Interview | Wildtierexperte Ehlert - Darum treiben in vielen Berliner Gewässern gerade tote Fische

Di 06.07.21 | 16:19 Uhr
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Tote Fische sind am 04.07.2021 im Berliner Landwehrkanal zu sehen. (Quelle: rbb|24/Barke)
Video: rbb|24 | 04.07.2021 | Nils Hagemann | Bild: rbb|24/Barke

In vielen Berliner Gewässern wiederholt sich im Sommer das gleiche Bild: Nach starkem Regen treiben tote Fische im Wasser. Ein Problem, das sich derzeit leider nicht vollständig lösen lässt, erklärt Wildtierexperte Ehlert im Interview.

rbb|24: Es gibt in den Berliner Gewässern derzeit viele tote Fische. Was ist passiert?

Derk Ehlert: "Alle Jahre wieder", könnte man sagen. Wenn es sehr warm ist, dann steigt die Temperatur in den Gewässern. Der Sauerstoffgerhalt im Wasser sinkt. Und wenn es dann plötzlich und vor allem viel regnet, landen sehr viele organische Substanzen im Wasser, die von Mikroorganismen zersetzt werden. Dafür brauchen die Organismen allerdings Sauerstoff - und diesen Sauerstoff nehmen sie sich dann aus dem Wasser. Damit haben die Fische nicht genug zu atmen und viele Fische sterben.

Archivbild: Wildtierreferent Derk Ehlert steht am 15.09.2017 in Berlin im Tiergarten. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Derk Ehlert ist Wildtier- und Jagdreferent der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. | Bild: dpa/Paul Zinken

Was hat das mit der Kanalisation in Berlin zu tun?

In Berlin gibt es gerade im Zentrum eine Mischkanalisation, die getrennte Kanalisation gibt es eher außerhalb. Immer wenn es sehr viel regnet, läuft unterirdisch die Vorflut voll. Das heißt, das Wasser staut sich von den Straßen in diesen Vorflutern.

Normalerweise läuft dieses Wasser zu den Klärwerken, wird gereinigt und kommt fast als Trinkwasser wieder zurück. Dieses Wasser läuft bei viel Regen über und läuft direkt ungefiltert in die Spree und die Kanäle und sorgt dort immer wieder für Fischsterben.

Welche Folgen hat diese Situation für die Berliner Gewässer?

In den Kanälen zum Beispiel im Neuköllner Schifffahrtskanal oder dem Landwehrkanal kommt es immer wieder gerade in den Nachtstunden zu extremem Abfall des Sauerstoffs, sodass die Organismen im Wasser nicht genug Sauerstoff haben, um da zu leben.

Gibt es Einflüsse auf Menschen?

Ganz wichtig ist, dass die Kanäle keine Badegewässer sind. Ganz im Gegenteil: Die wurden ursprünglich gebaut, um Berlin zu entwässern und die Industrie hier anzusiedeln. Bis heute ist es so, dass sich bei extrem viel Regen nicht alles Wasser auf einmal filtern lässt. Deswegen ist natürlich dann dieser Teil der Spree und vor allem dieser Teil der Kanäle mit den entsprechenden organischen Substanzen belastet.

Was schätzen Sie: Wie viele Tiere sterben durch dieses Phänomen?

Mal andersrum gesprochen: Es ist deutlich besser geworden als vor 30 Jahren. Wir haben im Augenblick so etwa 2.000 Kilogramm Fisch aus den Gewässern geholt. Das sind deutlich weniger als in den Vorjahren, aber jedes Kilo ist ein Kilo zu viel. Damit die Gewässer entlastet werden, fährt jede Nacht ein Belüftungsschiff durch die Kanäle und pumpt massenhaft Sauerstoff rein. Es ist auch besser geworden, weil die Gewässer sauberer geworden sind. Es wird mehr geklärt über die Käranlagen. Dadurch läuft deutlich sauberes Wasser in die Spree.

Das Beste wäre natürlich, wenn kein Fisch mehr sterben würde. Dazu müssten man den gesamten Regen in der Stadt auffangen und klären. So viel Platz bleibt in der Stadt nicht.

Damit die Gewässer weiterhin noch sauberer werden, ist geplant, unterirdisch weitere große Becken zu bauen. In denen kann das Wasser aufgefangen werden. Es geht dann nach und nach in die Klärwerke und wird dann gereinigt wieder zurückgeführt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Nils Hagemann.

4 Kommentare

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  1. 4.

    Stimmt, aber im Falle eines Starkregens hilft das auch nicht mehr das können die Böden nicht aufnehmen, sonst ist versickern auf Wiesen und Co, sehr erwünschenswert. Regenwasserrückhaltebecken sind eine sehr gute Lösung.

  2. 3.

    Das ist leider so ein "Stoßgeschäft" mit dem Regen, das wird man schwer umsetzen können kann ich mir vorstellen.

  3. 2.

    Wäre es nicht besser das Wasser von den Dächern und plattierten Wegen zu den Bäumen und Wiesen zu leiten? Diese vertrocknen derzeit wieder mal. In Adlershof gibt es erste gute Ansätze dafür. Wäre schön, wenn jede Umbaumaßnahme in der Stadt daraufhin geprüft würde.

  4. 1.

    wow, wieder was gelernt...

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