Tierheim Berlin nach Corona-Lockerungen - "Offenbar haben viele das Interesse an Haustieren wieder verloren"

Zwei Hasen in einem Käfig (Quelle: dpa/Friedel Bernd)
Bild: dpa/Friedel Bernd

Die Anschaffung von Haustieren während der Pandemie war für einige offenbar eine Kurzschlussreaktion. Das Tierheim Berlin registriert seit den Lockerungen eine steigende Rückgabe von Tieren, die erst kürzlich angeschafft wurden.

Nach einem Haustier-Boom während der Corona-Pandemie nimmt der Tierschutzverein Berlin inzwischen deutlich mehr abgegebene und ausgesetzte Haustiere in Obhut. "Die Lage hat sich zugespitzt", sagt Vereinssprecherin Annette Rost im Gespräch mit rbb|24. "Offenbar haben nach den Lockerungen viele wieder das Interesse an Haustieren verloren."

In den vergangenen Wochen seien im Stadtgebiet etwa immer wieder ausgesetzte Kaninchen aufgegriffen worden. Passanten hätten sich beim Tierheim gemeldet, manchmal habe auch der amtliche Tierfang des Landes Berlin Kaninchen ins Tierheim gebracht, die vorher von aufmerksamen Bürgern bei der Polizei abgegeben worden seien.

"Das Kleintierhaus platzt aus allen Nähten"

Viele Familien und Alleinstehende in Berlin hätten während der Corona-Pandemie Tiere unbedacht angeschafft und nicht artgerecht gehalten, sagt Rost. So mussten Mitarbeiter der Veterinärämter zum Beispiel immer wieder Hühner beschlagnahmen, die auf privaten Balkonen gehalten wurden. Häufiger als sonst wurden Rost zufolge auch Hunde von überforderten Besitzern in Europas größtem Tierheim in Falkenberg abgegeben, in dem die Vereinsmitglieder insgesamt 1.300 Tiere betreuen - darunter auch exotische Exemplare, wie Affen und Würgeschlangen.

"Wir haben derzeit 120 Kleintiere bei uns, davon über 60 Kaninchen", erzählt Rost, "das Kleintierhaus platzt aus allen Nähten." Die Kaninchenflut im Tierheim ist laut der Vereinssprecherin auch eine Folge der Pandemie. "Nun ist der Lockdown vorbei, die Home-Office-Pflicht aufgehoben und das Leben normalisiert sich wieder. Die Menschen wollen hinaus, verreisen und unabhängig sein. Da sind leider viele gerade erst angeschaffte Haustiere lästig geworden." Sogar Katzenbabys, die der Tierschutzverein in normalen Zeiten mühelos an neue Besitzer*innen vermittelt, seien zuletzt per Online-Inserat angeboten worden, berichtet Rost.

Erschwerend komme für das Tierheim hinzu, dass ein massiver Wasserschaden im Kleintierbereich einen größeren Umzug von Tieren nötig gemacht hat. Kaninchen und andere Kleintiere wie Meerschweinchen, Hamster und Mäuse mussten in zusammengezimmerte Notunterkünfte im leerstehenden Café und anderen Bereichen des Tierheims ziehen. Nach Angaben des Veines hat keines der Tiere bei dem Wassereinbruch einen Schaden erlitten. Für die vielen ausgesetzten Kaninchen sucht das Tierheim dringend nach neuen Besitzer*innen.

Bis zu 2.500 Euro für einen Welpen

Ein weiteres Problem sei der illegale Handel mit Hundewelpen: So hätten die Veterinärämter der Bezirke und die Polizei im Jahr 2021 bislang rund 80 illegal gehandelte Welpen in das Tierheim nach Berlin-Falkenberg gebracht, das der Tierschutzverein betreibt. Im Vorjahreszeitraum seien es nur etwa halb so viele gewesen.

Befeuert werde der aktuelle Boom beim illegalen Welpenhandel durch eine gestiegene Nachfrage in der Pandemie, die Züchter und andere legale Anbieter offenbar nicht mehr decken können. Nach Angaben des Verbandes für das Deutsche Hundewesen (VDH), haben einige Züchter ihre Internetpräsenz bereits zu Beginn der Pandemie eingeschränkt, weil sie sich vor Anfragen kaum retten konnten.

