Interview | Trans Schauspielerin aus Ungarn - "Wir können eigentlich nur Sprachen lernen und wegziehen"

Demonstration neben dem Parlament links gegen das Paedophilie-Gesetz der Orban-Regierung, in das nach russischem Vorbild Passagen gegen die Propagierung von Homosexualitaet eingefügt worden sind. (Quelle: imago images/Martin Fejer)
Bild: imago images/Martin Fejer

In Ungarn sollen Homo- und Transsexualität jüngstens per Gesetz quasi aus der Öffentlichkeit verschwinden. Für die Schauspielerin Adel Onodi und viele ihrer jungen Landsleute ist eigentlich nur noch eine Option offen: die Ausreise.

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban reist am Mittwoch zwar nicht zum EM-Spiel Deutschland-Ungarn nach München [br.de]. Er ermahnt aber die deutsche Politik, die Ansage der Uefa, die Münchner Arena nicht in Regenbogen-Farben zu beleuchten, zu akzeptieren.

Mit der Beleuchtung sollte angesichts eines neuen Gesetzes in Ungarn, das "Werbung" für Homo- und Transsexualität verbietet, ein Zeichen gegen Homo- und Transphobie gesetzt werden.

Für die Schauspielerin Adel Onodi hat ihr Geburtsland Ungarn schon lange keinen Platz mehr für Menschen wie sie. Adel ist trans und Trans-Personen erkennt die ungarische Regierung rechtlich nicht mehr an. Auch in der Verfassung steht mittlerweile die Idealfamilie: Der Vater ist ein Mann, die Mutter eine Frau. Alles, was davon abweicht, ist suspekt. So wird im neuen Gesetz Homosexualität sogar mit Pädophilie gleichgesetzt [tagesschau.de].

Zur Person

Schauspielerin Adél Onodi (Quelle: Iveta Rysava)
Iveta Rysava

Die Schauspielerin Adel Onodi wuchs als trans Frau in einer ungarischen Kleinstadt auf. Ihr Solo-Stück "Dear Future Me" wurde 2018 in Budapest uraufgeführt. Vor mehr als einem Jahr zog sie nach Berlin.

rbb24: Frau Onodi, Viktor Orban hat seine Reise zum EM-Spiel Deutschland-Ungarn abgesagt. Ist das schon ein kleiner Sieg gegen das LGBTQI-feindliche Gesetz der ungarischen Regierung?

Adel Onodi: Ich weiß nicht, was in dieser Situation ein Sieg sein könnte. Es ist wirklich gut, dass man in Deutschland über dieses Gesetz nachdenkt. Aber es ist auch wichtig zu wissen, dass dies die Situation von LGBTQI-Menschen in Ungarn nicht verbessern wird. Solidarität reicht hier schon lange nicht mehr, denn diese Lage geht bereits über die europäischen Grenzen hinaus.

Was bedeutet das ungarische Gesetz zur Einschränkung der Informationsrechte von Jugendlichen in Hinblick auf Homosexualität und Transsexualität für queere Menschen in Ungarn?

Dazu kann ich nicht viel sagen, da ich bereits in Berlin lebe. Ich weiß aber, dass viele LGBTI-Menschen gerade erst wegziehen oder wegzuziehen planen. Wir haben verstanden, dass wir dort keinen Platz haben. Was können wir tun? Wir können eigentlich nur Sprachen lernen und wegziehen.

Nach dem Verbot der Uefa darf die die Münchner Arena während des Spiels der Nationalmannschaft mit Ungarn nicht in Regenbogenfarben illuminiert werden. Wie finden Sie diese Entscheidung?

Jedes Mal, wenn ich das Gefühl habe, dass sich die Welt in die richtige Richtung bewegt, kommt eine Entscheidung, die das verhindert. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Hätten Sie sich gewünscht, dass die Uefa ein Signal für Toleranz gezeigt hätte?

Es wäre gut gewesen, aber es hat mich nicht überrascht.

Ein Argument der Befürworter der Entscheidung der Uefa ist, dass Sport und Politik nicht vermischt werden sollten. Sind die Rechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans und intergeschlechtlichen Menschen schon Politik?

Ich denke, wer auch immer diese Entscheidung getroffen hat, ist auch nicht sensibel für LGBTI-Menschen. Ich weiß nicht, was der Grund war. Aber ich möchte hinzufügen, dass auch hier in Berlin Sachen in Richtung LGBTI+ entwickeln müssen. Denn auch hier stimmt es nicht, dass jeder jeden akzeptiert und jeder machen kann, was er will.

Glauben Sie, dass die Solidaritätskundgebungen in Deutschland der LGBTQI-Community in Ungarn helfen?

Leider hilft das der LGBTQI-Community in Ungarn nicht, aber es schafft zumindest mehr Aufmerksamkeit.

Was kann Deutschland gegen die trans- und homofeindliche Politik der ungarischen Regierung machen? Wie kann man queere Menschen in Ungarn am besten unterstützen?

Solidarität tut allen gut. Es ist auch eine wichtige Botschaft. Aber das reicht jetzt nicht. Die Europäische Union sollte energisch gegen die ungarische Regierung und Viktor Orban vorgehen. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, worauf sie noch warten.

