Prozess in Potsdam - Gericht spricht Jäger nach Wolfsabschuss frei

Ein Jäger erklimmt einen Hochstand, Symbolbild (Quelle: Picture Alliance/Robert Schlesinger)
Audio: Antenne Brandenburg | 21.06.2021 | Lisa Steger | Bild: Picture Alliance/Robert Schlesinger

Bei einer Jagd im Fläming erschoss ein Niederländer einen Wolf. Dafür musste er sich vor Gericht verantworten und wurde freigesprochen. Jäger sehen nun Gesprächsbedarf: Wie dürfen sie handeln, wenn die streng geschützten Tiere angreifen? Von Lisa Steger

Es war ein langer Tag mit acht Zeugen; allein deren Vernehmung hatte mehr als vier Stunden in Anspruch genommen. Am Ende war Richter Francois Eckardt überzeugt: Der 71 Jahre alte Jäger hat im Notstand gehandelt. Johannes B. war berechtigt auf einen Wolf zu schießen, weil das Tier zuvor mehrere Jagdhunde angegriffen habe. So hätten es der Jäger und einige Zeugen geschildert. Das Gericht habe die Darstellung nicht widerlegen können.

"Ich bin einfach nur erleichtert", erklärte Johannes B. aus Enschede nach dem Freispruch. Hörbar aufgeregt hatte der Angeklagte am Morgen von jenem Tag berichtet, der ihm das Ermittlungsverfahren eingebracht hatte. Es war im Januar 2019 bei einer Treibjagd in Rabenstein im Fläming. Er habe auf seinem Hochsitz im Wald gesehen, dass ein Wolf mehrere Jagdhunde angriff, so der 71-Jährige.

"Ich habe geschrien, in die Hände geklatscht und einen Warnschuss abgegeben", sagte der Niederländer aus. Doch der Wolf habe weitergemacht. "Ich war total verrückt, ich dachte, ich muss den Wolf schießen, sonst beißt er die Hunde kaputt", so der Niederländer.

Zwei verletzte Hunde, aber kein Hundehaar im Wolfsmaul

Seit 50 Jahren besitzt Johannes B. den Jagdschein, nimmt jährlich nach eigenen Angaben an zehn und mehr Jagden teil. Die Staatsanwaltschaft Potsdam hatte ihm angeboten, das Ermittlungsverfahren gegen Zahlung einer Geldauflage einzustellen, dem Vernehmen nach soll es sich um eine größere Summe gehandelt haben. Dies wollte der Niederländer nicht hinnehmen, da er sich unschuldig fühlte. Er wehrte sich. Wie sich nun herausstellt, mit Erfolg.

Zwei Jagdhunde waren bei jener Jagd verletzt verletzt worden, berichtete der Jagdleiter von damals als Zeuge. "Einer am Hintern, der andere an der Brust." Über den Letzteren sagt ein Tierarzt im Zeugenstand: "Nicht nur die Haut, auch die Brustmuskulatur war verletzt, also eine tiefere Verletzung." Dies könne kaum von einem kleinen Jagdhund verursacht worden sein.

Mehrere Zeugen schilderten den angeklagten Niederländer als einen äußerst versierten Schützen. Und ein Jäger-Kollege, der ebenfalls seit 50 Jahren jagt und bei dem Treiben dabei gewesen war, berichtete, so ein klagendes Hundegebell wie an jenem Tag habe er nie zuvor gehört.

Die Sachverständige hingegen belastete den Angeklagten. Claudia Szendiks, die den toten Wolf obduzierte, hatte keine Spuren eines Kampfes an dem Kadaver gefunden. Auch hatte der tote Wolf keine Hundehaare im Maul, was wahrscheinlich gewesen wäre, wenn er gebissen hätte, sagte sie. Aus nächster Nähe hatte niemand das Geschehen beobachtet. So hieß es am Ende: Im Zweifel für den Angeklagten.

Staatsanwaltschaft forderte hohe Geldstrafe

Es war der bundesweit erste Prozess wegen eines Wolfsabschusses gegen einen Jäger. Bei einem Schuldspruch im Amtsgericht hätten ihm eine Geldstrafe oder bis zu vier Jahre Haft gedroht.

Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer für den Unternehmer Johannes B. eine Geldstrafe in Höhe von 70 Tagessätzen à 150 Euro gefordert, also 10.500 Euro. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert. Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht. Beide Seiten können in Berufung gehen. Dafür haben sie jetzt eine Woche Zeit. Sollte der Freispruch rechtskräftig werden, müsste der Staat dem Angeklagten seine Anwaltskosten und Reiseausgaben erstatten.

