Interview | Klimafolgenforscher Hattermann - "Jetzt trifft uns der Klimawandel mit Wucht"

Ein Foto, das die Bezirksregierung Köln am Freitag über Twitter verbreitete, zeigt Überschwemmungen in Erftstadt-Blessem. Laut der Behörde sind einige Häuser eingestürzt, mehrere Menschen würden vermisst. (Quelle: dpa/Rhein-Erft-Kreis)
Audio: Inforadio | 16.07.2021 | Irina Grabowski mit Fred Hattermann | Bild: dpa/Rhein-Erft-Kreis

Die Heftigkeit der Überschwemmungen im Westen Deutschlands waren für den Klimafolgenforscher Fred Hattermann nicht abzusehen. Wohl aber, das die Möglichkeit für solche Extreme steigt. Seine Hoffnung ist, dass das Problem nicht weiter ausgesessen wird.

rbb: War es für Sie absehbar, dass der Dauerregen im Westen Deutschlands solch eine Wucht entwickeln wird?

Fred Hattermann: Wir haben dieses Ereignis, in dieser Region und in dieser Heftigkeit nicht vorhergesehen. Auf den Wetterkarten war es natürlich irgendwann mal abzusehen.

Aber, dass etwas passieren würde, dass wir wieder Stark-Ereignisse und auch noch stärkere eventuell bekommen würden, das haben unsere Studien gezeigt. Das ist eben eine Folge des Klimawandels und des Temperaturanstiegs. Die Extreme nehmen zu, es ist eine Frage der Zeit. Und es wird auch noch auf einiges auf uns zukommen.

Inforadio: Wovon hängt es ab, ob Dauerregen zu einer Überschwemmungskatastrophe wird?

Hattermann: Das hängt unter anderem davon ab, wie die Vorsättigung der Böden ist. Und davon, wo der Regen niederkommt. Das war in dem Fall sehr heftiger und langanhaltender Niederschlag in sehr kleinen Tälern. Schon zuvor waren die Böden vom Regen vollgesogen. Dann kam der heftige Regen hinzu, der innerhalb von 24 Stunden runterging. Das war dann im wahrsten Sinne des Wortes das, was das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Das hat diese Überschwemmungen erzeugt.

Und dann sind in diesen kleinen Tälern die Vorwarnzeiten sehr gering, weil die Fließzeit auch sehr gering ist. Oft sind die Ortschaften am Ausgang des kleinen Tals, da sammelt sich das Wasser, da staut es sich eventuell auf, weil eben auch Autos und so mitgenommen werden. Ja, und dann haben wir eben die schlimmen Folgen, die wir jetzt sehen.

Zur Person

Dr. Fred Hattermann im Gespräch. (Quelle: K. Karkow)
K. Karkow

Fred Hattermann leitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung die Arbeitsgruppe hydroklimatische Risiken, die sich mit den regionalen Folgen von Wetterextreme beschäftigt. Außerdem ist er stellvertretender Leiter der Abteilung Klimaresilienz, die sich mit der Widerstandsfähigkeit gesellschaftlicher und ökologischer Systeme gegen den Klimawandel beschäftigt und mit Anpassungsstrategien.

Die Menschen vor Ort berichteten, dass sie noch nie in ihrem Leben so einen starken Dauerregen erlebt haben. Wie kommt das?

Ein Ereignis ist noch kein Klima. Aber wir sehen an den vielen Ereignissen, dass sich das tatsächlich ändert. Das kann man gut begründen: In Deutschland ist der Temperaturanstieg schon bei ungefähr zwei Grad. Die wärmere Atmosphäre kann auch mehr Feuchte aufnehmen und unsere Wetterküche ist der Atlantik. Wir haben auch viele feuchte Massen aus dem mediterranen Raum bekommen. Diese warme Atmosphäre sättigt sich dann auf.

Diese Wassermassen haben das Potenzial, dass auch die Niederschläge intensiver werden. Dazu kommt noch bei dem Phänomen des Klimawandels: Die Wettersysteme, die wir haben, halten länger an. Wir hatten ähnliche Ereignisse in den letzten Jahren häufiger, dann in anderen Regionen. Unsere Studien zeigen, dass das mit dem Klimawandel zunimmt und auch weiter zunehmen wird.

Was lernen Sie als Forscher aus so einer Katastrophe?

Einmal sieht man, wo man noch arbeiten muss. Unsere und die Forschung anderer Kollegen zeigt, dass das Risiko für diese Ereignisse schon deutlich gestiegen ist. Das bedeutet, dass die Infrastruktur, die Deiche, die Speicher, die Talsperren, an das, was im Moment passiert, nicht mehr örtlich angepasst sind.

Wir müssen unsere Infrastruktur an solche Ereignisse anpassen, aber auch unsere Vorwarnsysteme, auch unsere Nachsorgemöglichkeiten. Im Grunde können diese heftigen Niederschläge überall passieren.

Können Sie bei all diesen Modellen noch ruhig schlafen?

