderen Kirchenmitgliedern reißt langsam der Geduldsfaden. Sie wollen sich nicht mehr hinhalten lassen - und das scheint bei den Kirchenoberen nun langsam anzukommen.

Vorwurf: Erzbistum schützte die Täter

Dass auch Kirchenmitglieder keine Geduld mehr haben, wird am Dienstagabend in dem öffentlichen Hearing deutlich. Es fallen klare Worte: Die desaströse Aktenführung des Erzbistums habe die Taten begünstigt und die Täter geschützt, sagt Johannes Norboth vom Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz. Er erkennt darin ein Muster - nicht nur in Berlin, sondern in vielen Bistümern.

Ralph-Dieter Feigel, Ständiger Diakon im Pastoralen Raum Lankwitz-Marienfelde, erwartet von der Bistumsleitung, dass sie überführte Täter der Strafjustiz meldet und nicht monate- oder jahrelang das Kirchenrecht anwendet. "Die lange Dauer der Verfahren ist unsäglich. Wir erleben Scham und Zorn, wie sich Amtsträger verhalten," sagt die Gemeindereferentin Monika Patermann.

Kirchenrechtliche Verfahren haben eine Besonderheit. Die Opfer sind Zeugen und nicht Teil des Verfahrens. "Sie haben keinerlei Akteneinsicht oder Ahnung, was da hinter verschlossenen Türen läuft", erklärt der Betroffene Johannes Norboth. Opfer müssten Nebenkläger werden, fordert er.

Es würde uns guttun, deutliche Zeichen zu setzen.

Religionslehrerin Christiane Krost

"Versuch und Irrtum in elf Jahren"

Erzbischof Heiner Koch und Generalvikar Manfred Kollig bleibt nach all den Stellungnahmen nur eine Viertelstunde Zeit, zu antworten. "Der Vertrauensmissbrauch macht den Machtmissbrauch noch schlimmer", resümiert Erzbischof Koch. "Die persönliche Schuld, die strukturelle Schuld, die Systemfehler, die Sorge um die Priester - das liegt wie ein Ballast auf mir im Moment".

"Versuch und Irrtum in elf Jahren" nennt Manfred Kollig, Generalvikar des Erzbistums den Aufarbeitungsprozess. 2010 wurde der Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg aufgedeckt. Dieser gab den Anstoß für die Enthüllung weiterer kirchlicher Missbrauchsfälle im gesamten Bundesgebiet. "Wir haben nicht alles gesehen. Auch die Juristen, die zwei Jahre an dem Gutachten gearbeitet haben, haben nicht alles gesehen. Wir werden weiter Fehler machen", sagt Kollig.

"Eine Institution retten, die sich selbst abbaut"

Den Katholiken und Katholikinnen im Erzbistum Berlin genügen solche Erklärungsversuche nicht mehr. Die Religionslehrerin Christiane Krost fordert eine zügige Aufarbeitung und Veränderung der Strukturen, die Missbrauch begünstigen. Damit meint sie die Macht der Kleriker, die systematische Vertuschung und mangelnde Transparenz. "Es würde uns guttun, da einen ganz klaren Schritt zu machen und deutliche Zeichen zu setzen."

Für die Pastoralreferentin Lissy Eichert ist klar: "Es kann nicht darum gehen, eine Institution zu retten, die sich selbst abbaut." Deshalb sei es so entscheidend, wie authentisch, wie glaubwürdig die Aufarbeitung passiere.

"Wir haben jetzt die Chance die Kirche entscheidend zu verändern"

Das Erzbistum Berlin scheint verstanden zu haben, dass sich die Gläubigen nicht mehr hinhalten lassen. Diese wollen den Aufarbeitungsprozess nicht mehr den Kirchenoberen überlassen, sondern umfassend informiert werden und mitreden. Christiane Krost appelliert: "Wir haben jetzt die Chance die Kirche entscheidend zu verändern."

Ob die Kirche diese Chance nutzen wird, ist allerdings fraglich.

 

Sendung: Inforadio, 23.06.2021, 07.00 Uhr

Beitrag von Carmen Gräf

9 Kommentare

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  1. 9.

    Natürlich muss der Staat die Ermittlungen übernehmen.
    Die katholische Kirche scheint die einzige Institution zu sein, die die Aufklärung selbst versucht, und scheinbar über das Strafrecht hinaus.
    Denn die staatlichen Gesetze greifen und gelten ja ebenso.
    Im Grunde drücken sich die anderen Institutionen und Verantwortlichen viel mehr, sie verstecken sich im Schatten der katholischen Kirche.

  2. 8.

