30 Jahre Brandenburger Universitäten - Peripher aber nicht provinziell

Brandenburg, Frankfurt (Oder): Das Hauptportal der Europa-Universität Viadrina spiegelt sich in einer Glasfassade. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Video: Brandenburg aktuell | 13.07.2021 | Bild: dpa/Pleul

Auch nach 30 Jahren ist die Universitätsdichte in kaum einem anderen Bundesland so gering wie in Brandenburg. Und fast überall sind die Hochschulen größer. Doch davon könnte man künftig profitieren. Von Amelie Ernst

Braucht Brandenburg überhaupt eigene Universitäten? Es gibt schließlich schon mehrere in Berlin.

Diese Frage stellte sich die Landespolitik vor 30 Jahren und kam zu dem Schluss: Ja, auch Brandenburg braucht Forschung und Lehre. "Zuviel Konkurrenz für Berlin" - Friedrich Wilhelm der Dritte hatte die Universität in Frankfurt (Oder) rund 300 Jahre nach ihrer ersten Gründung 1811 aus genau diesem Grund geschlossen.

Ein Fehler, sagt heute Wissenschaftsstaatssekretär Tobias Dünow (SPD). "Dieses Thema Zentrum versus Peripherie - ist Brandenburg eigentlich nur Umland von Berlin? - leuchtet auch heute in der Wissenschaftspolitik gelegentlich auf. Aber wir sind weiterhin wild entschlossen, dass Brandenburg auch in der Wissenschaft richtig mitspielt."

Studierende pendeln oft

Trotzdem - oder gerade deshalb - spielt sich universitäre Wissenschaft in Brandenburg oft fern der Bundeshauptstadt ab. Am nächsten liegt da noch die Potsdamer Uni, deren Studierende überwiegend in Berlin wohnen und nach Potsdam pendeln. Auch Uni-Vizepräsidentin Barbara Höhle sagt, sie würde sich wünschen, dass die Studierenden das Leben in Potsdam mehr prägten. Erschweren würden das auch die drei über die Stadt verteilten Standorte der Uni in Golm, am Griebnitzsee und am Neuen Palais. Doch für sie habe man sich nach der Neugründung 1991 eben entschieden.

Anders an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt. Viele der 5.000 Studierenden steuerten die Stadt an der Oder und ihr international-politisches Profil gezielt an, betont Viadrina-Präsidentin Julia von Blumenthal. "Unsere Studierenden kommen aus mehr als 100 Ländern. Das ist mehr als ein Viertel der Studierenden, und damit sind wir auch im bundesweiten Vergleich an der Spitze." Üblich seien an andere Unis um die 15 Prozent internationale Studierende, so von Blumenthal.

BTU setzt auf Thema Strukturwandel

Wissenschaftliche Kontakte speziell nach Polen und Osteuropa geben der Viadrina zusätzlich Profil. Die nach Potsdam zweitgrößte Brandenburger Uni, die BTU Cottbus-Senftenberg, hat dagegen ein anderes. Hier geht es inzwischen hauptsächlich um technische Lösungen im Bereich Kohleausstieg und Klimawandel, aber auch um Gesundheitswissenschaften. Man habe das Profil der Uni in 30 Jahren stetig weiterentwickelt, so Staatssekretär Tobias Dünow. Die BTU sei eine Universität, die sich ganz dem Strukturwandel verschrieben habe. "Ehrlich gesagt hatte sie vermutlich gar keine andere Wahl."

BTU-Präsidentin Gesine Grande rechnet nach eigener Aussage damit, dass sich ihre Universität in den nächsten Jahren zu einem der dynamischsten Wissenschaftsstandorte in Deutschland entwickeln wird. Mit der Ansiedlung der Institute vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum, von Fraunhofer und der Bundesnetzagentur entstehe vor Ort eine besondere Dynamik. "Da werden in den nächsten Jahren 1.500 oder mehr junge Leute hinkommen, die forschen wollen, Transfer betreiben, die Ausgründungen machen."

Interdisziplinäre Studiengänge in Frankfurt

6.800 Studierende sind es im Moment in Cottbus – es dürften gern mehr werden, so Grande. Doch mit den naturwissenschaftlichen MINT-Fächern falle es auch anderen Technischen Universitäten schwerer, junge Leute zu begeistern. Viele tendierten zu Kommunikations- und Geisteswissenschaften, obwohl die technischen Berufe ein enormes Potential hätten.

Auch in Frankfurt überlegt man immer wieder, wie und wo sich die Uni neu erfinden muss – um zukunftsfähig zu sein, und auch, um neue Studierende anzusprechen. Julia von Blumenthal setzt vor allem auf interdisziplinäre Studiengänge wie "Politik und Recht", der sich an diejenigen richte, die das hochreglementierte Jurastudium scheuten. Der breitere Blick auf die verschiedenen Disziplinen werde immer wichtiger, so von Blumenthal.

BTU-Präsidentin Gesine Grande sagt sogar, sie sehe darin das große Potential der vergleichsweise kleinen Brandenburger Unis: "Natürlich könnte man sagen 'Das Kleine ist eine Schwäche'. Aber wir werden perspektivisch so um die 160 Professuren haben. Wir können uns alle kennen – persönlich. Und alle großen Herausforderungen der Zukunft kann man nicht mehr mit einer Disziplin lösen, sondern eigentlich nur durch die Zusammenarbeit."

Sendung: Inforadio, 13.07.2021, 16:46 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    Vielen Dank, dass Sie das noch einmal hervorheben. Die Zwangsfusion war ein schwerer Fehler, er kann leider nicht mehr rückgängig gemacht werden. Die Verantwortlichen sind längst woanders gelandet. Den Kommentar des Staatssekretärs zur BTU ist ein weiterer Ausdruck der Planlosigkeit, die in Brandenburg vorherrscht. Die BTU wird der Lausitz keinen Strukturwandel bescheren, das ist allenfalls Wunschdenken.

  2. 1.

    Frau Sabine Kunst hatte damals die gut laufende Technische Universität Cottbus gegen den Willen der Studierenden mit der Hochschule Lausitz verschmolzen. Damals hatte die BTU alleine 6500 Studierende. Bis heute wirkt diese Fehlentscheidung nach.

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