Vorbild Berlkönig - BVG will Rufbus für östliche Berliner Außenbezirke einführen

Ein BerlKönig ist auf einer Straße unterwegs. (Quelle: DPA/Jörg Carstensen)
Bild: DPA/Jörg Carstensen

Die Berliner Verkehrsbetriebe wollen den östlichen Berliner Stadtrand ab 2022 mit einem Rufbus-System an das Ostkreuz anbinden. Das Konzept erinnert an den Berlkönig. Das ärgert vor allem Berliner Taxiunternehmen. Von Birgit Raddatz

Leszek Nadolskis Stimme überschlägt sich fast beim Reden. "Mir ist die Spucke weggeblieben, als ich gesehen habe, dass es ein Konzept für ein Rufbus-System gibt, von dem wir nichts wussten!" Nadolski ist der Vorsitzende der Berliner Taxigewerbe-Innung und kennt sich mit Rufbussen bestens aus, wie er sagt. 26 davon fahren schon in Kooperation mit der BVG durch Berlin, sie ergänzen Nachtbuslinien oder bringen Menschen zu den Impfzentren. Im Stadtgebiet, aber auch in Außenbezirken wie Spandau. Es gilt der einfache Ticketpreis, einen Aufschlag gibt es nicht. Der BVG habe Nadolski kürzlich ein Konzept vorgestellt, das den Einsatz von elektrobetriebenen Fahrzeugen im Stil der schwarzen "London-Taxis" vorsieht und kostengünstiger sein soll.

Tatsächlich soll es laut Verkehrsverwaltung weitere Rufbusse ab 2022 auch am östlichen Stadtrand Berlins geben. Sie werden Teile der Bezirke Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und den nördlichen Rand Treptow-Köpenicks mit dem Ostkreuz verbinden. Die BVG werde demnächst das entsprechende Vergabeverfahren starten, heißt es in einer Pressemitteilung der Verwaltung. Das Land bezuschusst das Vorhaben mit drei Millionen Euro.

Aufschlag zum Ticketpreis, aber nicht von überall

Demnach soll ab Mai kommenden Jahres bis 2025 ein Gebiet von mindestens 41 Quadratkilometern in dem Pilotprojekt verbunden werden. Vor allem für Pendler*innen ist das Angebot gedacht: 1,50 Euro zusätzlich zu einem vorhandenen Ticket der Zone B soll die Fahrt zu einem U- oder S-Bahnhof kosten. Jede*r weitere Mitfahrer*in zahlt 50 Cents. Keinen Aufschlag soll es für Fahrgäste aus Gegenden geben, die im Projektgebiet besonders schlecht an den Nahverkehr angebunden sind.

Neben diesem Zubringerdienst sieht das Konzept auch Direktverbindungen vor. Ähnlich wie beim von der BVG betriebenen Berlkönig können Fahrgäste so eine taxiähnliche Fahrt auf einer vorgegebenen Route buchen, die virtuellen Haltestellen liegen dabei zwischen 200 und 300 Meter auseinander. Gebucht werden kann entweder per App oder per Anruf im Callcenter. Die Fahrt findet nicht zum marktüblichen Taxi-Preis statt, sondern kostet 1,50 Euro pro Kilometer.

Linke und SPD kritisieren "Taxi-Charakter"

Harald Moritz, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, lobt das Konzept, man zeige damit, dass auch die Außenbezirke beim ÖPNV gestärkt würden. "Wir gehen konsequent den Weg der Verkehrswende und setzen den Nahverkehrsplan um."

Doch bei den Koalitionspartnern Linke und SPD gibt es Kritik. Bei den Direktverbindungen "spiele" die BVG Taxi, so der verkehrspolitische Sprecher der Sozialdemokraten, Tino Schopf. Er fordert, die Taxiunternehmen miteinzubeziehen. Das sieht auch Kristian Ronneburg von den Linken so. Beide loben den ÖPNV-Charakter der Rufbusse, das Prinzip dürfe aber nicht zur "Kannibalisierung des Taxiverkehrs" führen, so Ronneburg. Ähnlich sieht es die FDP, die eine Ausweitung auch auf die westlichen Außenbezirke fordert.

Leszek Nadolski von der Taxi-Innung überlegt auf jeden Fall, an der Ausschreibung teilzunehmen. "Ich bin leidenschaftlich bei dem Thema."

Sendung: Abendschau, 02.07.2021, 19.30 Uhr

Beitrag von Birgit Raddatz

9 Kommentare

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  1. 9.

