Reportage | Berliner Clubs wieder offen - "Es war einfach nur schön"

Club Cassiopeia, Revaler Straße 99 in Berlin-Friedrichshain (Quelle: rbb/Benedikt Päffgen)
Audio: Inforadio | 20.06.2021 | Benedikt Päffgen | Bild: rbb/Benedikt Päffgen

Am Wochenende hat die Berliner Clubszene auf einer Bootsdemo für mehr Freiheiten demonstriert - dabei wurde sie gerade mit Lockerungen bedacht: Zum ersten Mal wurde wieder in vielen Clubs getanzt, natürlich nur draußen. Benedikt Päffgen war dabei.

Mit Maske tanzen und das bei 35 Grad - den Leuten auf dem Dancefloor im Kreuzberger Club Ritter Butzke macht das gar nichts aus. Zu wichtig ist es für sie, hier dabei sein zu können. Monika Kruse legt auf - und zum ersten Mal dieses Jahr können sie vor ihrem DJ-Pult tanzen.

Ein Security-Mitarbeiter passt auf, dass nicht zu viele Feiernde gleichzeitig auf der Tanzfläche im Außenbereich sind, was dazu führt, dass viele auch mal warten müssen. Aber weil es so heiß ist und alle sich an die Maskenpflicht halten, braucht auch die motivierteste Party-Person mal eine Pause.

Ritter Butzke in Berlin (Quelle: rbb/Benedikt Päffgen)
Nach langem mal wieder mit Menschen gefüllt: Ritter Butzke | Bild: rbb/Benedikt Päffgen

"Habe auf der Tanzfläche fast geweint"

Im Hof sitzen sie dann in kleinen Gruppen und kühlen sich mit Kaltgetränken ab. Ein Bar-Mitarbeiter sagt: "Das ist die erste Sektflasche, die ich dieses Jahr aufmache. Ich weiß gar nicht mehr, wie das geht." Aber er schafft es dann doch.

Alle Gäste sind sich einig: Das hier heute ist besonders. War doch die Club-Branche die erste, die schließen musste. Jetzt ist sie eine der letzten, die unter scharfen Auflagen wieder aufmachen darf. Zwischen "Ich hatte Gänsehaut und habe auf der Tanzfläche fast geweint" und "Es war ein Flash im ganzen Körper" ist es ein Wort, das immer wieder zu hören ist: "Geil."

"Deswegen machen wir es ja"

Es ist wirklich ein besonderer Abend im Ritter Butzke mit vielen erneuten ersten Malen. Ein Partygänger erzählt, er habe schon ewig keine Gleichgesinnten mehr getroffen und mit ihnen ein Bier getrunken. Dann stößt er mit jemandem an, den er vor einer Stunde noch nicht kannte.

Und obwohl der Abend hier schon gegen 22 Uhr wieder vorbei geht, war es sehr viel Arbeit, ihn auf die Beine zu stellen, sagt Robert Weidemann, einer der Chefs vom Ritter Butzke: "Wir waren dann doch schon sehr überrascht, wie schnell diese Öffnungen kamen und waren ganz schön unter Zugzwang. Wir mussten Personal organisieren, Programm organisieren, Werbung vorbereiten, Technik vorbereiten und so weiter - und wir haben auch wirklich bis zur letzten Sekunde noch geschraubt, um das hinzubekommen." Die gute Stimmung freut ihn sehr: "Deswegen machen wir es ja."

Festsaal Kreuzberg (Quelle: rbb/Benedikt Päffgen)"Queer.garten" im Festsaal Kreuzberg

Nicht dumm sein

Eine super Stimmung gibt es auch im Festsaal Kreuzberg. Der Biergarten hier wird heute Nacht zum "queer.garten". Drag-Queens, queere DJs und Performer*innen legen auf und geben alles - vor allem an der Nebelmaschine. Und auch wenn vor dem Laden eine Riesenschlange ist, schaffen es die Gäste auch ohne Probleme Abstand auf dem kleinen Outdoor-Dancefloor zu halten. Die meisten sitzen an ihren reservierten Plätzen. Es heißt: "Die Tanzfläche wird später schon noch voller."

Tanzen mit Maske

Haben die Leute vielleicht Angst vor einer Corona-Ansteckung? Auch hier sind sich die meisten einig: Bei den derzeitigen Inzidenzen, der Durchimpfung und den Maßnahmen fühle man sich sehr sicher - auch auf dem Dancefloor. Aber man wolle auch nicht so tun, als sei alles wieder wie früher. Ein Partygänger fasst die Meinung der meisten ganz gut zusammen: "Wir sollten jetzt nicht alle dumm sein und sagen 'alles ist vorbei'. Ich glaube, es ist das Mindeste, dass wir mit Maske tanzen und mit Maske feiern. Das bringt jetzt niemanden um."

Die Maske ist Pflicht bei "Tanzlustbarkeiten", wie sie der Senat sie nennt. Sie muss immer dann getragen werden, wenn man nicht sitzt. Und an diesem Abend halten sich die allermeisten daran.

