"Schwammstadt" - Wie groß die Hochwassergefahr in Berlin ist

Nach starken Regenfällen sind parkende Autos am 27.07.2016 im Gleimtunnel in Berlin ineinander und übereinander geschoben worden. (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Video: rbb|24 | 21.07.2021 | Material: Abendschau, TNN | Bild: dpa/Jörg Carstensen

Vollgelaufene Tunnel und Keller, überflutete Straßen - das kommt in der versiegelten Großstadt Berlin nach Starkregen durchaus vor. Doch ein Hochwasser ähnlich wie im Westen Deutschlands ist bei Havel und Spree kaum möglich. Von Katrin Veuskens

Die Folgen der Unwetterkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sind dramatisch: Mehr als 160 Menschen sind tot, viele verletzt. Enorme Sachschäden sind entstanden, Häuser wurden zerstört, ganze Gemeinden von der Umwelt abgeschnitten. Menschen stehen vor dem Nichts.

Viele Brandenburger können in etwa nachvollziehen, welche Auswirkungen so eine Naturkatastrophe haben kann. Das Oder-Hochwasser 1997, die Fluten 2002 und 2013 an der Elbe oder das Hochwasser an der Schwarzen Elster 2010 sind den meisten noch präsent. Aber anders als im bergigen Westen und Süden des Landes fließen die Wassermassen im märkischen Flachland nicht in Sturzfluten ab, das Wasser bleibt lange stehen.

Starkregen meist sehr lokal

Und in Berlin? Vollgelaufene Tunnel und Keller, Wasser, das in den Straßen so hoch steht, dass es in den BVG-Bus schwappt – das hat man in der Hauptstadt schon öfter erlebt. Berlin und seine direkten Nachbargemeinden wurden zuletzt im Juli 2016, Juni und Juli 2017 sowie Juli 2018 von Starkregenereignissen getroffen, wie die Senatsumweltverwaltung auf Anfrage von rbb|24 am Dienstag mitteilte. Zuletzt fegte Ende Juni Tief "Xero" mit viel Regen über die Region hinweg, traf aber hauptsächlich Brandenburg.

Oft sind die heftigen Niederschläge aber örtlich eng begrenzt: Auch wenn Meteorologen vorhersagen können, dass es Starkregen geben wird, ist kaum vorhersagbar, wo genau es passiert. Während in einem Bezirk die Feuerwehr den Notstand ausruft, bleibt es in einem anderen trocken.

Und Spree und Havel können zwar durch langanhaltenden Regen in Brandenburg, Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern anschwellen. Aber mit einer ähnlichen "Hochwasserdramatik" wie in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder Bayern ist "aufgrund der topographischen Lage im Norddeutschen Flachland" nicht zu rechnen, schätzt die Berliner Umweltverwaltung ein.

Der Spreewald schützt Berlin

Das hat verschiedene Gründe. Einer davon ist der Spreewald. "Der Schwamm von Berlin" titelte die "Morgenpost" schon im Jahr des Elbe-Hochwassers 2002. Und das trifft es gut: Die Verästelungen, die Fließe, mit einer Gesamtlänge von fast 1.000 Kilometern und die Auwälder nehmen sehr viel Wasser auf. Doch der Spreewald ist auf dem Weg nach Berlin nicht der einzige "Schwamm". Auch zahlreiche Seen und das eine oder andere Flussdelta können als Puffer bei einem möglichen Hochwasser wirken.

Zudem fließt die Spree mangels Gefälle sehr langsam. Hochwasserwellen laufen hier wie auch an der Havel vergleichsweise flach ab, halten sich aber länger. Durch die langsame Fließgeschwindigkeit habe man lange Vorwarnzeiten, so die Umweltverwaltung. Ein Hochwassermeldesystem sei etabliert. Zudem können Zu- und Abfluss des Spreewassers in Berlin mit mehreren Schleusen kontrolliert werden.