Viele Familien haben deshalb Such-Inserate im Internet geschaltet. "Für illegale Hundeanbieter war es damit extrem leicht, mit Kunden in Kontakt zu kommen", sagt Annette Rost. Der Verein kritisiert, dass bei illegal gehandelten Welpen die Elterntiere oft unter katastrophalen Bedingungen lebten. "Die Welpen werden in einem viel zu jungen Alter den Muttertieren entrissen, um hier in Berlin und Umgebung verkauft zu werden", so die Vereinssprecherin.

Abgesehen von den seelischen Strapazen, die die Hunde durchleiden, sind nach Aussagen von Rost auch Krankheiten bei den illegal gehandelten Welpen sehr verbreitet. "Teilweise bekommen Hunde kurz vor dem Verkauf eine Adrenalinspritze, damit sie aufgeweckt wirken. Einige Zeit später liegen sie völlig krank und apathisch auf dem Boden." Hundeschmuggler hätten während der Pandemie allerdings auch aufgrund gestiegener Preise extrem gut an ihrem illegalen Geschäft verdient. "Manche haben zwischen 1.500 und 2.500 Euro für ein Tier bezahlt", so Rost.

Sendung: rbb 88.8, 07.07.2021, 17 Uhr

42 Kommentare

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  1. 41.

    "Mein Hund kommt mit ins Büro, wäre das nicht vorher geklärt gewesen, hätte ich keinen Hund. "
    Ja, das Büro ist ganz gewiss eine artgerechte Umgebung für das Tier. *seufz*

  2. 39.

    Danke für diesen Kommentar. Leider sind sich nicht alle, die sich ein Haustier anschaffen, der Verantwortung bewusst, die da auf einen zukommt. Hund und Katzen z.B. können sehr alt werden, kosten nicht nur Futter, sondern auch Zeit und Geld. Versicherung, Hundesteuer und Tierarzt. Da kommt einiges zusammen. Und, um bei den Hunden zu bleiben, kein Hund ist gerne stundenlang alleine, während seine Besitzer arbeiten. Mein Hund kommt mit ins Büro, wäre das nicht vorher geklärt gewesen, hätte ich keinen Hund. Ein Tier ist ein Lebewesen, das man nicht aus einer Laune heraus anschafft.

  3. 38.

    Man kann sich doch nicht auf Basis der Hoffnung, daß es nach einem Ausnahmezustand/Pandemie bei dessen Arbeitsmodi bleiben möge ein Haustier anschaffen, welchem man nicht mehr gerecht werden könnte, sofern diese Hoffnung enttäuscht würde ! -
    Wie naiv und unreif ist das denn ! -
    Sofern man ein Lebewesen in das eigene Leben holt, übernimmt man eine lebenslange Verantwortung dafür, in guten und in schlechten Zeiten ! -
    Dessen muß man sich vorher bewußt werden, und gründlich überlegen, ob man dieser Verantwortung dessen ganzes Leben lang gerecht werden kann und möchte ! -
    Man ist dann nicht mehr so ungebunden und flexibel; - das muß in die eigene Lebensplanung passen; -
    und ob es das tut, muß vorab verantwortungsbewußt geklärt werden; -
    und zu dem Ressultat muß man konsequent stehen; -
    denn ein Lebewesen ist eben kein "Ding",
    sondern hat eine empfindsame, zerstörbare Seele ! -

  4. 37.

    "Die Menschen, die Tiere unüberlegt kaufen und dann wieder abschaffen sind vermutlich auch in anderen Bereichen ihres Lebens rücksichtslose Egoisten. " (von sententia)
    Das Schlimme ist: dieselben Menschen mit dieser Grundhaltung schaffen sich genauso unüberlegt Kinder an.

  5. 36.

    Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Ich bin jetzt 50 und habe durchgehend seit meiner Kindheit Haustiere. Das ging über Fische, Krebse, Ratten, Wellensittiche, Meerschweine, Katze, Schildkröten, Ratten, Leguane und mehr. Von denen musste keiner ins Tierheim. Einen Hund hätte ich gerne; hätte aber leider nicht genug Zeit für ihn.

  6. 35.

    Thema Tiere:
    Scheinbar gibt es auch da viele Extreme. Auf der einen Seite die in meinen Augen zum Teil krankhafte Vermenschlichung von Tieren.
    Auf der anderen Seite die Ausbeutung: Qualzuchten, Massentierhaltung und halt Tiere als Spielzeug, bzw. Wegwerfartikel zu betrachten.
    Die Menschen, die Tiere unüberlegt kaufen und dann wieder abschaffen sind vermutlich auch in anderen Bereichen ihres Lebens rücksichtslose Egoisten.
    Man sollte sich das nicht nur "3x überlegen" sondern sich vorab über das Wunschtier genau informieren. Haltungsform, Zeitaufwand und Geldaufwand werden meist unterschätzt, genauso wie die zu erreichende Größe des Tieres.
    Einen Hund sollte/ muss man erziehen (auch oder besonders die kleinen Kläffenden), Katzen können im Haus Schäden anrichten, Mäuse können stinken, Hamster sind nachtaktiv und gehören nicht in Kleinkindhände und und und.
    Ich weiß, wovon ich rede, ich hatte viele Tiere, alle bis sie nach langen schönen Jahren das Zeitliche segnete.

