Kinder- und Jugendnotdienst - "Systemsprenger"-Einrichtung in Neukölln steht vor dem Aus

Sina, eine ehemalige Bewohnerin des Neuköllner Kinder- und Jugendnotdienstes "Nogat 7" (Quelle: rbb/Sylvia Wassermann)
Video: Abendschau | 21.06.2021 | Sylvia Wassermann | Bild: rbb/Sylvia Wassermann

Fast ein Jahr hat der Vermieter den Jugendnotdienst in Neukölln hingehalten. Ende Mai kam statt der versprochen Vertragsverlängerung die Absage. Der Immobilienkonzern will das Gebäude offenbar in Eigentumswohnungen umwandeln. Von Sylvia Wassermann

Der Berliner CDU-Politiker Falko Liecke ist sauer: "Ich halte das für eine echte Katastrophe. Und ehrlich gesagt ist das auch ein unfaires Spiel." Der Wohnungskonzern Adler Group habe den Jugendstadtrat von Neukölln auflaufen lassen. Der Kinder- und Jugendnotdienst des Bezirks ist seit 24 Jahren in der Nogatstraße 7. Ende 2021 läuft der Mietvertrag aus.

Seit einem Jahr hingehalten

Vor fast einem Jahr beginnt die Einrichtung, sich um die Verlängerung des Mietvertrages zu bemühen. Doch die Hausverwaltung des börsennotierten Immobilienriesen reagiert laut Angaben des Notdienstes nicht. Erst als der Stadtrat im vergangenen Oktober auf offiziellem Briefpapier dem Vermieter erklärt, dass "der Fortbestand der Einrichtung für den Bezirk von außerordentlicher Bedeutung" ist, kommt es zu einem Kontakt.

Christof Weissbrod, der Leiter der Einrichtung, führt die Hausverwaltung durch den Notdienst. Im Vorderhaus befinden sich die Büros und Gemeinschaftsräume, im gesamten Hinterhaus die kleinen Wohneinheiten für die bis zu zwölf Jugendlichen. Dieses Gespräch im November sei gut verlaufen, so Christof Weissbrod. "Der Hausverwalter sagte uns zu, dass sie ein sehr großes Interesse haben, uns als Mieter hier zu behalten. Und wir gingen davon aus, dass wir wieder eine Vertragsverlängerung von fünf bis zehn Jahren bekommen."

Zabi, ein ehemaliger Bewohner des Neuköllner Kinder- und Jugendnotdienstes "Nogat 7" (Quelle: rbb/Sylvia Wassermann)
Zabi kam als unbegleiteter Jugendlicher nach Deutschland | Bild: rbb/Sylvia Wassermann

Ein Notdienst für "Systemsprenger"

In der "Nogat 7", so wird die Einrichtung genannt, kommen die Jugendlichen unter, die nirgendwo anders einen Platz finden, sogenannte Systemsprenger. Jugendliche, so erklärt Sozialpädagoge Weissbrod, mit sehr schwierigen Biographien. Sie hätten oft viel mitgemacht, beispielsweise Gewalt, Missbrauch oder Obdachlosigkeit.

Zabi war einer von ihnen. Er kam mit 16 als unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland. Er habe sich verloren und sei total kaputt gewesen, sagt er. "Ich war immer aggressiv und habe alles kaputt gemacht. Ich hatte keine Hoffnung mehr auf das Leben."

Niemand ist mit dem Jungen klar gekommen. Aber in der "Nogat 7" kennt man sich mit den schweren Fällen aus. Der aggressive Junge aus Afghanistan beruhigt sich. "Die haben mich verstanden. Die haben mit mir geredet, die haben mich in den Arm genommen und mit mir geweint", erzählt Zabi. Der Junge machte seinen Hauptschulabschluss und eine Lehre zum Maler und Lackierer. Heute hat er eine eigene Wohnung und ist glücklich. Das Team des Notdienstes sei für ihn wie Familie. Sie hätten ihn gerettet.

Neuköllner Kinder- und Jugendnotdienst (Quelle: rbb/Sylvia Wassermann)
Der Kinder- und Jugendnotdienst in der Neuköllner Nogatstraße | Bild: rbb/Sylvia Wassermann

Das Erfolgsgeheimnis ist ein Wohnungsschlüssel

Auch Sina war eines der Kinder im Notdienst. Mit 16 Jahren kam sie in die Einrichtung. Einer ihrer Lieblingsorte war der Keller mit dem Boxsack. "Hier konnte man reingehen und die ganze Wut und Power rauslassen und einfach abschalten." Das Mädchen fand in der "Nogat 7" nicht nur ein Dach über dem Kopf und regelmäßige Mahlzeiten: "Die haben mich hier schön wieder auf den Weg gebracht", erklärt die heute 19-Jährige.

Geholfen hat dabei das besondere Konzept. Die Jugendlichen erhalten einen Schlüssel zu einer eigenen Wohneinheit im Hinterhaus. Sina erinnert sich noch gut: "Das war für mich damals sehr wichtig, dass man nicht mit anderen Leuten zum Beispiel in einem Raum ist. Man hat wirklich seine eigene Schlafmöglichkeit, man schließt hinter sich ab und kann einfach in Ruhe nachdenken."

