Internationales Auschwitz-Komitee - Freie Universität soll NS-Vergangenheit aufarbeiten

Die Rückseite des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts für menschliche Erblehre, Anthropologie und Eugenik (KWIA) in der Ihnestraße 22. Früher war hier ein Garten, in dem offenbar Leichtenteile ermorderter Auschwitz-Häftlinge vergraben wurden. (Quelle: dpa/B. Oertwig)
Bild: dpa/Oertwig

Auf dem Gelände der Freien Universität wurden tausende menschliche Knochen entdeckt, von denen viele von ermordeten KZ-Häftlingen stammen könnten. Doch die FU-Berlin sei nicht an Aufarbeitung interessiert, kritisiert jetzt das Internationale Auschwitz-Komitee.

Das Internationale Auschwitz-Komitee hat die Freie Universität (FU) Berlin aufgefordert, ihre NS-Vergangenheit konsequent aufzuklären.

Exekutiv-Vizepräsident Christoph Heubner erklärte am Mittwoch in Berlin, für Auschwitz-Überlebende sei mehr als deutlich, dass sich auf dem FU-Gelände ein Tatort des Holocaust befinde.

2014 waren bei Bauarbeiten auf dem FU-Gelände in Berlin-Dahlem menschliche Überreste gefunden worden. Zur Zeit der NS-Diktatur befand sich dort das Kaiser-Wilhelm-Institut für menschliche Erblehre, Anthropologie und Eugenik (KWIA).

Die gefundenen Überreste deuten nach Einschätzung von Historikern und Archäologen auf eine Zusammenarbeit zwischen dem Auschwitz-Arzt Josef Mengele und dem Rassenhygieniker Otmar von Verschuer am KWIA hin.

Mengele untersuchte in Auschwitz jüdische Männer, Frauen und Kinder, tötete sie und ließ die ihnen entnommenen menschlichen Präparate zu "Forschungszwecken" ins KWIA schicken. In dem Gebäude befand sich bis 1945 auch eine Sammlung menschlicher Gebeine aus der Kolonialzeit.

16.000 gefundene Knochen auf FU-Gelände

Nach Angaben der Freien Universität gehörte das KWIA zu einer der wichtigsten Einrichtungen für die vermeintlich wissenschaftliche Legitimation der nationalsozialistischen Rassenpolitik. Deshalb gab es bis 2016 weitere Grabungen an der Fundstelle. Insgesamt fanden Forscher rund 16.000 Knochen.

Heubner zufolge sei daher offensichtlich, dass sich auf dem Gelände weitere Körperreste von jüdischen Menschen befinden müssen, die mit aller größter Wahrscheinlichkeit den Verbrechen in Auschwitz zum Opfer gefallen sind.

Er forderte die Universitätsleitung auf, endlich weitere Grabungen zu veranlassen. Für Auschwitz-Überlebende sei "es unerträglich, dass Körperteile ihrer Angehörigen immer noch in Berlin verscharrt sind oder in unsäglicher und menschenunwürdiger Weise entsorgt werden."

Universität verhindere Aufklärung

Der Historiker Götz Aly hatte am Wochenende in der "Berliner Zeitung" [berliner-zeitung.de] den Regierenden Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller (SPD) sowie Kultursenator Klaus Lederer (Linke) zum Handeln aufgefordert. "Da die Spitze der Freien Universität seit Jahren mauert, die Ergebnisse und Empfehlungen ihrer Archäologen mit aberwitzigen Argumenten beiseite wischt, die Aufklärung erst verhindert hat und dann hemmungslos auf Zeit und Vergessen spielt, ist nunmehr die Politik gefordert", so Aly.

Er verwies auf einen Bericht der Archäologin Susan Pollock, die bei Grabungen auf dem Gelände im Jahr 2015 weitere Knochenfunde von Menschen unterschiedlichen Alters gemacht hatte. "Man wird wohl davon auszugehen haben, dass überall im Umkreis des KWIA noch Knochengruben der 2014 und 2015 festgestellten Art zu finden sein könnten", so die Archäologin.

Reste von Klebstoff und Beschriftungen auf manchen der gefundenen Knochen deuteten darauf hin, dass sie aus anthropologischen oder archäologischen Sammlungen stammten. Dennoch entspreche die Zusammensetzung der Funde keiner typischen Sammlung aus dem 19. oder 20. Jahrhundert. Es sei daher nicht völlig auszuschließen, dass manche Knochen auch aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen könnten.

Sendung: Inforadio, 09.06.2021, 14 Uhr

16 Kommentare

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  1. 16.

    Nicht nur da werden abweichende Meinungen diskreditiert, sondern auch hier.
    Besonders tut sich ein User hervor, der Alles und Jeden mit der AfD, Neonazis und Rechtsradikale diffamiert und damit immer die alte Leier spielt und damit seine Engstirnigkeit unter Beweis stellt
    Sicherlich sollte die FU die Herkunft der Gebeine klären, aber dafür verantwortlich zu sein? Dieser Zusammenhang erschließt sich mir nicht.
    Sicherlich wäre das auch einmal eine sinnvolle Tätigkeit, nach dem Schmierentheater um die "Doktorarbeit" Giffeys.

  2. 15.

    Reichlich wirr ihr "Kommentar". Ich kann hier beim besten Willen keine Diffamierungen erkennen, erst recht nicht im Zusammenhang mit "der AfD, Neonazis und Rechtsradikale".

    Wo lesen sie das?

  3. 14.