Interessenverbände der Jäger fordern neue Regelungen

Gregor Beyer vom Forum Natur Brandenburg – einer Organisation, der auch zahlreiche Jäger angehören – hat den Prozess verfolgt. Dieser habe Pilotcharakter. "Brandenburg ist weltweit das Land mit der höchsten Wolfsdichte, wir brauchen aber eine ordnungsgemäße Bejagung." Es fehle Rechtssicherheit. "Momentan haben wir verschiedene Regelungen, besonders im deutschen Naturschutzrecht. Aber Fälle, wie der, der hier verhandelt wird, sind dadurch nicht abgedeckt."

In Schweden, so Beyer, dürfe ein Wolf getötet werden, wenn er andere Tiere angreife und auf Rufen, Klatschen und Warnschüsse zuvor nicht reagiert habe. Eine solche Regelung wünscht sich Beyer auch hierzulande. Der Deutsche Jagdverband fordert dies ebenfalls.

Ähnlich sieht es Heiko Granzin, der Verteidiger des niederländischen Jägers. "Die Frage bei diesem Prozess lautet: Ist das Eigentum an einer Sache – also in diesem Fall an einem Hund - weniger wert, mehr wert oder gleich viel wert wie eine streng geschützte Art nach dem Bundesnaturschutzgesetz?" Der Anwalt jagt selbst. Wenn Jäger einen Wolf, der ihre Hunde bedroht, nicht mehr erschießen dürften, "dann würde ich nicht mehr zur Jagd gehen", so Heiko Granzin. Und er ist sicher: Viele andere auch nicht.

Sendung: Brandenburg aktuell, 21.06.2021, 19.30 Uhr

Beitrag von Lisa Steger

27 Kommentare

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  1. 26.

    Und weil das so ist, ist eine Verurteilung eben nicht möglich. War für das Gericht sicher schwierig, ohne ausreichende Gesetze (Nichtstun der Behörden und abwarten/verlagern/anweisen), eine Lösung zu finden, um die typische "Arbeit" der li/gr. Verwaltung zu erledigen. Rechtssicherheit für die Betroffenen ist das Mindeste, was man verlangen kann... für "sein (Steuer-)Geld". Es reicht eben nicht aus, einen "belächelten" Wolfsmanager einzustellen, der den Profis was erklären soll? Nur zu wissen wie man "Wolf" schreibt, reicht nicht aus. Der eigentliche "Manager" heißt so: Bauer, Förster, Jäger, Dorfbewohner und auch Zaunbauer...

  2. 25.

    Wussten Sie nicht, dass Wölfe auf Hochsitze klettern um Jäger zu reißen? ;)

  3. 24.

    Die Aussage des Herrn Beyer ""Brandenburg ist weltweit das Land mit der höchsten Wolfsdichte, " halte ich für mindestens fragwürdig. Für Deutschland mag das zutreffen -
    siehe https://www.dbb-wolf.de/Wolfsvorkommen/besetzte-Rasterzellen - aber schon der Vergleich innerhalb Europas zeigt ein "etwas" anderes Bild https://www.wolf.sachsen.de/wolfe-weltweit-4425.html

  4. 23.

    Hier geht es, jedenfalls was meine Person betrifft, um das "Jägerlatein" zum Ablauf von Seiten der Verursacher. Die ganze Verhaltenshistorie sowohl vom Wolf als auch der Hunde wirft Fragen auf. Von den Fähigkeiten des "Kunstschützen", bezüglich der Umstände wie er in welcher Situation die Schußabgabe durchgeführt hat, gar nicht zu reden.

  5. 22.

    Guter Kommentar. Die Jagdgemeinschaft hält nun mal zusammen auf Pech und Schwefel.

  6. 21.

    Diese Jägerkaste würde nie gegeneinander aussagen. Eine Verschworene Gemeinschaft sozusagen. In den Niederlanden gibt es wohl noch keine Wölfe. Na und, fahr ich eben nach Brandenburg.

  7. 20.

    Die Geschichte ist unglaubwürdig. Aber wenn es in Brandenburg mehr Wölfe gibt, als in Schweden, dann müssen einige abgeschossen werden, schon damit sie den Respekt vor dem Menschen erhalten. Wir leben in einer Kulturlandschaft. Die städtischen Wolfsliebhaber müssen auch akzeptieren können das Menschen auf dem Land andere Interessen haben, zum Beispiel Kleintierhaltung. Wenn dein privates Schaf nähmlich kein Tattoo im Ohr hat und du nicht vorher Stunden oder Tage deiner Zeit in Bürokratie investiert hast - dann gibt es KEINE Entschädigung für deine vom Wolf getöteten Tiere. Der Wolf gehört in die Natur, aber soll sich von unseren Siedlungen fern halten. Punkt.

  8. 19.

    Wie viele Insekten und hin und wieder sogar Igel werden im Sommer von Mährobotern und die Insekten im Herbst von Laubhaeckslern regelrecht geschreddert? Da regt sich keiner auf. Warum? Weil sie klein sind und kein Fell haben? Oder liegt es an den Berichterstattung, die über das Eine mit großen Schlagzeilen berichtet und das Andere nicht aufgreift?

  9. 18.

