Reportage | Geflüchete in Athen - "Die Situation ist katastrophal"

Flüchtlingscamp in Athen (Quelle: rbb)
Video: Brandenburg Aktuell | 20.07.2021 | Michael Lietz | Bild: rbb

Allein im Großraum Athen campieren seit Wochen etwa 40.000 obdachlose Flüchtlinge auf Straßen, Plätzen und Lagern. Mitglieder des Bad Freienwalder Vereins "Wir packen’s an" sind nach Griechenland gereist, um zu helfen. Michael Lietz hat sie begleitet.

Der Ferienflieger, in dem Andreas Steinert vom Bad Freienwalder Verein "Wir packen's an" nach Athen fliegt, ist fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Sommerzeit ist Reisezeit, auch wenn Corona am Mittelmeer gerade wieder durch die Decke geht. Griechenland meldet an diesem Montag eine Inzidenz jenseits der 170. Das Land mit den malerischen weiß-blauen Häuschen und den unendlich vielen Inseln gilt nun als Risikogebiet. Verderben lassen wollen sich die Ferienflieger ihre Auszeit dennoch nicht.

Doch was für die einen das Land ihrer Träume ist, ist für Zigtausende andere das Land ihrer Albträume geworden. Allein im Großraum Athen campieren seit vielen Wochen etwa 40.000 obdachlose Flüchtlinge auf Straßen, Plätzen, in leerstehenden Häusern und Lagern. Fernab jedweder Grundversorgung, ohne medizinische Hilfe, ohne Essen und Hygiene scheinen ihre Schicksale vergessen und aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden.

Der Bad Freienwalder Verein "Wir packen’s an" (Quelle: Wir packen's an e.V.)
"Rote Nasen" im Camp auf Lesbos | Bild: Wir packen's an e.V.

Den Kindern geht es besonders schlecht

Am nächsten Morgen ist Mimi da, Miriam Khammas, ebenfalls Mitglied im Verein "Wir packen’s an". Letzte Woche war sie auf Lesbos, wo ihr Verein die Aktion von "Rote Nasen Deutschland" unterstützt hat. Diese Initiative will kranken Menschen mit speziell ausgebildeten Clowns wieder Hoffnung und Lebensmut schenken. Gemeinsam mit Partnern vor Ort haben die Brandenburger es geschafft, ins Lager zu kommen und Veranstaltungen für die Kinder der Geflüchteten zu organisieren.

Denen geht es besonders schlecht, hat Mimi festgestellt. "Wenn man bedenkt, dass Kinder hier Suizidgedanken geäußert haben, weiß man, wie katastrophal die Situation ist", sagt sie. Deshalb haben sie die psychologische Hilfe der "Nasen" unterstützt. Drei Veranstaltungen, drei Mal endlich wieder lachende Kinderaugen, drei Mal haben sie so ein klein wenig Hoffnung vermittelt.

Auffallend sei die Ruhe im Lager gewesen, sagt Mimi. "Obwohl immer noch Tausende Menschen da sind. Viele liegen apathisch in den Zelten, in denen bis zu 200 Personen campieren."

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Viele Geflüchtete sind auf sich allein gestellt

Viele wählen derzeit aus Afghanistan den riskanten Weg von der türkischen Küste nach Lesbos. Syrer kommen nur noch wenige, seitdem die Türkei als sicheres Herkunftsland eingestuft wurde. Bis zur Klärung ihres Asylstatus bleiben sie auf den Inseln, dann werden sie aufs Festland gebracht "und im Großraum Athen auf die Straße gekippt", berichtet Andreas Steinert.

Steinert sagt, er wisse, dass viele Geflüchtete von nun an völlig auf sich allein gestellt sind. Viele landen direkt in der Obdachlosigkeit, kampieren auf Plätzen und Straßen in den Vororten und sind für Hilfsorganisationen nicht mehr erreichbar. Es gibt keine medizinische Versorgung, Krätze breitet sich aus, von Corona ganz zu schweigen, es gibt kein sauberes Wasser, keine Chance, sich zu waschen. Wer Glück hat, bekommt einen Pappkarton als Dach über dem Kopf.

Zelte stehen in der prallen Sonne im Flüchtlingscamp

Wer noch mehr Glück hat, kommt in eines der vielen Flüchtlingscamps. Im Norden, mitten in einem Industriegebiet, liegt eines dieser Camps. Hier wollen die Brandenburger am Nachmittag ihren Partner Omar vom Verein "Refugee 4 Refugees" treffen. Omar hält mit seinem Moped vor dem Haupteingang. Ein Schild weist darauf hin, dass hier Geflüchtete leben. Jemand hat "Not to the EU-Greece-Turkey Agreement" aufgesprüht. Nur weil die Campverwalter Omar kennen und schätzen, öffnen sich für Mimi und Andreas die Tore. Sie werden herumgeführt, dürfen sich alles ansehen, geduldig werden ihnen Fragen beantwortet.