  7. 34.

    @ Sebastian Rother, hat zwar nix mit den Tieren mehr zu tun, aber entweder Ihre Kollegen waren eine spezielle Spezies, oder Sie behaupten hier einfach mal nur so etwas über Arbeitnehmer im Homeoffice.
    Ich kann nur aus persönlicher Erfahrung sagen, die Arbeit macht sich im Homeoffice genausowenig von allein, wie im Büro und muss ja irgendwie erledigt werden.
    Natürlich habe auch ich mal meine WM angeschmissen, aber in der Pause um dann zum Feierabend den Wäscheständer zu befüllen.
    Viele sind in den Pausen auch mal Spazieren gewesen, um wenigstens mal die 4 Wände zu verlassen.
    Ihre Aussagen klingen pauschal und unsachlich. Wie können Sie die Arbeit ihrer Kollegen so genau beurteilen?

  8. 33.

    Aus meinem pers. Leben als FREIBERUFLER erkläre ich Ihnen mal die Realität.

    Freitags "Sehr großer Hersteller von med. Equipment dessen Name ich nicht nenne" war ich der EINZIGE im Büro als "Freelancer". Die Kollegen und co hatten nicht frei sondern waren im HOME OFFICE. Das war VOR dem Coronagedöhns wo alle nach HomeOffice riefen.

    Ich habe KEINEN KOLLEGEN zwecks Absprachen telefonisch erreicht (einer ging mal an sein Handy, er war EINKAUFEN...), die Kollegen haben auf e-Mails und co ebenfalls nicht reagiert. Ich saß halt da meine 8 Stunden ab und bin dann in's WE gegangen.... und diese Erfahrung habe ich auch bei anderen FIrmen gemacht.

    80% aller Mitarbeiter arbeiten nicht im HOME OFFICE, sind nicht erreichbar, waschen Wäsche oder tun sonst Dinge die nichts mit der Arbeit zu tun haben. Und wieso tun sie dies? Weil es einfache Menschen sind die Anweisungen benötigen. Wäre dem nicht so wäre die Welt voller Selbständiger....

  9. 32.

    Meiner Tante ist etwas ganz Ähnliches passiert, hatte schon immer einen Hund, hat vor Jahren keinen Hund mit der Begründung bekommen, dass sie berufstätig ist und zu wenig Zeit hätte, obwohl der Hund hätte mit ins Büro kommen können etc., jetzt als Rentnerin kam die Ablehnung mit der Begründung, dass sie Rentnerin ist und mit nunmehr 63 Jahren zu alt für einen Hund ist.

  10. 31.

    Ja Katzenfreundin mit Katzenklo, die meisten Mitarbeiter wurden angetäuscht, gingen nach dem Vorstoß des Arbeitsministers davon aus, dass nun Homeoffice möglich sei. Dass ALLE eingeknickt sind - Minister und Geschäftsführer, die es eh nie wollten - hat keiner geahnt. A-löcher binden den Hund an eine Leitplanke, geben ihn nicht im Heim ab. Das ist schon schwer genug für die allermeisten....

  11. 30.

    Das ist super vorbildlich - hier undenkbar. Wer kein Homeoffice erlaubt, erlaubt auch keine Hunde :-( schade. Dabei ist Gassi viel gesünder als Rauchpausen...

  12. 29.

    nix whatsabout, es geht um unsere GESELLSCHAFT, die unfähig ist, auf Veränderungen einzugehen, die in anderen Ländern längst usus sind. Die Gesellschaft besteht aus unflexiblen Grauköppen, die alles so haben wollen, wie vor der Pandemie.. alle auf engstem Raum immer im Büro. Wer im Büro ist, kann keinen Hund gassi führen.

    Viele hatten gehofft, dass die fiesen Umstände die alten Grauköppe ändern würden. Aber leider nein. So landen die Hunde im Heim.