    Dieses ganze Wolfsgeheul der vermeintlichen Tierschützer wegen eines einzigen Wolfes hier ist wirklich unerträglich. Täglich reißen Wölfe in Brandenburg Niederwild in großer Menge. Von Schafen, Ziegen und Ponys garnicht erst zu reden. Nein, Wölfe töten nicht schnell mit einem Biss. Die Beute leidet sehr. Denn auch Wölfe spielen gern damit, wie jedes Raubtier. Oft bleiben die Opfer schwer verletzt noch Stunden am Leben. Diese Selektivität selbsternannter Tierschützer in der Betrachtung welches Tier Schützenswert ist und welches nicht wiedert mich zutiefst an.
    Kein Haar im Maul gefunden? Nun, Veterinäre sind auch keine Forensiker. Wer hier Präzision auf diesem Gebiet von ihnen verlangt, erwartet schlicht zu viel.

  10. 17.

    Naja.... eine Wildsau kann auch ungemütlich werden und verletzen.

    Da niemand die Szene tatsächlich gesehen hat... Aber immerhin war der Wolf ja da und wurde geschossen...

    Was mich wundert, dass die Jagdhunde dem Wolf nicht ausgerissen sind, bevor irgendwas passiert ist. Normalerweise wissen Hunde sehr sehr schnell, wer der "Chef" ist.

    Und ja, Treibjagden werden so manchen Wolf zur Strecke bringen. Da muss eine Regelung her. Treibjagd verbieten?

  11. 16.

    Auffallend viele Berliner, die hier den Wolf so lieb haben. Wer die Schäden durch Wölfe an Nutztieren kennt denkt zuerst an die finanziellen Verluste, die hier stets der Wolf verursacht. Warum nicht Regelungen wie in den genannten Ländern ? Warum zeigt rbb24 nicht ein Foto mit zerfetzten Lämmern ? Nicht gestattet ? Irgendwann wird ein Kleinkind zerfetzt. Vom Wolf. Was sagen die Liebhaber dann ? Der Fuchs ist ja in Berlin schon ein "Haustier". ?

  12. 15.

    Alles eine Frage des Blickwinkels:
    Ein Rudel Jagdhunde ist ganz friedlich im Wald spazieren gegangen und wurde dann von einem wilden Wolf gejagd.
    Da muss ein zufällig vorbeikommender Jäger natürlich helfend eingreifen.

  13. 14.

    Ja Herr Heiko Granzin, das wäre auch besser so wenn Sie nicht mehr jagen gehen. Wir ragen uns auf wenn in Afrika Elefanten, Giraffen, Naßhörner ect. getötet werden und sind selber nicht besser.

  14. 13.

    Einfach nur widerlich, dieser internationale Jagd-Tourismus.

  15. 12.

    Wahrscheinlich haben die Hunde den Wolf gebissen, weil sie dachten es wäre eine Hyäne.

  16. 11.

    Jetzt war er auf einem Hochsitz? War nicht erst die Rede davon, er fühlte sich vom Wolf bedroht? Wird immer besser! Aber auch hier meine Hochachtung vor dem Schützen, in einen Pulk sich beissender Vierbeiner zu schießen, und nur den Wolf zu treffen.

  17. 10.

    Es war ja auch eine Treibjagd. Da hockt der Jäger und wartet bis die Beute zu ihm getrieben wird. Daher ist das mit den Hunden auch etwas merkwürdig. Und am Wolf waren keine Spuren. Aber die Zeugen waren wohl ausschlaggebend….. Na ja. Ich hoffe, die StA geht in Berufung.

  18. 9.

    Richtig, wenn kein Hundefell am Wolf war, frage ich mich wer die Hunde verletzt hat. Und warum jagd eigentlich ein Niederländer hier? Achso ja, in Holland gibt es scheinbar keine Wölfe.
    Schade, dass hier nicht richtig ermittelt wurde.

  19. 8.

    Johannes B. aus Enschede scheint ja offenbar ein "Genussjäger" zu sein, der für sein Freizeitvergnügen auch gerne mal in andere Länder reist. Das sei ihm zugestanden, denn es ist ja nicht verboten Wildtiere aus Lust am Jagen zu schießen.

    Nur scheint mir diese Story vom wilden Wolf, der Hunde angreift und diese nach dem Zurückrufen des Jägers noch verfolgt um den "Endkampf" zu suchen, etwas unglaubwürdig. Dass ihm dabei seine Jägerfreunde, von denen niemand das Geschehen aus der Nähe beobachtet hat, als Zeugen zur Seite stehen ist nun auch nicht sehr überraschend, würde ich meinen.

    Und wenn zudem die Sachverständige, die den toten Wolf obduzierte, weder Spuren eines Kampfes noch Hundehaare im Maul des toten Wolfs gefunden hat, scheint der Vorfall doch etwas anders als von den Jägern behauptet abgelaufen zu sein.

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