Das sehen wir, aber das ist auch das, von dem wir hoffen, dass die Leute lernen. Dass der Klimawandel wirklich etwas ist, womit man sich beschäftigen muss. Es war ja auch ein bisschen so, dass lange versucht wurde, den Klimawandel auszusitzen. Und jetzt trifft er uns mit Wucht.

Auch die Trockenheit der letzten Jahre war im Grunde ein ganz großes Thema und ist es immer noch. Das ist in großen Teilen Deutschlands noch gar nicht vorbei, das ist immer noch da.

Die Hoffnung ist die, dass die Menschen daraus lernen und dann auch wirklich Maßnahmen ergreifen. Und auch die politischen Beschlüsse, die gemacht wurden, auch wirklich umgesetzt werden.

Sendung: Inforadio, 16.07.2021, 09:05 Uhr

Das Interview führte Irina Grabowski.

Die Kommentarfunktion wurde am 17.07.2021 um 18:09 Uhr geschlossen

Die Kommentare dienen zum Austausch der Nutzerinnen und Nutzer und der Redaktion über die berichteten Themen. Wir schließen die Kommentarfunktion unter anderem, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt.

 

110 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 110.

    Sie sind also schlecht informiert wenn Sie nicht einmal das 1 * 1 der Umstellung in der Landwirtschaft und zu Paris wissen.

  2. 109.

    Von Aufhalten spricht keiner. Wahrscheinlich hat der Mensch das Eiszeitalter, dass seit 2,9 Mio Jahre recht stabil war, endgültig beendet, der Nordpol wird eisfrei werden.

    Es geht nur noch darum, dass schlimmste zu verhindern und nicht reihenweise Kipppunkte umzulegen, die tatsächlich die Zivilisationen gefährden.

  3. 107.

    Eigentlich lustig, dass manche Menschen denken sie könnten ihr Auto behalten und die jährliche Flugreise, wenn sie nur lange genug argumentieren und feilschen. Mal die Videos mit den Autos in der Flutkatastrophe anschauen- das ist das was passieren wird! Lieber mit dem Wassergott diskutieren, der wird helfen!

  4. 106.

    Die Akkus werden einfach geschreddert und entweder bei Rohstoffirmen engeschmolzen und die Metalle wieder voneinander getrennt, z.B. bei Glencore oder bei Recyclindspezialisten wie "duesenfeld" chemisch und mit reduziertem Energieaufwand recycelt.

    Weiß der Stammtisch noch nicht, aber Recyclingexperten sehen im Recycling kein Problem. Was dumme Menschen an Vandalismus machen oder Rücksichtslos Werkstoffe wegwerfen (bei alten Akkutechnologien wie NiCd war das noch schlimmer oder auch bei Blei)muss man doch nicht der Technologie anpassen.

    Da wird auch nix endgelagert @Jörg. Sind sie überhaupt bereit sich zu informieren? Google Suche "BGR Umwelt Lithium"

  5. 105.

    Das Bild von dem Artikel,...da fragt man sich ja auch wohin ist die Erde?
    .....
    Kieswerk Blessem.

    Warum wird das nichtmal erwähnt, das war natürlich nicht natürlich....

  6. 104.

    Ja ich war dort schon im Urlaub und bin selbst in einem Tal in den Mittelgebirgen groß geworden. Was wollen sie bei solch einem Tal ändern. Einzig Neubauverbot aber Siedlungen wie Altenahr existieren eben schon lange und solche Wetterverhältnisse gab es früher noch nicht. An den Alpen sah das natürlich schon immer anders aus....

    Die Wetterverhältnisse werden leider eben immer extremer. Ob es Sinn macht die weggespülten Häuser dort neu aufzubauen, wohl eher nicht....

  7. 103.

    Etwas pathetisch: was ist Ihnen das Überleben der Menschheit wert?

    Dass die Anschubfinanzierung von neuen Technologien teuer ist ist klar. Bei Solar lief die hohe Förderung auch viel zu lange, aber vor allem während einer CDU/CSU/FDP Regierung, die versäumte die Einspeisevergütung rechtzeitig anzupassen....

  8. 102.

    Es ist schlicht die alte menschliche Überheblichkeit, zu glauben, wir könnten den Klimawandel aufhalten. Mit der gleichen Überheblichkeit hat man die Flüsse in enge Korsetts gezwungen und kanasisiert, Überschwemmungsflächen zugebaut. Das ist es, was sich heute rächt, nicht der Starkregen allein. Selbst wenn wir von heute auf morgen unseren CO2 Ausstoß auf Null reduzieren, und theoretisch annehmen, dass nur CO2 das Klima bestimmt, wird sich das Wetter nicht ändern, zumindest nicht in einem überschaubaren Zeitraum, weil die Konzentration nun mal so ist, wie sie ist. Es ist daher viel wichtiger, sich auf die Veränderungen einzustellen. Dekarbonisierung ist wichtig, nützt aber der heutigen und den folgenden Generationen beim Klima gar nichts. Es muss intelligent investiert werden, nicht panisch. Panik hat unserer Gesellschaft in den letzten Jahren finanziell schwer geschadet, ohne den geringsten Nutzen!