    Der Babyboom ist ganz einfach zu lösen: Elternzeit. Das gibts für Hunde nicht. Und nach der Elternzeit sucht man sich einen moderneren Arbeitgeber oder bekommt noch ein Kind...

  13. 28.

    Also wir haben die Haftpflichtversicherung auf unsere Gassi-Hund-Aktivitäten ausgeweitet, damit wir sicher sind, falls sie was "anstellt", wenn wir mit ihr unterwegs sind. Das muss sein und die Versicherungen haben dafür auch tatsächlich einen Passus vorgesehen. Man hockt ja nicht nur daheim ;-) ansonsten: Der Besitzer geht morgens immer die erste Runde, abends die letzte, er geht zum Tierarzt, wir übernehmen den Job des Hundebespaßers tagsüber, wenn Herrchens arbeiten müssen. So haben wir Gesellschaft, Hundi auch, muss nicht im heißen oder kalten Auto rumgammeln, alle sind zufrieden damit. Hund fährt mit Herrchens in den Urlaub, aber wenn sie mal einen Abend allein sein wollen oder am Wochenende springen wir gerne ein. Ich schreibe das hier so ausführlich, weil ich denke, sowas können viele. Gerade Kinder ab ca. 10 Jahren ist das auch toll. Das haben wir aber vor 40 Jahren schon so gemacht, damals bei Pudeln und Dackeln ;-)

  14. 27.

    Aus meiner Sicht sind die Anforderungen des Tierheims nicht überzogen und realitätsfern. Das Tierheim orientiert sich an den Bedürfnissen der Tiere und weniger an denen des Halters. Ein Vogel fliegt täglich mehrere Kilometer in einer Natur voller Reize. Der reine Flug durchs unbelebte Wohnzimmer kann das kaum bieten. Das Sitzen in einem kleinen Käfig ist aber auch stundenweise nicht artgerecht und würde den im Tierheim gestrandeten Vögeln nicht helfen.
    Wer einmal im Tierheim war und dort Kaninchen und Meerschweinchen beobachtet hat, sieht wie gut es den Kleintieren dort eigentlich geht im Vergleich zu Tieren, die in Käfigen fern ihren arttypischen Lebensbedingungen meist einzeln gehalten werden.
    Wir haben unsere Katzen auch aus dem Tierheim Berlin und fanden den Umgang und die Art und Weise der Vermittlung der Tiere immer sehr überzeugend.

  15. 26.

    Das stimmt! Es gibt genug Menschen, die Tiere, vor allem Hunde wie ein zeitbegrenztes Accessoire halten. Wie eine neue Handtasche! Gott sei dank gibt es auch die anderen, die den Umgang mit Tieren verstehen.

  16. 25.

    Voraussetzung dafür, einen Hund mit zur Arbeit zu nehmen ist; dass sich niemand auf der Arbeit befindet, der eine Hundehaarallergie hat und niemand, der sich vor Hunden fürchtet - sowohl bei allen Kollegen als auch bei allen Kunden. Das hat nichts mit Toleranz zu tun, das sind Erkrankungen die Antstzustände und Asthmaanfälle auslösen können. Aber wenn Sie nur mit Menschen arbeiten, bei denen niemand Angst vor Hunden oder Allergien hat: Herzlichen Glückwunsch.

  17. 24.

    Klopfer, ich kann in vollem Umfang zustimmen. Meine Tochter, 31, wohnt allein auf 35 qm und studiert Jura, wollte sich so gern eine Katze nehmen, gern auch älter um ihr einen schönen Lebensabend zu bieten. Sie stellte eine Anfrage, die auch sehr zeitnah beantwortet wurde. Ihr Antrag auf ein Haustier wird abgelehnt mit der Begründung, an Studenten wird kein Tier vermittelt. Ausserdem beruft man sich auf eine angebliche Vorschrift, das einer Katze mindestens 30 qm Alleinfläche zustehen würden, ihr Wohnung wäre zu klein. Wenn es das gäbe, dürften in den meisten Wohnungen keine Tiere mehr gehalten werden. Die Bitte nach einem persönlichen Kennenlernen, auch der Wohnung wurde abgelehnt. Nicht, weil keine Zeit wäre, sondern wir haben unseren Standpunkt und fertig. Das ist natürlich nicht schön und dann braucht sich das Tierheim auch nicht beklagen

  18. 23.

    Wer sein Haustier einfach so weggibt, weil es "nicht mehr gebraucht" wird oder jetzt der Urlaubsplanung im Wege steht, der geht mit Menschen bestimmt genauso um. Es ist wirklich traurig.

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