Eine eigene Wohnung, mit eigenem Schlüssel, aber trotzdem eingebunden in die Einrichtung im Erdgeschoss - das sei eines ihrer Erfolgsgeheimnisse, so Einrichtungsleiter Weissbrod. "Wir merken immer wieder, dass mit der Übergabe des Wohnungsschlüssels total viel bei den Jugendlichen passiert. Wir vertrauen ihnen und das setzt sehr viel positive Energie frei."

Bei Sina hat es funktioniert. Die 19-jährige arbeitet mittlerweile als Security-Frau und hat eine eigene Wohnung.

Christof Weissbrod, Leiter des Neuköllner Kinder- und Jugendnotdienstes "Nogat 7" (Quelle: rbb/Sylvia Wassermann)
Einrichtungsleiter Christof Weissbrod | Bild: rbb/Sylvia Wassermann

Das Aus

Das sozialpädagogische Team der "Nogat 7" wolle unbedingt in der Immobilie bleiben, denn ihr Konzept sei genau an das Haus angepasst, sagt Weissbrod. Anfang März wird man in der Einrichtung nervös, denn Ende des Jahres läuft der Mietvertrag aus. Einrichtungsleiter Weissbrod weiß, die Zeit wird langsam eng. Der Wohnungsmarkt in Berlin sei für alle angespannt und ein Haus für "Systemsprenger" zu finden, sei noch einmal schwerer.

Mitte März kommt dann aber eine positive Mail: "(...) wie soeben besprochen, kann ich Ihnen bestätigen, dass wir mit Ihnen über das Jahr 2021 weiter zusammenarbeiten möchten." Die Bearbeitung des neuen Mietvertrages habe sich nur ein bisschen nach hinten verschoben. Doch was nicht kommt, ist der neue Mietvertrag. Dafür dann Ende Mai der Schock: Es wird keine Verlängerung für die Wohnungen im Seitenflügel geben.

Der Jugendstadtrat hat durch die lange hinausgezögerte Absage nun ein echtes Problem, wie Falcko Liecke sagt, denn es gibt auf die Schnelle kein Ausweichquartier. "Wir kommen damit in eine Krise und können Jugendliche in einer Notsituation nicht mehr unterbringen. Das ist eine große Katastrophe. Denn auch berlinweit fehlen solche Plätze", sagt Liecke.

Eigentumswohnungen statt Jugendnotdienst?

Auf die Bitte der Einrichtung, den Vertrag wenigstens um ein oder zwei Jahre zu verlängern, um ein neues Quartier zu finden, habe der Vermieter nicht reagiert. Dafür gibt es Nachricht vom Baustadtrat Jochen Biedermann (Grüne): Der Besitzer der Nogatstraße 7 hatte parallel zu den Verhandlungen über den Mietvertrag einen Antrag auf Umwandlung in Eigentumswohnungen gestellt. Dieser wurde inzwischen bewilligt.

Auf eine Anfrage des rbb hat der Vermieter zunächst nicht reagiert. Auf der Homepage des Immobilienkonzerns ist zu lesen: "Wir sind ein verlässlicher Partner für Kommunen." Das sieht zumindest Jugendstadtrat Liecke nicht so: "Das war ehrlich gesagt ein unfaires Spiel. Ich vermute mal, dass hier irgendwelche Verkaufsverhandlungen im Hintergrund laufen, um mehr Profit rauszuholen." Sollte die Adler Group keine kurzzeitige Verlängerung anbieten, dann bedeutet das wohl das Aus für den Kinder- und Jugendnotdienst "Nogat 7".

Aktueller Hinweis:
Im Zuge der Berichterstattung hat sich die Adler Group bei rbb|24 gemeldet. Das Unternehmen mache gerade einen großen Umstrukturierungsprozess durch, deshalb sei es zu Missverständnissen gekommen. Weiter teilt die Adler Group mit: "Die Verträge der Wohnungen der Aktion’70 in der Nogatstraße 7 werden, wie in den Gesprächen angekündigt, nach Rücksprache verlängert und nicht gekündigt… eine Rückmeldung inkl. Bestätigung über den Fortgang des Mietverhältnisses erfolgt schon bald." Darüber hinaus teilt die Adler Group mit, "dass einzig die formale Aufteilung des Objektes für eine teilweise Umwandlung in Eigentumswohnungen beantragt als auch vorgenommen wurde. Das gesamte Haus würde demnach nicht komplett umgewandelt."

Sendung: Abendschau, 22.06.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Sylvia Wassermann

12 Kommentare

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  1. 12.