  9. 101.

    In DE nicht, da kommt der Mais zum Teil als Futter in die Fleischproduktion und dann noch in die Biogasanlagen....

  10. 100.

    Die Frage nach der Bezahlbarkeit stellt sich bei ungebremster Erderhitzung nicht mehr.

  11. 99.

    Das gute ist, dass sich Wind und Solar gegenseitig ergänzen. Sowohl Tageszeitlich, regional und auch Jahreszeitlich. Den EE ist wohl inhärent, dass Angebot und Nachfrage variieren und gepuffert werden müssen. Fans von konventionellen Großkraftwerken behaupten immer, dass die ja das Angebot an die Nachfrage angepasst hätten. Das stimmt so nicht, deswegen wurden zb Nachtspeicheröfen propagiert, weil die Nachfrage in der Nacht die Kraftwerke nicht ausgelastet wurde. Wenn jetzt ein großes 2000 MW Kraftwerk ausfiel, war das spontan ein großes Problem für Ersatz zu sorgen. Es gab schon immer entsprechende Reserven, in Zukunft müssen das zb statt Pumpspeicherkraftwerke eben Batteriespeicher oder Elektrolyseure/BSZ sein, die schnell reagieren.

  12. 98.

    Also wo se recht haben ... stimmt ... 130 muss nich' sein. 120 reichen. Guter Vorschlag.

  13. 97.

    Tut mir Leid, aber diese ewige Verharmlosung, entweder "Starkregen hat es schon immer gegeben" oder eben auch "Klimawandel hat es immer gegeben" geht mir so auf den Nerv.

    Siehe unten den Link mit der Grafik vom Stern. Sowohl Intensität als auch Häufigkeit von Starkregenereignissen nimmt in einem erheblichen Ausmaß zu, und manche ignorieren einfach die Fakten.

    Herr Otto auf wieviel Liter pro h/pro Tag sollen die Planer sich denn einstellen? 50? 80? 100? 150? 200? Das es je nach örtlichen Begebenheiten technische und vor allem wirtschaftliche Grenzen gibt ist Ihnen wohl nicht bewusst. Oberhalb von 50 Litern wird es keinen wirklichen Schutz mehr geben und schon das würde wohl Dutzende Milliarden kosten.

    Im übrigen müsste man wohl massenweise uneinsichtige Grundbesitzer enteignen.....

  14. 96.

    Bitte Quelle.

    Meines Wissens fordert FFF explizit die Vereinbarungen aus dem Pariser Klimaabkommen umzusetzen, besonders das 1,5 Grad Ziel.

    Zu Landwirtschaft. Bitte auch Quelle, meines Wissens wollen die Grünen ökologische und biolandwirtschaft fördern, nicht unbedingt klassische verbieten. Der aktuelle Fehler ist, dass bei den EU Geldern Ökologie keine Rolle spielt, sondern Größe....

  15. 95.

    Bringt den Lieferverkehr endlich auf die Schiene. Busse und Zulieferer wie DHL, Hermes, DPD und SUV auf Elektro umstellen. Dann wäre schon mal ein erster großer Schritt getan. Nicht jeder kann sich ein Elektroauto oder hohe Spritkosten leisten. Wohin geht eigentlich der ganze AKKU-SCHROTT auch von den E-Rollern und E-Bikes. Dieser übertriebene E-Hype sollte endlich ausgebremst werden!
    Schon in den 70er Jahren wurde vor den Klimawandel gewarnt und jetzt wo es fast zu spät ist, soll alles ganz schnell gehen. Hochwasser hat es immer schon gegeben und durch den Klimawandel wird es noch mehr Naturkatastrophen in kürzeren Abständen geben. Dies braucht mir jetzt kein/e Politiker/in mehr sagen. Der Zug ist schon fast abgefahren und der Klimawandel ist zum Selbstläufer geworden.

  16. 94.

    Ja seit ungefähr den 60zigern fabuliert die Wissenschaft vom menschengemachten Klimawandel, ja sogar die Shell internen Wissenschaftler.

    Und Svante Arrhenius schon vor 100 Jahren....

  17. 93.

    Es wäre nicht normal, wenn sich der Planet Erde nicht verändern würde, das lehrt uns die Geschichte. Inzwischen ist es keine Frage mehr, sondern FAKT, dass der Mensch den Klimawandel und seine Geschwindigkeit beschleunigt (auf Deutsch VERSAUT) hat. E-Fahrzeuge sind die richtige Erfindung, aber noch nicht genug perfektioniert: Wie werden die Akku-Rohstoffe gewonnen und endgelagert? Wie (explosions-)sicher sind Wasserstoff-Technologien?

  18. 91.

    Sehr geehrter "Ziemke",
    das streite ich ja nicht ab und gebe Ihnen ja auch Recht. Aber was nützt ein Kreuz an einer Stelle der Wahlliste wenn sich doch eh nichts ändert? Der VBB überlegt sich auch die Fahrpreise zu erhöhen. Was aus der Überlegung geworden ist weiß niemand.
    Mit freundl. Grüßen

Nächster Artikel