Interview | Geflüchtete in Athen - "Die Menschen haben keine Chance, auf eigenen Beinen zu stehen"

Gol-Ahmad-Ahmadi
rbb
Video: rbb|24 | 23.07.2021 | Material: Michael Lietz | Bild: rbb

Die griechische Regierung bringt immer mehr Geflüchtete auf das Festland, um die Inseln zu entlasten. Viele stranden in Athen im mittlerweile völlig überfüllten Camp Eleonas. rbb-Reporter Michael Lietz hat mit Camp-Bewohnern gesprochen.

Die griechische Regierung bringt immer mehr Geflüchtete auf das Festland, um die Inseln zu entlasten. Viele stranden im Großraum Athen. Dort campieren seit vielen Wochen Zehntausende obdachlose Flüchtlinge auf Straßen, Plätzen, in leer stehenden Häusern und Lagern. Fernab jedweder Grundversorgung, ohne medizinische Hilfe, ohne Essen und Hygiene scheinen ihre Schicksale vergessen und aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Reporter Michael Lietz ist für den rbb mit der Brandenburger Hilfsinitiative "Wir packen's an" nach Athen gereist. Dort hat er auch mit Geflüchteten und Helfern aus dem Camp Eleonas sprechen können. Das einstige Vorzeigelager ist völlig überfüllt. Tausende Menschen leben hier - und weitere ziehen hinzu.

Sayed-Harezolla
Sayed Harezolla Hashemi | Bild: rbb

Sayed Harezolla Hashemi, Gol Ahmad-Ahmadi und Mohsen Lashkari sind aus Afghanistian geflüchtet und leben im Camp Eleonas in Athen.


Rbb|24: Woher kommen Sie?

Sayed: Ich komme aus Afghanistan, war zuvor in Moria auf Lesbos und bin seit sechs Monaten in Athen.

Gol: Ich komme auch aus Afghanistan. Ich bin Kurde, aus Kundus. Ich bin jetzt zweieinhalb Jahre in Athen. Zuvor war ich eineinhalb Jahre in Moria.

Mohsen: Vor zwei Jahren war ich in Deutschland. Dann wurde ich abgeschoben nach Afghanistan. Dann bin ich mit meiner Familie nach Athen gekommen. Und ich bin immer noch hier.

Gol-Ahmad-Ahmadi
Gol Ahmad Ahmadi | Bild: rbb

Sie leben im Camp Eleonas in Athen. Wie ist das Leben hier?

Sayed: Es gibt sehr viele Probleme im Camp. In den Zelten ist es extrem heiß, es gibt keine Klimaanlage. Es ist sehr schwer, hier zu leben. Sowohl hier als auch auf Lesbos waren wir in Zelten untergebracht, die Situation ist ähnlich schlecht.

Gol: Hier gibt es nicht einmal Strom in den Zelten. Und das Problem ist, dass die Hilfe immer weiter heruntergefahren wird. Die Menschen haben gar keine Chance, auf eigenen Beinen zu stehen.

Mohsen: Die helfen uns hier nicht. Als ein paar Leute von der deutschen Botschaft hier waren, hat mich der Chef des Lagers einfach weggeschickt. Wenn jemand aus Deutschland oder England herkommt und helfen will, dann machen sie wegen Corona alles sauber, um zu zeigen, wie hilfsbereit sie sind. Aber das stimmt nicht, die helfen nicht, die zeigen nur. Jeden Tag ist hier eine Schlägerei. Alles wird hier passieren, Drogen werden verkauft, alles. Aber was kann man machen? Nichts.

Mohsen-Lashkari
Mohsen Lashkari | Bild: rbb

Wissen Sie, wie es weitergehen wird?

Sayed: Ich weiß es nicht. Aber, dass es irgendwie weitergeht. Ich versuche, positiv zu bleiben und die Hoffnung nicht aufzugeben.

Gol: Ich habe sechs Kinder und bin geflohen, um eine bessere Perspektive für meine Familie zu haben. Meine einzige Alternative ist, es weiter zu versuchen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Mohsen: Man kann nur warten und hoffen. Ich warte seit sechs Monaten. Ich habe alles gemacht, alle Papiere fertig gemacht. Wenn man googelt heißt es: Familiennachzug dauert drei Monate. Aber bei mir sind es sechs Monate, und niemand ist verantwortlich.

Vielen Dank für das Gespräch.

Yalia Hercuz, Flüchtling aus Algerien, ist Mitarbeiter der Flüchtlingsorganisation One Happy Family und hilft den Menschen im Camp.

Yalia-Hercuz
Yalia Hercuz | Bild: rbb

Rbb|24: Yalia Hercuz, Erzählen Sie bitte, was Sie hier in Athen machen.

Yalia: Ich arbeite für die Organisation One Happy Family. Wir haben unseren Sitz auf Lesbos. Dort betreiben wir ein Community-Center mit verschiedenen Bereichen. Hier in Athen bin ich der einzige, und ich kümmere ich darum, dass Leute, die aufs Festland kommen, Hilfe bekommen. Ich zeige ihnen, was es alles gibt. Außerdem baue ich hier ein Netzwerk auf, um verschiedene Organisationen zusammenzubringen.

Wie ist die Situation derzeit in Athen?

Das große Problem ist, dass viele Leute die Camps auf den Inseln verlassen und aufs Festland kommen. Außerdem kommen Leute, deren Asylanträge abgelehnt worden sind, teilweise mehrfach. Und gerade die können nicht in die Lager. Den Menschen bleibt also nichts weiter übrig, als auf der Straße zu leben – immer verbunden mit der Gefahr, dass sie kontrolliert und erwischt werden, weil sie sich ohne Status hier aufhalten. Zahlen zu schätzen, ist nicht einfach: Man spricht derzeit von etwa 40.000. Ich weiß auch nicht, ob die wirklich stimmen. Aber die Situation ist wirklich schwer.

Manche sprechen davon, dass Athen die nächste humanitäre Katastrophe heranwächst. Wie schätzen Sie das ein?

Ja, wir müssen uns auf eine humanitäre Katastrophe einstellen und jetzt schon darauf vorbereiten. Die Organisationen machen das bereits, weil sie wissen, dass uns diese Katastrophe bevorsteht. Jetzt können die Leute noch draußen schlafen, aber im Winter wird das ganz anders aussehen. Der Druck ist jetzt nicht mehr auf den Inseln, sondern auf dem Festland. Und wir können das nicht mehr aufhalten.

Es heißt, es breiten sich Krankheiten aus. Ist das so?

Statistiken können nur medizinische Organisationen liefern. Aber ich kann sagen, was ich sehe: Es gibt natürlich viele Krankheiten, die kommen, wenn man auf der Straße lebt. Krätze ist normal und verbreitet. Als ich in Moria war, hatte ich es selbst, weil die hygienischen Bedingungen so schlecht sind. Und dann kommt hinzu, dass die Leute, die ohne Flüchtlingsstatus sind, gar keinen Anspruch auf medizinische Versorgung haben. Sie können gar nicht in Krankenhaus gehen und sich medizinische Beratung holen. Und die medinischen Hilfsorganisationen selbst sind bereits am Limit und können gar nicht mehr tun, als sie sowieso schon tun.

Vielen Dank für das Interview

Das Interview führte Michael Lietz, rbb|24.

Sendung: Brandenburg Aktuell, 24.07.2021, 19:30 Uhr

Nächster Artikel