Online-Casinos deutschlandweit legal - Ein Staatsvertrag für die Gewinnabgaben - aber nicht gegen die Sucht

Auf einem Smartphone spielt ein Mann ein Online-Spiel. (Quelle: dpa/Sina Schuldt)
Video: Abendschau | 01.07.2021 | Rainer Unruh | Bild: dpa/Sina Schuldt)

Glücksspiel verspricht den Anbietern hohe Gewinne. Sie profitieren, doch Spieler und Staat stehen allein mit den Schäden da. Darum hat der Staat die Hand darauf - und zwar auch bei den Online-Casinos. Doch Suchtberaterinnen üben Kritik. Von Stephan Ozsváth

"Hallo, ich bin Aykim", sagt der junge Mann in der TruDoku von Funk, dem jungen Angebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Aykim spricht über seine Spielsucht. Mit 17 wird er das erste Mal von einem Kumpel in die "Spielo" gelotst, die Spielothek. Ihn faszinieren "die Geräusche, das Blinken", er verbringt die Zeit dort wie in einem Tunnel. "Der Rekord waren 14 Stunden am Stück".

In dreieinhalb Jahren verzockt Aykim gut 90.000 Euro. Das Geld leiht er sich – oder er bestellt Handys, die er nicht bezahlt, sondern weiterverkauft, um seine Sucht zu finanzieren. Der leidenschaftliche Fußballer Aykim bekämpft in der Spielothek seinen Frust. "Mein Ideal in der Jugend war, dass ich Fußball-Profi werde und eine gewisse Anerkennung von außerhalb bekomme." Als sein Traum zerplatzt, habe er "gar keine Zukunftspläne mehr gehabt". Was ihm bleibt, ist das Zocken.

Sophie Schmid ist Beraterin von Spielsüchtigen und deren Angehörigen in Berlin-Weißensee. (Quelle: rbb/Stephan Ozsváth)
Bild: rbb/Stephan Ozsváth

Typischer Zocker: männlich, jung, Migrant

Aykim ist geradezu ein Prototyp für die Szene. "Männlich, jüngeren Alters und tatsächlich oft mit Migrationserfahrungen", beschreibt Sophie Schmid den typischen Zocker. Die Berlinerin berät beim Präventionsprojekt "Glücksspiel" in Berlin-Weißensee Spielsüchtige und deren Angehörige.

Die Public-Health-Expertin ist die erste Anlaufstelle für Menschen wie Aykim. Vor dem Hilferuf müsse es aber oft erst "einen großen Knall" geben, sagt sie. Lange könnten Spielsüchtige ihr Problem verheimlichen, aber irgendwann bekämen Angehörige mit, dass ihr Partner "abends gar nicht im Büro ist, sondern in eine Spielhalle geht".

Dann komme es zum Streit "und das ist meistens ein Auslöser, dass sich Betroffene Unterstützung suchen". Bei Männern sei das oft erst nach zehn Jahren, bei Frauen nach sieben Jahren, die Spirale in die Sucht beim Online-Gambling verlaufe aber deutlich schneller.

Süchtig nach Intensität

In Deutschland gibt es etwa eine halbe Million Spielsüchtige, die den Kick suchen. Die meisten zocken an einarmigen Banditen oder setzen Geld in Sportwetten. Sie tun das mit steigender Intensität - und weil es dort so gut geht, zunehmend auch online.

"Man ist in einer Art Tunnel, das Blinken, die Geräuschkulisse – da reichen dann auch schon Fast-Gewinne, das setzt einen Schub an Endorphinen und Adrenalin frei, dass man halt versucht, dieses Gefühl immer wieder zu erreichen." Für viele junge Leute, gerade mit Migrationshintergrund sei auch "die Aussicht auf das schnelle Geld" attraktiv, was Anerkennung verspreche.