    Sie wissen schon, dass es eine Bezirkseinrichtung ist, die so gar nicht direkt dem Senat unterliegt, oder? Zusätzlich ist der Jugendstadtrat des Bezirks Neukölln zuständig und der ist hier betrogen worden. Er wäre der richtige gewesen es rechtzeitig zu eskalieren wenn dort die Wohnsituation nicht mehr sicher ist (wie er indirekt auch zugibt). Dieser Mensch gehört zur CDU und seine Aufgabe ist es genau dieser Einrichtung ihre Arbeit zu ermöglichen.
    Die Union redet gerne von mangelnder Kontrolle anderer Parteien. Immer und immer und immer wieder.

  2. 11.

    Die Adler-Group ist nicht für die kostengünstige Versorgung von problematischen Jugendlichen aus aller Welt zuständig. Wenn die Politik das will, muss sie selbst die notwendigen Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen.

  3. 10.

    Die Adler-Group verspricht sich leider sehr oft und agiert nur selten!
    In den vergangenen Jahren hat man viel versprochen und Mietern sehr häufig mit Mieterhöhungen gedroht wenn Beschwerden oder Vorschläge zur Verbesserung kamen.

    Mir hat man versprochen, dass ich spätestens im Jahr 2018 eine größere Wohnung bekommen. Natürlich ist auch das trotz häufigen Kontaktierens meinerseits nicht geschehen. Wenn ich mich nicht irre hat die Adler-Group keinen einzigen Mietvertrag mit Deutschen geschlossen.
    Mieter hoffen auf Übernahme durch Behörden. Der Eigentümer (Westgrund AG) ist an einer Verbesserung der Wohnsituation oder zufriedenen Mietern ebenfalls nicht interressiert!

  4. 9.

    Ein weiteres Beispiel dafür, das Kinder und Jugendliche beim RRG Senat und bei Frau Scheeres (SPD) in Berlin keinerlei Lobby haben. Eine gute Kinder und Jugendlichen Politik hätte hier präventiv reagiert, erkannt wie unglaublich wichtig dieses Angebot ist und Unterstützung angeboten oder vermittelt. Aber es ist mal wieder nichts passiert. Dieser Senat ist ein Armutszeugnis sondergleichen und an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Wann geht Frau Scheeres endlich ?

  5. 8.

    Jeder macht für seine Klientel Politik. Ohne Ausnahme. Nur bei den Grünen machen alle ein Peinliches Drama draus und tun so, als sei das etwas neues und empörendes.

  6. 7.

    Noch ein Grund mehr für die Enteignung von börsennotierten Immobilienkonzernen ( und deren Tarnfirmen Kommanditgesellschaft ... ) . Mein ehemaliger Hausbesitzer qar einw dänische Aktiengesellschaft mit regionalen Kommanditgesellschaften . Gewinne abführen , Verluste regionalisieren.

  7. 6.

    Das ist nicht nur ein Fall von Verdrängung/ Gentrifizierung, sondern in erster Linie ausgebliebener politscher Arbeit. Die öffentliche Daseinsvorsorge betrifft asudrücklich auch die Kinder- und Jugendarbeit. Hier hat man sich abhängig machen lassen und muss nun dem "freien Markt" folgen, dem man als Partei zuvor und noch immer unkritisch huldigt.

    Denn genau das ist das Problem. Wenn man öffentliche oder freie Träger zu ihren jeweiligen Arbeitsbereichen beauftragt, funktioniert das nachweislich am besten, wenn das in Häusern stattfindet, die dem Land gehören. So hat man es nicht einmal selbst in der Hand, wenn jemand andere Ideen für solche Immobilien hat.

    Unabhängig davon muss man kritisieren, dass Jugendliche oder Heranwachsende, die Ansprüche auf Rechte nach SGB VIII wahrnehmen, deswegen nicht selbst zu Problemen oder "Sytemsprenger*innen" werden - eine pauschale, delegitimierende Schublade ohne Einsicht in Jugendarbeit. "Systemsprenger" ist hier Liecke.

  8. 5.

    Nun sollte es auch der CDU dämmern ,dass es mit gierigen Immobiliengesellschaften keine Verhandlungen gibt.

  9. 4.

    Sehr schöner Artikel, unterstreicht die Notwendigkeit Wohnungskonzerne zu enteignen. Leider geht es eben denen nicht um das Allgemeinwohl, sondern um Profitmaximierung.

  10. 3.

    Wieder ein Beleg dafür, dass das System krank und menschenverachtend ist. Gier frisst Hirn.

  11. 2.

    Wieder muss eine sinnvolle Einrichtung der Profitgier eines Unternehmens weichen. Und Herr Biedermann von den Grünen unterstützt das auch noch. Politik für die eigene Gutverdiener-Klientel? Soziale Belange interessieren die Grünen nicht, nicht nur in diesem Fall.

  12. 1.

    Nabi wurde gerettet, viele andere könnten gerettet werden, wäre da nicht der Immobilienkonzern, der höchst möglichen Profit erbringen will. Was ist ein Menschenleben wert und wieviel Geld benötigt ein Mensch für ein gesundes Leben? Die Umverteilung stimmt in unserem Land nicht mehr, besonders in der Krise erkennbar, Milliardäre im Land wurden um Milliarden reicher, warum sollten sich jene denn noch um soziale Dinge scheren?

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