Archivbild: Eine Fließkreuzung im Spreewald Brandenburg. (Quelle: imago images/Schoening)Der "Schwamm von Berlin": der Spreewald

Ein Prozent der Landesfläche gilt als potenziell gefährdet

Auch die anderen Berliner Flüsse haben nicht das Potential für eine Flutwelle, Überschwemmungen sind aber sehr wohl möglich. So listet ein Papier zum Hochwasserrisikomanagement der Senatsumweltverwaltung Müggelspree, Erpe, Gosener Gewässer, Panke, Tegeler Fließ, Untere Spree und Untere Havel als Gewässer mit "potenziellen, signifikanten Hochwasserrisiko" auf.

In solchen potenziellen Überschwemmungsgebieten gilt nach Angaben der Umweltverwaltung grundsätzlich Bauverbot. In Berlin sind demnach davon insgesamt acht Quadratkilometer betroffen, etwa ein Prozent der Landesfläche - hauptsächlich an der Müggelspree im Südosten und an der Havel in Spandau.

Doch bei Starkregen in Berlin selbst kommt es immer wieder zu Überschwemmungen im Stadtgebiet - oft aber nur örtlich begrenzt. So zum Beispiel im Sommer 2016, als der Gleimtunnel am Mauerpark geflutet war und Regenwasser wie ein Wasserfall in verschiedene U-Bahnhöfe lief. Das Problem bei Starkregen sind in Berlin die versiegelten Flächen. Das Wasser kann nicht versickern, sondern fließt in die Kanalisation. Für solche Wassermassen ist das teilweise über 100 Jahre alte Kanalnetz aber nicht ausgelegt.

Berlin soll "Schwammstadt" werden - und eine Riesen-Regentonne bekommen

Berlin versucht nun zu erreichen, dass das Regenwasser – zumindest teilweise - erst gar nicht in die Kanalisation gelangt: mit dezentralen "Regenwasserbewirtschaftungsmaßnahmen". Berlin soll zur "Schwammstadt" werden, so die Umweltverwaltung. Ein Baustein: Begrünte Dächer sollen möglichst viel Regenwasser speichern. Dafür gibt es auch ein Förderprogramm. Ein anderer Weg ist beispielhaft in Adlershof zu sehen. Dort versickert das Wasser in Mulden und kleinen Speichern, sogenannte Rigolen, zwischen Gehweg und Straße. Zudem lässt die Umweltverwaltung prüfen, welche bislang noch zubetonierten oder anders versiegelten Flächen wieder entsiegelt werden können.

Daneben sollen auch unterirdische Staubecken viel Regenwasser beziehungsweise Mischwasser - also Schmutz- und Regenwasser - aufnehmen. So ist beispielsweise seit 2020 unter dem Mauerpark ein Stauraumkanal in Betrieb. Und neben dem Gebäude des Bundesnachrichtendiensts (BND) in Mitte wird aktuell eine "Riesen-Regentonne", so die Berliner Wasserbetriebe, mit knapp 17.000 Kubikmetern Fassungsvermögen gebaut. Sie sei das mit Abstand größte Einzelprojekt und zugleich "der krönende Abschluss" des seit Jahrzehnten laufenden sogenannten Stauraumprogramms für Gewässerqualität mit insgesamt 300.000 Kubikmetern Speichervermögen. 2026 soll das Projekt fertig sein.

Doch diese Speicher sind nicht nur dafür gedacht, Überschwemmungen bei Starkregen zu vermeiden. Sie sollen das Wasser auch für trockene Zeiten vorhalten. Denn lange Dürreperioden wie in den letzten Jahren sind die andere Seite der Extremwetter, die der Klimawandel verursacht.

Beitrag von Katrin Veuskens

23 Kommentare

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  1. 23.

    Dachbegrünung und Solar schließen sich nicht aus. Beides ergänzt sich sogar perfekt.