Die Sportwetten wiederum lockten mit der Illusion, man könne hier "Wissen zu Geld machen". Mit dem bloßen Auge ist zu erkennen, dass vor allem Sportwetten-Anbieter in Berlin wie Pilze aus dem Boden schießen. Betreiber und Kundschaft sind oft Zuwanderer. Längst werden deshalb Broschüren und Telefonhotlines von Helfern auch auf Arabisch, Russisch oder Türkisch angeboten.

Auch die "Tipps für Angehörige von Spielerinnen und Spielern", die etwa in der Beratung in Weißensee ausliegen, sind mehrsprachig. Sophie Schmid hat im vergangenen Jahr 23 Beratungen gemacht, die erstrecken sich über fünf Termine. Sie geht in Schulen, ins Jobcenter, vermittelt aber auch weiter an die Caritas. Die betreibt in Berlin-Kreuzberg das Café Beispiellos mit einer Selbsthilfegruppe für Zocker.

Lizenz zum Geldverdienen mit geringem Schutz der Spielerinnen und Spieler

Mit Stichtag 1. Juli tritt der Glücksspiel-Staatsvertrag in Kraft. Damit werden in ganz Deutschland Online-Casinos auf einen Schlag legal. "Wir blicken mit Sorge darauf, dass Online-Glücksspiele auf einmal legal sind", sagt Suchtberaterin Sophie Schmid. Zwar will die Politik Bremsen einbauen – eine zentrale Datei für abhängige Zocker, ein Limit von 1.000 Euro Einsatz pro Monat und eine zentrale Aufsichtsbehörde. "Wir befinden uns aber noch in einer Aufbauphase", kritisiert Sophie Schmid: "Die Behörde, die das kontrollieren soll, kann noch nicht morgen hundertprozentig loslegen."

Erst im Januar 2023 soll die zentrale Glückspielbehörde in Halle die Aufgabe übernehmen. Auch die Sperrdatei für gefährdete Spieler wird deshalb nicht am 1. Juli schon greifen. Neu ist auch, dass für Sportwetten künftig keine aktiven Fußballer oder Sportfunktionäre mehr werben dürfen – aber Stars ohne aktuelles Amt sehr wohl.

Schleswig-Holstein macht das schon seit 2012 so, jetzt ziehen die anderen Bundesländer nach. Begründet wird das damit, dass man Zocker von illegalen Anbietern zurückholen möchte. Fazit der Suchtberaterin: "Der neue Staatsvertrag ist sehr anbieterfreundlich, vernachlässigt aber zum größten Teil den Schutz der Spielerinnen und Spieler."

Der Staat sitzt mit am Spieltisch und kassiert

Auch für die Staatskasse ist das Glückspiel eine attraktive Einnahmequelle. Der Fiskus kassierte laut dem Jahresreport der Aufsichtsbehörden alleine im Jahr 2019 5,4 Mrd. Euro Steuern; das ist etwa doppelt so lukrativ für den Staat wie Steuern auf Alkohol. "Der Staat hat sicherlich ein Interesse, etwas von illegalen Aktivitäten in legale Bahnen zu lenken", sagt Sophie Schmid, "einfach, um auch mitzuverdienen".

Dieses Einnahmemotiv des Staates sieht das Präventionsbüro in Berlin-Weißensee "natürlich kritisch", wie Ilona Füchtenschnieder, Vorsitzende des Fachverbandes Gllücksspielsucht, erklärt. Sie vergleicht das nun bald mögliche Rund-um-die-Uhr-Spielen-können mit einer Wohnung, in die "neben dem Wasserhahn ein Whiskyhahn" eingebaut werde.

Ein "Meilenstein in der Prävention" sei allerdings die übergreifende Sperrdatei. Wenn sich ein Spieler mit problematischem Spielverhalten zentral beim System OASIS anmeldet, ist er dann automatisch für Spielhallen, Spielbanken, Online-Casinos und Sportwetten gesperrt. Bisher hatten sich die Länder die Aufsicht geteilt. Der 2017 gegründete Deutsche Online Casinoverband (DOCV) kritisierte die geplanten Steuersätze von 5,3 Prozent auf virtuelle Automatenspiele und Online-Poker und nennt die Länderregelungen für Roulette oder Black Jack einen Flickenteppich.

