Prozess in Berlin - Attacke auf Tschetschenen: Clan-Mitglied muss sich vor Gericht verantworten

Blick in den Saal 700 des Kriminalgerichts Moabit. In dem Saal findet eine Hauptverhandlung gegen den 44-jährigen Nasser Rammou statt. Er soll mit Mittätern in zwei Fällen mehrere Männer tschetschenischer Herkunft angegriffen und teilweise schwer verletzt haben. (Quelle: dpa/J. Carstensen)
Video: Abendschau | 21.07.2021 | K. Breinig | Bild: dpa/J. Carstensen

Messer, Eisenstangen, Schlagstöcke: Brutal wurden tschetschenische Männer in Berlin attackiert - wohl von Mitgliedern eines arabischstämmigen Clans. Gegen einen mutmaßlichen Täter hat jetzt der Prozess begonnen. Ihn kennt die Polizei schon lange.

Von "Clan-Kriegen" in Berlin war im November 2020 die Rede: Jetzt hat am Mittwoch ein Prozess am Amtsgericht Tiergarten begonnen, der die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen arabischstämmigen Clanmitgliedern und Tschetschenen in Berlin-Wedding vor rund acht Monaten aufarbeitet.

Angeklagt ist der 44-jährige Nasser R., der einer polizeibekannten arabischstämmigen Großfamilie in Berlin angehört. Er soll mit weiteren Mittätern mehrere tschetschenische Männer attackiert haben. Die Anklage geht von Racheaktionen in zwei Fällen aus. Nasser R. muss sich in dem Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung und Landfriedensbruchs verantworten. Nach Informationen des rbb-Experten für Organisierte Kriminalität, Olaf Sundermeyer, handelt es sich bei ihm um einen Intensivtäter, der zuletzt viereinhalb Jahre wegen Drogenhandel in Haft saß. Aktuell werde gegen Nasser R. ermittelt, weil er ein Koks-Taxi organisiert haben soll.

Opfer ausgewählt, weil sie Tschetschenen sind

Als erster Zeuge sagte am Mittwoch ein 24-Jähriger aus: Fremde Männer hätten ihn im November auf einem Parkplatz niedergeschlagen. In der Anklage heißt es, der Attacke sei eine gewalttätige Auseinandersetzung vor dem Spätkauf von Nasser R. in Berlin-Neukölln vorausgegangen - zwischen gesondert verfolgten tschetschenischen Beschuldigten und Familienmitgliedern von Nasser R.. Bei dem Angriff auf den 24-Jährigen sei es in Folge dessen um Vergeltung gegangen.

Am Abend des 7. November 2020 sollen der Angeklagte und mindestens neun weitere Mittäter am Hanne-Sobek-Platz drei ihnen unbekannte Männer attackiert haben. Sie hätten zielgerichtet Tschetschenen verletzen wollen, so die Anklage.

Auf einem Parkplatz seien sie an ein Auto herangetreten und hätten die Männer darin gefragt, ob sie Tschetschenen seien. Daraufhin gingen die Täter laut der Anklage mit Schlagstöcken, Messern und Eisenstangen auf die Opfer los. Ein Mann habe wegen zahlreicher Verletzungen stationär in einem Krankenhaus behandelt werden müssen.

Malträtiert wie ein Fußball

Für den rbb hat Reporter Olaf Sundermeyer den Prozesstag begleitet. Im rbb Inforadio berichtete er von Zeugenaussagen, die den Umgang der Angreifer mit ihren tschetschenischen Opfern beschreiben: "Stellen Sie sich vor, dieser Mann wäre ein Fußball - so wurde er malträtiert." Laut Sundermeyer hatte der erste Zeuge Probleme, sich an die Attacke zu erinnern und konnte den Angeklagten nicht als Angreifer identifizieren. Es kursierten online aber Videos von den Gewalttaten auf dem Hanne-Sobek-Platz im November.

An einem weiteren Novemberabend soll der 44-jährige angeklagte Nasser R. zusammen mit Verwandten und Bekannten erneut zwei Tschetschenen angegriffen haben. Aus einer Menschenmenge heraus seien die Opfer unvermittelt geschlagen worden.

EncroChat-Daten ermöglichten 550 Ermittlungsverfahren

Nasser R. trägt schon seit 2019 eine elektronische Fußfessel - nach Verbüßung einer mehrjährigen Haftstrafe. Aber die Maßnahme habe ihn nicht von weiteren Taten abhalten können, teilte die Staatsanwaltschaft zum Prozessbeginn mit. Seit Februar 2021 befindet sich der Mann, der seit seiner Jugend bei Polizei und Justiz bekannt ist, in Untersuchungshaft. Der Prozess wird am 28. Juli fortgesetzt.

Im Kampf gegen die Organisierte Kriminalität in Berlin liegen laut Olaf Sundermeyer die Hoffnungen der Ermittler auf Informationen aus dem von der Polizei gehackten Messenger-Dienst EncroChat. Französische Sicherheitsbehörden hatten den vornehmlich von Kriminellen genutzten Dienst im vergangenen Jahr gehackt und die Daten deutscher Nutzer an das Bundeskriminalamt übermittelt. Bislang wurden auf Basis dieser Informationen 550 Ermittlungsverfahren eingeleitet, wie die Redaktion rbb24 Recherche von der Polizei erfuhr. Unklar sei aber noch, ob die gehackten Chats als Beweise vor Gericht verwendet werden dürfen, betont Sundermeyer.

Sendung: Abendschau, 21.07.2021, 19:30 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    Das eigentliche traurige ist ja, das nur vor einem Amtsgericht verhandelt wird. Solche Intensivtäter sollten auch mal Sicherungsverwahrung bekommen.

  2. 1.

    Es gibt kein "Amtsgericht Berlin". Warum verwendet der rbb eine solche Phantasiebezeichnung und nicht das korrekte "Amtsgericht Tiergarten"?

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