Das Cassiopeia auf dem RAW Gelände in Friedrichshain (Quelle: rbb/Päffgen)Das Cassiopeia auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain wird zum Skatepark

"Berlin is back"

Aber nicht alle Clubs mit Außenbereichen haben sofort Tanzveranstaltungen am Wochenende aufs Programm gehievt. Das Cassiopeia auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain geht vorerst einen anderen Weg. Florian Falkenhagen, Geschäftsführer vom Cassiopeia, erklärt, man wolle es erstmal ruhig angehen lassen. Wenn die Clubs aber auch drinnen wieder öffnen, sei auch das Cassiopeia dabei.

Und auch wenn alle Gäste hier gemütlich unter schicken Lichterketten, zwischen Kletterturm und Skater*innen beisammen sitzen, gibt es heute Abend einen DJ. André Städter, besser bekannt als "Boy Next Door", der das erste Mal seit 2020 vor echtem Publikum auflegt: "Es ist schon so: Schmetterlinge im Bauch. Dieses Verliebtsein, einfach glücklich. Anders kann ich das gar nicht in Worte fassen. Es war einfach nur schön."

Dieser Abend gibt vielen Berliner*innen das Gefühl: Das "normale" Leben ist wieder da. Noch spät nachts sind Menschentrauben auf den Straßen, lange Schlangen sogar vor Spätis. Ein Amerikaner fasst die Stimmung dieses Abends treffend zusammen: "Berlin is back." Zumindest auf dem Weg dahin.

Sendung: Fritz, 21.06.2021, 08:00 Uhr

Beitrag von Benedikt Päffgen

7 Kommentare

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  1. 7.

    Danke, genau die richtigen Worte getroffen....

    Wie lange man wohl gesucht hat um einen zu finden, der vor dem Hintergrund der Clubnöte noch so unterwürfig daher redet ....?

  2. 6.

    Merkwürdiger Bericht. Das hat absolut nichts mit Clubkultur zu tun und die Mehrheit sieht das garantiert auch so,auch wenn uns die Meinung vom "Partygänger" hier als Mehrheit verkauft wird.

    Manchmal habe ich das Gefühl die Medienmenschen sind in einer Corona-Blase gefangen und haben den Blick für die Realität verloren.
    Ohne euch und die Maskenpflicht würde so gut wie niemand etwas von Corona mitbekommen.

  3. 5.

    Die Clubszene stand früher mal für einen Platz der Freiheit, Individualität und Lebensfreude.
    Heute legt sie sich und den Gästen (unter dem Druck der Behörden) im wahrsten Sinne des Wortes einen Maulkorb an, ein Hundehalsband mit Tracker und uvm für einen kleinen, lachhaften Ausblick bald die Güte zu erhalten unter Auflagen wieder (bis zum Herbst) öffnen zu dürfen.
    Auf diesen Mist habe ich keinen Bock. Lieber stehend sterben, als kniend leben.

  4. 4.

    "Es war einfach nur schön"
    Tja, so kann ich das für meinen Stamm-Club, das Nuke (in der Pettenkoferstraße in Friedrichshain, vormals "K17") jetzt leider auch nur noch feststellen. Nachdem man mit Geldern aus der Politik und vor allem von den unterstützenden Besuchern durch die Lockdowns gekommen ist, wurde dem Nuke nun zum 31.7. der Mietvertrag gekündigt.

    Alle, die gerne mal am Sinn der gesamten Club-Kultur zweifeln bzw. nicht nachvollziehen können, was für eine Herzensangelegenheit diese Clubs oft für die Gäste, aber auch die Betreiber/innen (ganz abgesehen vom Broterwerb) darstellen, können sich gerne mal das ergreifende Video der Verlautbarung der bevorstehenden Schließung anschauen: https://www.berliner-zeitung.de/news/nuke-club-in-berlin-friedrichshain-muss-schliessen-li.166411

  5. 3.

    Es geht langsam vorwärts, schööööön.
    Wenn sich alle an die Regeln halten, wird es noch schöner.
    Berlin is back - ich hoffe aber, dass es nicht das allein ist, was Berlin ausmacht.

  6. 2.

    Und was ist mit Tanzaktivitäten, die rein unentgeltlich und ehrenamtlich stattfinden und ebenso verboten waren, die aber ebenso wichtig sind wie die Clubszene, denn hier geht es um soziokulturelle Aspekte, die nun mal nicht mit Geld zu erahnen und aufzuziehen sind.

    Für Herrn Lederer scheint es nur die Clubszebe zu geben. Alles andere, was zur Kultur gehört interessiert offenbar gar keinen, weil es ja kein Geld bringt.

  7. 1.

    Ist doch schön, dass wieder etwas Clubleben stattfinden kann. Solange sich alle an die Regeln halten, was ja augenscheinlich der Fall war, ist auch alles in Ordnung.
    Für die Demos habe ich allerdings kein Verständnis. Man sollte erstmal abwarten, wie sich alles entwickelt bevor man auf Teufel komm raus weiter lockert.

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