    Dazu fällt mir eine Anekdote zum Thema Frau Nonnemacher ein, als sie noch als Kommunalpolitikerin den falkenseeer Bereich erhellte. Auf die Frage, welche Maßnahmen sie umsetzen würde, um die Pendler aus dem Auto zu bekommen, war ihre einzige Eingebung, die Leute sollten doch mit dem Fahrrad fahren. Ausbau S - Bahn bis Nauen, oder kürzere Taktung der einzigen Buslinie nach Berlin, kein Thema. Die gemeinsame Verkehrspolitik Berlin - Brandenburg war in der Zeit, als in beiden Ländern RRG regierte, mehr als überschaubar. Ich kann mich erinnern, dass zu Vorwendezeiten geplant war, die U 7 bis nach Gatow - Kladow, die damalige U1, nach Staaken. Würde man die Linien nun noch ein Stück ins Umland ziehen, mit großen P&R Plätzen, wäre das mal seit gefühlten 30 Jahren Flickschusterei im ÖPNV ein Projekt mit Sinn.

  2. 8.

    Wer in Gatow wohnt hat sich das ländliche aber durchaus auch ausgesucht ;-)

  3. 7.

    Das bedeutet dann also, dass der Linienbusverkehr dort, wo er nicht effizient fahren kann, nach erfolgreichem Pilotprojekt eingestellt wird?

    Nebenher: Ich empfehle mal einen Blick auf einen Stadtplan der dreißiger oder fünfziger Jahre: Ein, zwei Kilometer Fußweg bis zur nächsten Haltestelle hielt man damals in Berlin für absolut zumutbar, auch und gerade in den Außenbezirken (die damals natürlich dünner besiedelt waren). Die Weltsicht änderte sich erst mit der Massenmotorisierung (außer natürlich, wenn man nach viertelstündiger Parkplatzsuche nach fünfhundert Meter vom Wagen zum Ziel laufen muss, das finden Autofahrer erfahrungsgemäß völlig o.k.).

  4. 6.

    Die BVG kann wirklich nicht jeden entlegenen, wenig frequentierten Zipfel dauerhaft und wirtschaftlich anbinden. Da macht so'n Rufbus durchaus Sinn. Allerdings kann man in Gatow (Siedlung Habichtswald) von einer direkten Anbindung an einen Bahnhof nur träumen und ab ca. 21.00 Uhr kann man sich an die Strasse stellen und "Bus" rufen. Die "Alternative" ist etwa 1 KM lang - nicht so schlimm. Also über den unbeleuchteten Aussenweg durch ein Waldstück zur unbeleuchteten Bundesstr. (B 2) mit seiner unbeleuchteten "normalen" Haltestelle schlappen. Mit den Borstenviechern dort ist man eh schon auf Du. Andere Richtung ist doppelt so weit, aber befestigt, dafür auch dunkel wie im Bärena.... . Hin und wieder sieht man jenseits des Feldrandes noch Licht in den Häusern - da wohnt also jemand. Die hören dich aber nicht - zu weit weg. DAS ist Dorf in der Stadt!

  5. 5.

    Man bräuchte eigentlich morgens einen Doppelstockbus im 5 Minuten Takt entlang der B1/B5 stadteinwärts. Es ist jeden Morgen voll und in fast jedem Auto sitzt nur eine Person. Das kann nur zum Stau führen.

  6. 4.

    Ein Rufbus in den Stadtquartieren, wo kein Linienbus effizient fahren kann, als Zubringer zu Bussen und Bahnen, ist durchaus auch was für Berlin. Dass aber im Text dann wieder auf den Artikel mit den Mitfahrbänken verlinkt wird - es gibt erfolgreiche Rufbusse im Land Brandenburg - schade.

  7. 3.

    Einen Bus direkt ans Ostkreuz?
    Der gehen doch die Anwohner der Sonntagstraße erst recht auf die Palme, denn die haben ja schon etwas dagegen, wenn in der Mitte ihrer Straße die Straßenbahn fahren soll.

    Denn man weiß ja: Das Ostkreuz ist so schlecht mit dem Nahverkehr erschlossen, dass man unbedingt ein großes Auto haben muss.

  8. 2.

    Wie schon bei den Mietwohnungen wird jetzt beim ÖPNV die Verstaatlichung von privatwirtschaftlichen Anbietern vorangetrieben. Aber warum darf Uber unbehelligt weiterfahren ? Bündelung am Ostkreuz ist ein eindeutiges Wahlgeschenk an die Hauptstadt der DDR. In Staaken, Heiligensee, Frohnau, Wannsee, Lichtenrade und Neukölln gibt es KEINE Schichtarbeiter und wenn, arbeiten die für die Klassenfeinde : Polizei, Feuerwehr, Städtische Krankenhäuser, Wasserbetriebe, Stromnetz oder selbst BVG. Eben kein öffentliches Angebot für Schichtarbeiter.

  9. 1.

    Wie wärs den wenn die BVG mal lieber eine M-Linie zum Ostkreuz fahren lassen würde. Rufbus in Berlin - ich glaub ich spinne... Dorf

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