Welche Mannschaft werden Sie heute Abend unterstützen? Wer gewinnt das Spiel?

Ich habe Fußball nie geliebt, also werde ich mir das Spiel nicht ansehen und niemanden unterstützen. Aber viel Glück an beide!

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Efthymis Angeloudis.

ie Kommentarfunktion wurde am 23.06.2021 um 22:17 Uhr geschlossen

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12 Kommentare

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  1. 12.

    LGBTQI steht für
    Lesbian/Lesbisch
    Gay/Schwuk
    Bi
    Trans
    Das "Q" kann mehrere Bedeutungen haben. Meistens steht es für queer (ein Sammelbegriff der oft benutzt wird, wenn es keinen passenderen Begriff gibt oder man alle ansprechen möchte, die irgendwie unter LGBTQI+ passen) oder für "questioning" die Sexualität/Geschlechtsidentität wird hinterfragt.
    Intersexuell, also Menschen die mit keinen eindeutigen/typisch binären Geschlechtsorganen geboren wurden.

    Es gibt inzwischen mehrere Abkürzungen
    Unteranderem auch LGBTQIA (das A kann stehen für asexuell, aromantisch oder agender.)

    Oft gibt es auch LGBT+ LGBTQ+ LGBTQI+ LGBTQIA+
    Das + impliziert, dass es sich nicht rein auf lesbisch, schwul, bi, trans bezieht.

  2. 10.

    "Muss sich die Politik eines Landes an den Befindlichkeiten (des politisierten Teils) aller Minderheiten ausrichten? " Sie verstehen nix, besser gesagt sie wollen nicht verstehen.

    Hier geht es nicht (nur) um die Menschenrechte in Ungarn. Hier geht es um die Menschenrechte aller Menschen, egal wo!

  3. 9.

    Es wird Zeit, dass die EU notwendige Verfahren gegen Ungarn einleitet. Das Verhalten Ungarns stimmt nicht mit den Werten der EU überein.

  4. 8.

    Aber sowas von richtig. Ich tippe tatsächlich auf unsere Jungs. Schon aus Solidarität. Bier steht kalt und die Schnappsgläser stehen im Gefrierfach. Auch Schwule wissen zu feiern;-) Schon jetzt gilt ein dicker Knutscher an unser Torwart Neuer. Selbstredend.
    Ach ja, darum gehts ja immerhin auch. Doch fasse ich mich kurz, denn @ Motte bringt es sozusagen voll auf den Punkt genau.

  5. 7.

    Spectator:
    "Muss sich die Politik eines Landes an den Befindlichkeiten (des politisierten Teils) aller Minderheiten ausrichten?"

    Antwort: JA, auf jeden Fall, wenn es um die Menschenrechte geht, also auch dann, wenn es (nur) um die Menschenrechte von Minderheiten geht! In einer Demokratie müssen Menschenrechte auch für Minderheiten und auch gegen eine menschenrechtsfeindliche Mehrheit durchgesetzt werden! Menschenrechte gelten nicht nur für Mehrheiten! Und zu den Menschenrechten gehört auch das Verbot der Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung.

  6. 6.

    Die Politik muss sich nicht nach den Befindlichkeiten aller Minderheiten richten, aber es ist Aufgabe des Staates die Rechte aller Minderheiten zu schützen.

  7. 5.

    Was ist denn nun schon wieder LGBTQI?
    So langsam verzweifle ich am öffentlich rechtlichen Mediensprech.

  8. 4.

    Jetzt lassen wir uns von den Ungarn sagen was wir in unseren Land zu unterlassen haben. Ick gloobe jetze jetz los. Macht die Arena schön bunt, auch wenn es eine Geltstrafe gibt, ich spende gerne 10 Euro. Alle die so denken wie ich werden bestimmt auch ihren Obolus dazugeben.
    PS ausserdem werden wir heute gewinnen. Wetten daß.

  9. 3.

    Der Brain Drain ist auch in Deutschland seit Jahren in vollem Gange, wird aber in Deutschland nicht zum Thema gemacht.

  10. 2.

    Stellen Sie sich einfach mal vor, Sie gehören zu einer Minderheit und Ihnen prallt auf einmal blanker Hass entgegen, Sie werden angepöbelt, beleidigt, geschlagen, werden nicht angestellt und bekommen weniger Rechte. Stellen Sie sich einfach vor, die Kanzlerin würde genau Ihre Gruppe als Freiwild erklären und wenn Sie das Sündenbock Prinzip verstehen, dann wissen Sie auch, was das bedeutet.

  11. 1.

    Auch wenn die aus dem Interview herausgegriffene Headline das suggeriert: Es ist nicht so, dass Ungarn ein Massenexodus bevorstünde. "Viele LGBTI-Menschen" - von denen, die sie kennt. Aber wie viele kennt sie? Muss sich die Politik eines Landes an den Befindlichkeiten (des politisierten Teils) aller Minderheiten ausrichten?

    Wenn es schon um Auswanderung geht, ist die Zahl derer, die Ungarn nicht aus politischen Gründen, sondern als Arbeitsmigranten aufgrund ihrer guten Ausbildung und den besseren Verdienstmöglichkeiten in Richtung Westen verlassen, ungleich größer und für die Regierung von ungleich größerer Bedeutung.

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