    Der Unterschied zwischen HU und FU ist ihnen geläufig? Und was die Professoren Baberowski und Münkler angeht, da sind in der Tat jede Menge Ungereimtheiten, auf die sie aber nicht eingehen sondern die Kritiker als "militanten studentischen Kämpfer*Innen" diffamieren.

    Also genau das was sie den Kritikern vorwerfen. Aber wer sich schon Kritischer Begleiter, Kritischer Beobacher oder Spectator nennt, der nutzt die immer gleiche Masche.

    Derailing, Desinformation durch Verdrehungen und Fake News sind nur einige davon.

  4. 13.

    Nicht nur da werden abweichende Meinungen diskreditiert, sondern auch hier.
    Besonders tut sich ein User hervor, der Alles und Jeden mit der AfD, Neonazis und Rechtsradikale diffamiert und damit immer die alte Leier spielt und damit seine Engstirnigkeit unter Beweis stellt
    Sicherlich sollte die FU die Herkunft der Gebeine klären, aber dafür verantwortlich zu sein? Dieser Zusammenhang erschließt sich mir nicht.
    Sicherlich wäre das auch einmal eine sinnvolle Tätigkeit, nach dem Schmierentheater um die "Doktorarbeit" Giffeys.

  5. 12.

    Wenn unter ihrer Wohnung oder ihrem Haus solche Knochen gefunden werden, arbeiten sie dann auch deren Geschichte auf? Sind sie dann dafür verantwortlich? Der Standort wurde vom KWI übernommen. Die FU kann doch nicht wissen, was darunter vergraben ist. Es geht nicht darum, das nicht aufzuarbeiten, aber hier wird ein schwarzer Peter zugeschoben.

  6. 11.

    Sie wollen doch nicht behaupten, dass die nach dem Krieg gegründete FU etwas mit dem zur NS Zeit gegründeten Instituts für menschliche Erblehre etc zu tun hat, und ohne weiters von den Amis genehmigt worden wäre..
    Einziges was hier zuaammenhängt ist die Örtlichkeit.

  7. 10.

    Mitnichten! Die konservativen Professoren Baberowski und Münkler sind zwar von militanten studentischen Kämpfer*Innen für die Gerechtigkeit als "Halbnazis" diskreditiert worden und sollten deshalb ihrer Lehr - und Meinungsfreiheit beraubt werden, weil viele junge Studierende an deutschen Unis nicht mehr in der Lage sind, abweichenden Meinungen zu ertragen, geschweige denn ihnen argumentativ zu begegnen.
    Ansonsten ist man/frau an der HU viel mit der Gegenwart und Zukunft in Form der Identitätspolitik beschäftigt, da hat man sicher keine Zeit, sich noch mit der verbrecherischen Vergangenheit zu beschäftigen.

  8. 9.

    Was genau empfinden sie als "reißerisch und irreführend"? Die FU ist ja nicht aus dem Nichts enstanden und folgerichtig gehört das zu ihrer Geschichte.

  9. 8.

    Was haben Sie an "die FU wurde erst drei Jahre nach dem Krieg gegründet und hat somit keine NS-Vergangenheit" nicht verstanden?

    Klar sollten die Funde untersucht werden - aber die Überschrift ist reißerisch und irreführend.

  10. 7.

    Ich finde es schon seltsam, dass die FU die NS-Vergangenheit aufarbeiten soll, wenn dortder Standort des KWI war. Dessen Beteiligung an grausamen Experimenten und Tötungen "zu Forschungszwecken" auch im Zusammenhang mit Kinderfachabteilungen in der NS-Zeit wird doch bereits aufgearbeitet. Das hat aber dann doch gar nichts mit der FU an sich zu tun. Die FU hat mehrere Professoren, die mit Leib und Seele Aufklärungsprozesse unterstützen. Zu dennen wäre hier beispielhaft der kürzlich verstobene und von meiner Seite hoch geschätze Prof. Dr. Gerhard Baader. Der Artikel vermittelt ein völlig falsches Bild, denn das KWI und die FU sind getrennt zu berachtende Organisationen. Und batürlich zieht sich die FU nicht den Schuh an, für das KWI verantwortlich zu sein, nur weil sie den Standort übernommen haben.

  11. 6.

    Die FU-Leitung muss umgehend ihre Posten verlassen. Entlassung und Neubesetzung.

  12. 5.

    Was genau haben sie an "2014 waren bei Bauarbeiten auf dem FU-Gelände in Berlin-Dahlem menschliche Überreste gefunden worden. Zur Zeit der NS-Diktatur befand sich dort das Kaiser-Wilhelm-Institut für menschliche Erblehre, Anthropologie und Eugenik (KWIA)" nicht verstanden?

  13. 4.

    Die FU wurde 1948 mit Unterstützung der Amerikaner gegründet. Vorher gab's sie nicht. Aber wenn alles mit allem verknüpft wird ...

  14. 3.

    Der Kommentar zu den Professoren der FU ist ja wohl völlig daneben. Was hat das eine mit dem anderen zu tun. Da hätte wenn der Senat auch tätig werden müssen und da ist keiner AFD.....

  15. 2.

    Das mag ja alles gut und schön sein, aber man sollte sich nicht so viel mit den aufarbeiten beschäftigen sondern mit den was sich jetzt in dieser Richtung abspielt.

  16. 1.

    Die FU Leitung wünscht sich die Zeit von vor 1945 wieder oder warum arbeitet man das nicht auf? Sind da etwa Professoren in der Leitung die damals die AfD mit gegründet haben.

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