Es gibt Kontakte zu Hilfsorganisationen. Man bespricht sich, wie künftig auch hier geholfen werden kann. Eine Vorzeigecamp offenbar, bei flüchtigem Hinsehen. Doch nicht erst beim zweiten Blick fallen die grauen Zelte auf, auf Paletten gestellt, um bei Regen nicht gleich abzusaufen. In der prallen Sommerhitze stehen die Zelte, apathisch liegen darin Menschen unterschiedlichster Nationen.

"Es ist extrem heiß in den Zelten, es gibt keine Klimaanlage", erzählt Sayed aus Afghanistan, der seit sechs Monaten in dem Camp lebt. Gol, der ebenfalls aus Afghanistan kommt, ergänzt: "Nicht mal Strom haben wir. Und die Hilfe der Behörden wird immer weiter heruntergefahren." Ein weiterer Geflüchteter, Mohsen, beobachtet, dass die Brandenburger mit den Leuten reden, und mischt sich ein.

Auf Deutsch erzählt er, dass er schon in Aschaffenburg und München gewesen sei. Dann sei er abgeschoben worden nach Afghanistan. Was er da erlebt habe, wolle er lieber nicht erzählen. Nur so viel: dass er sich lieber gleich wieder auf den Weg gemacht habe. Nun sitzt er in Athen fest, getrennt von Eltern, Frau und Kind, die alle in Deutschland sind. "Hier im Lager gibt es Kriminalität. Und was kann man machen? Nix."

Immerhin hat dem jungen Mann mit den pechschwarzen Haaren heute mal jemand zugehört. Das ist manchmal genauso wichtig.

Sendung: Brandenburg Aktuell, 20.07.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Michael Lietz

12 Kommentare

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  1. 11.

    Traurig, dass das Elend dieser Menschen weiterhin forciert wird, statt ihnen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Selbst die Bundeswehr hat im Kampf gegen die Taliban kapituliert. Da kann ich die Geflüchteten schon verstehen!

  2. 10.

    Zu der ganzen Flüchtlingssituation ergibt sich für mich immer folgende Frage. Seit Jahrzehnten betreibt D Entwicklungshilfe mit jährlich mehreren Milliarden. Ergebnis dieser Entwicklungshilfepolitik muss sehr bescheiden sein, bei den Fluechtlingszahlen. Es kommt aber keiner auf die Idee die Entwicklungshilfe neu zu justieren. Es wird weiter gemacht wie bisher und weitere Miiarden gefordert.

  3. 9.

    Ungern muss ich Ihnen Recht geben. Junge Männer sind heutzutage anscheinend nirgens mehr die Typen, die sich für Ihr Land einsetzen.

  4. 8.

    Vielleicht sollten einige mal ihren Rassismus ablegen. Vielleicht bessere Idee.

  5. 7.

    Das man sowasnin Europa sehen muss, ist zum Kotzen.

  6. 6.

    Na solange der Verein da unten hilft und nicht auf andere Gedanken kommt finde ich es eine gute Sache. Vielleicht sollten die Geflüchteten mal darüber nachdenken ihre Heimat wieder aufzubauen wie man es in Deutschland nach dem Krieg gemacht hat!

  7. 5.

    .. nun qualifizierte Zuwanderung? Was heisst das? Wir holen die Leute hierher in das reiche Deutschland, die dann dort in den bedürftigen Länder fehlen. Die brauchen dann wiederum Wirtschaftshilfe und so mancher hier wundert es das es dort nicht vorwärts geht. Nur die Hilfsorganisationen freuen sich, deren Einsatz bleibt gesichert.

  8. 4.

    Wir sollten uns endlich ein Beispiel an Canada nehmen und uns auf qualifizierte Zuwanderung konzentrieren. Dann hat man hier klare Regelungen und alle wissen, woran sie sind ohne im jahrelangen Standby verharren zu müssen.

  9. 3.

    "solange das Assad-Regime an der Macht bleibt." Welche Optionen gibt es denn noch? Dass jetzt die letzten verbliebenen "Freiheitskämpfer" vom Idlib Gebiet wieder einen neuen Islamistischen Terror-Staat errichten?

  10. 2.

    Das in Griechenland Millionen in den Taschen korrupter Politiker:innen landen ist nichts Neues, hat die Bundesregierung aber noch nie davon abgehalten, weitere Millionen zu überweisen. Dasselbe gilt übrigens für Länder wie Ungarn. Die meisten Geflüchteten kommen aus Syrien und Afghanistan. Dass die meisten jungen Männer aus diesen Ländern verschwunden seien ist Unsinn. Nur die wenigsten Geflüchteten kommen überhaupt in Europa an. Die meisten sind in Ländern wie der Türkei, Iran oder Pakistan. Was die Frage eines möglichen Wiederaufbaus angeht: Die Kämpfe in Afghanistan gehen gerade erst wieder richtig los. Auch in Syrien werden die Kämpfe weitergehen, solange das Assad-Regime an der Macht bleibt. Da ist nichts mit Wiederaufbau.

  11. 1.

    Ich frage mich nur, wer soll denn das Heimatland der Geflüchteten wieder aufbauen? Die meisten jungen Männer sind doch schon verschwunden. Und weiter frage ich mich, in welchen Kanälen die vielen Millionen € Spenden und Wirtschaftshilfen versickern. Das ist doch ein Fass ohne Boden..

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