    Wenn Sie von allen versiegelten Oberflächen das Regenwasser in Auffangbecken und Versickerungsrinnen leiten, haben Sie doch schon vieles gemacht für den Starkregenschutz.

    Im übrigen ist ein Gründach nicht grundsätzlich teurer als andere Dachformen. Und PV lohnt sich auch für Mieterstrom.

  2. 22.

    #Dominik, ja was soll denn nun gebaut werden? Dachbegrünung oder Solarmodule aufs Dach, heute so und morgen so.
    Ja und es soll auch nichts kosten, weil die Miete soll "bezahlbar" bleiben. Und von wegen Versiegelung der Stadt. Zunehmend werden freie , auch Grünflächen, bebaut. Durch Verdichtung mehr Wohnraum. Wie sollen diese Zielkonflikte gelöst werden?

  3. 21.

    Sie haben wirklich Recht. Mich stören auch die dürren Bäumchen mit den flirrenden kleinen Blättchen, was dann biologisch unter Blatt- oder Blattwerk zusammengefasst wird. Man fragt sich leider zu oft in dieser Stadt, ob da auch mal ein Baum richtig Blattwerk entwickeln darf. Und wenn dann Humboldt die Diskussionen zum technischen Umweltschutz hören würde, .... na, Sie wissen schon. Für jeden Meter verbaute Promenade/Kanalisiation muss im Land ein Retentionsgebiet unter Schutz gebracht werden und damit in Funktion: Da wird nichts verbaut, bebaut, da gibt es Auwald oder zumindest Grünland mit jeglichem Verbot, etwa Ackerland zu schaffen. Damit ist klar, naturnahe Ufer sind in einer Groß-/Weltstadt illusorisch, aber!: Wir brauchen dann aber auch die Ausgleichsflächen. Was muss denn nun noch passieren, bis Architekten Bau-/Hochbau - Stadtplanung munter werden? BM Berger, Stadt Grimma, hat doch genau gesagt, was zu tun ist! Sehr gut!

  4. 20.

    Humboldforum ! Ist zwar fertig ,aber die Außenanlagen noch nicht. Es soll links neben dem Forum ein Park entstehen,wie es historisch auch war. Nicht meckern,sondern informieren und dann was schreiben.

  5. 18.

    Ich komme gerade vom Humboldt Forum , rundherum ist alles versiegelt , drei Bäumchen und sonst nichts , da wird vom Senat dauernd von Umwelt und Begrünung geschwafelt , hier hätte man etwas tun können . Auf der Freitreppe zur Spree steht EIN einsames Bäumchen , Humboldt würde sich im Grabe drehen ....

  6. 17.

    Ha, das müssen ausgerechnet sie nun behaupten (Dom.)

  7. 16.

    Nicht immer so negativ sein, man kann schon durchaus noch bauen. Wie in dem RBB Beitrag erwähnt eben z. B. mit Dachbegrünung. Ansonsten kann man auch schöne Versickerungsgruben anlegen wenn irgendwo neu gebaut werden soll. Die können einen echten Mehrwert schaffen.

    https://www.dega-galabau.de/Magazin/Archiv/Bepflanzte-Sickermulden-bieten-Mehrwert,QUlEPTYwODE5MjQmTUlEPTYxNzM0.html

    oder googeln Sie mal "Pflanzen für Versickerung und Retention".

    Hier gab es doch letztens auf RBB auch Berichte über neue Wohnanlagen in Berlin. Hoffentlich hatte man entsprechende Vorgaben in den B-Plan geschrieben.....

  8. 15.

    Na bei all den vielen anderen Problemen die wir haben, wärs das ja auch noch.

  9. 14.