    Zitat:"Um die Opfer ging es dabei kaum, sondern vor allem um den Ruf der Kirche."
    In dem Punkt unterscheidet sich die Kirche zumindest nicht von anderen Unternehmen und/oder Institutionen.
    Erst seit #MeToo wird ernsthaft angefangen, im Sinne der Opfer zu handeln.

  3. 7.

    Es ist ein Unding diese Kirchensteuer. Aber kein Politiker wagt sich diese in Frage zu stellen. Was ist das für eine Demokratie? Die sogenanten Vertreter von Gott leben wie die Maden im Speck.

  4. 6.

    Die Chance, dem Eigenleben dieser Organisation Einhalt zu gebieten, wurde bei der Gründung der Bundesrepublik klar verspielt. Zu groß war die Angst, Wähler zu verlieren, da die Altländer einen starken Kath. Bevölkerungsanteil hatten. Und Adenauer als ehem. Zentumsmann sowieso tief im Kölner Kirchenklüngel verwurzelt war. Das Rheingebiet war der Schlüssel zum Wahlerfolg. Und das ließ man sich gerne das Geld der Steuerzahler kosten. Auch hatte man keine Probleme die von den Nazis eingeführte Kirchensteuer weiterlaufen zu lassen. Die geschlossenen Staatsverträge sicherten den Kirchenfürsten ein nobeles Leben. Und wenn man durch die Parteilandschaft wabert, und sich ansieht, wer sich dort alles als bekennender oder praktizierender Christ bezeichnet, dürfte klar sein, daß keiner diese "heilige Kuh" schlachten wird. Es wird weiter gezahlt, und den Straftätern der Rücken frei gehalten.

  5. 5.

    Wie lange will sich die Öffentlichkeit, noch von der kath. Kirche an der Nase durch den Ring vorführen lassen? Von unsere Politik bin ich schon lange enttäuscht. Diese Heuchelei, seitens der Politik ist beschämend und eines Rechtsstaates nicht würdig. Wenn man bedenkt wie viele Jahrzehnte wenn nicht so gar Jahrhunderte, diese schwere, grausame Verbrechen schon stattgefunden haben. Unglaublich was in der kath Kirche vonstatten geht.

  6. 4.

    hier fehlt die Staatsanwaltschaft, so lange sich die Kirche nicht an irdische Gesetze gebunden fühlt und das staatlich geduldet wird ändert sich nichts!

  7. 3.

    Wie kann es überhaupt sein, dass es nicht zu massenhaften Durchsuchungen und Beschlagnahmungen innerhalb der Kirche gekommen ist? Wie kann es sein, dass Täter bzw. ein Täterring macht über die Ermittlungsarbeiten hat, selbst Gutachten beauftragt und dann entscheidet, ob diese veröffentlicht werden? Warum gelten die Gesetze scheinbar nicht mehr, sobald geistliche im Spiel sind?
    Wann hört dieses mittelalterliche Hokus-Pokus von Religion endlich auf. Ich kenne bald nur noch Menschen, die sich als Gläubige ausgeben, um ihre vielen Sünden vergeben zu bekommen und sich immer nur dann an die Lehren halten, wenn sie ihnen einen Vorteil bringen. Das ist kein Dienst an Gott oder den Menschen sondern Narzismus, wie Motte so treffend schreibt. AUFKLÄRUNG JETZT UND VOLLUMFÄNGLICH und zwar durch den Staat mit allen rechtlichen Konsequenzen; es geht verdammt nochmal um Missbrauch und Misshandlungen Schutzbefohlener; was soll dieses Rumgeier?

  8. 2.

    Und wieder wird vertuscht und unter den Teppich gekehrt.
    Der Staat muss das übernehmen! Es darf nicht sein das diese Kinderschänder nach wie vor frei rumlaufen und weiter nötigen und vergewaltigen. Die Täter sollen sich selbst überführen? Bin ich im falschen Film?
    Die Taten verjähren und der Staat schaut zu! Und dann werden diese Personen noch mit Steuergeldern zugeschüttet.

  9. 1.

    Warum sollte zwischen einem Gott und dem Lebewesen eine menschengemachte Religion stehen, deren Regeln zu irdisch sind, um sie auf Göttlichkeit zurückführen zu können? Menschen werden mit unbegrenzter Macht immer etwas tun, was anderen schadet. Macht ist ein Gift, denn ist sie unbegrenzt ausweitbar, verliert der Mensch den Bezug zum anderen Leben. Sexueller Missbrauch ist nur durch kriminelle Energie zu erklären, wer das vertuscht ist kein Erleuchteter. Es sind kriminelle Handlungen von Narzissten, die sich unantastbar fühlen. Reden wir doch mal über die Opfer, die vertrauten.

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