Mit dem Inkrafttreten des Staatsvertrages können sich die Glücksspielunternehmen nun um Lizenzen bewerben.

Sendung: Inforadio, 01.07.2021, 14 Uhr

Beitrag von Stephan Ozsváth

6 Kommentare

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  1. 6.

    Es ist abstoßend, wie sich die Glücksspiel-Lobby, auch um Kubicki und Co., hier durchsetzen konnte. Dabei sind die Damen udn Herren Abgeordnete ihrem Mandat gegenüber den Wählenden verpflichtet, nicht gegenüber privaten Firmen, die sich Gewinne erhoffen und von denen Teile des Staat gerne etwas abhätten.

    Es kommt aber gerade online hinzu, dass es diverse Möglichkeiten des simulierten Glücksspiels gibt, das selbstredend nicht mehr vom Zufall bzw. sehr geringen Gewinnchancen abhängt, sondern von Algorithmen. Das nennt sich im Normalfall Betrug, wird hier aber von der Politik hofiert und gestützt.

    Der Aspekt des unausgewogenen und intransparenten Begünstigen gegenüber Betreibenden und der Punkt unzureichender Suchtprävention sind nur zwei Gesichtspunkte. Wer bietet denn solche Dienstleistungen an? Nicht selten ist es das organisierte Verbrechen hinein bis in mordende Mafia-Strukturen, s. Malta. Das fördert der Staat nun offiziell. Der Staat als Bettler bei Privaten o. Kriminellen.

  2. 5.

    Pfui! Man sollte diesen Bereich und diese ganzen Wettläden unter strengere staatliche Aufsicht stellen. Menschen, die wetten wollen müssen sich entsprechend Geldwäschegesetz registrieren und die Transaktionen, die monatlich einen bestimmten Betrag übersteigen automatisch an den Staat gemeldet werden. So könnte man hier gezielter Suchtprävention betreiben. Hier sollte Verantwortung VOR Kasse machen gehen.

  3. 4.

    Pfui! Der Staat zeigt wieder sein unmoralisches Gesicht.
    Für Geld bricht der Staat auch seine Moral.
    Es muss nur genug Geld für ihn sein.
    Als Feigenblatt unterfinanziert er Suchtberatungsstellen.

  4. 3.

    Der Staat sollte auch mal genauer die etlichen Betreiber von Blogs untersuchen, die Menschen auf online Casinos leiten und dafür große Provisionen abkassieren, vorbei am Fiskus.

  5. 2.

    Genau. Die Verzichtserklärungen für die Privatinsolvenz, den über die Kassen gezahlten Entzug, und im Zweifel Sozialleistungen, , liegen schon aus. Und natürlich zahlt der Verbraucher die Schäden der Beschaffungskriminalität über die Versicherungsbeiträge auch nicht. Übernehmen wahrscheinlich die Kasinos. Also lassen wir Spielsüchtige unkontrolliert alles verzocken, sie haben ihr Leben schließlich im Griff, die regeln das dann, wenn es gegen die Wand geht. Ironie Ende.!

  6. 1.
    Antwort auf [Gary Snail] vom 01.07.2021 um 14:51

    "Jeder trägt die Konsequenzen seines Handelns und ist eigenverantwortlich."
    Tja - und genau da hapert es bei einem Süchtigen. Plötzlich ist er wie ein kleines, bockiges Kind ... "Will haben. Is' geil." ... , merkt nicht, das er sich in einem Teufelskreis befindet und findet es völlig "unkomisch" wenn ihm jemand den Lutscher klaut. Konsequenzen für sein Handeln kann er nur tragen, wenn er sich der Tragweite seines Handelns bewusst ist. Genau diese Eigenverantwortlichkeit ist bei Süchtigen nicht mehr gegeben.

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