    Vor Jahren gab es dort einen schönen Wald. Vor 25Jahren ca hat man dort erste Häuser gebaut. Jetzt steht da eine ganze Stadt, kein Abstand zum nächsten Grundstück. Abgesehen davon was es die Umwelt betrifft, ist es dort jetzt potthässlich! Wer kauft denn bloß solche Häuser???? Jedes neue Grundstück wird mindestens 2Autos brauchen um zur Arbeit zu kommen etc. Mir graut es vor der Zukunft. Wer genehmigt sowas bloß???? (ich rede hier von der Gemeinde Bestensee)

  10. 12.

    Als erstes und relativ einfach umsetzbares Mittel ist die regelmäßige Reinigung der Gullys und Abwassersysteme in der Stadt. Viele Einsätze wären nicht in diesem
    Ausmaß nötig, wenn wir oben erwähnten die Abwassersysteme voll funktionsfähig wären.
    Aber leider spart man lieber das Geld für die Reinigung und Wartung und zahlt dann später deutlich mehr im Schadensfall.

  11. 11.

    Oder einfach 43,248% der aktuellen Einwohner aus Berlin rausschmeißen.
    Dann die nicht mehr benötigten Wohnhäuser abreissen und schon haben wir viel Platz für mehr Bäume und Grünflächen...

    Wird halt der "Speckgürtel" um Berlin etwas breiter ...

  12. 10.

    „Doch ein Hochwasser ähnlich wie im Westen Deutschlands ist bei Havel und Spree kaum möglich.“
    Das liegt aber auch daran, dass es in Berlin und Brandenburg keine Gebirge gibt ….

  13. 9.

    Schauen Sie mal nach Adlershof. S Bahn stadtauswärts, dan Ausgang Richtung Rudower Chaussee. Links halten. In den nach Naturwissenschaftlern benannten Nebenstraßen gibt es zwischen Bürgersteig und Straße eine Art flachen Strassengraben. Schilder erklären, warum man diesen Bereich nicht betreten und schon gar nicht befahren soll.
    Da wird versickernder Regen aufgefangen.

  14. 8.

    Mit dem finalen Stop vermeidbarer Bodenversiegelung könnte man am Tempelhofer Feld anfangen. Dort sehe ich sogar Potenzial, Teilflächen zu entsiegeln. Sprich: Pflasterung entfernen, z.B. im südlichen Bereich nahe des Stadtrings.

  15. 7.

    @Bernd, da spricht wohl der Herr Oberlehrer.
    Wenn Sie weiter keine Problrme haben, dann ist es ja gut.

  16. 6.

    Nur ist es so, dass im Baurecht nicht die geringste Abstandsregelung neu angepasst wird...damit der Inflationäre Paragraf 37 seine "Verdichtungs/Versiegelungsfolgen verliert. Demgegenüber steht das hohe Gut Eigentumsrecht. Das überhaupt etwas geschieht, so wie oben beschrieben, ist schon ganz gut. Nur wenn RRG an das Baurecht mit Abstandsregelung "herangeht", nur dann kann die Versiegelung vermindert werden - und genau das werden sie nicht tun. Reden und Handeln sind halt zweierlei.

  17. 5.

    Nachverdichten in Berlin führt auch zu mehr Bodenversiegelung. Es sterben jetzt schon Menschen bei großer Hitze in Berlin. Trotzdem wollen einige immer noch z.B. das Tempelhofer Feld bebauen. Bäume pflanzen wäre dort sinnvoll. Die Autobahn abdecken und begrünen, ebenso Grünsstreifen in sehr breite Straßen wie Karl-Marx-Allee, Landsberger Allee, Kaiserdamm, etc. anlegen.

  18. 4.

    Das die Wetterextreme zunehmen ist ersichtlich. Ob durch Klimawandel, Wetter, Natur ist egal. Wenn es zukünftig öfter Starkregen und extreme Hitze gibt muss städtebaulich darauf sofort reagiert werden. Keine weitere Bodenversiegelung und keine weitere Bauverdichtung in Städten sind dann sofort notwendig.

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